Ansprache von Papst Franziskus an das Diplomatische Korps

Ansprache von Papst Franziskus: Diplomatisches Korps
Ansprache von Papst Franziskus: Diplomatisches Korps

(Rom) Am 8. Janu­ar emp­fing Papst Fran­zis­kus das beim Hei­li­gen Stuhl akkre­di­tier­te Diplo­ma­ti­sche Korps zum tra­di­tio­nel­len Neu­jahrs­emp­fang. In sei­ner Anspra­che an die Bot­schaf­ter sprach er die für den Hei­li­gen Stuhl zen­tra­len, inter­na­tio­na­len Fra­gen an und skiz­zier­te die Posi­tio­nie­rung der Kir­che.

Exzellenzen, meine Damen und Herren,

die­se Begeg­nung ist ein schö­ner Brauch, denn sie gibt mir die Gele­gen­heit, wäh­rend im Her­zen die weih­nacht­li­che Freu­de noch leben­dig ist, Ihnen per­sön­lich mei­ne guten Wün­sche für das vor kur­zem begon­ne­ne Jahr zu über­mit­teln und mei­ne Nähe und Ver­bun­den­heit mit den Völ­kern, die Sie ver­tre­ten, zum Aus­druck zu brin­gen. Ich dan­ke dem Dekan des Diplo­ma­ti­schen Korps, Sei­ner Exzel­lenz Herrn Armin­do Fer­nan­des do Espí­ri­to San­to Viei­ra, Bot­schaf­ter Ango­las, für die ehr­erbie­ti­gen Wor­te, die er eben im Namen des gesam­ten beim Hei­li­gen Stuhl akkre­di­tier­ten Diplo­ma­ti­schen Korps an mich gerich­tet hat. Beson­ders hei­ße ich die die Bot­schaf­ter will­kom­men, die für die­sen Anlass von außer­halb Roms gekom­men sind. Ihre Zahl ist infol­ge der im ver­gan­ge­nen Mai statt­ge­fun­de­nen Auf­nah­me der diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen mit der Repu­blik der Uni­on Myan­mar gewach­sen. Eben­so begrü­ße ich die immer zahl­rei­che­ren in Rom resi­die­ren­den Bot­schaf­ter, unter denen sich jetzt auch der Bot­schaf­ter der Repu­blik Süd­afri­ka befin­det. Zugleich möch­te ich beson­ders des Bot­schaf­ters Kolum­bi­ens, Guil­ler­mo León Esco­bar-Her­rán, geden­ken, der weni­ge Tage vor Weih­nach­ten ver­stor­ben ist. Ich dan­ke Ihnen für den ergie­bi­gen und bestän­di­gen Aus­tausch, den Sie mit dem Staats­se­kre­ta­ri­at und den ande­ren Dikaste­ri­en der Römi­schen Kurie pfle­gen; er ist ein Zeug­nis für das Inter­es­se der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft an der Sen­dung des Hei­li­gen Stuh­les und am Ein­satz der katho­li­schen Kir­che in Ihren jewei­li­gen Län­dern. In die­sem Zusam­men­hang ist auch die Ver­trags­tä­tig­keit des Hei­li­gen Stuhls zu sehen, die im Febru­ar des ver­gan­ge­nen Jah­res zur Unter­zeich­nung der Rah­men­ver­ein­ba­rung mit der Repu­blik Kon­go geführt hat und im August zur Ver­ein­ba­rung zwi­schen dem Staats­se­kre­ta­ri­at und der Regie­rung der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on über die Rei­sen ohne Visum der Inha­ber diplo­ma­ti­scher Rei­se­päs­se.

In sei­ner Bezie­hung mit den zivi­len Auto­ri­tä­ten strebt der Hei­li­ge Stuhl nur danach, das geist­li­che und mate­ri­el­le Wohl der mensch­li­chen Per­son sowie das Gemein­wohl zu för­dern. Die apo­sto­li­schen Rei­sen, die ich im Lau­fe des ver­gan­ge­nen Jah­res nach Ägyp­ten, Por­tu­gal, Kolum­bi­en, Myan­mar und Ban­gla­desch unter­nom­men habe, waren Aus­druck die­ses Anlie­gens. Anläss­lich der Hun­dert­jahr­fei­er der Erschei­nun­gen der Mut­ter­got­tes von Fati­ma habe ich mich als Pil­ger nach Por­tu­gal bege­ben, um die Hei­lig­spre­chung der Hir­ten­kin­der Jacin­ta und Fran­cis­co Mar­to abzu­hal­ten. Dort konn­te ich den Glau­ben voll Begei­ste­rung und Freu­de erle­ben, den die Jung­frau Maria in den vie­len zu die­sem Anlass zusam­men­ge­kom­me­nen Pil­gern erweckt hat. Auch in Ägyp­ten, Myan­mar und Ban­gla­desch konn­te ich den ört­li­chen christ­li­chen Gemein­schaf­ten begeg­nen, die – obgleich zah­len­mä­ßig sehr klein – auf­grund ihres Bei­trags geschätzt wer­den, den sie für die Ent­wick­lung und das zivi­le Zusam­men­le­ben der jewei­li­gen Län­der lei­sten. Auch Tref­fen mit den Ver­tre­tern ande­rer Reli­gio­nen haben nicht gefehlt, was bezeugt, wie die jewei­li­gen Beson­der­hei­ten nicht ein Hin­der­nis für den Dia­log sind, son­dern der Lebens­saft, der das gemein­sa­me Stre­ben nährt, die Wahr­heit zu erken­nen und die Gerech­tig­keit zu üben. In Kolum­bi­en habe ich schließ­lich die Bemü­hun­gen und den Mut die­ses gelieb­ten Vol­kes gelobt, das nach über einem hal­ben Jahr­hun­dert des inne­ren Kon­flikts von einer gro­ßen Sehn­sucht nach Frie­den durch­drun­gen ist.

