Alle Priester können von der Sünde der Abtreibung lossprechen — Papst Franziskus und das rätselhafte Tabu Abtreibung

Papst Franziskus bei der Unterzeichnung des Schreibens Misericordia et misera. Alle Priester können von der "schweren Sünde" der Abtreibung lossprechen.
Papst Franziskus bei der Unterzeichnung des Schreibens Misericordia et misera. Alle Priester können von der "schweren Sünde" der Abtreibung lossprechen.

(Rom) Das Apo­sto­li­sche Schrei­ben Mise­ri­crdia et mise­ra brach­te drei Neue­run­gen. Eine davon betrifft die Abtrei­bung. Ein Wort, das für Papst Fran­zis­kus ein Tabu dar­stellt. Der Zugang des Pap­stes zum The­ma Abtrei­bung, zum Lebens­recht, und daher auch sei­ne Distanz zur Lebens­rechts­be­we­gung gehö­ren zu den gro­ßen Rät­seln die­ses Pon­ti­fi­kats, die noch auf eine Ent­schlüs­se­lung harren.

Piusbruderschaft und Welttag der Armen

Papst Fran­zis­kus ver­län­ger­te mit Miser­i­cor­dia et mise­ra auf unbe­stimm­te Zeit die Mög­lich­keit der Gläu­bi­gen, bei Prie­stern der Pius­bru­der­schaft „erlaubt und gül­tig“ die Los­spre­chung von den Sün­den zu emp­fan­gen. Fran­zis­kus führ­te zugleich einen Welt­tag der Armen ein, der im Neu­en Ritus für die gan­ze Welt­kir­che gilt und auf den 33. Sonn­tag im Jah­res­kreis fest­ge­legt wur­de. Damit bewegt sich der Papst im tra­di­tio­nel­len Rah­men der Kir­che, wäh­rend er zehn Tage zuvor „revo­lu­tio­nä­re“ For­de­run­gen zum The­ma Arme und Armut erho­ben hat­te. In einem Repub­bli­ca-Inter­view mit Euge­nio Scal­fa­ri for­der­te er zu einem poli­ti­schen Enga­ge­ment „für die Armen“ auf, um eine neue Gesell­schafts­ord­nung zu errich­ten, die zwar mar­xi­stisch und kom­mu­ni­stisch sei, aber nur, weil „die Kom­mu­ni­sten wie Chri­sten denken“.

Abtreibung: das „schreckliche Verbrechen“, die „schwere Sünde“

Drit­tens ver­län­ger­te Fran­zis­kus die Voll­macht aller Prie­ster, von der Sün­de der Abtrei­bung los­zu­spre­chen. Wie auch für die Prie­ster der Pius­bru­der­schaft hat­te der Papst die­se Voll­macht am 1. Sep­tem­ber 2015 für die Dau­er des Hei­li­gen Jah­res der Barm­her­zig­keit gewährt. Zum Abschluß des Jubel­jah­res mach­te er nun aus dem Pro­vi­so­ri­um eine dau­er­haf­te Bestimmung.

Bis zur Eröff­nung des Hei­li­gen Jah­res am 8. Dezem­ber 2015 war es nur Bischö­fen vor­be­hal­ten, von der schwe­ren Sün­de der Abtrei­bung los­zu­spre­chen. Die Prie­ster besa­ßen die­se Voll­macht nicht. Das hat­te Papst Johan­nes Paul II. so bestimmt, weil er damit die Schwe­re der Sün­de unter­strei­chen woll­te. Es war eine Maß­nah­me im Kampf gegen die Kul­tur des Todes und für die Kul­tur des Lebens.

Papst Fran­zis­kus bekräf­tig­te in einem Inter­view, das am ver­gan­ge­nen Sonn­tag von TV2000 und Radio InBlu aus­ge­strahlt wur­de, daß Abtrei­bung „ein schreck­li­ches Ver­bre­chen“ und eine „schwe­re Sün­de“ ist.

