Der Papst in Spanien, einem Land, das inzwischen nicht mehr christlich ist

Die soziale Königsherrschaft Christi anerkennen


König Felipe VI. von Spanien mit Papst Leo XIV.
König Felipe VI. von Spanien mit Papst Leo XIV.

Fol­gen­des Schrei­ben rich­te­te Ester Maria Led­da an Ste­fa­no Fon­ta­na, den Lei­ter und Chef­re­dak­teur des Van Thuân Obser­va­to­ry for the Social Doc­tri­ne of the Church. Ester Maria Led­da ist Her­aus­ge­be­rin von Coope­ra­to­res Veri­ta­tis und Mit­ar­bei­te­rin der nach Kar­di­nal Nguy­en Van Thu­an benann­ten Beob­ach­tungs­stel­le zur Sozi­al­leh­re der Kirche.

Der Papst in Spanien, einem Land, das inzwischen nicht mehr christlich ist

Von Ester Maria Ledda

Sehr geehr­ter Herr Chef­re­dak­teur!

Man wie­der­holt oft, bei­na­he wie einen beding­ten Reflex, daß gewis­se euro­päi­sche Län­der noch immer „zutiefst christ­lich“ sei­en. Man sagt dies von Spa­ni­en, man sagt es von Ita­li­en, man sagt es von jeder Nati­on, die zumin­dest kul­tu­rell noch eini­ge Spu­ren des Katho­li­zis­mus bewahrt hat. Doch es genügt, die Wirk­lich­keit zu betrach­ten, um zu erken­nen, daß die­se Behaup­tun­gen einer Prü­fung durch die Tat­sa­chen nicht standhalten.

Wäh­rend des gera­de statt­fin­den­den apo­sto­li­schen Besuchs erklär­te der König von Spa­ni­en, der Katho­li­zis­mus sei „tief ver­wur­zelt“ in der spa­ni­schen Nati­on. Und doch ver­ab­schie­de­te die Regie­rung gera­de wäh­rend des apo­sto­li­schen Besuchs des Pap­stes ein Gesetz zur Eutha­na­sie, ohne daß der Mon­arch einen Fin­ger rühr­te und ohne daß die poli­ti­sche Mit­te-Rechts-Oppo­si­ti­on einen wirk­li­chen Wil­len zeig­te, den katho­li­schen Glau­ben zu ver­tei­di­gen. Wenn dies die Frucht eines „zutiefst christ­li­chen“ Lan­des ist, dann hat die­ser Begriff jede Bedeu­tung verloren.

Die Wahr­heit ist ein­fach: Ein Land ist nicht dann christ­lich, wenn es gewal­ti­ge Men­schen­men­gen ver­sam­melt, um den Papst zu begrü­ßen, son­dern dann, wenn es die sozia­le Königs­herr­schaft Chri­sti aner­kennt und verteidigt.

Ein Land ist christ­lich, wenn das bür­ger­li­che Gesetz nicht dem natür­li­chen Sit­ten­ge­setz wider­spricht; wenn die poli­ti­sche Auto­ri­tät sich nicht dar­auf beschränkt, den Glau­ben zu dul­den, son­dern ihn als Grund­la­ge der gesell­schaft­li­chen Ord­nung betrach­tet; wenn das Leben, die Fami­lie, die Wahr­heit und das Gemein­wohl nicht ver­han­del­bar sind.

Wenn die­se Kri­te­ri­en wahr sind – und sie sind wahr –, dann muß man zuge­ben, daß Spa­ni­en kein christ­li­ches Land mehr ist. Und mit ihm ist es auch Euro­pa nicht mehr. Die Men­schen­men­gen, die sich bei den Papst­be­su­chen ver­sam­meln, sind kein Beweis des Glau­bens: Auch die kom­mu­ni­sti­schen Regime und die mus­li­mi­schen Län­der ver­ste­hen es, gewal­ti­ge Men­schen­men­gen zu ver­sam­meln, mit dem Unter­schied, daß sie wirk­lich an das glau­ben, was sie beken­nen, wäh­rend die einst katho­li­schen Natio­nen ver­leug­nen, was sie her­vor­ge­bracht hat.