Liebe Botschafter,

die­ses Jahr ist der hun­dert­ste Jah­res­tag des Endes des Ersten Welt­kriegs, eines Kon­flikts, der das Ange­sicht Euro­pas und der gan­zen Welt mit dem Ent­ste­hen neu­er Staa­ten an der Stel­le der alten Rei­che neu gezeich­net hat. Aus dem Trüm­mer­hau­fen des Welt­kriegs kann man zwei Mah­nun­gen zie­hen, die die Mensch­heit lei­der nicht unmit­tel­bar ver­stand, so dass nach zwan­zig Jah­ren zu einem neu­en Kon­flikt kam, der noch zer­stö­re­ri­scher als der vor­he­ri­ge sein soll­te. Die erste Mah­nung ist, dass Sie­gen nie­mals bedeu­tet, den bezwun­ge­nen Geg­ner zu demü­ti­gen. Der Frie­de wird nicht als Macht­be­stä­ti­gung des Sie­gers über den Besieg­ten auf­ge­baut. Es ist nicht das Gesetz der Angst, das von künf­ti­gen Angrif­fen abhält, son­dern viel­mehr die Kraft der ruhi­gen Ver­nünf­tig­keit, die zum Dia­log anregt und zum gegen­sei­ti­gen Ver­ständ­nis, um die Kon­tra­ste zu versöhnen((Vgl. Johan­nes XXIII., Enzy­kli­ka Pacem in ter­ris (11. April 1963), 67. )). Dar­aus lei­tet sich die zwei­te Mah­nung ab: Der Frie­de wird gefe­stigt, wenn sich die Natio­nen in einem Kli­ma der Gleich­heit gegen­über­tre­ten kön­nen. Der dama­li­ge US-ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Tho­mas Woo­d­row Wil­son erkann­te dies – genau wie heu­te – vor einem Jahr­hun­dert, als er die Ein­rich­tung eines all­ge­mei­nen Bun­des der Natio­nen vor­schlug, der zum Ziel haben soll­te, für alle Staa­ten, egal ob groß oder klein, gegen­sei­ti­ge Garan­tien für Unab­hän­gig­keit und ter­ri­to­ria­le Inte­gri­tät zu errei­chen. Es wur­den so die ideel­len Grund­la­gen jener mul­ti­la­te­ra­len Diplo­ma­tie gelegt, die im Lau­fe der Jah­re eine wach­sen­de Rol­le gespielt hat und zuneh­mend Ein­fluss auf die gesam­te inter­na­tio­na­le Gemein­schaft gewon­nen hat.

Auch die Bezie­hun­gen unter den Natio­nen wer­den – so wie die zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen – »von der Norm der Wahr­heit, der Gerech­tig­keit, der tat­kräf­ti­gen Soli­da­ri­tät und der Frei­heit bestimmt«((Ebd., 47.)). Dies bringt das Prin­zip mit sich, »dass alle Staa­ten, was ihre natür­li­che Wür­de angeht, unter­ein­an­der gleich­ge­stellt sind«((Ebd., 49.)), wie auch die Aner­ken­nung der bei­der­sei­ti­gen Rech­te ver­bun­den mit den jewei­li­gen Pflichten((Vgl. ebd., 51.)). Grund­le­gen­de Vor­aus­set­zung die­ser Hal­tung ist die Beja­hung der Wür­de jeder mensch­li­chen Per­son; deren Ver­ach­tung oder Nicht­an­er­ken­nung führt zu Akten der Bar­ba­rei, die das Gewis­sen der Mensch­heit mit Empö­rung erfüllen((Vgl. All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te (10. Dezem­ber 1948), Prä­am­bel.)). Ande­rer­seits bil­det »die Aner­ken­nung der ange­bo­re­nen Wür­de und der glei­chen und unver­äu­ßer­li­chen Rech­te aller Mit­glie­der der Gemein­schaft der Men­schen die Grund­la­ge von Frei­heit, Gerech­tig­keit und Frie­den in der Welt«((Ebd.)), wie die All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te unter­streicht.

Unser heu­ti­ges Tref­fen möch­te ich die­sem wich­ti­gen Doku­ment wid­men, das vor sieb­zig Jah­ren von die Gene­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen am 10. Dezem­ber 1948 ange­nom­men wur­de. Von den Men­schen­rech­ten zu spre­chen bedeu­tet näm­lich für den Hei­li­gen Stuhl vor allem, immer wie­der auf die zen­tra­le Stel­lung der Wür­de des Men­schen, der von Gott gewollt und als sein Abbild ihm ähn­lich geschaf­fen ist, hin­zu­wei­sen. Wenn der Herr Jesus Chri­stus Aus­sät­zi­ge heil­te, Blin­de sehend mach­te, mit Zöll­nern ver­kehr­te, das Leben der Ehe­bre­che­rin ver­schon­te und dazu ein­lud, den ver­wun­de­ten Rei­sen­den zu pfle­gen, hat er damit selbst zu ver­ste­hen gege­ben, dass jeder Mensch unab­hän­gig von sei­ner kör­per­li­chen, gei­sti­gen und gesell­schaft­li­chen Lage Respekt und Beach­tung ver­dient. Aus christ­li­cher Sicht besteht also eine bedeu­ten­de Bezie­hung zwi­schen der Bot­schaft des Evan­ge­li­ums und der Aner­ken­nung der Men­schen­rech­te gemäß dem Geist der Ver­fas­ser der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te.

Die­se Rech­te zie­hen ihre Vor­aus­set­zung aus der Natur, die das Men­schen­ge­schlecht objek­tiv ver­eint. Sie sind for­mu­liert wor­den, um die Mau­ern nie­der­zu­rei­ßen, wel­che die Mensch­heits­fa­mi­lie tren­nen, und das zu för­dern, was die Sozi­al­leh­re der Kir­che ganz­heit­li­che mensch­li­che Ent­wick­lung nennt, da sie »jeden Men­schen und den gan­zen Men­schen im Auge hat […] bis hin zur gesam­ten Menschheit«((Paul VI., Enzy­kli­ka Populo­rum pro­gres­sio (26. März 1967), 14.)). Eine reduk­tio­ni­sti­sche Sicht der mensch­li­chen Per­son öff­net hin­ge­gen den Weg für die Ver­brei­tung von Unge­rech­tig­keit, sozia­ler Ungleich­heit und Kor­rup­ti­on.

Wir müs­sen jedoch fest­stel­len, dass im Lau­fe der Zeit, vor allem im Anschluss an die sozia­len Unru­hen der 68er-Jah­re die Inter­pre­ta­ti­on eini­ger Rech­te fort­schrei­tend der­art abge­än­dert wur­de, dass die­se eine Viel­zahl „neu­er Rech­te“ ein­schließt, die oft im Wider­spruch zuein­an­der ste­hen. Dies hat nicht immer die För­de­rung von freund­schaft­li­chen Bezie­hun­gen zwi­schen den Natio­nen begünstigt((Vgl. All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te, Prä­am­bel.)), weil strit­ti­ge Auf­fas­sun­gen der Men­schen­rech­te ent­stan­den sind, die zu der Kul­tur vie­ler Län­der im Gegen­satz ste­hen. Die­se füh­len sich in ihren gesell­schaft­lich-kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen nicht respek­tiert, son­dern ange­sichts der real zu bewäl­ti­gen­den Erfor­der­nis­se allein­ge­las­sen. Es kann des­halb die auf gewis­se Wei­se para­do­xe Gefahr bestehen, dass im Namen der Men­schen­rech­te moder­ne For­men von ideo­lo­gi­scher Kolo­ni­sie­rung der Star­ken und Rei­chen zum Scha­den der Armen und Schwa­chen ent­ste­hen. Zugleich ist es ange­bracht, sich vor Augen zu hal­ten, dass die Tra­di­tio­nen ein­zel­ner Völ­ker nicht als Vor­wand benutzt wer­den dür­fen, um die gebüh­ren­de Beach­tung der von der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te for­mu­lier­ten Grund­rech­te zu unter­las­sen.

