Papst Leo XIV. und das konziliare Koordinatensystem

Die Analyse zur Ansprache an das außerordentliche Konsistorium vom 7. Januar 2026


Leo XIV. zwischen Kardinälen heute morgen im Petersdom
Leo XIV. zwischen Kardinälen heute morgen im Petersdom

Eine erste Ana­ly­se von Giu­sep­pe Nardi

Die Anspra­che von Papst Leo XIV. an das außer­or­dent­li­che Kon­si­sto­ri­um vom 7. Janu­ar 2026 ist ein pro­gram­ma­ti­scher Text. Sie defi­niert nicht nur Stil und Selbst­ver­ständ­nis des neu­en Pon­ti­fi­kats, son­dern erlaubt auch eine prä­zi­se Ein­ord­nung sei­nes theo­lo­gi­schen und ekkle­sio­lo­gi­schen Stand­or­tes. Inhalt­lich wie metho­disch bewegt sich die Rede ein­deu­tig inner­halb des kirch­li­chen Kon­zils-Main­streams, wie er sich seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil her­aus­ge­bil­det und ver­fe­stigt hat. Eine Kor­rek­tur oder Neu­be­wer­tung der nach­kon­zi­lia­ren Ent­wick­lung ist nicht erkenn­bar – auch nicht im sen­si­blen Bereich der Liturgie.

Das Konzil als hermeneutischer Schlüssel

Bereits der Auf­bau der Anspra­che macht die Grund­her­me­neu­tik deut­lich. Die Epi­pha­nie-Lesung aus Jesa­ja 60 wird unmit­tel­bar mit Lumen gen­ti­um 1 ver­bun­den. Pro­phe­ti­sches Wort, Kon­zils­text und gegen­wär­ti­ges Lehr­amt erschei­nen als Aus­druck ein und der­sel­ben geist­ge­wirk­ten Visi­on. Die Kir­chen­ge­schich­te wird dabei impli­zit vom Kon­zil her gele­sen – nicht umgekehrt.

Die­se Vor­ge­hens­wei­se ist typisch für den nach­kon­zi­lia­ren Main­stream: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil fun­giert fak­tisch als her­me­neu­ti­scher Schlüs­sel für das Ver­ständ­nis von Kir­che, Mis­si­on und Lit­ur­gie. Die vor­kon­zi­lia­re Tra­di­ti­on wird nicht bestrit­ten, aber sie wird auch nicht als eigen­stän­dig nor­ma­tiv the­ma­ti­siert. Das Kon­zil ist nicht Teil der Tra­di­ti­on, son­dern deren inter­pre­ta­ti­ves Zentrum.

„Anziehung“ als Leitmotiv der Mission

Zen­tra­ler theo­lo­gi­scher Begriff der Anspra­che ist die von Bene­dikt XVI. gepräg­te, aber von Fran­zis­kus inter­pre­tie­rend über­nom­me­ne For­mel der „Anzie­hung“. Evan­ge­li­sie­rung wird nicht als Ver­kün­di­gung einer objek­ti­ven Heils­ord­nung beschrie­ben, son­dern als Aus­strah­lung der gött­li­chen Lie­be, die Men­schen zu Chri­stus hinzieht.

Zwar wird kor­rekt betont, daß nicht die Kir­che selbst, son­dern Chri­stus anzieht. Doch die prak­ti­sche Kon­se­quenz bleibt anthro­po­lo­gisch: Glaub­wür­dig­keit, Bezie­hung, Ein­heit und Lie­be wer­den zu den ent­schei­den­den Kri­te­ri­en kirch­li­cher Wirk­sam­keit. Die bekann­te For­mel „Nur die Lie­be ist glaub­wür­dig“ wird ohne gleich­zei­ti­ge Beto­nung von Wahr­heit, Bekeh­rung, Opfer und Gericht rezi­piert. Damit ver­schiebt sich der mis­sio­na­ri­sche Akzent von der objek­ti­ven Wahr­heit des Glau­bens zur sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung kirch­li­cher Attrak­ti­vi­tät. Die­se Ent­wick­lung erlebt die Kir­che seit dem jüng­sten Kon­zil und Leo XIV. läßt kei­ne Hin­wei­se erken­nen, dies zu ändern.

