Von Giuseppe Brienza*
Was ist der „Morrocoy-Plan“? Dabei handelt es sich um eine politisch-psychologische und bürokratische Strategie, die während des Regimes von Nicolas Maduro in Venezuela vielfach erprobt wurde. Sie besteht darin, den Wahlprozeß bewußt zu verlangsamen, um Wähler zu demotivieren und zu zermürben. Ziel ist es, sie dazu zu bringen, ihre Anti-Regime- oder Anti-Establishment-Haltung aufzugeben und auf Opposition zu verzichten, insbesondere durch den Verzicht auf ihr Wahlrecht.
Nicht zufällig ist der Parque Nacional Morrocoy ein Nationalpark im Bundesstaat Falcón im Nordosten Venezuelas. Die oben genannte Strategie, auch als „Operación Morrocoy“ bekannt, wurde in Anlehnung an die im Lande verbreitete Schildkrötenart benannt, die für ihre Langsamkeit bekannt ist.
Das Ziel der Massenmobilisierung „Großer Marsch: Verteidigen wir die Demokratie“, die am vergangenen Sonntag in Peru von Rafael López Aliaga, dem Kandidaten der katholischen Rechten bei den Präsidentschaftswahlen, ausgerufen wurde, bestand genau darin, das Wahlrecht der Bürger und den Volkswillen zu verteidigen – angesichts der ungerechtfertigten Verzögerungen bei der Auszählung der vor rund zehn Tagen abgehaltenen Wahl.
Am 12. April gingen die Peruaner zur Wahl, um einen neuen Präsidenten zu bestimmen, doch die Kandidaten für die Stichwahl stehen noch immer nicht fest. Niemand hat im ersten Wahlgang mehr als 50 % der gültigen Stimmen erreicht. Daher werden die Wähler am 7. Juni erneut aufgerufen sein, zwischen den beiden bestplatzierten Kandidaten zu entscheiden. Doch wer sind diese?
In einem Kontext starker politischer Fragmentierung und weit verbreiteter Unzufriedenheit konzentrierten sich die Wähler auf drei der insgesamt 36 Kandidaten: zwei konservative und einen linken.
Bei noch deutlich unvollständiger Auszählung – es sind erst 93,4 % der Wahllokale ausgezählt – haben folgende Kandidaten die meisten Stimmen erhalten: Keiko Fujimori, Vorsitzende der Partei Fuerza Popular und Tochter des 2024 verstorbenen früheren Präsidenten Alberto Fujimori (1990–2000), führt mit 2,695 Millionen Stimmen (17 %). Auf dem zweiten Platz liegt Roberto Sánchez Palomino, Vorsitzender der progressiven Partei Juntos por el Perú, mit 1,899 Millionen Stimmen (12 %). Nur knapp dahinter, auf dem dritten Platz – mit einem Abstand kaum mehr als 14.000 Stimmen – folgt Rafael López Aliaga, Gründer der neuen rechten Bewegung Renovación Popular, mit 1,884 Millionen Stimmen (11,9 %).
Von letzterem gingen auch die Vorwürfe des Wahlbetrugs aus, da der Abstand zum linken Kandidaten, der Fujimori in der Stichwahl herausfordern möchte, äußerst gering ist.
Als Reaktion auf die Proteste erklärten Vertreter der nationalen Wahbehörde ONPE, daß diese Wahlen „die komplexesten der Geschichte“ seien, da sich auf einem einzigen Stimmzettel mehr als 40 politische Parteien befanden.
Mit zunehmender Zeit wächst die öffentliche Empörung, auch aufgrund der zahlreichen Beschwerden, die López Aliaga formell bei der Staatsanwaltschaft und dem nationalen Wahlgericht (JNE) eingereicht hat. Der Anführer von Renovación Popular führt einen beispiellosen Rechtsstreit, indem er die Annullierung von Wahllokalen fordert, in denen die Wahlbeteiligung ungewöhnlich niedrig war, und den „Verrat am Volkswillen“ durch angebliche „administrative Ineffizienz oder orchestrierte Sabotage“ anprangert.
