Die Päpste im Bild – Systematische Papstgalerien

Das Medaillon von Leo XIV. für Sankt Paul vor den Mauern


Die ununterbrochene Papstreihe in Sankt Paul vor den Mauern ist kulturhistorisch einzigartig. Demnächst wird das 267. Medaillon, jenes von Leo XIV., angebracht werden.
Die ununterbrochene Papstreihe in Sankt Paul vor den Mauern ist kulturhistorisch einzigartig. Demnächst wird das 267. Medaillon, jenes von Leo XIV., angebracht werden.

Als die Vati­ka­ni­sche Mosa­ik­werk­statt (Stu­dio del Mosai­co Vati­ca­no) dem amtie­ren­den Papst Leo XIV. gestern das neu voll­ende­te Mosa­ik mit sei­nem Por­trät prä­sen­tier­te, wur­de eine Tra­di­ti­on fort­ge­führt, die zum älte­sten, kon­ti­nu­ier­lich gepfleg­ten und zugleich pro­gram­ma­tisch­sten Bild­zy­klus der Mensch­heits­ge­schich­te gehört. Mit der vor­ge­se­he­nen Anbrin­gung die­ses Por­trät­me­dail­lons in der Patri­ar­chal­ba­si­li­ka Sankt Paul vor den Mau­ern tritt ein wei­te­rer Papst in eine visu­el­le Chro­nik ein, die nicht nur Erin­ne­rung bewahrt, son­dern das Papst­amt selbst in sei­ner gan­zen histo­ri­schen Dau­er sicht­bar macht. In der päpst­li­chen Basi­li­ka, die über dem Grab des Völ­ker­apo­stels Pau­lus errich­tet wur­de, befin­det sich die syste­ma­ti­sche Dar­stel­lung aller Päp­ste in fort­lau­fen­der Rei­hen­fol­ge von Petrus bis Leo XIV.

Sol­che voll­stän­di­gen oder zumin­dest geschlos­sen ange­leg­ten Papst­ga­le­rien sind auch in der christ­li­chen Kunst eine Aus­nah­me­erschei­nung. Wäh­rend Herr­scher­rei­hen, Bischofs­li­sten oder Ahnen­fol­gen im Mit­tel­al­ter durch­aus ver­brei­tet waren, ist die kon­se­quen­te Visua­li­sie­rung der gesam­ten Papst­fol­ge ein Son­der­fall. Neben Sankt Paul vor den Mau­ern las­sen sich welt­weit nur weni­ge Orte nach­wei­sen, an denen die Päp­ste nicht nur selek­tiv oder epi­so­disch, son­dern als chro­no­lo­gi­sche Gesamt­ab­fol­ge dar­ge­stellt wur­den. Die­se weni­gen Bei­spie­le sind kultur‑, kunst- und kir­chen­ge­schicht­lich und ins­ge­samt für die Welt­ge­schich­te von her­aus­ra­gen­der Bedeutung.

Sankt Paul vor den Mauern (Rom): Die fortgeführte Gesamtreihe

Die päpst­li­che Basi­li­ka San Pao­lo fuo­ri le Mura, eine der vier Patri­ar­chal­ba­si­li­ken Roms, bewahrt die umfas­send­ste und zugleich ein­zi­ge bis heu­te fort­ge­führ­te Papst­ga­le­rie der Welt. Ent­lang der obe­ren Wand­zo­nen von Lang­haus, Quer­haus und Sei­ten­ar­men zieht sich eine Fol­ge von rund 265 Mosa­ik­me­dail­lons, Ton­di genannt, die alle Bischö­fe von Rom vom Apo­stel Petrus bis zum jeweils amtie­ren­den Papst zeigen.

Das Mosa­ik­me­dail­lon (Ton­do) mit dem Abbild von Papst Leo XIV.

