Der folgende Text des britischen Autors und Theologen Sebastian Morello (Auszug aus seinem Buch „Mysticism, Magic, and Monasteries: Recovering the Sacred Mystery at the Heart of Reality“) setzt sich kritisch mit der nachkonziliaren Entwicklung kirchlicher Leitungs- und Denkmodelle auseinander. Ausgehend von einer Analyse moderner anthropologischer und erkenntnistheoretischer Voraussetzungen zeigt Morello auf, wie ein mechanistisches und „ingenieurhaftes“ Verständnis von Kirche und Glaubensweitergabe die lebendige, verkörperte Glaubenspraxis verdrängt hat. Im Rückgriff auf die Theologie des heiligen Thomas von Aquin plädiert er für eine Wiederentdeckung der Beziehung, der Devotion und der gelebten religiösen Praxis als tragende Grundlagen des Glaubens.
Die nachkonziliare kirchliche Ingenieursmentalität
Von Sebastian Morello*
Doch warum ist diese Übernahme der Anthropologie der Moderne durch die Kirche so bedeutsam und in praktischer Hinsicht so beunruhigend? Tatsächlich aus mehreren Gründen. Die gesamte „LGBTQ+“-Bewegung, der die Kirche an manchen Orten bereits seit einiger Zeit ausgesetzt ist und zu der viele ihrer Kleriker – inoffiziell – zu tendieren scheinen, beruht auf der Vorstellung eines authentischen inneren Selbst, das nur zufällig mit dem Körper verbunden ist. Aus dieser Perspektive ist das rationale Telos des Körpers außerstande, irgendetwas Relevantes für das persönliche Leben auszudrücken.
Dies führt zu einer Überhöhung des authentischen Selbst, dessen rein geistiges Leben – wie bei Descartes – über alles privilegiert werden muß, was der Körper zu offenbaren vermag. Schließlich, so wie es Descartes selbst formulierte, „bin ich … im strengen Sinne nur ein denkendes Ding; das heißt, ich bin ein Geist“.
Neben den moralischen Verwicklungen, die sich leicht aus einer Bindung an den kartesischen Dualismus ergeben – auf die ich bereits hingewiesen habe –, gibt es weitere schwerwiegende Folgen, die sich aus der Auffassung ergeben, wir seien im wesentlichen „Geister“. Eine der Konsequenzen dieser Sichtweise ist, wie bereits erwähnt, die Zuschreibung einer kausalen Wirkmacht an Ideen, die sie in Wirklichkeit nicht besitzen. Wenn man hierzu noch den Vorrang der mechanistischen Metapher hinzunimmt, die die Moderne prägt, dann hört kirchliche Leitung auf, dem Hirtendienst oder der Gärtnerei zu ähneln – den klassischen Metaphern kirchlicher Führung –, und beginnt vielmehr der Ingenieurskunst zu gleichen. Diese „ingenieurhafte“ Auffassung kirchlicher Leitung wurde während des Zweiten Vatikanischen Konzils weiter verstärkt, als ein neues Handbuch für das Dasein der Kirche ausgearbeitet wurde, in Form nicht-dogmatischer Dokumente, die ein neues Pfingsten herbeiführen und eine vollständig erneuerte Kirche hervorbringen sollten.
Ein Bündel von Ideen sollte einfach zum Leben erweckt werden; letztlich sind wir ja offenbar alle bloß Geister – warum also sollten die Dinge nicht auf diese Weise funktionieren? Im Konzil haben wir ein klares Beispiel für das, was ich hier beschreibe: Ideen werden privilegiert, das Ganze, das zur Disposition steht – in diesem Fall die Kirche selbst –, wird unter der mechanistischen Metapher analysiert, ein Handbuch wird herausgegeben, und seither arbeiten wir als kirchliche Ingenieure.