Sieb­zig Jah­re spä­ter schmerzt es fest­zu­stel­len, wie vie­le Grund­rech­te noch heu­te ver­letzt wer­den – als erstes vor allen ande­ren das Recht auf Leben, auf Frei­heit und Unan­tast­bar­keit jeder mensch­li­chen Person((Vgl. ebd., Art. 3.)). Nicht nur Krieg oder Gewalt ver­let­zen sie. In unse­rer Zeit gibt es sub­ti­le­re For­men: Ich den­ke vor allem an die unschul­di­gen Kin­der, die noch vor ihrer Geburt „weg­ge­wor­fen“ wer­den; man will sie zuwei­len nicht, nur weil sie krank oder miss­ge­bil­det sind oder auf­grund des Ego­is­mus der Erwach­se­nen. Ich den­ke an die alten Men­schen, die oft­mals eben­so „weg­ge­wor­fen“ wer­den, vor allem wenn sie krank sind und als Last betrach­tet wer­den. Ich den­ke an die Frau­en, die oft Gewalt und Unter­drückung auch im Kreis ihrer eige­nen Fami­li­en erlei­den müs­sen. Ich den­ke dann an die Opfer des Men­schen­han­dels, der das Ver­bot jeder Form von Skla­ve­rei ver­letzt. Wie vie­le Men­schen, ins­be­son­de­re auf der Flucht vor Armut und Krieg, wer­den zum Gegen­stand die­ses von skru­pel­lo­sen Leu­ten betrie­be­nen schmut­zi­gen Han­dels?

Das Recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit zu ver­tei­di­gen bedeu­tet auch, das Recht auf die Gesund­heit der Per­son und ihrer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen zu schüt­zen. Heu­te besitzt die­ses Recht Impli­ka­tio­nen, die die ursprüng­li­che Absicht der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te über­schrei­ten, die dar­auf abziel­te, das Recht eines jeden auf die not­wen­di­gen medi­zi­ni­schen Behand­lun­gen und sozia­len Dienst­lei­stun­gen zu gewährleisten((Vgl. ebd., Art. 25.)). In die­ser Hin­sicht hof­fe ich, dass man sich in den inter­na­tio­nal zustän­di­gen Platt­for­men dafür ein­setzt, dass vor allem ein ein­fa­cher Zugang zu den Behand­lun­gen und Gesund­heits­dien­sten für alle geför­dert wird. Es ist wich­tig, die Bemü­hun­gen für eine Poli­tik zu bün­deln, wel­che die Bereit­stel­lung von über­le­bens­not­wen­di­gen Medi­ka­men­ten für Not­lei­den­de zu erschwing­li­chen Prei­sen gewähr­lei­stet. Dabei darf jedoch nicht die For­schung und Wei­ter­ent­wick­lung von Behand­lun­gen ver­nach­läs­sigt wer­den, die, auch wenn sie für den Markt wirt­schaft­lich gese­hen unbe­deu­tend sind, für die Ret­tung von mensch­li­chem Leben aber ent­schei­dend sind.

Das Recht auf Leben zu ver­tei­di­gen bedeu­tet auch, sich aktiv für den Frie­den ein­zu­set­zen, der all­ge­mein als einer der höch­sten und wich­tig­sten Wer­te ange­se­hen wird, den es zu wah­ren gilt. Und den­noch stecken schwer­wie­gen­de loka­le Kon­flik­te ver­schie­de­ne Regio­nen der Welt in Brand. Die gemein­sa­men Bemü­hun­gen der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft, der huma­ni­tä­re Ein­satz von inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen und die unab­läs­si­gen Rufe nach Frie­den aus den blut­ge­tränk­ten Kampf­ge­bie­ten schei­nen ange­sichts der schreck­li­chen Logik des Krie­ges immer wir­kungs­lo­ser zu blei­ben. Die­ses Sze­na­rio darf unse­ren Wunsch nach Frie­den und unse­re Bemü­hun­gen dafür nicht schwä­chen, denn wir wis­sen, dass ohne ihn die ganz­heit­li­che Ent­wick­lung des Men­schen nicht zu errei­chen ist.

Die voll­stän­di­ge Abrü­stung und die ganz­heit­li­che Ent­wick­lung ste­hen in einer engen Wech­sel­be­zie­hung. Die Suche nach Frie­den als Vor­aus­set­zung für Ent­wick­lung schließt wie­der­um mit ein, Unge­rech­tig­keit zu bekämp­fen und gewalt­los die Kon­flikt­grün­de aus­zu­mer­zen, die zu Krie­gen füh­ren. Die Ver­brei­tung von Waf­fen ver­schlim­mert dage­gen ein­deu­tig die Kon­flikt­si­tua­tio­nen und ver­ur­sacht enor­me Kosten auf mensch­li­cher und mate­ri­el­ler Ebe­ne, die dann die Ent­wick­lung und die Suche nach einem dau­er­haf­ten Frie­den bedro­hen. Ein histo­ri­sche Ergeb­nis wur­de letz­tes Jahr mit der Annah­me des Atom­waf­fen­ver­bots­ver­trags am Ende der Kon­fe­renz der Ver­ein­ten Natio­nen zur Ver­hand­lung eines recht­lich bin­den­den Instru­ments für das Ver­bot von Atom­waf­fen erreicht. Es zeigt, wie die Sehn­sucht nach Frie­den stets leben­dig ist. Die För­de­rung einer Frie­dens­kul­tur für eine ganz­heit­li­che Ent­wick­lung erfor­dert beharr­li­che Bemü­hun­gen im Hin­blick auf die Abrü­stung und die Begren­zung des Ein­sat­zes von Waf­fen­ge­walt bei der Lösung inter­na­tio­na­ler Ange­le­gen­hei­ten. Ich möch­te daher eine ruhi­ge und mög­lichst breit ange­leg­te Debat­te über das The­ma anre­gen, wel­che Pola­ri­sie­run­gen der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft bezüg­lich einer so emp­find­li­chen Fra­ge ver­mei­det. Jedes auch noch so gerin­ge Bemü­hen in die­se Rich­tung stellt schon einen wich­ti­gen Erfolg für die Mensch­heit dar.