Mit sei­ner Voll­macht an alle Prie­ster, auch von der Sün­de der Abtrei­bung los­spre­chen zu kön­nen, setzt Papst Fran­zis­kus in sei­nen Maß­nah­men nach voll­brach­ter Tat an. Die Maß­nah­me rich­tet sich gezielt an die Mil­lio­nen von Frau­en und Müt­tern welt­weit, die durch Abtrei­bung eine Blut­schuld auf sich gela­den haben. Ihnen will der Papst den Weg zurück zur Ver­söh­nung mit Gott erleichtern.

Der Ansatz ist ein ande­rer, als ihn Papst Johan­nes Paul II. hat­te, der vor­her ansetz­te, um die Blut­tat, die Tötung des unge­bo­re­nen Kin­des zu ver­hin­dern. Er woll­te die Frau und Mut­ter davor bewah­ren und das Leben des Kin­des ret­ten. Die Abso­lu­ti­ons­voll­macht des Bischofs soll­te eine abschrecken­de Wir­kung haben, um vor Ver­let­zung zu schüt­zen und nicht Wun­den hei­len zu müssen.

Papst Fran­zis­kus schil­der­te in dem Inter­view von TV2000/Radio InBlu eine Begeg­nung mit einer Frau und drei­fa­chen Mut­ter, die ihn sehr berühr­te. Die Frau hat­te Dril­lin­ge gebo­ren, doch ein Kind war gestor­ben. Sie wein­te über die­ses drit­te Kind, obwohl sie noch zwei Kin­der hat­te. Dar­in zeigt sich, daß jedes Leben ein Geschenk Got­tes ist. Die Lie­be die­ser Mut­ter für ihre Kin­der lies sie sich über die zwei leben­den Kin­der freu­en, aber den­noch über den Tod des drit­ten Kin­des bit­ter­lich wei­nen („Sie wein­te, wein­te, weint“).

Das Tabuwort „Abtreibung“

In die­sem Zusam­men­hang sprach Papst Fran­zis­kus das „schreck­li­che Ver­bre­chen“ der Abtrei­bung an. Er nann­te die­se „schwe­re Sün­de“ aber nicht beim Namen. Er sprach weder von Abtrei­bung noch von der Tötung unge­bo­re­ner Kin­der und schon gar nicht von Mord. Das Wort „Abtrei­bung“ scheint ein Tabu­be­griff, der Papst Fran­zis­kus kaum über die Lip­pen kommt. Auf dem Rück­flug am 28. Juli 2013 vom Welt­ju­gend­tag in Rio de Janei­ro wei­ger­te er sich trotz beharr­li­chem Nach­fra­gen einer Jour­na­li­stin dazu Stel­lung zu nehmen.

Patri­cia Zor­zan: „Sie haben nicht über Abtrei­bung gespro­chen, nicht über Ehen zwi­schen Gleich­ge­schlecht­li­chen. In Bra­si­li­en ist ein Gesetz ver­ab­schie­det wor­den, das das Recht zur Abtrei­bung erwei­tert und die Ehe Gleich­ge­schlecht­li­cher erlaubt. War­um haben Sie dar­über nicht gesprochen?“

Papst Fran­zis­kus: „Die Kir­che hat sich dazu bereits umfas­send geäu­ßert. Es war nicht nötig, dar­auf zurück­zu­kom­men, wie ich auch nicht über Betrug, Lüge oder ande­res gespro­chen habe, über das die Kir­che eine kla­re Leh­re hat!“

Patri­cia Zor­zan: „Aber es ist ein The­ma, das die Jugend­li­chen interessiert …“

Papst Fran­zis­kus: „Ja, aber es war nicht nötig, dar­über zu spre­chen, son­dern über posi­ti­ve Din­ge, die den jun­gen Men­schen den Weg öff­nen. Nicht wahr? Über­dies wis­sen die Jugend­li­chen bestens, wel­ches die Posi­ti­on der Kir­che ist!“

Patri­cia Zor­zan: „Wel­ches ist die Posi­ti­on Eurer Hei­lig­keit, kön­nen Sie dar­über sprechen?“