Der Ursprung die­ser Bild­tra­di­ti­on reicht bis in das 5. Jahr­hun­dert zurück, in die Zeit des Pon­ti­fi­kats Leos I. des Gro­ßen (440–461), einer der prä­gend­sten Papst­ge­stal­ten der Spät­an­ti­ke. Bereits damals bestand ein aus­ge­präg­tes Inter­es­se an der visu­el­len Siche­rung der apo­sto­li­schen Suk­zes­si­on, wel­che die unun­ter­bro­che­ne Wei­ter­ga­be des Petrus­am­tes und damit des gesam­ten Epi­sko­pats sicht­bar macht. Papst­li­sten (Liber Pon­ti­fi­ca­l­is) und Inschrif­ten waren damals ver­brei­tet; die Über­tra­gung die­ses genea­lo­gi­schen Prin­zips in ein dau­er­haf­tes Bild­pro­gramm war jedoch innovativ.

Die Wahl des Medi­ums Mosa­ik – mit Glas­fluss, Gold­grund und mine­ra­li­schen Farb­pig­men­ten – war dabei kein Zufall. Mosa­ik galt seit der Spät­an­ti­ke als das dau­er­haf­te­ste und zugleich hier­ar­chisch höch­ste Bild­me­di­um. Es eig­ne­te sich beson­ders für Pro­gram­me, die auf Zeit­lo­sig­keit, Kon­ti­nui­tät und Unver­än­der­lich­keit zielten.

Die heu­ti­ge Gestalt der Papst­ga­le­rie ist wesent­lich durch den kata­stro­pha­len Brand von 1823 geprägt, bei dem gro­ße Tei­le der früh­mit­tel­al­ter­li­chen Aus­stat­tung der Basi­li­ka zer­stört wur­den. Unter Papst Leo XII. und vor allem Pius IX. wur­de San Pao­lo fuo­ri le Mura im 19. Jahr­hun­dert weit­ge­hend neu errich­tet, wobei jedoch bewußt auf früh­christ­li­che Vor­bil­der zurück­ge­grif­fen wurde.

In die­sem Zusam­men­hang wur­de auch die Papst­ga­le­rie syste­ma­tisch erneu­ert, ver­ein­heit­licht und bis in die jüng­ste Zeit ver­voll­stän­digt. Frü­he­re Frag­men­te, schrift­li­che Quel­len und iko­no­gra­phi­sche Tra­di­tio­nen dien­ten dafür als Grund­la­ge. Dadurch ent­stand eine neue, syste­ma­tisch geord­ne­te Serie, die bis heu­te fort­ge­führt wird. Erhal­te­ne Reste der alten Serie sind teils im Musuem der Basi­li­ka ausgestellt.

Die 1823 durch Brand zer­stör­te Basi­li­ka Sankt Paul vor den Mau­ern in einer zeit­ge­nös­si­schen Dar­stel­lung mit den deut­lich sicht­ba­ren Mosa­ik­me­dail­lons der Päpste

Struktur und ikonographisches Prinzip

Das struk­tu­rel­le Prin­zip der Gale­rie ist bis heu­te unver­än­dert geblieben:

  • Jeder Papst erscheint in einem run­den Mosail­me­dail­lon (Ton­do)
  • Die Dar­stel­lung erfolgt als Brust­bild auf Goldgrund
  • Die Namens­bei­schrift ist in latei­ni­scher Form angebracht
  • Beim amtie­ren­den Papst ist aus­schließ­lich das Datum des Pon­ti­fi­kats­be­ginns angegeben
  • Nach dem Able­ben des Pap­stes wird die genau­er Dau­er sei­nes Pon­ti­fi­kats in Jah­ren, Mona­ten und Tagen ergänzt

Zugleich wird der näch­ste Platz vor­be­rei­tet. Die Gale­rie ist ein leben­di­ges visu­el­les Regi­ster des Amtes, das Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft der hei­li­gen Kir­che mit­ein­an­der verbindet.

Das Mosaik Leos XIV.

