Eine katholische Antwort auf die Unordnung

Die XI. Sommeruniversität

Das der heilige Scholastika geweihte Kloster war auch in diesem Jahr Austragungsort der Sommeruniversität der Stiftung Lepanto
Das der heilige Scholastika geweihte Kloster war auch in diesem Jahr Austragungsort der Sommeruniversität der Stiftung Lepanto


Von Vero­ni­ca Rasponi

Vom 23. bis zum 26. Juli fand in Subia­co die XI. Aus­ga­be der Som­mer­uni­ver­si­tät der Stif­tung Lepan­to statt, die dem The­ma „Das Cha­os auf­hal­ten. Der Ein­satz der Katho­li­ken in der neu­en Welt­ord­nung des Unfrie­dens“ gewid­met war. Die ver­schie­de­nen Vor­trä­ge behan­del­ten das The­ma aus sich ergän­zen­den Per­spek­ti­ven, mit Sach­kennt­nis und Tief­gang, und boten den Teil­neh­mern einen zusam­men­hän­gen­den Ref­e­xi­ons­weg. Trotz der unter­schied­li­chen Fach­ge­bie­te und kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de der Refe­ren­ten zeig­te sich eine bemer­kens­wer­te Ein­heit der Grund­aus­rich­tung, die dazu bei­trug, ein Gesamt­bild der Wur­zeln und der Ent­wick­lung der gegen­wär­ti­gen kirch­li­chen und welt­wei­ten Kri­se zu zeichnen.

Eröff­net wur­den die Arbei­ten durch den Vor­sit­zen­den der Stif­tung Lepan­to, Prof. Rober­to de Mat­tei, der sich mit dem Phä­no­men der „Info­de­mie“ aus­ein­an­der­setz­te. Er stell­te fest, daß das Pro­blem unse­rer Zeit nicht so sehr in der Fül­le an Infor­ma­tio­nen lie­ge, son­dern viel­mehr im Feh­len von Kri­te­ri­en, um die­se zu beur­tei­len. In einem Umfeld, das durch die Zer­split­te­rung von Erzäh­lun­gen und Deu­tun­gen geprägt sei, beton­te er die Not­wen­dig­keit einer soli­den Bil­dung, die er als eine wah­re „Weg­wei­sung“ bezeich­ne­te – gegrün­det auf Ver­nunft und Glau­ben und fähig, das Urteil gemäß der christ­li­chen Welt­an­schau­ung aus­zu­rich­ten. Denn nur eine kul­tu­rel­le Wie­der­ge­burt kön­ne die Vor­aus­set­zung für eine Erneue­rung der Kir­che sein, wie es im Lau­fe der Geschich­te bereits mehr­fach gesche­hen sei.

Dr. José Anto­nio Ure­ta erläu­ter­te anschlie­ßend die histo­ri­schen und kul­tu­rel­len Wur­zeln der welt­wei­ten Unord­nung und nahm dabei sei­nen Aus­gang vom Werk „Revo­lu­ti­on und Gegen­re­vo­lu­ti­on“ von Prof. Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra. Das Cha­os wur­de als ein akti­ver Pro­zeß beschrie­ben, der dar­auf abzie­le, die Gesell­schaft auf­zu­lö­sen und den Men­schen dar­an zu hin­dern, gemäß dem Gesetz Got­tes zu leben. In sei­nem Vor­trag wur­den die wich­tig­sten Etap­pen die­ser Revo­lu­ti­on nach­ge­zeich­net – von den frü­he­sten Ursprün­gen bis zu den jüng­sten Ent­wick­lun­gen –, wobei ihre wesent­li­chen Trä­ger und logi­schen Irr­tü­mer her­vor­ge­ho­ben wur­den, allen vor­an die Leug­nung des Prin­zips des Widerspruchs.