Papst Fran­zis­kus: „Die der Kir­che. Ich bin ein Sohn der Kirche!“

Sechsmal angesprochen: zuletzt im November 2014

Der Papst hat das Wort „Abtrei­bung“ bis­her nur ein­mal an rele­van­ter Stel­le aus­ge­spro­chen. Die weni­gen Male, in denen er es irgend­wie erwähn­te, ins­ge­samt bei sechs Anläs­sen, waren Anspra­chen an „Insi­der“, kon­kret an Ver­tre­ter einer Lebens­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on oder der katho­li­schen Ärz­te­schaft. Gegen­über den Bischö­fe erwähn­te er sie ein­mal und zwar beim Ad-Limi­na-Besuch der Bischö­fe von Swa­si­land, Bots­wa­na und Süd­afri­ka am 25. April 2014:

„Abtrei­bung ver­grö­ßert das Leid vie­ler Frau­en, die nun tie­fe see­li­sche und kör­per­li­che Wun­den in sich tra­gen, nach­dem sie dem Druck einer säku­la­ren Kul­tur nach­ge­ge­ben haben, die Got­tes Geschenk der Sexua­li­tät und das Lebens­recht der Unge­bo­re­nen abwertet.“

Die deut­lich­sten Wor­te bis­her fand Papst Fran­zis­kus am 13. Janu­ar 2014 beim Neu­jahrs­emp­fang für das beim Hei­li­gen Stuhl akkre­di­tier­te Diplo­ma­ti­sche Corps. Vor allem rich­te­te sich die­se Anspra­che, die ein­zi­ge bis­her, an die Regie­run­gen der Staaten:

„Lei­der wer­den heu­te nicht nur Nah­rung und über­flüs­si­ge Güter zu Abfall, son­dern oft wer­den sogar die Men­schen ‚weg­ge­wor­fen‘, als wären sie ’nicht not­wen­di­ge Din­ge‘. Zum Bei­spiel erregt allein der Gedan­ke Ent­set­zen, dass es Kin­der gibt, die als Opfer der Abtrei­bung nie­mals das Licht der Welt erblicken kön­nen, oder Kin­der, die als Sol­da­ten benutzt wer­den, in bewaff­ne­ten Kon­flik­ten ver­ge­wal­tigt oder getö­tet wer­den, oder die in jener schreck­li­chen Form moder­ner Skla­ve­rei, näm­lich dem Men­schen­han­del, zur Markt­wa­re gemacht wer­den, der ein Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit darstellt.“

Eine Erwäh­nung des Wor­tes fin­det sich nur in der kur­zen Zeit zwi­schen dem 20. Sep­tem­ber 2013 und dem 25. April 2014. Kei­ner die­ser fünf Anläs­se rich­te­te sich an die gro­ße Öffent­lich­keit. Der sech­ste Anlaß war eine Anspra­che an Ver­tre­ter der katho­li­schen Ärz­te­schaft am 15. Novem­ber 2014. Seit­her ist das Wort wie­der Tabu.

Abtreibung = Kinder „wegschicken“?

In dem Inter­view von TV2000/Radio InBlu sprach Fran­zis­kus davon, wie schreck­lich es sei, daß die Kin­der bereits „vor der Geburt weg­ge­schickt“ wer­den. Das Verb „weg­schicken“ wird aber dem nicht gerecht, was bei einer Abtrei­bung geschieht. Bei einer Abtrei­bung wird ein unschul­di­ges, wehr­lo­ses und hilf­lo­ses Kind auf bru­ta­le Wei­se getö­tet. „Weg­schicken“ ist eine Form der Ver­harm­lo­sung. Vom Papst wur­de sie in die­sem Inter­view durch ande­re Aus­sa­gen aus­ge­gli­chen, was aber nichts dar­an ändert, daß sie unan­ge­mes­sen ist.

War­um Papst Fran­zis­kus sich mit dem The­ma Abtrei­bung so schwer­tut, ist eines der gro­ßen Rät­sel die­ses Pon­ti­fi­kats. Das The­ma Abtrei­bung scheint mit einem Tabu behaf­tet, des­sen Ent­rät­se­lung noch aus­steht. Han­delt es sich um ein per­sön­li­ches Tabu, oder ist es ein stra­te­gi­sches Tabu, weil die vor­herr­schen­de Mei­nung das The­ma tabui­siert hat. Sei­ne Vor­gän­ger, Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. haben gera­de wegen die­ses Main­stream-Tabus das The­ma so oft ange­spro­chen, weil ihnen bewußt war, daß das katho­li­sche Kir­chen­ober­haupt die ein­zi­ge ver­nehm­ba­re Stim­me war, die gegen die­ses blu­ti­ge Tabu in Fra­ge stel­len konnte.