Die nun vor­ge­stell­te Dar­stel­lung Leos XIV., ein etwa 137 cm durch­mes­sen­der Ton­do aus Gla­se­mail und Gold, wur­de in tra­di­tio­nel­ler Tech­nik nach einem Gemäl­de des Künst­lers Rodol­fo Papa gefer­tigt. Die Aus­füh­rung folgt der klas­si­schen Metho­de des geschnit­te­nen Mosa­iks (opus tes­sel­la­tum), bei der jeder ein­zel­ne Mosa­ik­stein von Hand gesetzt wird.

Wie alle Papst­por­träts wird auch die­ses Mosa­ik in 13 Metern Höhe ange­bracht – außer­halb unmit­tel­ba­rer Betrach­tungs­nä­he. Ent­schei­dend ist nicht indi­vi­du­el­le Por­trät­ähn­lich­keit im moder­nen Sinn, son­dern die Ein­ord­nung in die über­ge­ord­ne­te Ord­nung. Der Ent­wurf ver­bleibt dau­er­haft im Archiv der Vati­ka­ni­schen Mosa­ik­werk­statt, die seit dem 18. Jahr­hun­dert exklu­siv für päpst­li­che Bild­pro­gram­me arbeitet.

Dom von Siena: Geschlossene historische Reihe bis zum 12. Jahrhundert

Eine zwei­te, in sich geschlos­se­ne Papst­rei­he befin­det sich im Dom San­ta Maria Ass­un­ta von Sie­na. Hoch oben an den Innen­wän­den des Lang­hau­ses sind dort Ter­ra­kot­tabü­sten der Päp­ste ange­bracht, die von Apo­stel Petrus bis zu Papst Luci­us II. († 1145) reichen.

Alle 166 Päp­ste von Petrus bis Luci­us II. zie­ren den Dom von Siena

Die Serie ent­stand zwi­schen 1481 und 1483 im Kon­text der spät­mit­tel­al­ter­li­chen Neu­ge­stal­tung des Doms. Sie steht im Zei­chen des huma­ni­sti­schen Geschichts­in­ter­es­ses der Zeit, das Ord­nung, Chro­no­lo­gie und Syste­ma­tik schätz­te. Anders als in Rom war die­se Rei­he von Anfang an als abge­schlos­se­nes histo­ri­sches Tableau kon­zi­piert. Sie beginnt mit dem Apo­stel­für­sten Petrus rechts von Jesus Chri­stus im Chor­ab­schluß und setzt sich im Uhr­zei­ger­sinn fort.

Bemer­kens­wert ist die bewu0te Ent­schei­dung, die Gale­rie nicht fort­zu­füh­ren. Die Papst­fol­ge wird hier, anders als in Rom, nicht als leben­di­ge Kon­ti­nui­tät insze­niert, son­dern als histo­risch fixier­te Ver­gan­gen­heit. Die Funk­ti­on ist pri­mär doku­men­ta­risch und didaktisch.

Pisa – San Piero a Grado: Freskierter Papstzyklus bis Johannes XVII.

Ein drit­tes gesi­cher­tes Bei­spiel bie­tet die Basi­li­ka San Pie­ro a Gra­do bei Pisa. Dort ent­stand im frü­hen 14. Jahr­hun­dert ein umfang­rei­cher Fres­ken­zy­klus, der die Päp­ste von Petrus bis Johan­nes XVIII. († 1009) zeigt. Johan­nes XVIII., ein Bene­dik­ti­ner, war vo sei­ner Wahl als Kar­di­nal Erz­prie­ster von Sankt Paul vor den Mau­ern und starb auch in der mit der Papst­ba­si­liks ver­bun­de­nen Benediktinerabtei.