Es heißt wie­der­holt: „Wie vie­le Jugend­li­che! Sie sind die Zukunft!“ Aber wo sind die Jugend­li­chen des Welt­ju­gend­ta­ges 2011 in Spa­ni­en geblie­ben? Fünf­zehn Jah­re sind ver­gan­gen, und die Säku­la­ri­sie­rung schrei­tet in Spa­ni­en – wie auch in ande­ren Län­dern – rasch und mit gro­ßer Wucht vor­an. Die begei­ster­ten Men­schen­men­gen haben die Ent­christ­li­chung nicht ver­hin­dert, weil Tri­um­pha­lis­mus nie­man­den bekehrt. Ist die Mes­se vor­bei, kehrt man nach Hau­se zurück wie nach einem Fuß­ball­spiel. Des­halb habe ich seit lan­ger Zeit auf­ge­hört, die apo­sto­li­schen Rei­sen der Päp­ste zu verfolgen.

Eines der Dra­men unse­rer Zeit ist die Illu­si­on, die Kir­che müs­se die Welt „huma­ni­sie­ren“, die Men­schen bes­ser, soli­da­ri­scher und auf­nah­me­be­rei­ter machen. Doch dies ist nicht die Sen­dung, die Chri­stus ihr anver­traut hat.

Die Kir­che wur­de nicht gegrün­det, um die Men­schen im all­ge­mei­nen Sin­ne „mensch­li­cher“ zu machen, son­dern um sie zu Chri­sten zu machen, das heißt zu Kin­dern Got­tes, die Anteil am über­na­tür­li­chen Leben haben und durch die Gna­de geret­tet werden.

Wenn die Hier­ar­chie der Kir­che dies ver­gißt, wenn sie sich in eine geist­li­che NGO ver­wan­delt, wenn sie danach strebt, der Welt zu gefal­len und den jeweils Mäch­ti­gen zufrie­den­zu­stel­len – ins­be­son­de­re dann, wenn die­ser der Kir­che und dem Glau­ben ideo­lo­gisch feind­lich gegen­über­steht, beson­ders wenn er dem lin­ken poli­ti­schen Lager ange­hört –, dann ver­rät sie ihre Iden­ti­tät und ihre Sendung.

Heu­te scheint mehr denn je ein bedeu­ten­der Teil des Kle­rus von dem Wunsch beses­sen zu sein, akzep­tiert, beklatscht und aner­kannt zu wer­den. Man fürch­tet das Urteil der Welt mehr als das Urteil Got­tes. Man zieht es vor, Höf­ling der Macht zu sein, anstatt Zeu­ge des Evangeliums.

Und so läuft die Kir­che Gefahr, anstatt die Braut Chri­sti zu sein, zur Kur­ti­sa­ne der Welt zu werden.

Die wah­re Dring­lich­keit besteht nicht dar­in, Ver­an­stal­tun­gen, Groß­kund­ge­bun­gen oder medi­en­wirk­sa­me Begeg­nun­gen zu organisieren.

Die wah­re Dring­lich­keit besteht dar­in, vor dem Taber­na­kel wie­der auf die Knie zu gehen und um Ver­ge­bung dafür zu bit­ten, daß man den Wein­berg des Herrn ent­stellt hat, daß man der alten Ver­su­chung der Schlan­ge nach­ge­ge­ben hat: ein irdi­sches Para­dies zu errich­ten, das Gott zurückweist.

Solan­ge man nicht wie­der die sozia­le Königs­herr­schaft Chri­sti und die über­na­tür­li­che Sen­dung der Kir­che aner­kennt, wird uns kei­ne noch so gewal­ti­ge Men­schen­men­ge täu­schen kön­nen: Wir sind kei­ne christ­li­chen Län­der mehr.

Übersetzung/​Einleitung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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