Der Hei­li­ge Stuhl sei­ner­seits hat – auch im Namen und sei­tens des Staa­tes der Vati­kan­stadt – den Atom­waf­fen­ver­bots­ver­trag unter­zeich­net und rati­fi­ziert, gemäß der vom hei­li­gen Johan­nes XXIII. in Pacem in ter­ris for­mu­lier­ten Sicht­wei­se, nach der »Gerech­tig­keit, gesun­de Ver­nunft und Rück­sicht auf die Men­schen­wür­de drin­gend [for­dern], dass der all­ge­mei­ne Rüstungs­wett­lauf auf­hört; dass fer­ner die in ver­schie­de­nen Staa­ten bereits zur Ver­fü­gung ste­hen­den Waf­fen auf bei­den Sei­ten und gleich­zei­tig ver­min­dert wer­den; dass Atom­waf­fen ver­bo­ten wer­den«(( Pacem in ter­ris, 60.)). Wenn es in der Tat »auch kaum glaub­lich ist, dass es Men­schen gibt, die es wagen möch­ten, die Ver­ant­wor­tung für die Ver­nich­tung und das Leid auf sich zu neh­men, die ein Krieg im Gefol­ge hat, so kann man doch nicht leug­nen, dass unver­se­hens und uner­war­tet ein Kriegs­brand ent­ste­hen kann«((Ebd.)).

Der Hei­li­ge Stuhl bekräf­tigt daher die feste Über­zeu­gung, »dass die Strei­tig­kei­ten, die unter Umstän­den zwi­schen den Völ­kern ent­ste­hen, nicht durch Waf­fen­ge­walt, son­dern durch Ver­trä­ge und Ver­hand­lun­gen bei­zu­le­gen sind«((Ebd., 67.)). Ande­rer­seits kann ich ange­sichts der bestän­di­gen Her­stel­lung von immer fort­schritt­li­che­ren und „ver­bes­ser­ten“ Waf­fen und des Andau­erns zahl­rei­cher Kon­flikt­her­de – was ich mehr­fach „drit­ter Welt­krieg in Stücken“ genannt habe – die Wor­te mei­nes hei­li­gen Vor­gän­gers nur mit Nach­druck wie­der­ho­len: »Dar­um wider­strebt es in unse­rem Zeit­al­ter, das sich rühmt, Atom­zeit­al­ter zu sein, der Ver­nunft, den Krieg noch als das geeig­ne­te Mit­tel zur Wie­der­her­stel­lung ver­letz­ter Rech­te zu betrach­ten. […] Trotz allem ist zu hof­fen, die Völ­ker wer­den durch freund­schaft­li­che wech­sel­sei­ti­ge Bezie­hun­gen und Ver­hand­lun­gen die Ban­de der mensch­li­chen Natur bes­ser aner­ken­nen, durch die sie anein­an­der­ge­knüpft sind; sie wer­den fer­ner deut­li­cher ein­se­hen, dass es zu den haupt­säch­li­chen Pflich­ten der mensch­li­chen Natur gehört, dar­auf hin­zu­wir­ken, dass die Bezie­hun­gen zwi­schen den ein­zel­nen Men­schen und den Völ­kern nicht der Furcht, son­dern der Lie­be gehor­chen sol­len, denn der Lie­be ist es vor allem eigen, die Men­schen zu jener auf­rich­ti­gen, äuße­ren und inne­ren Ver­bun­den­heit zu füh­ren, aus der für sie so viel Gutes her­vor­zu­sprie­ßen ver­mag.«((Ebd.))

In die­ser Hin­sicht ist es von beson­de­rer Dring­lich­keit, jeden Ver­such des Dia­logs auf der korea­ni­schen Halb­in­sel zu unter­stüt­zen, um neue Wege zur Über­win­dung der aktu­el­len Gegen­sät­ze zu fin­den, das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en zu stär­ken und dem korea­ni­schen Volk und der gan­zen Welt eine Zukunft des Frie­dens zu sichern.

Eben­so wich­tig ist es, dass die ver­schie­de­nen lau­fen­den Frie­dens­in­itia­ti­ven für Syri­en in einem kon­struk­ti­ven Kli­ma gestärk­ten Ver­trau­ens unter den Kon­tra­hen­ten fort­ge­setzt wer­den kön­nen, um dem lan­gen Kon­flikt end­lich ein Ende zu set­zen, der das Land in Mit­lei­den­schaft gezo­gen hat und ent­setz­li­che Lei­den ver­ur­sacht hat. Es ist der all­ge­mei­ne Wunsch, dass nach so viel Zer­stö­rung die Zeit des Wie­der­auf­baus gekom­men ist. Aber noch mehr als Gebäu­de ist es not­wen­dig, die Her­zen wie­der auf­zu­bau­en und das Netz des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens neu zu knüp­fen, das für das Flo­rie­ren einer jeg­li­chen Gesell­schaft eine unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung dar­stellt. Man muss sich also dar­um bemü­hen, die recht­li­chen und poli­ti­schen Bedin­gun­gen wie auch die Sicher­heits­la­ge zu för­dern, damit das gesell­schaft­li­chen Leben wie­der­auf­ge­nom­men wird, in dem jeder Bür­ger unab­hän­gig von sei­ner Volks- oder Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit an der Ent­wick­lung des Lan­des teil­neh­men kann. In die­sem Sin­ne ist es lebens­not­wen­dig, dass die reli­giö­sen Min­der­hei­ten geschützt wer­den; dar­un­ter sind die Chri­sten, die seit Jahr­hun­der­ten aktiv zur Geschich­te Syri­ens bei­tra­gen.

Es ist eben­so von Bedeu­tung, dass die zahl­rei­chen Flücht­lin­ge, die in den Nach­bar­län­dern – vor allem in Jor­da­ni­en, im Liba­non und in der Tür­kei – Auf­nah­me und Zuflucht gefun­den haben, in ihre Hei­mat zurück­keh­ren kön­nen. Der Ein­satz die­ser Län­der und ihre Anstren­gun­gen in die­ser schwie­ri­gen Situa­ti­on ver­die­nen die Aner­ken­nung und die Unter­stüt­zung der gan­zen inter­na­tio­na­len Gemein­schaft. Die­se ist zugleich auf­ge­ru­fen, sich dar­um zu bemü­hen, die Vor­aus­set­zun­gen für die Heim­kehr der aus Syri­en stam­men­den Flücht­lin­ge zu schaf­fen. Die­se Ver­pflich­tung muss sie kon­kret auf sich neh­men, begin­nend vom Liba­non, damit die­ses wer­te Land wei­ter­hin eine „Bot­schaft“ des Respekts und des Zusam­men­le­bens bleibt wie auch ein für die gesam­te Regi­on und die gan­ze Welt nach­zu­ah­men­des Bei­spiel.

Der Wil­le zum Dia­log ist auch im geschätz­ten Irak von­nö­ten, damit sei­ne ver­schie­de­nen Volks­grup­pen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten den Weg der Ver­söh­nung und des fried­li­chen Zusam­men­le­bens und der Zusam­men­ar­beit wie­der­fin­den kön­nen, des­glei­chen im Jemen und in ande­ren Tei­len der Regi­on sowie in Afgha­ni­stan.