Einheit als Prozeß

Auch das Kir­chen­bild folgt die­sem Muster. Ein­heit wird vor allem rela­tio­nal und pro­zeß­haft beschrie­ben: durch Zuhö­ren, Dia­log, syn­oda­le Dyna­mik und kol­le­gia­le Zusam­men­ar­beit. Ein­heit erscheint weni­ger als gege­be­ne Wirk­lich­keit, die aus dem gemein­sa­men Glau­bens­be­kennt­nis und dem gemein­sa­men Kult erwächst, son­dern als Ziel eines fort­dau­ern­den kirch­li­chen Weges. Weg ist Weg, da ist poten­ti­ell auch ein „syn­oda­ler Weg“ unschwer implizierbar.

Cha­rak­te­ri­stisch ist, daß weder die Ein­heit im Glau­bens­in­halt noch die Ein­heit im sakra­men­ta­len Voll­zug aus­drück­lich the­ma­ti­siert wird. Die klas­si­sche katho­li­sche Grund­for­mel lex oran­di – lex cre­den­di bleibt unausgesprochen.

Liturgie: zentrale Formel, inhaltliche Offenheit

Beson­de­re Auf­merk­sam­keit ver­dient die Behand­lung der Lit­ur­gie. Sie wird als eines der vier gro­ßen The­men des Kon­si­sto­ri­ums genannt und mit der bekann­ten For­mel als „Quel­le und Höhe­punkt des christ­li­chen Lebens“ bezeich­net. Die­se For­mel bleibt letzt­lich jedoch rein deklarativ.

Es feh­len Konkretisierungen:

  • kein Hin­weis auf den Opfer­cha­rak­ter der Messe,
  • kei­ne Beto­nung der Sakralität,
  • kei­ne Aus­sa­ge zur nor­ma­ti­ven Bedeu­tung der über­lie­fer­ten Riten,
  • kei­ne Abgren­zung gegen lit­ur­gi­sche Beliebigkeit.

Im Kon­text von Syn­oda­li­tät, kul­tu­rel­ler Viel­falt und Bera­tungs­pro­zes­sen erscheint die Lit­ur­gie eher als gestalt­ba­res The­men­feld kirch­li­cher Pra­xis denn als unver­füg­ba­re gött­li­che Ord­nung. Genau hier­in liegt einer der neur­al­gi­schen Punk­te der nach­kon­zi­lia­ren Ent­wick­lung: Die Lit­ur­gie wird funk­tio­na­li­siert und pasto­ra­li­siert, statt als pri­mä­rer Ort des gött­li­chen Han­delns ver­stan­den zu wer­den. Leo XIV. ließ in sei­ner Anspra­che kei­ne Akzent­ver­schie­bung als Signal einer Rich­tungs­än­de­rung erkennen.

Anthropozentrische Sprachstruktur

Die Anspra­che ist durch­zo­gen von Begrif­fen wie „Weg“, „Pro­zeß“, „Zuhö­ren“, „Dia­log“, „Gemein­schaft“. Dem­ge­gen­über feh­len klas­si­sche Kate­go­rien der katho­li­schen Theo­lo­gie und Spi­ri­tua­li­tät weit­ge­hend: Sün­de, Buße, Opfer, Gericht, Hei­lig­keit, Anbe­tung. Die­se Sprach­wahl ver­bes­sert gegen­über jener berg­o­glia­ni­schen Lee­re, wel­che die ver­gan­ge­nen Jah­re geprägt hat­te, kei­ne Fra­ge ist nicht zufäl­lig, son­dern Aus­druck eines bestimm­ten theo­lo­gi­schen Koor­di­na­ten­sy­stems, in dem das mensch­li­che Erle­ben stär­ker gewich­tet wird als die objek­ti­ve Heilsordnung.

