Das Buch des österreichischen Priesters Don Michael Gurtner „Allein den Betern“ wird in Folgen veröffentlicht. Die bereits veröffentlichten Folgen finden sie hier:
Von Don Michael Gurtner*
1.2 Der Kern der Krise – Diagnose
Der eigentliche Kern all dieser phänomenologischen Ausdrücke ist eine gewaltige Glaubenskrise. Diese macht sich dann in deren „Teilkrisen“ (Liturgie, Kultur, Kirchenbau, Moral, kirchliche Sozialisation, Klerus, kirchliche Strukturen etc.) bemerkbar, doch im Grunde genommen handelt es sich um verschiedene Ausdrücke der einen großen Glaubenskrise, die hinter allem anderen steht. Es ist der Glaube, der verwundet ist, und zwar sowohl die fides quae als auch die fides qua: Glaubenswissen und Glaubensakt sind zwangsläufig gleichermaßen betroffen, weil der Akt der Überzeugung folgt.
Es hat durch die Kirchengeschichte hindurch immer wieder solche Glaubenskrisen gegeben, welche einmal mehr und einmal weniger akzentuiert waren und die oftmals am Beginn innerer oder äußerer Spaltung standen. Meist handelte es sich dabei um unterschiedliche Auffassungen in bestimmten, einigermaßen eingrenzbaren Fragen eines bestimmten, in der Regel relativ kleinen Teilbereichs der Theologie. Daneben gab es noch politische und kirchenpolitische Gründe, welche Krisen heraufgeführt haben, doch im Allgemeinen ging es, speziell im ersten Jahrtausend der Kirche, darum, den Glauben besser und mit einer größeren Ernsthaftigkeit zu erfassen und in der Folge auch immer weiter vertiefen zu können.
Die Krise, welche wir derzeit durchleben, scheint einen vollkommen neuen Typ darzustellen, der schwerlich mit vorangegangenen Situationen verglichen werden kann, am ehesten noch vielleicht mit der Reformationskrise des 16. Jahrhunderts, allerdings nur unter bestimmten Aspekten (die Weise, in welcher die Kirche damals und heute reagierte, ist beispielsweise vollkommen entgegengesetzt). Es geht diesmal nicht um den Versuch, den Glauben zu vertiefen, und auch nicht um eine bestimmte Überzeugung, wodurch speziell die Krisen der Spätantike charakterisiert waren, sondern heute geht es ganz im Gegenteil um den Versuch, sich großer Teile des Glaubensgutes zu entledigen. Diese glaubensdestruktiven Versuche kommen dabei nicht so sehr von außen, zumindest nicht in einem ersten Moment, sondern aus dem Innersten der Kirche selbst.
Diese gewiß sehr allgemeine Beschreibung können wir nochmals weiter konkretisieren: Erstmals in ihrer Geschichte ist die Kirche in eine grundlegende Krise ihres Verhältnisses zur Welt getreten. Es ist keine Verweltlichung, welche mit jenen zu vergleichen wäre, wie sie in nahezu periodischen Abständen immer wieder vorkamen. Es waren Mängel in der konkreten Umsetzung der Lehre, wobei jedoch immer klar blieb, daß die Lehre nicht dem falschen Handeln angepaßt werden darf. Es blieb vielmehr auf das falsche Handeln einiger, ja sogar vieler beschränkt, wobei davon nicht einmal Kardinäle und Päpste ausgenommen waren.
Diesmal ist es jedoch nicht bloß die mangelhafte Umsetzung einer moralischen Lehre oder das Ringen um eine bestimmte dogmatische Wahrheit, sondern ein generelles und weitläufiges Mißverhältnis im Verhältnis zwischen Kirche und Welt. War es für die Kirche immer klar, daß es ihr göttlicher Auftrag ist, die Welt zu heiligen und sozusagen Kirche in die Welt zu bringen und in ihr wie ein Sauerteig zu sein, der das Profane heiligt, so hat sich dieses Paradigma nun in sein Gegenteil gekehrt. Es geht nun darum, das Profane in die Kirche einzubringen und das Sakrale durch das Profane zu ersetzen.
Nachdem es gelungen war, an den entscheidenden Stellen dies zum neuen Paradigma zu erheben, ging man daran, die Lehre und Praxis der Kirche nach und nach gemäß den neuen, weltlichen Vorgaben zu ändern.
Hierbei muß man jedoch gut unterscheiden: Nicht alles, was man „in der Kirche“, d. h. einzelne Kleriker oder in konkreten Pfarreien etc. machte, konnte und kann sich dabei auch auf die Lehre der Kirche berufen, auch wenn dies oft versucht wurde. Um das Gemeinte an einem bekannten Beispiel zu verdeutlichen: „In der Kirche“ wurden beinahe flächendeckend Volksaltäre eingeführt, was dem neuen Paradigma durchaus entsprach. Aber diese Änderung kann sich in keiner Weise auf eine entsprechende (neue) Lehre oder Weisung „der Kirche“ stützen, welche die neuen Volksaltäre gefordert hätte, auch wenn es „in der Kirche“ überwiegend so gehandhabt wurde und von „der Kirche“ durchaus nicht blockiert wurde.