Im Anschluss an die Span­nun­gen der letz­ten Wochen den­ke ich beson­ders an die Israe­li und Palä­sti­nen­ser. Der Hei­li­ge Stuhl bekun­det sei­ne Trau­er um alle, die in den kürz­lich statt­ge­fun­de­nen Gefech­ten ihr Leben ver­lo­ren haben. Indes­sen erneu­ert er sei­nen ein­dring­li­chen Auf­ruf, jede Initia­ti­ve zu erwä­gen, um eine Zuspit­zung der Gegen­sät­ze zu ver­mei­den, und lädt dazu ein, die gemein­sa­me Ver­pflich­tung zur Ach­tung des Sta­tus quo von Jeru­sa­lem, der Chri­sten, Juden und Mos­lems hei­li­gen Stadt, in Über­ein­stim­mung mit den ent­spre­chen­den Reso­lu­tio­nen der Ver­ein­ten Natio­nen ein­zu­hal­ten. Sieb­zig Jah­re Aus­ein­an­der­set­zun­gen machen es drin­gen­der denn je, eine poli­ti­sche Lösung zu fin­den, die es ermög­licht, dass in der Regi­on zwei unab­hän­gi­ge Staa­ten inner­halb von inter­na­tio­nal aner­kann­ten Gren­zen bestehen. Selbst unter Schwie­rig­kei­ten bleibt der Wil­le zum Dia­log und zur Wie­der­auf­nah­me der Ver­hand­lun­gen der Königs­weg, um end­lich zu einer fried­li­chen Koexi­stenz der bei­den Völ­ker zu gelan­gen.

Auch in den inner­staat­li­chen Berei­chen sind Offen­heit und Bereit­schaft zur Begeg­nung wesent­lich. Ich den­ke vor allem an das geschätz­te Vene­zue­la, das eine immer dra­ma­ti­sche­re und noch nie dage­we­se­ne poli­ti­sche und huma­ni­tä­re Kri­se durch­macht. Wäh­rend der Hei­li­ge Stuhl dazu auf­for­dert, unver­züg­lich die drin­gend­sten Bedürf­nis­se der Bevöl­ke­rung abzu­decken, hofft er, dass die Vor­aus­set­zun­gen dafür geschaf­fen wer­den, damit die für die­ses Jahr geplan­ten Wah­len zu einer Lösung der bestehen­den Kon­flik­te füh­ren kön­nen. Möge man so mit wie­der­erlang­ter Gelas­sen­heit in die Zukunft blicken kön­nen.

Die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft darf auch das Leid in vie­len Tei­len Afri­kas nicht ver­ges­sen, beson­ders im Süd­su­dan, in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go, in Soma­lia, in Niger und in der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Repu­blik, wo das Recht auf Leben von einer wahl­lo­sen Aus­beu­tung der Roh­stof­fe, von Ter­ro­ris­mus und von dem Anwach­sen bewaff­ne­ter Grup­pie­run­gen sowie von andau­ern­den Kon­flik­ten bedroht ist. Es genügt nicht, sich über so viel Gewalt zu ent­rü­sten. Statt­des­sen muss jeder in sei­ner eige­nen Umge­bung bemüht sein, die Ursa­chen von Armut zu besei­ti­gen und Brücken der Brü­der­lich­keit zu bau­en, die eine Grund­vor­aus­set­zung für einen wahr­haft mensch­li­chen Fort­schritt sind.

Auch in der Ukrai­ne muss man sich gemein­sam dar­um bemü­hen, die Brücken wie­der auf­zu­bau­en. Im soeben zu Ende gegan­ge­nen Jahr hat der Kon­flikt, der das Land heim­sucht, zahl­rei­che neue Opfer gefor­dert und der Bevöl­ke­rung gro­ßes Leid zuge­fügt, vor allem den Fami­li­en, die in den Kriegs­ge­bie­ten woh­nen und Ange­hö­ri­ge, dar­un­ter oft Kin­der und Alte, ver­lo­ren haben.

Gera­de über die Fami­lie will ich beson­ders spre­chen. Das Recht, eine Fami­lie zu grün­den – sie ist »die natür­li­che Grund­ein­heit der Gesell­schaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesell­schaft und Staat«((All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te, Art. 16.)) –, ist denn auch von der Erklä­rung von 1948 aner­kannt. Lei­der wis­sen wir, dass die Fami­lie beson­ders im Westen als eine ver­al­te­te Insti­tu­ti­on betrach­tet wird. Der Sta­bi­li­tät eines end­gül­ti­gen Pro­jek­tes zieht man heu­te flüch­ti­ge Bin­dun­gen vor. Aber ein Haus, das auf brü­chi­ge und unbe­stän­di­ge Bin­dun­gen gebaut wird, ist wacke­lig. Man braucht dazu einen Fel­sen, in den man feste Grund­mau­ern ver­an­kern kann. Die­ser Fel­sen ist die Gemein­schaft der treu­en und unauf­lös­li­chen Lie­be, die Mann und Frau eint. Eine Gemein­schaft von schlich­ter, ein­fa­cher Schön­heit mit hei­li­gem und unzer­stör­ba­ren Cha­rak­ter und mit einer natur­ge­ge­be­nen Auf­ga­be für die Gesellschaftsordnung((Vgl. Paul VI., Anspra­che beim Besuch der Ver­kün­di­gungs­ba­si­li­ka in Naza­reth (5. Janu­ar 1964).)). Ich hal­te es des­halb für dring­lich, wirk­li­che poli­ti­sche För­der­maß­nah­men zugun­sten der Fami­lie, von der unter ande­rem die Zukunft und der Fort­schritt der Staa­ten abhängt, zu ergrei­fen. Ohne die Fami­lie wird es kei­ne Gesell­schaft geben, die den Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft gewach­sen ist. Die Ver­nach­läs­si­gung der Fami­lie hat eine wei­te­re dra­ma­ti­sche Kon­se­quenz, die in eini­gen Gegen­den beson­ders aus­ge­prägt ist: das Sin­ken der Gebur­ten­ra­ten. Wir leben in einem wah­ren demo­gra­phi­schen Win­ter! Das ist das Kenn­zei­chen einer Gesell­schaft, die die Her­aus­for­de­run­gen der Gegen­wart nur mit Mühe angeht und des­halb immer mehr die Zukunft fürch­tet und sich dann in sich selbst ver­schließt.

Gleich­zei­tig dür­fen wir die Fami­li­en nicht ver­ges­sen, die auf­grund von Armut, Krieg und Migra­ti­on zer­ris­sen sind. Viel zu häu­fig sehen wir das Dra­ma von Kin­dern, die allei­ne die Gren­zen von Süd nach Nord über­schrei­ten, oft als Opfer des Men­schen­han­dels.