Der zwei­te Tag begann mit dem Vor­trag des geo­po­li­ti­schen Ana­ly­sten Mar­co Rota, der anhand einer Welt­kar­te die gegen­wär­ti­ge inter­na­tio­na­le Cha­os­si­tua­ti­on dar­stell­te. Nach Ansicht des Refe­ren­ten besteht die wich­tig­ste geo­po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den USA und der Volks­re­pu­blik Chi­na, wäh­rend Ruß­land und Indi­en die Rol­le mitt­le­rer Mäch­te ein­neh­men wür­den, wobei Mos­kau, was die Ener­gie betrifft, zuneh­mend von Chi­na abhän­gig sei. Rota ver­trat außer­dem die Auf­fas­sung, daß der rus­sisch-ukrai­ni­sche Kon­flikt kaum einen wirk­li­chen Sie­ger her­vor­brin­gen kön­ne, trotz der diplo­ma­ti­schen Bemü­hun­gen von Prä­si­dent Donald Trump, ihn zu been­den. Im wei­te­ren Ver­lauf wur­de auch das wach­sen­de Gewicht Deutsch­lands und Polens in Euro­pa her­vor­ge­ho­ben, da die­se bei­den Län­der die ein­zi­gen sei­en, die über aus­rei­chend finan­zi­el­le Mit­tel ver­füg­ten, um eine Wie­der­auf­rü­stung zu ermög­li­chen. Anschlie­ßend rich­te­te sich der Blick auf den Nahen Osten, wobei als Haupt­ur­sa­che sei­ner Insta­bi­li­tät die Prä­senz und das Han­deln des Iran genannt wurden.

Es folg­te der Vor­trag von Don Igna­zio Devo­to über die geist­li­chen Krank­hei­ten unse­rer Zeit und ihre Heil­mit­tel. Nach­dem er auf­ge­zeigt hat­te, dass die Kri­se der Kir­che aus einer fort­schrei­ten­den Schwä­chung der Auto­ri­tät und der lehr­mä­ßi­gen Klar­heit her­vor­ge­he – ver­schärft durch den Vor­rang der Pra­xis vor der Leh­re und durch die Auf­ga­be der rea­li­sti­schen Phi­lo­so­phie –, benann­te er eini­ge Krank­hei­ten der heu­ti­gen See­le: den Vor­rang der Gefüh­le vor dem Urteil, die Selbst­be­zo­gen­heit und den Unge­hor­sam gegen­über der recht­mä­ßi­gen Auto­ri­tät. Unter Bezug­nah­me auf den Wüsten­va­ter Doro­the­os und den hei­li­gen Igna­ti­us von Loyo­la schlug er als Gegen­mit­tel das age­re con­tra (das bewuß­te Ent­ge­gen­han­deln gegen­über unge­ord­ne­ten Nei­gun­gen), den bestän­di­gen Emp­fang der Sakra­men­te als wirk­sa­me Zei­chen der Gna­de sowie die Ver­eh­rung der Got­tes­mut­ter vor.

Am Nach­mit­tag behan­del­te Don Lub­omír Urbančok die phi­lo­so­phi­schen Wur­zeln der kirch­li­chen Kri­se. Er ver­trat die Ansicht, dass Kri­sen das Ergeb­nis lan­ger histo­ri­scher Pro­zes­se sei­en. Auch er griff die Leh­ren aus „Revo­lu­ti­on und Gegen­re­vo­lu­ti­on“ auf und sah den Ursprung des revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses im spät­mit­tel­al­ter­li­chen Nomi­na­lis­mus und in der anschlie­ßen­den Ent­wick­lung des moder­nen Den­kens: vom „Cogi­to“ Des­car­tes’ über Kants Imma­nen­tis­mus bis hin zum dia­lek­ti­schen Idea­lis­mus Hegels. Die­se Ent­wick­lun­gen hät­ten schritt­wei­se die Suche nach der objek­ti­ven Wahr­heit durch eine sub­jek­ti­vi­sti­sche und geschicht­li­che Auf­fas­sung ersetzt. Die Geschich­te sei jedoch nicht die Quel­le der Wahr­heit, son­dern der Ort, an dem sich die Ord­nung Got­tes ver­wirk­li­che – jene Zeit, die dem Men­schen gege­ben sei, um eine unver­än­der­li­che Wahr­heit immer tie­fer zu erkennen.