Diese Dynamik ist analog auf eine ungeheure Vielzahl anderer Beispiele anzuwenden. Hinter zahlreichen Dingen, die man faktisch oder dekretiert geändert hat, steht ein verändertes Paradigma im Hintergrund, welches man mittels der Änderungen verbreiten und durchsetzen wollte. Viele Geistliche und Verantwortliche aus sämtlichen Bereichen haben Gott aus dem Zentrum ihres Denkens gerückt und den Menschen an dessen Stelle gesetzt. Die Grundfrage war vielfach nicht mehr: Was ist von Gott her gesollt?, sondern: Was ist vom Menschen gewollt? Die Kirche sollte auf einen Schlag nicht mehr die Welt prägen, sondern sie sollte in der Welt aufgehen und die Welt und deren Gesetze und Regeln in die Kirche übertragen. Die Demokratie beispielsweise war zu einer Art staatspolitischem Dogma erhoben worden, und analog dazu sollte dies auch auf die Kirche angewandt werden, wobei man übersah, daß die Kirche auf eine ganz eigene, unveränderliche und von Gott eingestiftete Weise verfaßt ist. Die Emanzipation, welche in der Gesellschaft plötzlich einsetzte, sollte auch in der Kirche verwirklicht werden, ganz so, als wäre die Kirche ein Teil der Staatsgesellschaft. Von den neuen Denkmustern der Welt, welche allesamt ohne Gott auskommen, weil sich kein einziges von ihnen mehr von Gott her ableitet, und die daher atheistischen Ursprungs sind, wurde und wird heute mehr denn je wie selbstverständlich erwartet, daß diese auch in der Kirche als verbindlich eingeführt würden. Die Einstellung zur Sexualmoral beispielsweise ist hierbei zu nennen, die Teamleitung anstelle einer klaren Hierarchie oder die Bewertung kirchlicher Lehren und Formen danach, ob es „in die Zeit paßt“ und „den Menschen von heute noch etwas sagt“. Solche Maßstäbe, die viele heute auch auf die Kirche anlegen wollen, sind die typischen Maßstäbe der Welt, und zwar der Welt in ihrer heutigen gottlosen Gestalt, da sie nicht mehr durch die Kirche geheiligt ist wie in vergangenen Zeiten. Die Welt ist nicht in sich schlecht, aber sie ist doch gebrochen und bedarf deshalb der Heiligung durch die Kirche Gottes, um eine wirklich gute Welt zu werden. Doch anstatt daß die Kirche die Welt beeinflußt, sind viele heute der Meinung, die Kirche müsse sich von der Welt beeinflussen lassen und gleichsam ein Teil der selbigen werden. Die Kirche müsse demnach so lange zur Welt werden, bis die Kirche als Kirche aufgelöst und vollkommen in die Welt übergegangen ist. In letzter Konsequenz führt dies zur Absage an alles Sakrale, das es nun zu profanieren gilt. Unter diesen Prämissen erst können Vorschläge entstehen wie etwa jener, die Heilige Messe als eine Mahlzeit zu gestalten, Armenspeisungen in Kirchen zu veranstalten (was im übrigen wirkt wie eine billige und verzweifelte PR-Aktion) oder die Kirche wie einen runden Kongreßraum zu bauen. Weitere Beispiele gibt es zur Genüge.
Wenn man über die Verweltlichung und die Profanierung in der Kirche spricht, muß man sehen, auf welcher Ebene sich diese vollzogen hat. Auf der einen Seite ist es nicht zu leugnen, daß mindestens auf einer faktischen Ebene vieles in die Kirche Eingang gefunden hat, was nicht mit deren Wesen, deren Auftrag und deren Heiligkeit in Einklang steht. Doch umgekehrt gilt ebenso, daß diese Dinge sich sehr oft auf keine dementsprechende kirchliche Weisung stützen können oder lediglich auf (mitunter kanonisch ungültige oder höchst zweifelhafte) Weisungen auf Pfarrei- oder Bistumsebene, nicht aber auf weltkirchlicher Ebene, auch wenn in manchen Belangen sogar auf dieser Ebene Dinge verordnet oder genehmigt wurden, welche stark nach den Gesetzen der Welt riechen.
Richtig ist jedenfalls, daß auf sämtlichen Ebenen, besonders stark auf den unteren, aber auch die obersten Ebenen sind davon nicht ganz verschont geblieben, ein Prozeß der Verweltlichung eingesetzt hat, der den Gegenruf nach einer Entweltlichung immer lauter werden läßt.
*Mag. Don Michael Gurtner ist ein aus Österreich stammender Diözesanpriester, der in der Zeit des öffentlichen Meßverbots in der Corona-Zeit diesem widerstanden und sich dadurch große Verdienste um das Seelenheil erworben hat. Er ist Autor mehrerer theologischer Bücher. Auf Katholisches.info veröffentlichte er 2023/24 die Reihe „Zur Lage der Kirche“, die auch in Buchform erschienen ist.
Das Buch zur Reihe: Don Michael Gurtner: Allein den Betern, Selbstverlag, 2. Aufl. 2023, 370 Seiten.
Bild: Giuseppe Nardi (SS. Trinità dei Pellegrini in Rom/bearbeitet)
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