Heu­te wird viel über Flücht­lin­ge und Migra­ti­on gespro­chen, manch­mal nur, um alt­ein­ge­ses­se­ne Äng­ste zu schü­ren. Wir dür­fen nicht ver­ges­sen, dass es immer schon Migra­tio­nen gege­ben hat. In der jüdisch-christ­li­chen Tra­di­ti­on ist die Heils­ge­schich­te wesent­lich eine Geschich­te von Wan­de­run­gen. Außer­dem gehört die Bewe­gungs­frei­heit, also auch die Frei­heit, das eige­ne Land zu ver­las­sen und wie­der zurück­zu­keh­ren, zu den Grund­rech­ten des Menschen((Vgl. All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te, Art. 13.)). Wir müs­sen dar­um auf eine fal­sche Rhe­to­rik auf die­sem Gebiet ver­zich­ten und von der grund­lie­gen­den Tat­sa­che aus­ge­hen, dass es sich hier vor allem um Men­schen han­delt.

Das woll­te ich in mei­ner Bot­schaft zum Welt­frie­dens­tag am ver­gan­ge­nen 1. Janu­ar unter dem Titel „Migran­ten und Flücht­lin­ge: Men­schen auf der Suche nach Frie­den“ unter­strei­chen. Auch wenn man zuge­ste­hen muss, dass nicht immer alle von den besten Absich­ten gelei­tet wer­den, darf man nicht ver­ges­sen, dass der Groß­teil der Migran­ten lie­ber im eige­nen Land blei­ben wür­de. Sie sind jedoch »auf­grund von Dis­kri­mi­nie­rung, Ver­fol­gung, Armut und Umwelt­zer­stö­rung gezwun­gen […] ihr Land zu ver­las­sen. […] Die Auf­nah­me des Ande­ren erfor­dert kon­kre­tes Enga­ge­ment, eine Ket­te von Unter­stüt­zung und Wohl­wol­len, eine wache und ver­ständ­nis­vol­le Auf­merk­sam­keit. Eben­so ver­langt sie einen ver­ant­wort­li­chen Umgang mit neu­en kom­ple­xen Situa­tio­nen, die manch­mal zu den zahl­rei­chen bereits bestehen­den Pro­ble­men hin­zu­kom­men, und mit den Res­sour­cen, die stets begrenzt sind. Wenn die Regie­ren­den mit Beson­nen­heit vor­ge­hen, sind sie imstan­de, prak­ti­sche Maß­nah­men zu ergrei­fen, um auf­zu­neh­men, zu för­dern, zu schüt­zen und zu inte­grie­ren, und auf die­se Wei­se, „soweit es das wah­re Wohl ihrer Gemein­schaft zulässt, dem Vor­ha­ben derer ent­ge­gen­zu­kom­men, die sich einer neu­en Gemein­schaft anschlie­ßen wol­len“ (Pacem in ter­ris, 57). Sie haben eine kla­re Ver­ant­wor­tung gegen­über der Bevöl­ke­rung in ihren Län­dern, deren ordent­li­che Rech­te und har­mo­ni­sche Ent­wick­lung sie gewähr­lei­sten müs­sen, damit sie nicht wie der törich­te Bau­herr erschei­nen, der fal­sche Berech­nun­gen ange­stellt hat und nicht in der Lage war, den Turm fer­tig­zu­stel­len, des­sen Bau er begon­nen hat­te (Vgl. Lk 14, 28–30).«((Franziskus, Bot­schaft zur Fei­er des 51. Welt­frie­dens­ta­ges 2018 (13. Novem­ber 2017), 1.))

Ich möch­te noch­mals den Ver­ant­wort­li­chen jener Staa­ten dan­ken, die sich in die­sen Jah­ren bemüht haben, den zahl­rei­chen Flücht­lin­gen an ihren Gren­zen Unter­stüt­zung zu gewäh­ren. Ich den­ke vor allem an nicht weni­ge Län­der in Asi­en, Afri­ka und in Ame­ri­ka, die vie­le Men­schen auf­neh­men und unter­stüt­zen. In leben­di­ger Erin­ne­rung habe ich die Begeg­nung mit eini­gen Ange­hö­ri­gen des Vol­kes der Roh­in­gya in Dak­ka. Ich möch­te noch ein­mal den Auto­ri­tä­ten von Ban­gla­desch für ihre Hilfs­lei­stun­gen auf ihrem Gebiet dan­ken.

Fer­ner möch­te ich Ita­li­en beson­de­ren Dank aus­spre­chen, das in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein offe­nes und groß­mü­ti­ges Herz gezeigt hat und auch posi­ti­ve Bei­spie­le von Inte­gra­ti­on auf­zei­gen konn­te. Mein Wunsch ist, dass die Schwie­rig­kei­ten des Lan­des in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, des­sen Fol­gen noch andau­ern, nicht zur Abschot­tung oder zur Aus­schlie­ßung füh­ren mögen, son­dern viel­mehr zu einer Wie­der­ent­deckung der Wur­zeln und Tra­di­tio­nen, wel­che die rei­che Geschich­te der Nati­on gespeist haben und von unschätz­ba­rem Wert für die gan­ze Welt sind. Eben­so dan­ke ich wei­te­ren euro­päi­schen Staa­ten für ihren Ein­satz, beson­ders Grie­chen­land und Deutsch­land. Wir dür­fen nicht ver­ges­sen, dass vie­le Flücht­lin­ge und Migran­ten nach Euro­pa wol­len, weil sie wis­sen, dass sie dort Frie­den und Sicher­heit fin­den kön­nen. Frie­den und Sicher­heit sind übri­gens die Früch­te eines lan­gen Weges, der mit den Idea­len der Grün­der­vä­ter des euro­päi­schen Pro­jek­tes nach dem Zwei­ten Welt­krieg sei­nen Anfang genom­men hat. Euro­pa muss auf die­ses Erbe stolz sein, das auf bestimm­ten Prin­zi­pi­en und einer Sicht des Men­schen grün­det, das von sei­ner zwei­tau­send­jäh­ri­gen, von der christ­li­chen Auf­fas­sung der mensch­li­chen Per­son inspi­rier­ten Geschich­te her­rührt. Die Ankunft der Flücht­lin­ge soll­te Euro­pa dazu anspor­nen, das eige­ne kul­tu­rel­le und reli­giö­se Erbe wie­der­zu­ent­decken. Wenn es sich der Wer­te bewusst wird, auf die es erbaut wur­de, dann mag es sowohl die eige­nen Tra­di­tio­nen wach­hal­ten als auch wei­ter­hin ein gast­freund­li­cher Ort sein, der Frie­den und Ent­wick­lung ver­spricht.

