Allein den Betern – Folge 4

Die Glaubenskrise als Krise des Verhältnisses zur Welt

"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.
"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.

Das Buch des öster­rei­chi­schen Prie­sters Don Micha­el Gurt­ner „Allein den Betern“ wird in Fol­gen ver­öf­fent­licht. Die bereits ver­öf­fent­lich­ten Fol­gen fin­den sie hier:

Von Don Micha­el Gurtner*

1.2 Der Kern der Krise – Diagnose

Der eigent­li­che Kern all die­ser phä­no­me­no­lo­gi­schen Aus­drücke ist eine gewal­ti­ge Glau­bens­kri­se. Die­se macht sich dann in deren „Teil­kri­sen“ (Lit­ur­gie, Kul­tur, Kir­chen­bau, Moral, kirch­li­che Sozia­li­sa­ti­on, Kle­rus, kirch­li­che Struk­tu­ren etc.) bemerk­bar, doch im Grun­de genom­men han­delt es sich um ver­schie­de­ne Aus­drücke der einen gro­ßen Glau­bens­kri­se, die hin­ter allem ande­ren steht. Es ist der Glau­be, der ver­wun­det ist, und zwar sowohl die fides quae als auch die fides qua: Glau­bens­wis­sen und Glau­bens­akt sind zwangs­läu­fig glei­cher­ma­ßen betrof­fen, weil der Akt der Über­zeu­gung folgt.

Es hat durch die Kir­chen­ge­schich­te hin­durch immer wie­der sol­che Glau­bens­kri­sen gege­ben, wel­che ein­mal mehr und ein­mal weni­ger akzen­tu­iert waren und die oft­mals am Beginn inne­rer oder äuße­rer Spal­tung stan­den. Meist han­del­te es sich dabei um unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen in bestimm­ten, eini­ger­ma­ßen ein­grenz­ba­ren Fra­gen eines bestimm­ten, in der Regel rela­tiv klei­nen Teil­be­reichs der Theo­lo­gie. Dane­ben gab es noch poli­ti­sche und kir­chen­po­li­ti­sche Grün­de, wel­che Kri­sen her­auf­ge­führt haben, doch im All­ge­mei­nen ging es, spe­zi­ell im ersten Jahr­tau­send der Kir­che, dar­um, den Glau­ben bes­ser und mit einer grö­ße­ren Ernst­haf­tig­keit zu erfas­sen und in der Fol­ge auch immer wei­ter ver­tie­fen zu können.

Die Kri­se, wel­che wir der­zeit durch­le­ben, scheint einen voll­kom­men neu­en Typ dar­zu­stel­len, der schwer­lich mit vor­an­ge­gan­ge­nen Situa­tio­nen ver­gli­chen wer­den kann, am ehe­sten noch viel­leicht mit der Refor­ma­ti­ons­kri­se des 16. Jahr­hun­derts, aller­dings nur unter bestimm­ten Aspek­ten (die Wei­se, in wel­cher die Kir­che damals und heu­te reagier­te, ist bei­spiels­wei­se voll­kom­men ent­ge­gen­ge­setzt). Es geht dies­mal nicht um den Ver­such, den Glau­ben zu ver­tie­fen, und auch nicht um eine bestimm­te Über­zeu­gung, wodurch spe­zi­ell die Kri­sen der Spät­an­ti­ke cha­rak­te­ri­siert waren, son­dern heu­te geht es ganz im Gegen­teil um den Ver­such, sich gro­ßer Tei­le des Glau­bens­gu­tes zu ent­le­di­gen. Die­se glau­bens­de­struk­ti­ven Ver­su­che kom­men dabei nicht so sehr von außen, zumin­dest nicht in einem ersten Moment, son­dern aus dem Inner­sten der Kir­che selbst.

Die­se gewiß sehr all­ge­mei­ne Beschrei­bung kön­nen wir noch­mals wei­ter kon­kre­ti­sie­ren: Erst­mals in ihrer Geschich­te ist die Kir­che in eine grund­le­gen­de Kri­se ihres Ver­hält­nis­ses zur Welt getre­ten. Es ist kei­ne Ver­welt­li­chung, wel­che mit jenen zu ver­glei­chen wäre, wie sie in nahe­zu peri­odi­schen Abstän­den immer wie­der vor­ka­men. Es waren Män­gel in der kon­kre­ten Umset­zung der Leh­re, wobei jedoch immer klar blieb, daß die Leh­re nicht dem fal­schen Han­deln ange­paßt wer­den darf. Es blieb viel­mehr auf das fal­sche Han­deln eini­ger, ja sogar vie­ler beschränkt, wobei davon nicht ein­mal Kar­di­nä­le und Päp­ste aus­ge­nom­men waren.