„Danach“ statt „davor“

Die päpst­li­che Maß­nah­me in Sachen Los­spre­chung von der „schwe­ren Sün­de“ der Abtrei­bung bestä­tigt den Gesamt­ein­druck, daß Papst Fran­zis­kus das The­ma Abtrei­bung vor allem „danach“ und mit Blick auf die „ver­wun­de­te“ Frau sieht , die Ver­söh­nung braucht. Das „Vor­her“ klam­mert er hin­ge­gen aus: die Not­wen­dig­keit, die schwan­ge­ren Müt­ter vor der Abtrei­bung zu schüt­zen, zu war­nen, sie vom Tötungs­schritt abzu­hal­ten und das Leben von Mut­ter und Kind zu ret­ten. Erst recht nicht sieht Papst Fran­zis­kus einen Weg, daß die Abtrei­bungs­ge­setz­ge­bung in den Staa­ten, in denen die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der erlaubt ist, auch wie­der abge­schafft und das Recht auf Leben in der Ver­fas­sung ver­an­kert wer­den könn­te. Geset­zes­än­de­run­gen mahn­te er noch in kei­nem Fall an.

Die jüng­ste Neu­be­set­zung der Lei­tung der Päpst­li­chen Aka­de­mie für das Leben mit Papst-Ver­trau­ten und die neue Sat­zung der Aka­de­mie signa­li­sie­ren eben­so eine Abkehr von den Vor­stel­lun­gen einer Kul­tur des Lebens von Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. wie die Ernen­nung von Neo-Mal­thu­sia­nern zu Mit­glie­dern der Päpst­li­chen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten.

Der Zugang bzw. Nicht-Zugang von Papst Fran­zis­kus zum Lebens­recht und der Lebens­rechts­be­we­gung harrt noch einer Ent­rät­se­lung, die in der Ver­gan­gen­heit Jor­ge Mario Ber­go­gli­os und sei­nen Erfah­run­gen in Argen­ti­ni­en als Prie­ster, Bischof und Kar­di­nal zu suchen sein wird.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Vatican.va

2 Kommentare

  1. Papst Fran­zis­kus weiß, wohin die­se Gesell­schaft auf dem Weg ist, weil er die UNO-Agen­da mit ihren Nach­hal­tig­keits­zie­len und neu­en, teils umde­fi­nier­ten Men­schen­rech­ten bezüg­lich Sexua­li­tät und Repro­duk­ti­on gehö­ren. Es hat den Anschein, dass er sich und der Kir­che die mäch­ti­gen Leu­te, die dahin­ter­ste­hen, nicht zu Fein­den machen will. Es soll­te und dürf­te so etwas in der Kir­che ja nicht geben — aber kön­nen wir wis­sen, ob es nicht auch bei einer Papst­wahl, zumal in unse­rer apo­ka­lyp­ti­schen Zeit, so etwas wie gehei­me Wahl­ka­pi­tu­la­tio­nen geben kann?

  2. Kor­ri­gier­te Fassung.
    Papst Fran­zis­kus weiß, wohin die­se Gesell­schaft auf dem Weg ist, weil er die UNO-Agen­da mit ihren Nach­hal­tig­keits­zie­len und neu­en, teils umde­fi­nier­ten Men­schen­rech­ten bezüg­lich Sexua­li­tät und Repro­duk­ti­on kennt. Es hat den Anschein, dass er sich und der Kir­che die mäch­ti­gen Leu­te, die dahin­ter­ste­hen, nicht zu Fein­den machen will. Es soll­te und dürf­te so etwas in der Kir­che ja nicht geben: aber kön­nen wir wis­sen, ob es nicht auch bei einer Papst­wahl, zumal in unse­rer apo­ka­lyp­ti­schen Zeit, so etwas wie gehei­me Wahl­ka­pi­tu­la­tio­nen geben kann?

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