Von Fabio Fuiano*
Es kommt häufig vor, daß man mit Freunden oder Verwandten über den Ursprung der Welt und des Menschen diskutiert. Die Vorstellung, der Mensch sei das Ergebnis einer zufälligen Evolution und stehe damit im Gegensatz zum biblischen Bericht von der Erschaffung Adams und Evas, gilt weithin als selbstverständlich. Eine genauere Analyse zeigt jedoch, daß diese Gewißheit keineswegs so tragfähig ist, wie gemeinhin angenommen wird. In diesem Sinne bietet der Band von Kardinal Ernesto Ruffini (1888–1967) mit dem Titel „La Teoria dell’Evoluzione secondo la scienza e la fede“ („Die Evolutionstheorie nach Wissenschaft und Glauben“, Centro Librario Sodalitium, Verrua Savoia 2023)1 einen gewichtigen Beitrag für alle, die aufrichtig nach der Wahrheit in dieser Frage suchen.
Der erste Teil des Buches ist dem Ursprung der Lebewesen gewidmet.
Das erste Kapitel dieses Teils bietet eine historische Gesamtschau der Evolutionstheorie. Sie reicht von den griechischen und lateinischen Denkern über Carl von Linné (1707–1778), einen Verfechter der Unveränderlichkeit der Arten, bis hin zu den frühen Naturforschern wie Georges-Louis Leclerc (1707–1788), der Erasmus Darwin (1731–1802), den Großvater Charles Darwins, tiefgreifend beeinflußte, ferner Étienne Geoffroy Saint-Hilaire (1772–1844) und Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829). Letzterer bildet zusammen mit Ernst Haeckel (1834–1919) den Höhepunkt des transformistischen Evolutionismus, der schließlich das schöpferische Wirken Gottes leugnet. In diesem Kapitel wird aufgezeigt, wie Charles Darwin (1809–1882), der in seiner frühen Jugend niemals an Evolution gedacht hatte, seine Theorie aus den Beobachtungen auf den Galapagos-Inseln sowie aus der Lektüre von Thomas Robert Malthus (1766–1834) entwickelte. Bemerkenswert ist jedoch, daß Darwin in seinem Werk „Über die Entstehung der Arten“ niemals ausdrücklich über den Ursprung des Menschen sprach, im Gegensatz zu Haeckel und Thomas Henry Huxley (1825–1895).
Im zweiten Kapitel untersucht und widerlegt Ruffini die wichtigsten Beweisführungen, die zur Stützung der Evolutionstheorie vorgebracht werden, unter Heranziehung der Paläontologie, Embryologie, vergleichenden Anatomie und Physiologie, der Biogeographie, Parasitologie und Genetik. In all diesen Disziplinen tritt die Unmöglichkeit zutage, eine Umwandlung einer Art in eine andere, ihr völlig fremde Art nachzuweisen.
Im dritten Kapitel erläutert der Autor, daß auch die experimentelle Genetik bislang keinen Schlüssel zur Erklärung des Evolutionsmechanismus – weder hinsichtlich seines Ablaufs noch seiner Ursachen – gefunden hat. Die Theorie Lamarcks wird als unzureichend beurteilt, da erworbene Eigenschaften nicht erblich weitergegeben werden. Ebenso vermag die darwinistische Theorie des „Daseinskampfes“ das Problem nicht zu lösen, da „die Selektion lediglich die Fähigkeit besitzt, einen Genotypus zu isolieren, nicht aber, etwas Neues zu schaffen“. Auch die Mutationstheorie bleibt auf die „Mikroevolution“ beschränkt, „das heißt auf die Bildung neuer Rassen und höchstens einiger systematischer Arten, jedoch nicht darüber hinaus. Durch Mutationen bleibt eine Fliege stets eine Fliege: eine glückliche Mutation vieler Gene, aus der sich eine neue Ordnung, ein neuer Organisationsplan ergeben könnte, liegt außerhalb der gegenwärtigen Möglichkeiten der genetischen Wissenschaft“.
Im vierten Kapitel entwirft Kardinal Ruffini die verschiedenen evolutionistischen Denkrichtungen und beurteilt sie im Licht der kirchlichen Lehre. Er unterscheidet insbesondere zwischen:
(a) dem materialistischen Evolutionismus, dem zufolge „das gesamte Universum das Ergebnis der natürlichen Entfaltung der ewigen Materie ist und sein Schicksal in einem unaufhörlichen Werden besteht“, vertreten durch Haeckel;
(b) dem absoluten Evolutionismus, nach welchem Gott die energiereiche Materie geschaffen habe, die aus eigener Kraft fähig sei, sich zu entwickeln und allmählich sowohl die anorganischen als auch die organischen Wesen hervorzubringen, ohne weiteres göttliches Eingreifen;
© dem biologischen Evolutionismus, der sich auf die Arten beschränkt und lehrt, daß alle Lebewesen durch Evolution von einem einzigen oder von wenigen elementaren, von Gott geschaffenen Organismen abstammen, vertreten durch Darwin;
(d) dem gemäßigten Evolutionismus, wonach Gott eine gewisse Anzahl grundlegender Arten geschaffen habe, aus denen durch organische Evolution alle übrigen Arten – mit Ausnahme der menschlichen – hervorgegangen seien, eine Auffassung, die von mehreren Katholiken, darunter Pater Agostino Gemelli, vertreten wurde;
(e) dem strengsten Evolutionismus, dem zufolge alle Arten von Gott geschaffen wurden und innerhalb der Grenzen dieser Arten Differenzierungen stattfinden, die als Varietäten bezeichnet werden.
