Die politisch korrekte Liturgie

Kritik von unverdächtiger Seite


Die von 1933 bis 1984 bestehende Päpstliche Abtei St. Hieronymus in der Stadt.
Die von 1933 bis 1984 bestehende Päpstliche Abtei St. Hieronymus in der Stadt.

von Vitto­rio Mess­o­ri

Pater Rinal­do Fal­si­ni, der auf dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil an der Aus­ar­bei­tung der Lit­ur­gie­kon­sti­tu­ti­on mit­ge­wirkt hat, gehört zwar aus­drück­lich zum pro­gres­si­ven Flü­gel, räumt aber ein, daß bei der Lit­ur­gie­re­form Tei­le der Hei­li­gen Schrift, ins­be­son­de­re die Psal­men, die für die moder­ne Men­ta­li­tät als anstö­ßig gel­ten, ver­stüm­melt wurden.

Die poli­ti­sche Kor­rekt­heit hat auch in der offi­zi­el­len Lit­ur­gie der Kir­che Ein­zug gehal­ten. Das ist bedau­er­lich, aber wir soll­ten uns des­sen bewußt sein. Las­sen wir einen völ­lig unver­däch­ti­gen Zeu­gen zu Wort kom­men, den Fran­zis­ka­ner Rinal­do Fal­si­ni, der vor kur­zem ver­stor­ben ist: Er war Pro­fes­sor für Lit­ur­gie an der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Mai­land und gehör­te zu der Grup­pe jun­ger Fach­leu­te, die die Ent­wür­fe für die Doku­men­te aus­ar­bei­te­ten, die den Kon­zils­vä­tern auf dem Zwei­ten Vati­ca­num vor­ge­legt wer­den soll­ten.

Danach arbei­te­te er an Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um, der Kon­sti­tu­ti­on über die Lit­ur­gie, mit und wur­de nach dem Kon­zil in die Kom­mis­si­on beru­fen, die die viel­dis­ku­tier­te Lit­ur­gie­re­form vor­be­rei­te­te, die heu­te zuneh­mend im Mit­tel­punkt der Spal­tung in der katho­li­schen Welt steht. Pater Fal­si­ni war stets ein glü­hen­der und pole­mi­scher Ver­fech­ter der Reform, der sich ohne Zögern auf die Sei­te der „pro­gres­si­ven“ Grup­pen stell­te und sich mit jenen duel­lier­te, die weh­mü­tig an die Wür­de und Hei­lig­keit der Lit­ur­gie dach­ten, man­che sogar an die latei­ni­sche Spra­che, an den nach Osten gerich­te­ten Altar, an die Gre­go­ria­nik und so wei­ter.

Es ist daher von Bedeu­tung, was er kurz vor sei­nem Tod in einem Inter­view mit einer Fach­zeit­schrift ver­riet. Fal­si­ni, der die Ereig­nis­se von innen und auch hin­ter den Kulis­sen mit­er­lebt hat, sagte:

„Um der Wahr­heit wil­len muß man sagen, daß die Lit­ur­gie­re­form, die ich in ihrer Struk­tur und ihren Absich­ten immer ver­tei­digt habe, auch zu Ver­stüm­me­lun­gen geführt hat, die mir nicht rich­tig erschie­nen und erschei­nen. Im Offi­zi­um und in der Lit­ur­gie wer­den die Psal­men nun in einer berei­nig­ten Fas­sung ver­wen­det. Tat­säch­lich wur­den Ver­se, die für die moder­ne Men­ta­li­tät anstö­ßig sind, wie z. B. sol­che, die Rache und Krieg zum Aus­druck brin­gen, gestri­chen. Auf einer Voll­ver­samm­lung der Reform­kom­mis­si­on, der ich ange­hör­te, hielt der ange­se­he­ne Bene­dik­ti­ner­abt Pater Sal­mon1 im April 1963 eine denk­wür­di­ge Rede, in der er sich für die Wah­rung der Inte­gri­tät des Psal­ters in der Lit­ur­gie ein­setz­te. Doch dann wur­de die­se Ver­pflich­tung zur Treue gegen­über der Hei­li­gen Schrift auf­ge­ge­ben. Die gegen­tei­li­ge Mei­nung von Bibel- und Lit­ur­gie­wis­sen­schaft­lern und sogar von Paul VI. wur­de nicht berück­sich­tigt, und die Säu­be­rung wur­de mit sehr wenig Respekt vor dem Wort Got­tes durchgeführt.“

Wir wis­sen, wie vie­le „erwach­se­ne“ Theo­lo­gen, die auch an katho­li­schen Uni­ver­si­tä­ten leh­ren, auf­grund einer spä­ten pro­te­stan­ti­schen Ver­un­rei­ni­gung nicht die Eucha­ri­stie, son­dern die Hei­li­ge Schrift in den Mit­tel­punkt des Glau­bens stel­len wol­len. Sie wür­den das Fleisch und Blut Chri­sti ger­ne durch Papier erset­zen. Aber nur durch das poli­tisch kor­rek­te, jenes, das die Heu­che­lei­en und die Zen­sur der hege­mo­nia­len Ideo­lo­gie von heu­te respek­tiert. Die Hei­li­ge Schrift, ja, natür­lich, aber nur, wenn sie bestimm­te emp­find­li­che kle­ri­ka­le Ohren nicht stört.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Goog­le Maps (Screen­shot)


1 Dom Pierre Sal­mon (1896–1982), ein fran­zö­si­scher Bene­dik­ti­ner, 1924 zum Prie­ster geweiht, war von 1935 bis 1965 Abt der 1933 von Pius XI. errich­te­ten Päpst­li­chen Abtei San Girola­mo in Urbe (St. Hie­ro­ny­mus in der Stadt). Die mei­sten Mön­che kamen aus der luxem­bur­gi­schen Bene­dik­ti­ner­ab­tei St. Mau­ri­ti­us und St. Mau­rus in Clerf. Die Päpst­li­che Abtei war errich­tet wor­den, um eine kri­ti­sche Aus­ga­be der Vul­ga­ta zu erstel­len. 1964 wur­de Dom Sal­mon von Paul VI. zum Titu­lar­bi­schof von Iucun­dia­na (Numi­di­en) ernannt, was es dem Abt ermög­lich­te, als Kon­zils­va­ter an der Drit­ten und Vier­ten Ses­si­on des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils teil­zu­neh­men. 1984 wur­de die Abtei wie­der auf­ge­ho­ben. Seit­her befin­det sich in ihren Gebäu­den das Päpst­li­che Insti­tut für Kir­chen­mu­sik.