Dies­mal ist es jedoch nicht bloß die man­gel­haf­te Umset­zung einer mora­li­schen Leh­re oder das Rin­gen um eine bestimm­te dog­ma­ti­sche Wahr­heit, son­dern ein gene­rel­les und weit­läu­fi­ges Miß­ver­hält­nis im Ver­hält­nis zwi­schen Kir­che und Welt. War es für die Kir­che immer klar, daß es ihr gött­li­cher Auf­trag ist, die Welt zu hei­li­gen und sozu­sa­gen Kir­che in die Welt zu brin­gen und in ihr wie ein Sau­er­teig zu sein, der das Pro­fa­ne hei­ligt, so hat sich die­ses Para­dig­ma nun in sein Gegen­teil gekehrt. Es geht nun dar­um, das Pro­fa­ne in die Kir­che ein­zu­brin­gen und das Sakra­le durch das Pro­fa­ne zu ersetzen.

Nach­dem es gelun­gen war, an den ent­schei­den­den Stel­len dies zum neu­en Para­dig­ma zu erhe­ben, ging man dar­an, die Leh­re und Pra­xis der Kir­che nach und nach gemäß den neu­en, welt­li­chen Vor­ga­ben zu ändern.

Hier­bei muß man jedoch gut unter­schei­den: Nicht alles, was man „in der Kir­che“, d. h. ein­zel­ne Kle­ri­ker oder in kon­kre­ten Pfar­rei­en etc. mach­te, konn­te und kann sich dabei auch auf die Leh­re der Kir­che beru­fen, auch wenn dies oft ver­sucht wur­de. Um das Gemein­te an einem bekann­ten Bei­spiel zu ver­deut­li­chen: „In der Kir­che“ wur­den bei­na­he flä­chen­deckend Volks­al­tä­re ein­ge­führt, was dem neu­en Para­dig­ma durch­aus ent­sprach. Aber die­se Ände­rung kann sich in kei­ner Wei­se auf eine ent­spre­chen­de (neue) Leh­re oder Wei­sung „der Kir­che“ stüt­zen, wel­che die neu­en Volks­al­tä­re gefor­dert hät­te, auch wenn es „in der Kir­che“ über­wie­gend so gehand­habt wur­de und von „der Kir­che“ durch­aus nicht blockiert wurde.

