Treueschwur unter dem Zeichen des Opfers

Die Schweizergarde erinnert an den Sacco di Roma


Die jungen Schweizer Gardisten, die am 6. Mai in Rom vereidigt wurden
Die jungen Schweizer Gardisten, die am 6. Mai in Rom vereidigt wurden

Im Vati­kan haben am 6. Mai 2026 acht­und­zwan­zig neue Rekru­ten der Päpst­li­chen Schwei­zer­gar­de ihren fei­er­li­chen Eid auf den Papst abge­legt. Die Zere­mo­nie, die ursprüng­lich im Cor­ti­le di San Dama­so statt­fin­den soll­te, wur­de wegen schlech­ten Wet­ters in die gro­ße vati­ka­ni­sche Audi­enz­hal­le Paul VI. ver­legt. Trotz der unge­wohn­ten Umge­bung blieb die sym­bo­li­sche Kraft des Ritu­als unge­bro­chen: Der Schwur der Gar­di­sten ist bis heu­te unmit­tel­bar mit einem der dra­ma­tisch­sten Ereig­nis­se der römi­schen Kir­chen­ge­schich­te ver­bun­den – dem Sac­co di Roma von 1527.

Papst Leo XIV. dank­te den jun­gen Gar­di­sten für ihren Dienst, der „von der Lie­be zur Kir­che und vom Glau­ben an Gott getra­gen“ sei. In sei­ner Anspra­che wür­dig­te er ins­be­son­de­re die Bereit­schaft zur Treue und zum Opfer. Damit knüpf­te er an jene Tra­di­ti­on an, die den 6. Mai über­haupt zum Tag der Ver­ei­di­gung gemacht hat.

Denn am 6. Mai 1527 ver­tei­dig­ten 189 Schwei­zer Gar­di­sten wäh­rend der Plün­de­rung Roms den Papst gegen die maro­die­ren­den Deut­schen Lands­knech­te. Es han­del­te sich um eine an sich sehr dis­zi­pli­nier­te Söld­ner­trup­pe des Kai­sers, zumeist aus dem ober­deut­schen Raum (Öster­reich, Tirol, Bay­ern, Schwa­ben, Schweiz, Fran­ken und dem Rhein­land). Nach­dem aber der Sold aus­ge­blie­ben und ihr Grün­der und Kom­man­deur Jörg von Frunds­berg ver­stor­ben war, über­fie­len sie eigen­mäch­tig die Stadt Rom, um sich schad­los zu hal­ten. Rom ver­sank in Cha­os, Mord und Ver­wü­stung. Wie zahl­rei­che histo­ri­sche Dar­stel­lun­gen her­vor­he­ben, stell­ten sich die Schwei­zer Gar­di­sten den Angrei­fern, häu­fig sogar Lands­leu­te im enge­ren Sinn, ent­ge­gen, um Papst Cle­mens VII. die Flucht zu ermöglichen.

Jedes Jahr wer­den die neu­en Rekru­ten am 6. Mai ver­ei­digt, an dem 1527 ihre Kame­ra­den den Blut­zoll ent­rich­te­ten, um das Leben des Pap­stes zu schützen

147 Gar­di­sten fie­len auf den Stu­fen des Peters­doms oder in des­sen unmit­tel­ba­rer Umge­bung. Ihr Wider­stand ver­schaff­te dem Papst jene ent­schei­den­den Minu­ten, die ihm die Flucht über den Pas­set­to di Bor­go zur Engels­burg ermög­lich­ten. Dort ver­schanz­te sich Cle­mens VII., wäh­rend Rom geplün­dert wur­de. Der hel­den­haf­te Tod der Gar­di­sten gilt bis heu­te als Grün­dungs­my­thos ihres Selbst­ver­ständ­nis­ses: Dienst am Papst bedeu­tet im äußer­sten Fall Opfer bis zum Tod. Am Tag, an dem ihre Kame­ra­den fie­len, wer­den seit­her die jun­gen Rekru­ten vereidigt.

Des­halb ent­hält auch der heu­ti­ge Eid noch jene For­mu­lie­rung, die bewußt unver­än­dert geblie­ben ist, „wenn nötig sogar das eige­ne Leben zu opfern“ zur Ver­tei­di­gung des Pap­stes und sei­ner legi­ti­men Nachfolger.