Im fol­gen­den Vor­trag beschäf­tig­te sich Fabio Fuia­no mit dem The­ma der Unord­nung im Hin­blick auf die Angrif­fe gegen unschul­di­ge Men­schen­le­ben. Er ging dabei beson­ders auf Abtrei­bung, Eutha­na­sie, beglei­te­ten Selbst­mord, künst­li­che Befruch­tung und Emp­fäng­nis­ver­hü­tung ein. Unter Bezug­nah­me auf die Leh­ren der Päp­ste und gro­ßer Per­sön­lich­kei­ten der Kir­che wie Bischof Andrea Scot­ton (1838–1916) und des Jesui­ten­pa­ters Anto­ni­no Eymieu (1861–1933) beton­te er, daß eine wirk­li­che Ver­tei­di­gung des Lebens ohne eine ange­mes­se­ne kul­tu­rel­le Bil­dung nicht mög­lich sei. Zu die­sem Zweck erwie­sen sich die Ver­brei­tung guter Bücher und einer guten Pres­se als wich­ti­ge Ver­bün­de­te im Kampf gegen die Ver­brei­tung von Ideen, die der Wirk­lich­keit und dem natür­li­chen Sit­ten­ge­setz widersprechen.

Der Tagungs­tag ende­te mit der Vor­füh­rung des Films „Sta­lins Schat­ten“ (2019), der von Ema­nue­le Press­ac­co kom­men­tiert wur­de und die Unmensch­lich­keit des sowje­ti­schen kom­mu­ni­sti­schen Regimes hervorhob.

Der Sams­tag­vor­mit­tag war tra­di­ti­ons­ge­mäß dem Besuch des Hei­li­gen Spe­ku­lum (Sacro Spe­co) oder des Klo­sters San­ta Sco­la­sti­ca gewid­met. Dabei wur­de mit Bedau­ern an das Feh­len von Don Maria­no Grosso (1947–2025) erin­nert, einem außer­ge­wöhn­li­chen geist­li­chen Beglei­ter und Bene­dik­ti­ner­mönch von tie­fer Inner­lich­keit und gro­ßer Ein­fach­heit, der stets an der Som­mer­uni­ver­si­tät teil­ge­nom­men hat­te und wäh­rend der Hei­li­gen Mes­se zum Hoch­fest Mariä Him­mel­fahrt im ver­gan­ge­nen Jahr ver­stor­ben war.

Am Nach­mit­tag stell­te Don Rober­to Spa­ta­ro SDB die Gestalt des hei­li­gen Johan­nes Bos­co als Vor­bild eines Erzie­hers und eines hei­li­gen Gegen­re­vo­lu­tio­närs vor. Der Prie­ster hob her­vor, dass die Hei­lig­keit die Grund­la­ge sei­nes päd­ago­gi­schen Wir­kens bil­de, das von der Treue zur Kir­che und von einer ganz­heit­li­chen Bil­dung der Jugend geprägt gewe­sen sei. Eben­so wur­de der sozia­le Bei­trag des Turi­ner Hei­li­gen gewür­digt: Er habe auf die Her­aus­for­de­run­gen der Indu­stri­el­len Revo­lu­ti­on durch die Ora­to­ri­en, durch eine geschütz­te Berufs­aus­bil­dung mit guten Lehr­ver­trä­gen und durch ein Prä­ven­tiv­sy­stem geant­wor­tet, das auf der Über­zeu­gung beru­he, daß die Gna­de die im Men­schen vor­han­de­nen guten Anla­gen ent­fal­ten könne.