Die­se Dyna­mik ist ana­log auf eine unge­heu­re Viel­zahl ande­rer Bei­spie­le anzu­wen­den. Hin­ter zahl­rei­chen Din­gen, die man fak­tisch oder dekre­tiert geän­dert hat, steht ein ver­än­der­tes Para­dig­ma im Hin­ter­grund, wel­ches man mit­tels der Ände­run­gen ver­brei­ten und durch­set­zen woll­te. Vie­le Geist­li­che und Ver­ant­wort­li­che aus sämt­li­chen Berei­chen haben Gott aus dem Zen­trum ihres Den­kens gerückt und den Men­schen an des­sen Stel­le gesetzt. Die Grund­fra­ge war viel­fach nicht mehr: Was ist von Gott her gesollt?, son­dern: Was ist vom Men­schen gewollt? Die Kir­che soll­te auf einen Schlag nicht mehr die Welt prä­gen, son­dern sie soll­te in der Welt auf­ge­hen und die Welt und deren Geset­ze und Regeln in die Kir­che über­tra­gen. Die Demo­kra­tie bei­spiels­wei­se war zu einer Art staats­po­li­ti­schem Dog­ma erho­ben wor­den, und ana­log dazu soll­te dies auch auf die Kir­che ange­wandt wer­den, wobei man über­sah, daß die Kir­che auf eine ganz eige­ne, unver­än­der­li­che und von Gott ein­ge­stif­te­te Wei­se ver­faßt ist. Die Eman­zi­pa­ti­on, wel­che in der Gesell­schaft plötz­lich ein­setz­te, soll­te auch in der Kir­che ver­wirk­licht wer­den, ganz so, als wäre die Kir­che ein Teil der Staats­ge­sell­schaft. Von den neu­en Denk­mu­stern der Welt, wel­che alle­samt ohne Gott aus­kom­men, weil sich kein ein­zi­ges von ihnen mehr von Gott her ablei­tet, und die daher athe­isti­schen Ursprungs sind, wur­de und wird heu­te mehr denn je wie selbst­ver­ständ­lich erwar­tet, daß die­se auch in der Kir­che als ver­bind­lich ein­ge­führt wür­den. Die Ein­stel­lung zur Sexu­al­mo­ral bei­spiels­wei­se ist hier­bei zu nen­nen, die Team­lei­tung anstel­le einer kla­ren Hier­ar­chie oder die Bewer­tung kirch­li­cher Leh­ren und For­men danach, ob es „in die Zeit paßt“ und „den Men­schen von heu­te noch etwas sagt“. Sol­che Maß­stä­be, die vie­le heu­te auch auf die Kir­che anle­gen wol­len, sind die typi­schen Maß­stä­be der Welt, und zwar der Welt in ihrer heu­ti­gen gott­lo­sen Gestalt, da sie nicht mehr durch die Kir­che gehei­ligt ist wie in ver­gan­ge­nen Zei­ten. Die Welt ist nicht in sich schlecht, aber sie ist doch gebro­chen und bedarf des­halb der Hei­li­gung durch die Kir­che Got­tes, um eine wirk­lich gute Welt zu wer­den. Doch anstatt daß die Kir­che die Welt beein­flußt, sind vie­le heu­te der Mei­nung, die Kir­che müs­se sich von der Welt beein­flus­sen las­sen und gleich­sam ein Teil der sel­bi­gen wer­den. Die Kir­che müs­se dem­nach so lan­ge zur Welt wer­den, bis die Kir­che als Kir­che auf­ge­löst und voll­kom­men in die Welt über­ge­gan­gen ist. In letz­ter Kon­se­quenz führt dies zur Absa­ge an alles Sakra­le, das es nun zu pro­fa­nie­ren gilt. Unter die­sen Prä­mis­sen erst kön­nen Vor­schlä­ge ent­ste­hen wie etwa jener, die Hei­li­ge Mes­se als eine Mahl­zeit zu gestal­ten, Armen­spei­sun­gen in Kir­chen zu ver­an­stal­ten (was im übri­gen wirkt wie eine bil­li­ge und ver­zwei­fel­te PR-Akti­on) oder die Kir­che wie einen run­den Kon­greß­raum zu bau­en. Wei­te­re Bei­spie­le gibt es zur Genüge.

Wenn man über die Ver­welt­li­chung und die Pro­fa­nie­rung in der Kir­che spricht, muß man sehen, auf wel­cher Ebe­ne sich die­se voll­zo­gen hat. Auf der einen Sei­te ist es nicht zu leug­nen, daß min­de­stens auf einer fak­ti­schen Ebe­ne vie­les in die Kir­che Ein­gang gefun­den hat, was nicht mit deren Wesen, deren Auf­trag und deren Hei­lig­keit in Ein­klang steht. Doch umge­kehrt gilt eben­so, daß die­se Din­ge sich sehr oft auf kei­ne dem­entspre­chen­de kirch­li­che Wei­sung stüt­zen kön­nen oder ledig­lich auf (mit­un­ter kano­nisch ungül­ti­ge oder höchst zwei­fel­haf­te) Wei­sun­gen auf Pfar­rei- oder Bis­tums­ebe­ne, nicht aber auf welt­kirch­li­cher Ebe­ne, auch wenn in man­chen Belan­gen sogar auf die­ser Ebe­ne Din­ge ver­ord­net oder geneh­migt wur­den, wel­che stark nach den Geset­zen der Welt riechen.

Rich­tig ist jeden­falls, daß auf sämt­li­chen Ebe­nen, beson­ders stark auf den unte­ren, aber auch die ober­sten Ebe­nen sind davon nicht ganz ver­schont geblie­ben, ein Pro­zeß der Ver­welt­li­chung ein­ge­setzt hat, der den Gegen­ruf nach einer Ent­welt­li­chung immer lau­ter wer­den läßt.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots in der Coro­na-Zeit die­sem wider­stan­den und sich dadurch gro­ße Ver­dien­ste um das See­len­heil erwor­ben hat. Er ist Autor meh­re­rer theo­lo­gi­scher Bücher. Auf Katho​li​sches​.info ver­öf­fent­lich­te er 2023/​24 die Rei­he „Zur Lage der Kir­che“, die auch in Buch­form erschie­nen ist.


Das Buch zur Rei­he: Don Micha­el Gurt­ner: Allein den Betern, Selbst­ver­lag, 2. Aufl. 2023, 370 Seiten.


Bild: Giu­sep­pe Nar­di (SS. Tri­ni­tà dei Pel­le­g­ri­ni in Rom/​bearbeitet)

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