Von Cristina Siccardi*
„Nachdem der Sabbat vorüber war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, sowie Salome wohlriechende Öle, um Jesus zu salben. Und sehr früh am ersten Tag der Woche, beim Sonnenaufgang, kamen sie zum Grab“ (Mk 16,1–2). Doch Jesus war nicht mehr im Grab, das sich nahe von Golgotha außerhalb der Mauern von Jerusalem befand, denn er war auferstanden.
Drei Frauen fanden also das leere Grab (heute wie auch Golgotha in die Grabeskirche integriert), das Eigentum von Joseph von Arimathäa war, einem reichen Mitglied des Sanhedrins, der heimlich ein Jünger Jesu gewesen war und sich seiner Kreuzigung widersetzt hatte. Alle drei waren sehr besorgt und fragten sich, wer wohl für sie den Stein wegwälzen würde, der das Grab verschloß (Mk 16,3).
Die drei Frauen waren: Maria Magdalena, eine der wenigen Personen, die bis zuletzt treu blieben und der Kreuzigung des Erlösers auf dem Kalvarienberg beiwohnten; Maria, die Mutter des Jakobus und Frau des Kleophas, eines Bruders des heiligen Joseph und Mutter der Cousins Jesu; sowie Salome, auch bekannt als Maria Salome.
Letztere war eine bedeutende Figur im Leben Christi: Sie gehörte zu seinen Jüngerinnen, war die Frau des Zebedäus, möglicherweise die Schwiegermutter des Simon Petrus und die Mutter des heiligen Jakobus des Älteren sowie des Evangelisten Johannes, des Lieblingsjüngers Jesu. Letzterer wird zudem als sogenannter Myroblyt (griech. μυροβλύτης) bezeichnet, also als ein Heiliger, dessen Leib wohlriechenden Duft oder wundertätiges Öl verströmt.
Der Evangelist Matthäus berichtet, daß sie Jesus bat, ihre Söhne zu seiner Rechten und Linken sitzen zu lassen (Mt 20,20–23). Die Evangelien erinnern auch an ihre Anwesenheit unter dem Kreuz zusammen mit der Heiligen Maria und dem heiligen Johannes, wodurch sie als unmittelbare Zeugin des Todes Christi erscheint. Sie war zudem bei der Kreuzabnahme und der Grablegung Jesu anwesend.
Darüber hinaus gehört sie zu den drei Marien – zusammen mit Maria Magdalena und Maria des Kleophas –, die am Ostermorgen zum Grab des Sohnes Gottes gingen, um seinen Leichnam mit Ölen und Balsamen zu salben. Doch erstaunt und erschrocken sahen sie, daß der schwere runde Stein bereits vom Eingang des heiligen Grabes weggewälzt worden war.
Nach einer Überlieferung wurden die drei Marien im Zuge der Christenverfolgung verhaftet und auf einem Schiff ohne Ruder und Segel ausgesetzt, das jedoch von der göttlichen Vorsehung gelenkt wurde und die Küsten der Provence in Frankreich erreichte. Als Ort ihrer Anlandung wird bis heute Saintes-Maries-de-la-Mer genannt, wo eine ihnen geweihte Kirche steht. Gegen Ende der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden dort ihre Reliquien gefunden, in Anwesenheit des päpstlichen Legaten Kardinal Pierre de Foix sowie des Herzogs von Lothringen und Titularkönigs von Neapel René I. von Anjou und seiner Gemahlin Isabella von Lothringen.
Eine andere Überlieferung berichtet, daß die heilige Salome gemeinsam mit den heiligen Demetrius und Blasius von Sebaste nach Italien gelangte, genauer nach Veroli (Latium, Provinz Frosinone). Erschöpft fand sie bei einem Heiden Unterkunft, den sie bekehrte und auf den Namen Maurus taufte. Sie starb sechs Monate später, am 3. Juli.
Maurus bestattete ihre sterblichen Überreste in einer Steinschale, in die er die Inschrift eingravierte: Hac sunt reliquiae B. Mariae Matris apostolorum Jacobi et Joannis. Aus Angst vor Verfolgung versteckte er sich mit dem Ossuarium in einer Höhle bei Veroli, wo er drei Tage später starb.
Später fanden Heiden das Ossarium, in dem sie einen Schatz vermuteten. Die Knochen aber warfen sie auf die Straße. Ein Mann, der die Inschrift gelesen hatte, barg die Gebeine nachts und versteckte sie in einem neuen Ossuarium unter einem Felsen. Dieser Mann starb, ohne das Geheimnis preiszugeben.
