Kardinal Porras erhält seinen Paß zurück

Scheinbares Entgegenkommen in einem Klima der Repression


Dem venezolanische Kardinal Baltazar Porras wurde vom Regime sein Reisepaß zurückgegeben. Ob er nun reisen kann, ist allerdings noch nicht sicher.
Dem venezolanische Kardinal Baltazar Porras wurde vom Regime sein Reisepaß zurückgegeben. Ob er nun reisen kann, ist allerdings noch nicht sicher.

Der vene­zo­la­ni­sche Kar­di­nal Bal­ta­zar Por­ras hat sei­nen Rei­se­paß zurück­er­hal­ten, nach­dem die­ser ihm im ver­gan­ge­nen Dezem­ber von den Behör­den ent­zo­gen wor­den war. Die Rück­ga­be wur­de vom Kar­di­nal selbst über sein offi­zi­el­les Insta­gram-Kon­to öffent­lich gemacht. Der Vor­fall hat­te inter­na­tio­nal Auf­merk­sam­keit erregt und ver­deut­lich­te den anhal­ten­den Druck des vene­zo­la­ni­schen Regimes auf die katho­li­sche Kirche.

Der Paß war Kar­di­nal Por­ras im Dezem­ber ent­zo­gen wor­den, zu einem Zeit­punkt, als Nicolás Madu­ro noch an der Spit­ze des Staa­tes stand. Die Maß­nah­me traf einen der bekann­te­sten und ange­se­hen­sten Kir­chen­ver­tre­ter des Lan­des und wur­de als poli­tisch moti­viert inter­pre­tiert. Nun befin­det sich wei­ter­hin das­sel­be sozia­li­sti­sche Regime an der Macht, aber „ohne den Kopf“, wie Kri­ti­ker for­mu­lie­ren. Nach der umstrit­te­nen Fest­nah­me Madu­ros durch die USA, die von den vene­zo­la­ni­schen Macht­ha­bern selbst als „Extrak­ti­on“, von Kri­ti­kern jedoch als Ent­füh­rung bezeich­net wird, hat sei­ne Nach­fol­ge­rin Del­cy Rodrí­guez ein­zel­ne Signa­le gesetzt, die als vor­sich­ti­ge Annä­he­rung an die US-Regie­rung unter Donald Trump ver­stan­den wer­den. Die Rück­ga­be des Pas­ses an Kar­di­nal Por­ras könn­te eine sol­che Geste sein.

Der Kar­di­nal mit sei­nem Reisepaß

Aller­dings weist das US-ame­ri­ka­ni­sche katho­li­sche Maga­zin The Pil­lar dar­auf hin, daß die Rück­ga­be des Pas­ses kei­nes­wegs über­ra­schend kam. Nach Anga­ben meh­re­rer diplo­ma­ti­scher Quel­len aus Cara­cas und dem Vati­kan war das The­ma in den ver­gan­ge­nen Wochen wie­der­holt Gegen­stand von Gesprä­chen zwi­schen ver­schie­de­nen diplo­ma­ti­schen Ver­tre­tun­gen und dem vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­at. Die Maß­nah­me dürf­te daher weni­ger Aus­druck eines ech­ten poli­ti­schen Kurs­wech­sels sein als viel­mehr das Ergeb­nis inter­na­tio­na­len Drucks.

Ent­schei­dend ist zudem: Daß Kar­di­nal Por­ras sei­nen Paß nun wie­der besitzt, bedeu­tet nicht auto­ma­tisch, daß ihm die freie Aus- und Ein­rei­se garan­tiert ist. In Vene­zue­la wer­den Rei­se­be­schrän­kun­gen häu­fig will­kür­lich ver­hängt und eben­so will­kür­lich wie­der auf­ge­ho­ben. Ob der Kar­di­nal das Land tat­säch­lich ver­las­sen und vor allem anschlie­ßend pro­blem­los zurück­keh­ren darf, bleibt offen. Ein kon­kre­ter Prüf­stein könn­te bereits im Juni anste­hen, wenn in Rom das näch­ste außer­or­dent­li­che Kon­si­sto­ri­um statt­fin­det, an dem Kar­di­nal Por­ras mög­li­cher­wei­se teil­neh­men möchte.

Der Fall fügt sich in ein grö­ße­res Muster der Repres­si­on gegen die katho­li­sche Kir­che in Vene­zue­la ein. Seit Jah­ren sehen sich Bischö­fe, Prie­ster und kirch­li­che Orga­ni­sa­tio­nen zuneh­men­dem Druck aus­ge­setzt, ins­be­son­de­re wenn sie Miß­stän­de wie Armut, Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, poli­ti­sche Gefan­ge­ne oder die Aus­höh­lung demo­kra­ti­scher Struk­tu­ren öffent­lich benen­nen. Geist­li­che wur­den dif­fa­miert, über­wacht, an Rei­sen gehin­dert oder admi­ni­stra­tiv schi­ka­niert; kirch­li­che Hilfs­wer­ke und sozia­le Ein­rich­tun­gen gera­ten regel­mä­ßig ins Visier staat­li­cher Kontrolle.

Kar­di­nal Por­ras gehört zu jenen Kir­chen­ver­tre­tern, die sich trotz die­ses Drucks immer wie­der klar und öffent­lich äußern. Gera­de des­halb wird die zeit­wei­li­ge Ein­zie­hung sei­nes Pas­ses von vie­len Beob­ach­tern nicht als blo­ße büro­kra­ti­sche Maß­nah­me, son­dern als geziel­te Ein­schüch­te­rung ver­stan­den. Die jet­zi­ge Rück­ga­be ändert an die­ser grund­sätz­li­chen Lage wenig: Sie stellt kei­ne Garan­tie für Reli­gi­ons­frei­heit dar, son­dern ist der­zeit allen­falls ein tak­ti­sches Zuge­ständ­nis in einem wei­ter­hin auto­ri­tär gepräg­ten poli­ti­schen Umfeld.

So bleibt der Vor­gang ambi­va­lent. Einer­seits ist die Rück­ga­be des Pas­ses ein Erfolg inter­na­tio­na­ler Auf­merk­sam­keit und diplo­ma­ti­scher Inter­ven­tio­nen. Ande­rer­seits macht der Fall erneut deut­lich, wie pre­kär die Lage der Kir­che in Vene­zue­la ist – und wie abhän­gig selbst hoch­ran­gi­ge Kar­di­nä­le von der Will­kür eines sozia­li­sti­schen Regimes blei­ben, das kri­ti­sche Stim­men als Bedro­hung betrachtet.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Insta­gram (Screen­shot)

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