Einordnung auf der theologischen Skala

Die Fra­ge, wo sich die gest­ri­ge Anspra­che von Leo XIV. auf einer Ska­la ein­ord­net, die von Moder­nis­mus (0) bis Tra­di­tio­na­lis­mus (100) reicht, läßt sich ziem­lich ein­deu­tig beant­wor­ten: Sie ist klar im Bereich des kirch­li­chen Kon­zils-Main­streams zu ver­or­ten, mit einer leich­ten pro­gres­si­ven Ten­denz, grob gesagt etwa beim Wert 45:

  • nicht moder­ni­stisch, da Dog­ma und Offen­ba­rung nicht rela­ti­viert werden;
  • nicht ein­deu­tig pro­gres­siv, da kei­ne struk­tu­rel­len oder moral­theo­lo­gi­schen Brü­che gefor­dert werden;
  • aber auch nicht kon­ser­va­tiv, da kei­ne kla­ren Kor­rek­ti­ve zur nach­kon­zi­lia­ren Ent­wick­lung gesetzt werden;
  • weit ent­fernt vom Tra­di­tio­na­lis­mus, da weder vor­kon­zi­lia­res Lehr­amt noch der über­lie­fer­te Ritus als nor­ma­tiv gese­hen werden.

Die Anspra­che von Papst Leo XIV. steht also ein­deu­tig für Kon­ti­nui­tät – für die Kon­ti­nui­tät des nach­kon­zi­lia­ren Deu­tungs­rah­mens. Sie kor­ri­giert die berg­o­glia­ni­schen Exzes­se, des zwei­fels­oh­ne pro­gres­siv­sten Pap­stes auf dem Stuhl Petri, was man­che erleich­tert zur Kennt­nis neh­men wer­den, aber län­ger­fri­stig zu wenig ist. Die genann­te Kon­ti­nui­tät bestä­tigt den behaup­te­ten nach­kon­zi­lia­ren Kon­sens, ohne ihn zu hin­ter­fra­gen oder auf den Prüf­stand zu stel­len. Gera­de in der Fra­ge der Lit­ur­gie bleibt der Text auf­fäl­lig offen und unver­bind­lich.

Um beim Bild der Ska­la zu blei­ben, posi­tio­niert sich Leo XIV. zwi­schen Paul VI. und Johan­nes Paul II.

Der ent­schei­den­de Befund zur gest­ri­gen Anspra­che lau­tet: Die Rede ver­mei­det Brü­che, aber auch Klä­run­gen. Sie sichert Sta­bi­li­tät, bie­tet jedoch kei­ne Ant­wort auf die lit­ur­gi­schen und ekkle­sio­lo­gi­schen Span­nun­gen, die das kirch­li­che Leben seit Jahr­zehn­ten prä­gen. Eine Erneue­rung aus dem Geist der über­lie­fer­ten Tra­di­ti­on ist in die­ser Anspra­che nicht erkenn­bar angelegt.

Dies mag damit zusam­men­hän­gen, daß Leo XIV. die Kar­di­nä­le aus­drück­lich zu einem offe­nen Aus­tausch ein­la­den woll­te und daher bewußt dar­auf ver­zich­te­te, bereits zu Beginn inhalt­li­che Vor­ga­ben zu machen. Für eine belast­ba­re Gesamt­be­ur­tei­lung wird es daher not­wen­dig sein, auch sei­ne heu­ti­ge Abschluß­an­spra­che in die Ana­ly­se ein­zu­be­zie­hen, um ein voll­stän­di­ge­res Bild der theo­lo­gi­schen und kir­chen­po­li­ti­schen Akzent­set­zun­gen die­ses Pon­ti­fi­kats zu gewin­nen. Eine pro­gram­ma­ti­sche Wei­chen­stel­lung ist sei­ne gest­ri­ge Anspra­che dennoch.

BIld: Vati​can​.va (Screen­shot)

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