Viele Jahrhunderte später, im Jahr 1209, hatte ein alter Mann namens Thomas eine Vision des heiligen Petrus und der heiligen Maria Salome, die ihm den Ort der Reliquien dieser Heiligen offenbarten. Am 25. Mai wurden die Gebeine tatsächlich gefunden. Das Ereignis wurde feierlich vom Bischof von Penne (heute Erzbistum Pescara-Penne), dem Abt von Casamari und dem Abt von Sant’Anastasia in Rom begangen.
Während die Geistlichen die Gebeine der Menge zeigten, trat aus einem Schienbein frisches Blut hervor – ein Wunder wurde ausgerufen. Der Kopf und die Arme wurden in kostbaren Schreinen in der Kathedrale von Veroli aufbewahrt, während die übrigen Knochen im Altar des Oratoriums am Fundort eingeschlossen wurden. Später entstand dort eine große Basilika, der heiligen Maria Salome geweiht, die heute Konkathedrale von Veroli ist.
Das erste Gotteshaus zu Ehren Salomes, errichtet am Ort der Reliquienauffindung, ist heute noch von der Krypta der Basilika aus sichtbar. Dort befinden sich Fresken aus dem 13. Jahrhundert mit Christus Pantokrator, umgeben von den in Veroli verehrten Heiligen, darunter Salome sowie ihre Söhne Jakobus und Johannes.
Vor dem Altar, der am Ort der Auffindung steht, befindet sich die steinerne Urne mit der Inschrift, die 1209 die Reliquien aufnahm. Im oberen Teil der Basilika wurde 1742 durch Bischof Lorenzo Tartagni eine prachtvolle Confessio aus Marmor und Alabaster errichtet, in der die Reliquien Maria Salomes sowie ihrer Gefährten Blasius und Demetrius aufbewahrt werden.
In der Apsis befindet sich ein Gemälde der Heiligen von Giuseppe Cesari, auch bekannt als Cavaliere d’Arpino, während die „Donnersöhne“ Jakobus der Ältere und Johannes der Evangelist Werke von Giuseppe Passeri sind. Im linken Querschiff wurden in den 1950er Jahren Fresken aus dem 13.–14. Jahrhundert entdeckt, die zuvor unter einer Farbschicht verborgen waren.
Im rechten Querschiff befindet sich ein Triptychon aus dem 16. Jahrhundert mit Michelangelo-Einflüssen, signiert von D. F. Hispanus. Weitere Kapellen zeigen Darstellungen der Passion Christi, der Heiligen Treppe, des Rosenkranzes sowie der Unbefleckten Empfängnis.
Die Basilika enthält außerdem große Passionsszenen, die Maratta zugeschrieben werden, sowie eine Kopie der Darstellung des Bethlehemitischen Kindermordes von Guido Reni. Eine kürzlich gefundene Pergamentnotiz berichtet schließlich, daß Bischof Tartagni, von 1715 bis 1751 Bischof von Veroli, in die elfte Stufe der Heiligen Treppe eine Reliquie des Kreuzes Christi in einer Monstranz aus Gold und Kristall einfügen ließ, die aus dem Schatz der Andreas-Kathedrale in Veroli stammt.
Die Heilige Treppe ist eine bewußte Nachbildung der eigentlichen Heiligen Treppe, die aus dem Palast des Pontius Pilatus in Jerusalem stammt und sich heute in Rom befindet. Sie dient der lokalen Verehrung.
*Cristina Siccardi, Historikerin und Publizistin, zu ihren jüngsten Buchpublikationen gehören „L’inverno della Chiesa dopo il Concilio Vaticano II“ (Der Winter der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Veränderungen und Ursachen, 2013); „San Pio X“ („Der heilige Pius X. Das Leben des Papstes, der die Kirche geordnet und erneuert hat“, 2014), „San Francesco“ („Heiliger Franziskus. Eine der am meisten verzerrten Gestalten der Geschichte“, 2019), „Quella messa così martoriata e perseguitata, eppur così viva!“ „Diese so geschlagene und verfolgte und dennoch so lebendige Messe“ zusammen mit P. Davide Pagliarani, 2021), „Santa Chiara senza filtri“ („Die heilige Klara ungefiltert. Ihre Worte, ihre Handlungen, ihr Blick“, 2024),
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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