Im ver­gan­ge­nen Jahr haben sich Regie­run­gen, inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen und die Zivil­ge­sell­schaft gegen­sei­tig bera­ten bezüg­lich der Grund­prin­zi­pi­en, der Prio­ri­tä­ten und der geeig­ne­ten Maß­nah­men ange­sichts der Migra­ti­ons­strö­me und der anhal­ten­den Lage der Flücht­lin­ge. Im Anschluss an die Erklä­rung von New York zu Flücht­lin­gen und Migran­ten 2016 haben die Ver­ein­ten Natio­nen wich­ti­ge Vor­be­rei­tungs­pro­zes­se zur Umset­zung von zwei inter­na­tio­na­le Pak­te (Glo­bal Com­pacts) hin­sicht­lich der Flücht­lin­ge bzw. einer siche­ren, geord­ne­ten und gere­gel­ten Migra­ti­on in die Wege gelei­tet.

Der Hei­li­ge Stuhl hofft, dass die­se Initia­ti­ven mit den bald begin­nen­den Ver­hand­lun­gen die Früch­te brin­gen mögen, die einer immer stär­ker mit­ein­an­der ver­floch­te­nen Welt­ge­mein­schaft, die auf dem Prin­zip der Soli­da­ri­tät und gegen­sei­ti­gen Hil­fe grün­det, ent­spre­chen. Im heu­ti­gen inter­na­tio­na­len Kon­text feh­len weder die Mög­lich­kei­ten noch die Mit­tel, um jedem Mann und jeder Frau die­ser Erde die Lebens­be­din­gun­gen zu garan­tie­ren, die der Wür­de der mensch­li­chen Per­son ent­spre­chen.

In der Bot­schaft zum dies­jäh­ri­gen Welt­frie­dens­tag habe ich vier „Eck­pfei­ler“ für das Han­deln vor­ge­schla­gen: »auf­neh­men, schüt­zen, för­dern und inte­grie­ren«((Ebd., 4.)). Ich möch­te mich beson­ders mit dem letz­ten beschäf­ti­gen, bezüg­lich des­sen es ver­schie­de­ne gegen­sätz­li­chen Ein­stel­lun­gen gibt, die sich aus eben­so ver­schie­de­nen Bewer­tun­gen, Erfah­run­gen, Äng­sten und Über­zeu­gun­gen spei­sen. „Inte­gra­ti­on“ ist „ein zwei­sei­tig aus­ge­rich­te­ter Pro­zess“ mit gegen­sei­ti­gen Rech­ten und Pflich­ten. Wer jeman­den auf­nimmt, muss des­sen ganz­heit­li­che mensch­li­che Ent­wick­lung för­dern. Wer auf­ge­nom­men wird, muss sich den Regeln des Lan­des, das ihn beher­bergt, unbe­dingt anpas­sen und des­sen Iden­ti­täts­prin­zi­pi­en respek­tie­ren. Jeder Inte­gra­ti­ons­pro­zess muss ins Zen­trum der Nor­men, die die ver­schie­de­nen Aspek­te des poli­ti­schen und sozia­len Lebens betref­fen, immer den Schutz und die För­de­rung der Per­son stel­len, beson­ders wenn ihre Lage ver­letz­lich ist.

Der Hei­li­ge Stuhl wird nicht in Ent­schei­dun­gen ein­grei­fen, die den Staa­ten zuste­hen. Sie tra­gen näm­lich die erste Ver­ant­wor­tung zur Auf­nah­me, die sie im Licht der jewei­li­gen poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on und ihrer je eige­nen Auf­nah­me- und Inte­gra­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten wahr­neh­men. Den­noch fühlt sich der Hei­li­ge Stuhl ver­pflich­tet, auf die Prin­zi­pi­en Mensch­lich­keit und Brü­der­lich­keit „hin­zu­wei­sen“, denn die­se begrün­den jede Gesell­schaft, die sich durch Zusam­men­halt und Har­mo­nie aus­zeich­net. In die­ser Hin­sicht darf man die Zusam­men­ar­beit mit den Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten als Insti­tu­tio­nen wie auch auf der Ebe­ne der Ver­bän­de nicht ver­ges­sen, da sie eine wert­vol­le Rol­le spie­len kön­nen: zur Unter­stüt­zung der Betreu­ung und För­de­rung, im Bereich der sozia­len und kul­tu­rel­len Ver­mitt­lung sowie der Ver­söh­nung und Inte­gra­ti­on.

Zu den Men­schen­rech­ten, an die ich heu­te erin­nern will, gehört auch das Recht auf Gedanken‑, Gewis­sens- und Reli­gi­ons­frei­heit, wel­ches die Frei­heit ein­schließt, die Reli­gi­on zu wech­seln.((All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te, Art. 18.)) Bekannt­lich ist die Reli­gi­ons­frei­heit lei­der oft nicht gewähr­lei­stet und nicht sel­ten wird die Reli­gi­on zum Anlass genom­men, neue For­men von Extre­mis­mus ideo­lo­gisch zu recht­fer­ti­gen, oder zu einem Vor­wand, um sozi­al aus­zu­gren­zen, wenn nicht gar die Gläu­bi­gen in gewis­ser Form zu ver­fol­gen. Die Her­an­bil­dung einer inklu­si­ven Gesell­schaft benö­tigt als ihre Vor­aus­set­zung eine ganz­heit­li­che Betrach­tung der mensch­li­chen Per­son. Die­se wird sich wirk­lich ange­nom­men füh­len, wenn sie in allen Dimen­sio­nen ihrer Iden­ti­tät, auch ihrer reli­giö­sen, aner­kannt und akzep­tiert wird.

Schließ­lich möch­te ich die Wich­tig­keit des Rech­tes auf Arbeit wie­der in Erin­ne­rung rufen. Es gibt weder Frie­den noch Ent­wick­lung, wenn der Mensch dar­an gehin­dert wird, per­sön­lich mit sei­ner eige­nen Arbeit zum Gemein­wohl bei­zu­tra­gen. Es ist schmerz­lich zu sehen, wie in vie­len Tei­len der Welt die Arbeit ein sel­te­nes Gut ist. Mit­un­ter gibt es – gera­de für die Jugend­li­chen – gerin­ge Mög­lich­kei­ten, Arbeit zu fin­den. Oft ist es ein­fach, sie zu ver­lie­ren, und zwar nicht nur wegen der Aus­wir­kun­gen wech­seln­der Wirt­schafts­zy­klen, son­dern auch wegen des zuneh­men­den Ein­sat­zes von immer per­fek­te­ren und genaue­ren Tech­no­lo­gien und Maschi­nen, die in der Lage sind, den Men­schen zu erset­zen. Wenn man also einer­seits eine unge­rech­te Ver­tei­lung der Arbeits­mög­lich­kei­ten fest­stel­len kann, ist ande­rer­seits die Ten­denz vor­han­den, von den Werk­tä­ti­gen immer drücken­de­re Arbeits­rhyth­men zu ver­lan­gen. Die von der Glo­ba­li­sie­rung dik­tier­te For­de­rung nach Pro­fit hat zu einer schritt­wei­sen Redu­zie­rung der Ruhe­zei­ten und ‑tage geführt. Damit haben wir eine grund­le­gen­de Dimen­si­on des Lebens ver­lo­ren, näm­lich die Ruhe, die es dem Men­schen erlaubt, sich nicht nur kör­per­lich, son­dern auch gei­stig zu erho­len. Gott selbst hat am sieb­ten Tag geruht: Er seg­ne­te ihn und hei­lig­te ihn, »denn an ihm ruh­te Gott, nach­dem er das gan­ze Werk erschaf­fen hat­te« (Gen 2,3). Im Wech­sel von Mühe und Erho­lung hat der Mensch Teil an der „Hei­li­gung der Zeit“, die Got­tes Werk ist, und adelt so die eige­ne Arbeit, weil er sie aus dem Einer­lei eines sich immer wie­der­ho­len­den rast­lo­sen All­tags her­aus­holt.