Aus der Analyse der evolutionistischen Theorien zieht Kardinal Ruffini den Schluß, daß „die innerartliche Variabilität gewiß ist; ebenso unbestreitbar ist die Bildung neuer Rassen durch Mutation und neuer systematischer Arten durch das Zusammenwirken von Mutation und Selektion […]. Die Religion ist mit dem materialistischen Evolutionismus keineswegs vereinbar; wird jedoch die Erschaffung aller Dinge durch Gott vorausgesetzt, so hat sie an sich nichts gegen die verschiedenen Theorien einzuwenden, da diese einem Bereich angehören, den der Allmächtige den menschlichen Forschungen und Diskussionen überlassen hat.“
Nachdem Ruffini im fünften Kapitel die unterschiedlichen Auslegungen des Hexaëmeron untersucht hat, wendet er sich im zweiten Teil des Buches dem Ursprung des Menschen zu. Er stellt drei Hypothesen vor: den Menschen als letztes Ergebnis der Evolution der Materie; den Menschen, der dem Körper nach von den Tieren abstammt, nicht aber der Seele nach; den Menschen als ein sowohl dem Körper als auch der Seele nach eigenständiges Wesen. Für die Materialisten, die dem Menschen jegliche Spiritualität absprechen, gilt die erste Hypothese. Diese Position wird jedoch durch die klare Lehre der Kirche, die der Kardinal in den folgenden Kapiteln darlegt, eindeutig widerlegt, ausgehend von (a) der Tatsache der Existenz der menschlichen Seele, die von Gott ex nihilo geschaffen ist, und (b) der Einheit der menschlichen Gattung, die von einem einzigen Elternpaar abstammt. Insbesondere läßt sich die Behauptung der Evolutionisten, der (vernünftige) Mensch stamme vom (unvernünftigen) Tier ab, nicht beweisen; vielmehr bietet selbst die Paläontologie „positive Daten zugunsten der Vernünftigkeit des ältesten uns heute bekannten Menschen“.
Einige haben, um den katholischen Glauben und die Evolution in bezug auf den Ursprung des Menschen miteinander in Einklang zu bringen, im Menschen selbst seine beiden wesentlichen konstitutiven Elemente voneinander getrennt, indem sie annahmen, der Leib sei das Ergebnis einer langen evolutionären Entwicklung, während die Seele unmittelbar von Gott stamme. Zur Begründung der Unvereinbarkeit dieser These mit der kirchlichen Lehre zitiert Ruffini das von der Heiligen Stuhls approbierte Dekret des Provinzialkonzils von Köln aus dem Jahr 1860:
„Die Stammeltern wurden unmittelbar von Gott erschaffen“ (Gen 2,7). Wir erklären daher als völlig der Heiligen Schrift und dem Glauben widersprechend die Ansicht derer, die zu behaupten wagen, der Mensch sei dem Körper nach durch eine spontane Umwandlung aus einer unvollkommenen Natur hervorgegangen, die sich fortwährend verbesserte, bis sie den heutigen menschlichen Zustand erreichte“ (Teil I, Kap. 14).
Ausgehend von der Stellungnahme der kirchlichen Autorität zum historischen Charakter der ersten drei Kapitel der Genesis legt Ruffini das Paradoxon jener Position offen, die Evolutionismus und katholischen Glauben miteinander zu versöhnen sucht, indem sie annimmt, Gott habe zwar die Seele des Menschen erschaffen, seinen Leib jedoch aus einem Tier hervorgehen lassen. Um der kirchlichen Lehre treu zu bleiben, ist diese Position gezwungen, ein besonderes und unmittelbares göttliches Eingreifen anzuerkennen, das notwendig wäre, um den tierischen Körper für die vernünftige Seele geeignet zu machen. Gerade dieses übernatürliche Eingreifen aber widerspricht der Grundannahme des Evolutionismus, nämlich der Entwicklung allein durch Naturgesetze. So endet der Versuch, Glauben und Evolution zu vereinen, damit, den Evolutionismus selbst zu negieren und sich zugleich von der katholischen Tradition zu entfernen, die die unmittelbare Erschaffung des Menschen lehrt.
Ruffini selbst verschärft diese Kritik mit den Worten: „Wir sehen in der Tat nicht, wie sich eine solche Meinung mit dem biblischen Zeugnis, mit der ausdrücklichen Lehre der Kirchenväter und Theologen und mit dem allgemeinen Empfinden der Gläubigen vereinbaren ließe, zumal sie weder von der Vernunft noch von der wahren Wissenschaft gestützt wird.“ Die letzten Kapitel sind daher dem Nachweis der Unhaltbarkeit dieser These auf biblischem, patristischem, theologischem und philosophischem Gebiet gewidmet sowie der Klärung des Verhältnisses zwischen dem von der Wissenschaft vorgeschlagenen Alter des Menschen und dem biblischen Bericht.
Insgesamt erweist sich das Buch als eine nachdrücklich empfohlene Lektüre für alle, die sich ohne ideologische Vorurteile mit einer Frage von großer Tragweite auseinandersetzen wollen.
*Fabio Fuiano hat an der Universität Roma Tre einen Master in Bioingenieurwesen erworben. Derzeit ist er Doktorand in Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen an der gleichen Universität. Er ist Vorsitzender der universitären Pro-Life-Bewegung „Universitari per la Vita“.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
- Die erste Ausgabe des Buches von Kardinal Ernesto Ruffini erschien 1948. Im Jahr 1959 erschien eine englische Ausgabe mit der Überschrift: „The theory of evolution judged by reason and faith“. Eine deutsche Übersetzung wurde nie vorgenommen. ↩︎
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