Als die Vatikanische Mosaikwerkstatt (Studio del Mosaico Vaticano) dem amtierenden Papst Leo XIV. gestern das neu vollendete Mosaik mit seinem Porträt präsentierte, wurde eine Tradition fortgeführt, die zum ältesten, kontinuierlich gepflegten und zugleich programmatischsten Bildzyklus der Menschheitsgeschichte gehört. Mit der vorgesehenen Anbringung dieses Porträtmedaillons in der Patriarchalbasilika Sankt Paul vor den Mauern tritt ein weiterer Papst in eine visuelle Chronik ein, die nicht nur Erinnerung bewahrt, sondern das Papstamt selbst in seiner ganzen historischen Dauer sichtbar macht. In der päpstlichen Basilika, die über dem Grab des Völkerapostels Paulus errichtet wurde, befindet sich die systematische Darstellung aller Päpste in fortlaufender Reihenfolge von Petrus bis Leo XIV.
Solche vollständigen oder zumindest geschlossen angelegten Papstgalerien sind auch in der christlichen Kunst eine Ausnahmeerscheinung. Während Herrscherreihen, Bischofslisten oder Ahnenfolgen im Mittelalter durchaus verbreitet waren, ist die konsequente Visualisierung der gesamten Papstfolge ein Sonderfall. Neben Sankt Paul vor den Mauern lassen sich weltweit nur wenige Orte nachweisen, an denen die Päpste nicht nur selektiv oder episodisch, sondern als chronologische Gesamtabfolge dargestellt wurden. Diese wenigen Beispiele sind kultur‑, kunst- und kirchengeschichtlich und insgesamt für die Weltgeschichte von herausragender Bedeutung.
Sankt Paul vor den Mauern (Rom): Die fortgeführte Gesamtreihe
Die päpstliche Basilika San Paolo fuori le Mura, eine der vier Patriarchalbasiliken Roms, bewahrt die umfassendste und zugleich einzige bis heute fortgeführte Papstgalerie der Welt. Entlang der oberen Wandzonen von Langhaus, Querhaus und Seitenarmen zieht sich eine Folge von rund 265 Mosaikmedaillons, Tondi genannt, die alle Bischöfe von Rom vom Apostel Petrus bis zum jeweils amtierenden Papst zeigen.

Der Ursprung dieser Bildtradition reicht bis in das 5. Jahrhundert zurück, in die Zeit des Pontifikats Leos I. des Großen (440–461), einer der prägendsten Papstgestalten der Spätantike. Bereits damals bestand ein ausgeprägtes Interesse an der visuellen Sicherung der apostolischen Sukzession, welche die ununterbrochene Weitergabe des Petrusamtes und damit des gesamten Episkopats sichtbar macht. Papstlisten (Liber Pontificalis) und Inschriften waren damals verbreitet; die Übertragung dieses genealogischen Prinzips in ein dauerhaftes Bildprogramm war jedoch innovativ.
Die Wahl des Mediums Mosaik – mit Glasfluss, Goldgrund und mineralischen Farbpigmenten – war dabei kein Zufall. Mosaik galt seit der Spätantike als das dauerhafteste und zugleich hierarchisch höchste Bildmedium. Es eignete sich besonders für Programme, die auf Zeitlosigkeit, Kontinuität und Unveränderlichkeit zielten.
Die heutige Gestalt der Papstgalerie ist wesentlich durch den katastrophalen Brand von 1823 geprägt, bei dem große Teile der frühmittelalterlichen Ausstattung der Basilika zerstört wurden. Unter Papst Leo XII. und vor allem Pius IX. wurde San Paolo fuori le Mura im 19. Jahrhundert weitgehend neu errichtet, wobei jedoch bewußt auf frühchristliche Vorbilder zurückgegriffen wurde.
In diesem Zusammenhang wurde auch die Papstgalerie systematisch erneuert, vereinheitlicht und bis in die jüngste Zeit vervollständigt. Frühere Fragmente, schriftliche Quellen und ikonographische Traditionen dienten dafür als Grundlage. Dadurch entstand eine neue, systematisch geordnete Serie, die bis heute fortgeführt wird. Erhaltene Reste der alten Serie sind teils im Musuem der Basilika ausgestellt.

Struktur und ikonographisches Prinzip
Das strukturelle Prinzip der Galerie ist bis heute unverändert geblieben:
- Jeder Papst erscheint in einem runden Mosailmedaillon (Tondo)
- Die Darstellung erfolgt als Brustbild auf Goldgrund
- Die Namensbeischrift ist in lateinischer Form angebracht
- Beim amtierenden Papst ist ausschließlich das Datum des Pontifikatsbeginns angegeben
- Nach dem Ableben des Papstes wird die genauer Dauer seines Pontifikats in Jahren, Monaten und Tagen ergänzt
Zugleich wird der nächste Platz vorbereitet. Die Galerie ist ein lebendiges visuelles Register des Amtes, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der heiligen Kirche miteinander verbindet.
Das Mosaik Leos XIV.
Die nun vorgestellte Darstellung Leos XIV., ein etwa 137 cm durchmessender Tondo aus Glasemail und Gold, wurde in traditioneller Technik nach einem Gemälde des Künstlers Rodolfo Papa gefertigt. Die Ausführung folgt der klassischen Methode des geschnittenen Mosaiks (opus tessellatum), bei der jeder einzelne Mosaikstein von Hand gesetzt wird.
Wie alle Papstporträts wird auch dieses Mosaik in 13 Metern Höhe angebracht – außerhalb unmittelbarer Betrachtungsnähe. Entscheidend ist nicht individuelle Porträtähnlichkeit im modernen Sinn, sondern die Einordnung in die übergeordnete Ordnung. Der Entwurf verbleibt dauerhaft im Archiv der Vatikanischen Mosaikwerkstatt, die seit dem 18. Jahrhundert exklusiv für päpstliche Bildprogramme arbeitet.
Dom von Siena: Geschlossene historische Reihe bis zum 12. Jahrhundert
Eine zweite, in sich geschlossene Papstreihe befindet sich im Dom Santa Maria Assunta von Siena. Hoch oben an den Innenwänden des Langhauses sind dort Terrakottabüsten der Päpste angebracht, die von Apostel Petrus bis zu Papst Lucius II. († 1145) reichen.

