Folgendes Schreiben richtete Ester Maria Ledda an Stefano Fontana, den Leiter und Chefredakteur des Van Thuân Observatory for the Social Doctrine of the Church. Ester Maria Ledda ist Herausgeberin von Cooperatores Veritatis und Mitarbeiterin der nach Kardinal Nguyen Van Thuan benannten Beobachtungsstelle zur Soziallehre der Kirche.
Der Papst in Spanien, einem Land, das inzwischen nicht mehr christlich ist
Von Ester Maria Ledda
Sehr geehrter Herr Chefredakteur!
Man wiederholt oft, beinahe wie einen bedingten Reflex, daß gewisse europäische Länder noch immer „zutiefst christlich“ seien. Man sagt dies von Spanien, man sagt es von Italien, man sagt es von jeder Nation, die zumindest kulturell noch einige Spuren des Katholizismus bewahrt hat. Doch es genügt, die Wirklichkeit zu betrachten, um zu erkennen, daß diese Behauptungen einer Prüfung durch die Tatsachen nicht standhalten.
Während des gerade stattfindenden apostolischen Besuchs erklärte der König von Spanien, der Katholizismus sei „tief verwurzelt“ in der spanischen Nation. Und doch verabschiedete die Regierung gerade während des apostolischen Besuchs des Papstes ein Gesetz zur Euthanasie, ohne daß der Monarch einen Finger rührte und ohne daß die politische Mitte-Rechts-Opposition einen wirklichen Willen zeigte, den katholischen Glauben zu verteidigen. Wenn dies die Frucht eines „zutiefst christlichen“ Landes ist, dann hat dieser Begriff jede Bedeutung verloren.
Die Wahrheit ist einfach: Ein Land ist nicht dann christlich, wenn es gewaltige Menschenmengen versammelt, um den Papst zu begrüßen, sondern dann, wenn es die soziale Königsherrschaft Christi anerkennt und verteidigt.
Ein Land ist christlich, wenn das bürgerliche Gesetz nicht dem natürlichen Sittengesetz widerspricht; wenn die politische Autorität sich nicht darauf beschränkt, den Glauben zu dulden, sondern ihn als Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung betrachtet; wenn das Leben, die Familie, die Wahrheit und das Gemeinwohl nicht verhandelbar sind.
Wenn diese Kriterien wahr sind – und sie sind wahr –, dann muß man zugeben, daß Spanien kein christliches Land mehr ist. Und mit ihm ist es auch Europa nicht mehr. Die Menschenmengen, die sich bei den Papstbesuchen versammeln, sind kein Beweis des Glaubens: Auch die kommunistischen Regime und die muslimischen Länder verstehen es, gewaltige Menschenmengen zu versammeln, mit dem Unterschied, daß sie wirklich an das glauben, was sie bekennen, während die einst katholischen Nationen verleugnen, was sie hervorgebracht hat.
Es heißt wiederholt: „Wie viele Jugendliche! Sie sind die Zukunft!“ Aber wo sind die Jugendlichen des Weltjugendtages 2011 in Spanien geblieben? Fünfzehn Jahre sind vergangen, und die Säkularisierung schreitet in Spanien – wie auch in anderen Ländern – rasch und mit großer Wucht voran. Die begeisterten Menschenmengen haben die Entchristlichung nicht verhindert, weil Triumphalismus niemanden bekehrt. Ist die Messe vorbei, kehrt man nach Hause zurück wie nach einem Fußballspiel. Deshalb habe ich seit langer Zeit aufgehört, die apostolischen Reisen der Päpste zu verfolgen.
Eines der Dramen unserer Zeit ist die Illusion, die Kirche müsse die Welt „humanisieren“, die Menschen besser, solidarischer und aufnahmebereiter machen. Doch dies ist nicht die Sendung, die Christus ihr anvertraut hat.
Die Kirche wurde nicht gegründet, um die Menschen im allgemeinen Sinne „menschlicher“ zu machen, sondern um sie zu Christen zu machen, das heißt zu Kindern Gottes, die Anteil am übernatürlichen Leben haben und durch die Gnade gerettet werden.
Wenn die Hierarchie der Kirche dies vergißt, wenn sie sich in eine geistliche NGO verwandelt, wenn sie danach strebt, der Welt zu gefallen und den jeweils Mächtigen zufriedenzustellen – insbesondere dann, wenn dieser der Kirche und dem Glauben ideologisch feindlich gegenübersteht, besonders wenn er dem linken politischen Lager angehört –, dann verrät sie ihre Identität und ihre Sendung.
Heute scheint mehr denn je ein bedeutender Teil des Klerus von dem Wunsch besessen zu sein, akzeptiert, beklatscht und anerkannt zu werden. Man fürchtet das Urteil der Welt mehr als das Urteil Gottes. Man zieht es vor, Höfling der Macht zu sein, anstatt Zeuge des Evangeliums.
Und so läuft die Kirche Gefahr, anstatt die Braut Christi zu sein, zur Kurtisane der Welt zu werden.
Die wahre Dringlichkeit besteht nicht darin, Veranstaltungen, Großkundgebungen oder medienwirksame Begegnungen zu organisieren.
Die wahre Dringlichkeit besteht darin, vor dem Tabernakel wieder auf die Knie zu gehen und um Vergebung dafür zu bitten, daß man den Weinberg des Herrn entstellt hat, daß man der alten Versuchung der Schlange nachgegeben hat: ein irdisches Paradies zu errichten, das Gott zurückweist.
Solange man nicht wieder die soziale Königsherrschaft Christi und die übernatürliche Sendung der Kirche anerkennt, wird uns keine noch so gewaltige Menschenmenge täuschen können: Wir sind keine christlichen Länder mehr.
Übersetzung/Einleitung: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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