Die dies­jäh­ri­ge Zere­mo­nie stand ganz im Zei­chen die­ser bei­na­he fünf­hun­dert­jäh­ri­gen Kon­ti­nui­tät, die im kom­men­den Jahr bergan­gen wird. Die Gar­di­sten erschie­nen in der soge­nann­ten „Gro­ßen Gala“ mit Har­nisch – jener histo­ri­schen Uni­form, die sonst nur zu Ostern und Weih­nach­ten bei der Segens­fei­er Urbi et Orbi getra­gen wird. Trom­meln, Hel­le­bar­den, Ban­ner der Schwei­zer Kan­to­ne und die tra­di­tio­nel­len Kom­man­dos in deut­scher Spra­che ver­lie­hen dem Ereig­nis den Cha­rak­ter einer histo­ri­schen Remi­nis­zenz. Die Eides­for­mel lei­stet heu­te jeder Gar­dist in sei­ner Mut­ter­spra­che, also in der Schweiz auf deutsch, fran­zö­sisch, ita­lie­ni­sche oder rätoromanisch.

Der Kom­man­dant der Gar­de, Oberst Chri­stoph Graf, beton­te in sei­ner Anspra­che einen Gedan­ken, der im moder­nen Euro­pa bei­na­he pro­vo­kant wirkt: Dienst sei nicht Ernied­ri­gung, son­dern Erfül­lung. In einer Gesell­schaft, die indi­vi­du­el­le Selbst­ver­wirk­li­chung oft mit Bin­dungs­lo­sig­keit gleich­setzt, erschei­ne der Begriff des Die­nens vie­len ver­däch­tig. Gera­de dar­in aber lie­ge die eigent­li­che Wür­de des Men­schen – im Ein­satz für etwas, das grö­ßer ist als das eige­ne Ich.

Die Ver­ei­di­gung eines jun­gen Gar­di­sten: „Ich schwö­re […], so wahr mir Gott und unse­re hei­li­gen Patro­ne helfen.“

Auch der Kaplan der Gar­de unter­strich die geist­li­che Dimen­si­on des Dien­stes. Selbst­hin­ga­be habe immer ihren Preis: Müdig­keit, Ent­beh­rung, Heim­weh und Ver­zicht. Doch Opfer mache den Men­schen nicht ärmer, son­dern las­se ihn wach­sen – mensch­lich und geistlich.

Die Schwei­zer­gar­de ist heu­te die letz­te ver­blie­be­ne Insti­tu­ti­on ihrer Art. Doch Schwei­zer Gar­den exi­stier­ten frü­her nicht nur in Rom. Über Jahr­hun­der­te gal­ten Schwei­zer Sol­da­ten in Euro­pa als beson­ders loy­al, dis­zi­pli­niert und kampf­erfah­ren. Des­halb stan­den sie auch an den Höfen der gro­ßen katho­li­schen Mon­ar­chien im Dienst.

So ver­füg­ten die Habs­bur­ger in Wien über Schwei­zer Leib­gar­den zum Schutz des Kai­sers. In der Wie­ner Hof­burg erin­nert noch der Schwei­zer­hof dar­an. Noch berühm­ter war die Schwei­zer­gar­de der fran­zö­si­schen Köni­ge in Paris. Die­se Trup­pe erlitt ihr eige­nes Blut­zeug­nis wäh­rend der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on: Am 10. August 1792 ver­tei­dig­ten die Schwei­zer Gar­di­sten den Tui­le­rien­pa­last gegen revo­lu­tio­nä­re Mas­sen. Hun­der­te von ihnen wur­den getö­tet, weil sie Lud­wig XVI. treu geblie­ben waren. Das monu­men­ta­le Löwen­denk­mal in Luzern erin­nert bis heu­te an die­sen Unter­gang der fran­zö­si­schen Schweizergarde.

Die klei­ne Trup­pe im Vati­kan ist kei­nes­wegs eine folk­lo­ri­sti­sche Kurio­si­tät, son­dern eine gut aus­ge­bil­de­te Leib­gar­de für den Per­so­nen­schutz und zudem der letz­te leben­di­ge Rest einer alten euro­päi­schen Tra­di­ti­on: bewaff­ne­ter Treue gegen­über einer legi­ti­men Auto­ri­tät, ver­bun­den mit einem christ­lich gepräg­ten Ehrenkodex.

Die Ver­ei­di­gung der neu­en Gar­di­sten mach­te deut­lich, daß der Vati­kan die­se Tra­di­ti­on wei­ter­hin bewußt pflegt. In einer Zeit, in der Begrif­fe wie Opfer, Treue und Dienst viel­fach anti­quiert wir­ken, hält die Schwei­zer­gar­de an einem Ide­al fest, das aus einer ande­ren Epo­che stammt – und gera­de des­halb bis heu­te Ein­druck hinterläßt.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­News (Screen­shots)

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