Anschlie­ßend sprach Prof. Cor­ra­do Gner­re, Apo­lo­get und Lei­ter des Pro­jekts Cammi­no dei Tre Sen­tie­ri, über die Rol­le der Lai­en im kul­tu­rel­len Kampf des 21. Jahr­hun­derts. Nach­dem er dar­an erin­nert hat­te, daß die Beru­fung des Lai­en dar­in bestehe, die christ­li­che Wahr­heit in den welt­li­chen Wirk­lich­kei­ten zu bezeu­gen, warn­te er vor eini­gen gegen­wär­ti­gen Fehl­ent­wick­lun­gen: dem Kle­ri­ka­lis­mus, der Anpas­sung an den Geist der Welt und dem Sek­tie­rer­tum, das sowohl geist­lich-schwär­me­ri­sche, emo­tio­na­le oder auch rein intel­lek­tua­li­sti­sche For­men anneh­men kön­ne. Als grund­le­gen­de Auf­ga­ben der Lai­en nann­te er daher die per­sön­li­che Hei­li­gung, das kul­tu­rel­le Enga­ge­ment, die Bewah­rung der Tra­di­ti­on und – in Anleh­nung an die Wor­te des Gekreu­zig­ten an Don Camil­lo – die Bewah­rung des Samens des Glaubens.

Der Abend ende­te mit dem Vor­trag von Mar­co Fer­raz­zo­li über die Gestalt Gio­van­ni­no Gua­re­schis. Ergänzt wur­de die­ser durch die Vor­füh­rung eini­ger Aus­schnit­te aus den Fil­men über Don Camil­lo und Pep­po­ne sowie durch die Lesung von Text­pas­sa­gen aus den Wer­ken des Schrift­stel­lers im Rah­men des Pro­jekts G2G.

Die Tagung wur­de am Sonn­tag mit dem abschlie­ßen­den Vor­trag von Prof. de Mat­tei been­det. Er griff die Gedan­ken auf, die wäh­rend der ver­schie­de­nen Vor­trä­ge her­vor­ge­tre­ten waren, und ent­warf dar­aus eine katho­li­sche Ant­wort auf die gegen­wär­ti­ge Unord­nung. Aus­ge­hend von einer Theo­lo­gie der Geschich­te, die durch die Bot­schaft von Fati­ma inspi­riert ist, bekräf­tig­te er die Not­wen­dig­keit einer christ­li­chen Sicht der Wirk­lich­keit, die nicht auf den Men­schen selbst, son­dern auf die Herr­lich­keit Got­tes aus­ge­rich­tet sei und dar­aus fol­gend auf das Heil der Seelen.

Die Begeg­nung ende­te mit dem tra­di­tio­nel­len Gruß des Abtes Don Mau­ro Meac­ci, der inzwi­schen zu einem festen Bestand­teil der Som­mer­uni­ver­si­tät gewor­den ist.

Alle Tage waren durch die Fei­er der Hei­li­gen Mes­se und das Rosen­kranz­ge­bet geprägt. In die­sem Jahr wur­den die­se aus­nahms­wei­se auch durch Gesang und Vio­li­ne beglei­tet, was dazu bei­trug, die gesam­te Ver­an­stal­tung zu ver­tie­fen. Die Initia­ti­ve wur­de zudem durch gemein­sa­me Mahl­zei­ten und gesel­li­ge Momen­te berei­chert, die den Teil­neh­mern ermög­lich­ten, ein­an­der bes­ser ken­nen­zu­ler­nen und ein­zel­ne Punk­te zu ver­tie­fen, die wäh­rend der Vor­trä­ge oder in den durch Fra­gen aus dem Publi­kum ange­reg­ten Dis­kus­sio­nen ange­spro­chen wor­den waren.

Von Aus­ga­be zu Aus­ga­be bestä­tigt sich die Som­mer­uni­ver­si­tät erneut als ein fester Ori­en­tie­rungs­punkt inmit­ten der bedrücken­den Unord­nung der Gegenwart.

Ergän­zung GN: Am Tag vor dem Beginn der Som­mer­uni­ver­si­tät besuch­te über­ra­schend Papst Leo XIV. Subia­co, eine Begeg­nung fand jedoch nicht statt.

Bild: Wiki­com­mons

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