Zudem behauptet er, daß der Rückgang der Stimmen zu seinen Ungunsten das Ergebnis einer gezielten Strategie der ONPE sei, die ihn benachteiligen solle.
López Aliaga hat außerdem die sofortige Aussetzung der offiziellen Ergebnisverkündung gefordert, bis eine unabhängige internationale Überprüfung die Integrität jedes einzelnen Wahlprotokolls bestätigt. Sein Rechtsteam hat Fälle dokumentiert, in denen Bürger nach stundenlangem Warten schließlich aus Erschöpfung dazu gebracht wurden, auf ihr Wahlrecht zu verzichten.
Rafael López Aliaga ist Industrieingenieur und Unternehmer in den Bereichen Hotellerie und Transport. Nachdem er bereits bei den Präsidentschaftswahlen 2021 kandidiert hatte, wurde er 2023 zum Bürgermeister von Lima gewählt und bekleidete dieses Amt bis 2025. In seiner Wahlkampagne versprach er, im Falle seiner Wahl zum Präsidenten die Kriminalität mit Unterstützung von Reservisten der peruanischen Streitkräfte zu bekämpfen und eine umfassende Reform des Verkehrssystems, insbesondere in der Hauptstadt Lima, durchzuführen.
In den letzten Jahren hat er zudem eine vollständige Deregulierung und Entbürokratisierung des peruanischen Staates gefordert, einschließlich der Abschaffung der Hälfte der bestehenden Ministerien.
Als einer der prominentesten Vertreter der peruanischen Rechten und einer der Favoriten im Präsidentschaftsrennen trat er in der Vergangenheit für ein ein Verbot von Sexualerziehung und sogenannter Gender-Indoktrination an Schulen, der Abtreibung, der Homo-„Ehe“ und des Drogenkonsums ein. Generell vertritt er den Kampf gegen den sogenannten „Kulturmarxismus“, der seiner Ansicht nach Unordnung fördere.
Mit einem derart polarisierenden Programm überrascht es nicht, daß der derzeit unter Druck stehende Hauptkandidat ausgerechnet López Aliaga ist. Die endgültigen Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen könnten, wie am Samstag von der Generalsekretärin der Nationalen Wahlkommission, Yessica Clavijo, im Radiosender RPP erklärt wurde, „erst Mitte Mai“ vorliegen. Bis heute wurden laut offiziellen Daten über 15.000 Wahlniederschriften angefochten, davon 30 % im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl, der Rest betrifft die Parlaments- und Senatswahlen, die gleichzeitig stattfanden.
López Aliaga ist bekannt dafür, die „Charta von Madrid“ unterzeichnet zu haben – ein Dokument der spanischen rechtspopulistischen Partei VOX, das linke Gruppen als Feinde Iberoamerikas beschreibt, die in ein „kriminelles Projekt“ unter der Führung des kubanischen Castro-Regimes verwickelt seien. Zu den weiteren lateinamerikanischen Politikern, die dieses vom VOX-Vorsitzenden Santiago Abascal initiierte Dokument unterzeichnet haben, gehören unter anderem der argentinische und der chilenische Präsident Javier Milei und José Antonio Kast sowie Eduardo Bolsonaro, Sohn des brasilianischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro.
*Giuseppe Brienza, Journalist und Publizist, Studium der Politikwissenschaften an der Sapienza in Rom, schreibt für Fides Catholica, Il Borghese, Corrispondenza Romana, Il Corriere del Sud, Autor mehrerer Bücher u. a. in der Reihe „St. Petersburger Abende heute“: „56 konterrevolutionäre Pfeile“ (2021), Vorschläge, Autoren, Ideen und Schlachten gegen gegnerische Kulturen (2025), aber auch Biographien über Evita Perón, Nelson Mandela und andere mehr.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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