Ich selbst, der ich fast sieben Jahre lang als leitender Katechet in der größten Diözese Englands tätig war, sah mich immer wieder irritiert durch die Bedeutung, die katechetischen Programmen beigemessen wurde. Fast jede Woche drehten sich die Diskussionen um dieses oder jenes neue Katecheseprogramm: ob wir „Catholic Alpha“ oder „Divine Renovation“ verwenden sollten, ob ein bestimmter Katechesekurs aus Kanada, den Vereinigten Staaten oder einem anderen Land importiert werden müsse, oder ob dieser neue „Katechese-Experte“ – der eine gewisse Zahl von YouTube-Aufrufen vorweisen konnte – eingeladen werden sollte, in der Diözese zu sprechen. Immer wieder begegnete ich der vorherrschenden Annahme, daß Einführung in den Glauben und die Bindung der Gläubigen durch irgendein neuartiges, ansprechendes Katecheseprogramm erreicht werden könnten.
Warum – so fragte ich mich damals – scheint es keine wirkliche Weitergabe und Aneignung des Glaubens zu geben? Keine Form der Katechese schien in der Lage zu sein, den massenhaften Abschied der Menschen aus der Kirche aufzuhalten. Kürzlich hat Professor Stephen Bullivant in seinem Buch Mass Exodus argumentiert, daß Katholiken im Laufe der Zeit dazu gekommen seien, ein intensives Andachtsleben als etwas von guter Katechese Getrenntes zu betrachten; seine Forschung stellt diese Annahme jedoch infrage. Bullivants Ergebnisse zeigen, daß die Bindung an den Glauben – zumindest in den Vereinigten Staaten – im allgemeinen tiefer und stabiler war und die Verbleibsquote der Gläubigen deutlich höher dort lag, wo die Katechese allenfalls durchschnittlich oder sogar mangelhaft war, wo jedoch eine sehr reiche und tief verwurzelte Andachtskultur existierte: mit ehrfürchtig gefeierten Messen, Litaneien, Prozessionen, Heiligengebeten und anderen Praktiken, die Teil der lokalen Kultur waren. Das Ergebnis war ein gegliedertes und organisches geistliches Leben, in dem der Glaube verkörpert und dauerhaft gelebt wurde.
Eine solche Auffassung der religiösen Praxis als Hauptursache für die Glaubenstreue – anstatt diesen Effekt vornehmlich der doktrinellen Zustimmung zuzuschreiben – steht in bemerkenswerter Übereinstimmung mit der Erkenntnistheorie des heiligen Thomas von Aquin. Für Thomas sind die Glaubenssätze zwar durchaus überzeugend für den Intellekt, stellen aber für sich genommen nicht die wirksame Ursache des Glaubens dar. Die Annahme des Evangeliums – auch wenn sie zeitlich gleichzeitig geschieht – muß durch die vorausgehende Gnade in die Seele eindringen, um im Menschen das zu begründen, was Thomas eine „Connaturalität“ zwischen dem göttlichen Leben Gottes selbst und dem Leben des Menschen nennt. Daher geht für Thomas von Aquin die aus der liebenden Gemeinschaft Gottes mit seinem Geschöpf hervorgehende Gottesverehrung der Annahme doktrineller Aussagen voraus, und sie steht zu diesen in einem sowohl wirksamen als auch finalen Kausalverhältnis. In den Worten des Thomas selbst:
„Der Akt des Glaubens ist ein Akt des Intellekts, der der göttlichen Wahrheit zustimmt auf Befehl des Willens, der von der Gnade Gottes bewegt wird.“
Für Thomas sind wir daher keineswegs bloß Geister – was hingegen Descartes behauptet –, sondern Personen, und wir sind es in dem Maß, in dem wir in Beziehung stehen, insbesondere, und mehr noch, in Beziehung zu Gott.
Der obige Text stammt aus dem Buch von Sebastian Morello: Mysticism, Magic, and Monasteries: Recovering the Sacred Mystery at the Heart of Reality, erschienen 2024 bei Os Justi Press in Lincoln (Nebraska). Morello ist Dozent, Referent und Autor von Bücher zu Philosophie, Religion, Politik, Geschichte und Bildung. Er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Bedfordshire, England, und ist Mitherausgeber sowie Mitglied des Redaktionsbeirats der Zeitschrift The European Conservative.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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