Ein beson­de­rer Grund zur Sor­ge sind sodann die von der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on ver­öf­fent­li­chen Daten bezüg­lich der wach­sen­den Zahl an arbei­ten­den Kin­dern und an Opfern neu­er For­men von Skla­ve­rei. Die Pla­ge der Kin­der­ar­beit beein­träch­tigt wei­ter ernst­haft die kör­per­li­che und gei­sti­ge Ent­wick­lung der Kin­der, nimmt ihnen die Freu­den der Kind­heit und for­dert unschul­di­ge Opfer. Wir kön­nen nicht mei­nen, eine bes­se­re Zukunft zu pla­nen, oder wün­schen, inklu­si­ve­re Gesell­schaf­ten zu schaf­fen, solan­ge wir Wirt­schafts­mo­del­le wei­ter­füh­ren, die bloß auf rei­nen Pro­fit aus­ge­rich­tet sind und die Aus­beu­tung Schwä­che­rer, wie zum Bei­spiel Kin­der, beinhal­ten. Die struk­tu­rel­len Ursa­chen die­ser Pla­ge zu besei­ti­gen soll­te für Regie­run­gen und inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen eine Prio­ri­tät dar­stel­len. Sie sind auf­ge­ru­fen, ihre Anstren­gun­gen zu ver­stär­ken, um inte­grier­te Stra­te­gien und auf­ein­an­der abge­stimm­te Poli­ti­ken durch­zu­füh­ren, damit die Kin­der­ar­beit in all ihren For­men ein Ende fin­det.

Exzel­len­zen, mei­ne Damen und Her­ren,

wenn ich eini­ge der Rech­te der All­ge­mei­nen Erklä­rung von 1948 in Erin­ne­rung geru­fen habe, soll will ich doch nicht einen damit eng ver­bun­de­nen Gesichts­punkt weg­las­sen: Jedes Indi­vi­du­um hat auch Pflich­ten gegen­über der Gesell­schaft, um »den gerech­ten Anfor­de­run­gen der Moral, der öffent­li­chen Ord­nung und des all­ge­mei­nen Woh­les in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft zu genügen«((Ebd., Art. 29.)). Beim ange­mes­se­nen Hin­weis auf die Rech­te jedes Men­schen muss in Betracht gezo­gen wer­den, dass jeder von uns Teil eines grö­ße­ren Lei­bes ist. Wie bei jedem mensch­li­chen Leib, so geht es auch unse­rer Gesell­schaft gut, wenn jedes Mit­glied sei­ne Auf­ga­be erfüllt und sich bewusst ist, dass es dem Gemein­wohl dient.

Eine beson­ders drin­gen­de Pflicht ist heu­te die Sor­ge um unse­re Erde. Wir wis­sen, dass die Natur auch von sich aus grau­sam sein kann, ohne dass der Mensch dafür ver­ant­wort­lich ist. Das haben wir im ver­gan­ge­nen Jahr bei den Erd­be­ben gese­hen, die ver­schie­de­ne Regio­nen der Welt getrof­fen haben, ins­be­son­de­re in den letz­ten Mona­ten in Mexi­ko und im Iran mit zahl­rei­chen Opfern; oder auch bei der Gewalt der Wir­bel­stür­me, die ver­schie­de­ne Län­der der Kari­bik heim­ge­sucht haben und bis an die US-ame­ri­ka­ni­sche Küste gelangt sind oder die erst vor kur­zem über die Phil­ip­pi­nen hin­weg­ge­zo­gen sind. Aber wir dür­fen nicht ver­ges­sen, dass es auch eine haupt­säch­li­che Ver­ant­wor­tung des Men­schen im Zusam­men­spiel mit der Natur gibt. Der Kli­ma­wan­del mit dem glo­ba­len Tem­pe­ra­tur­an­stieg und die damit ver­bun­de­nen zer­stö­re­ri­schen Aus­wir­kun­gen sind auch Fol­gen des mensch­li­chen Han­delns. Wir müs­sen daher gemein­sam die Ver­ant­wor­tung dafür über­neh­men, den kom­men­den Genera­tio­nen eine schö­ne­re und lebens­wer­te­re Welt zu hin­ter­las­sen. Dafür müs­sen wir dar­an arbei­ten, im Licht der 2015 in Paris getrof­fe­nen Ver­pflich­tun­gen die Abgas­emis­sio­nen, die für die Atmo­sphä­re schäd­lich sind als auch der mensch­li­chen Gesund­heit scha­den, zu redu­zie­ren.

Der Geist, der die Ein­zel­nen und die Staa­ten bei die­ser Auf­ga­be besee­len muss, kann mit dem der Erbau­er der mit­tel­al­ter­li­chen Kathe­dra­len in ganz Euro­pa ver­gli­chen wer­den. Die­se gewal­ti­gen Bau­ten erzäh­len, wie wich­tig die Teil­nah­me eines jeden an einem Werk ist, dass die Gren­zen der Zeit über­dau­ert. Der Bau­mei­ster an einer Kathe­dra­le wuss­te, dass er die Voll­endung sei­nes Wer­kes nicht erle­ben wür­de. Trotz­dem hat er kräf­tig mit­ge­hol­fen, denn er ver­stand sich als Teil eines Pro­jek­tes, das sei­nen Kin­dern zu Gute kom­men soll­te und die es dann ihrer­seits für ihre Kin­der ver­schö­nern und erwei­tert wür­den. Jeder Mann und jede Frau die­ser Erde – und beson­ders wer Regie­rungs­ver­ant­wor­tung trägt – soll die­sen Geist des Die­nens und der genera­ti­ons­über­grei­fen­den Soli­da­ri­tät pfle­gen und so ein Zei­chen der Hoff­nung für unse­re zer­ris­se­ne Welt sein.

Mit die­sen Über­le­gun­gen ver­bin­de ich erneut mei­nen Wunsch für jeden von Ihnen, für Ihre Fami­li­en und Ihre Völ­ker, dass das neue Jahr voll Freu­de, Hoff­nung und Frie­den sei. Dan­ke.

Bild: Vatican.va (Screen­shot)