Die 141 Päp­ste von Petrus bis Johan­nes XVIII. sind in San Pie­ro a Gra­do bei Pisa dar­ge­stellt, der heu­te älte­sten Porträtreihe

Die Papst­por­träts von San Pie­ro a Gra­do sind chro­no­lo­gisch ober­halb der Arka­den des Lang­hau­ses ange­ord­net und mit Namens­bei­schrif­ten ver­se­hen. Der Zyklus wird dem Maler Deo­da­to Orlandi zuge­schrie­ben und ent­stand ver­mut­lich im Zusam­men­hang mit der pisa­ni­schen Selbst­prä­sen­ta­ti­on als bedeu­ten­des kirch­li­ches Zen­trum. Die See­re­pu­blik Pisa war um das Jahr 1000 zu einer der bedeu­tend­sten im Mit­tel­meer­raum auf­ge­stie­gen, nach­dem sie erfolg­reich im Bünd­nis mit der See­re­pu­blik Genua die isla­mi­sche Gefahr im Thyr­rhe­ni­schen Meer gebannt hatte.

Auch in San Pie­ro a Gra­do han­delt es sich um eine bewußt abge­schlos­se­ne Serie, deren Ziel nicht die Aktua­li­sie­rung, son­dern die histo­ri­sche Legi­ti­ma­ti­on war. Die apo­sto­li­sche Linie wird dar­ge­stellt, aber seit­her nicht fort­ge­schrie­ben. Der Unter­schied ist offen­sicht­lich: Wäh­rend die bedeu­ten­den Pro­vinz­kir­chen die Geschich­te doku­men­tie­ren, ist in Rom die Kon­ti­nui­tät lebendig.

Keine weiteren vollständigen Reihen

Ande­re bedeu­ten­de Kir­chen – etwa der Dom von Pisa, der Flo­ren­ti­ner Dom San­ta Maria del Fio­re oder römi­sche Basi­li­ken wie der Late­ran, San­ta Maria Mag­gio­re oder San­ta Maria in Tra­ste­ve­re – ver­fü­gen über kei­ne syste­ma­ti­schen Papst­ga­le­rien. Dort fin­den sich Ein­zel­por­träts, Grab­mä­ler, Stif­ter­bil­der oder selek­ti­ve Zyklen, jedoch kei­ne chro­no­lo­gisch voll­stän­di­gen Reihen.

Die Six­ti­ni­sche Kapel­le besaß im 15. Jahr­hun­dert Papst­bil­der über den Fen­ster­ach­sen. Die­se stell­ten jedoch kei­ne voll­stän­di­ge Papst­ab­fol­ge dar und sind heu­te weit­ge­hend ver­lo­ren bzw. durch die Über­ma­lun­gen Michel­an­ge­los und sei­ner Schü­ler verdeckt.

Bedeutung und aktueller Bezug

Die ein­zig­ar­ti­ge, aktu­el­le und dyna­mi­sche Prä­sen­ta­ti­on der Papst­mo­sai­ke in unun­ter­bro­che­ner Rei­he, die in Sankt Paul vor den Mau­ern fort­ge­setzt wird, nimmt einen bei­spiel­lo­sen Platz in der Kunst- und Kul­tur­ge­schich­te ein. Die­se Patri­ar­chal­ba­si­li­ka ist allein Trä­ge­rin die­ser histo­ri­schen Tra­di­ti­on. Wäh­rend Sie­na und Pisa abge­schlos­se­ne Bild­pro­gram­me bewah­ren, ist Rom der ein­zi­ge Ort, an dem die Papst­fol­ge sicht­bar wei­ter­ge­schrie­ben wird.

Das neue Mosa­ik Leos XIV. ist daher weit mehr als ein Por­trät. Es ist ein wei­te­rer Bau­stein in einer Bild­rei­he, das seit 1600 Jah­ren Anspruch, Selbst­ver­ständ­nis und Dau­er des Papst­am­tes sicht­bar macht. Es han­delt sich um ein ein­zig­ar­ti­ges Zusam­men­spiel von Kunst, Geschich­te und insti­tu­tio­nel­lem Gedächt­nis. In der Tat gibt es welt­weit nichts Ver­gleich­ba­res, weil es welt­weit auch kei­ne ver­gleich­ba­re Insti­tu­ti­on wie das Petrus­amt gibt – weder reli­gi­ös noch weltlich.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: (Dom von Siena/​Jimmyweee; San Pie­ro a Grado/​Manfred Heyde) 

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