Die Serie entstand zwischen 1481 und 1483 im Kontext der spätmittelalterlichen Neugestaltung des Doms. Sie steht im Zeichen des humanistischen Geschichtsinteresses der Zeit, das Ordnung, Chronologie und Systematik schätzte. Anders als in Rom war diese Reihe von Anfang an als abgeschlossenes historisches Tableau konzipiert. Sie beginnt mit dem Apostelfürsten Petrus rechts von Jesus Christus im Chorabschluß und setzt sich im Uhrzeigersinn fort.
Bemerkenswert ist die bewu0te Entscheidung, die Galerie nicht fortzuführen. Die Papstfolge wird hier, anders als in Rom, nicht als lebendige Kontinuität inszeniert, sondern als historisch fixierte Vergangenheit. Die Funktion ist primär dokumentarisch und didaktisch.
Pisa – San Piero a Grado: Freskierter Papstzyklus bis Johannes XVII.
Ein drittes gesichertes Beispiel bietet die Basilika San Piero a Grado bei Pisa. Dort entstand im frühen 14. Jahrhundert ein umfangreicher Freskenzyklus, der die Päpste von Petrus bis Johannes XVIII. († 1009) zeigt. Johannes XVIII., ein Benediktiner, war vo seiner Wahl als Kardinal Erzpriester von Sankt Paul vor den Mauern und starb auch in der mit der Papstbasiliks verbundenen Benediktinerabtei.

Die Papstporträts von San Piero a Grado sind chronologisch oberhalb der Arkaden des Langhauses angeordnet und mit Namensbeischriften versehen. Der Zyklus wird dem Maler Deodato Orlandi zugeschrieben und entstand vermutlich im Zusammenhang mit der pisanischen Selbstpräsentation als bedeutendes kirchliches Zentrum. Die Seerepublik Pisa war um das Jahr 1000 zu einer der bedeutendsten im Mittelmeerraum aufgestiegen, nachdem sie erfolgreich im Bündnis mit der Seerepublik Genua die islamische Gefahr im Thyrrhenischen Meer gebannt hatte.
Auch in San Piero a Grado handelt es sich um eine bewußt abgeschlossene Serie, deren Ziel nicht die Aktualisierung, sondern die historische Legitimation war. Die apostolische Linie wird dargestellt, aber seither nicht fortgeschrieben. Der Unterschied ist offensichtlich: Während die bedeutenden Provinzkirchen die Geschichte dokumentieren, ist in Rom die Kontinuität lebendig.
Keine weiteren vollständigen Reihen
Andere bedeutende Kirchen – etwa der Dom von Pisa, der Florentiner Dom Santa Maria del Fiore oder römische Basiliken wie der Lateran, Santa Maria Maggiore oder Santa Maria in Trastevere – verfügen über keine systematischen Papstgalerien. Dort finden sich Einzelporträts, Grabmäler, Stifterbilder oder selektive Zyklen, jedoch keine chronologisch vollständigen Reihen.
Die Sixtinische Kapelle besaß im 15. Jahrhundert Papstbilder über den Fensterachsen. Diese stellten jedoch keine vollständige Papstabfolge dar und sind heute weitgehend verloren bzw. durch die Übermalungen Michelangelos und seiner Schüler verdeckt.
Bedeutung und aktueller Bezug
Die einzigartige, aktuelle und dynamische Präsentation der Papstmosaike in ununterbrochener Reihe, die in Sankt Paul vor den Mauern fortgesetzt wird, nimmt einen beispiellosen Platz in der Kunst- und Kulturgeschichte ein. Diese Patriarchalbasilika ist allein Trägerin dieser historischen Tradition. Während Siena und Pisa abgeschlossene Bildprogramme bewahren, ist Rom der einzige Ort, an dem die Papstfolge sichtbar weitergeschrieben wird.
Das neue Mosaik Leos XIV. ist daher weit mehr als ein Porträt. Es ist ein weiterer Baustein in einer Bildreihe, das seit 1600 Jahren Anspruch, Selbstverständnis und Dauer des Papstamtes sichtbar macht. Es handelt sich um ein einzigartiges Zusammenspiel von Kunst, Geschichte und institutionellem Gedächtnis. In der Tat gibt es weltweit nichts Vergleichbares, weil es weltweit auch keine vergleichbare Institution wie das Petrusamt gibt – weder religiös noch weltlich.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: (Dom von Siena/Jimmyweee; San Piero a Grado/Manfred Heyde)
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