Philippika 3 — Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein

Von Ste­pha­nus Fla­vi­us

Seit 2002 fin­det sich das Fest Mariä Namen wie­der im All­ge­mei­nen Römi­schen Kalen­der, aus dem es 1970 gestri­chen wor­den war. In Wien frei­lich wur­de es immer in hohen Ehren gehal­ten, wur­de sei­ne Fei­er doch zum Geden­ken an den Sieg über die Tür­ken im Jah­re 1683 – eben vor Wien – für die gan­ze Kir­che vor­ge­schrie­ben. Damit wird einer­seits ver­ständ­lich, daß der Erz­bi­schof von Wien, es sich nicht neh­men läßt, die­sen Tag mit aller Fest­lich­keit zu bege­hen. Ande­rer­seits ahnt man schon, wel­che Gefah­ren ein sol­ches Gedächt­nis in Zei­ten hohen Migra­ti­ons­druckes aus der mus­li­mi­schen Welt in sich birgt.

Land auf Land ab wird der Kar­di­nal Schön­born wegen sei­ner diplo­ma­ti­schen Fähig­kei­ten gelobt. So erwar­te­ten sich die Gläu­bi­gen, die sich am 12. Sep­tem­ber 2016 zur Fei­er des besag­ten Festes im Wie­ner Ste­phans­dom ver­sam­melt hat­ten, nichts Beson­de­res zu hören. Ob es an den Ter­ror­an­schlä­gen lag, die die Welt im vor­aus­ge­gan­ge­nen Som­mer in Atem gehal­ten hat­ten, oder an der natur­ge­mäß eher tra­di­tio­nel­len Ein­stel­lung der Gläu­bi­gen, die sich zu die­sem Anlaß in der Kathe­dra­le ver­sam­meln, wis­sen wir nicht. Jeden­falls fand der Kar­di­nal unge­wöhn­lich kla­re Wor­te.

Mit Blick auf die bei­den Bela­ge­run­gen Wiens durch die Tür­ken 1529 und 1683, frag­te er: „Wird es jetzt einen drit­ten Ver­such einer isla­mi­schen Erobe­rung Euro­pas geben? Vie­le Mus­li­me den­ken und wün­schen sich das und sagen: Die­ses Euro­pa ist am Ende“ ((https://www.erzdioezese-wien.at/marianamen2016 [Stand: 02.11.2016] )) Nach media­ler Kri­tik ent­schul­dig­te sich der Erz­bi­schof von Wien schon fünf Tage spä­ter und ver­si­cher­te jeder­mann, er sei miß­ver­stan­den wor­den: Ihn bewe­ge nur die Sor­ge um die Schwä­che des Chri­sten­tums in Euro­pa.

Das allein wäre noch kei­nen Bericht wert, haben die Katho­li­ken in Wien sol­ches doch schon öfter erlebt.

New York Times, 7.7.2005
New York Times, 7.7.2005

Evolution des Denkens

Am 7. Juli 2005 erschien in der New York Times ein Arti­kel über die Evo­lu­ti­ons­theo­rie. Er stamm­te aus der Feder von Kar­di­nal Schön­born. Er erklärt dort, die Evo­lu­ti­ons­theo­rie im neo­dar­wi­ni­sti­schen Sin­ne sei „nicht wahr“: „Jedes Denk­sy­stem, das die über­wäl­ti­gen­de Evi­denz für einen Plan in der Bio­lo­gie leug­net oder weg­zu­er­klä­ren ver­sucht, ist Ideo­lo­gie, nicht Wis­sen­schaft.“ ((Eng­li­scher Ori­gi­nal­text: https://www.nytimes.com/2005/07/07/opinion/finding-design-in-nature.html?_r=1 [Stand: 03.11.2016])) Der Kar­di­nal hat wohl die Auf­la­gen­stär­ke der New York Times unter­schätzt, oder wenig­stens gedacht, das Blatt sei in Öster­reich unbe­kannt. Jeden­falls wur­de hier zu Lan­de in den Medi­en Kri­tik laut, und – der Erz­bi­schof von Wien distan­zier­te sich von der Idee des „Intel­li­gent Design“, also von der Idee eines höhe­ren Pla­nes in der Natur. Vor der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten begrün­de­tet er im März 2009 die­sen, sei­nen Sin­nes­wan­del: Es gäbe „auch im Den­ken eine Evo­lu­ti­on“.

Am 13. Juli 2011 hielt Kar­di­nal Schön­born eine Kate­che­se ((Kate­che­se als Video: https://www.kathtube.com/player.php?id=22090 [Stand 21.11.2016])) anläß­lich eines cha­ris­ma­tisch-kon­ser­va­ti­ven Jugend­tref­fens in der Diö­ze­se Graz-Seckau. Dort sprach er, wie so häu­fig, über sein ganz per­sön­li­ches Erle­ben. Die Schei­dung sei­ner Eltern habe ihn sehr ver­letzt. Der Umgang der Kir­che mit Geschie­de­nen sei nicht unbarm­her­zig. Eine Schei­dung ken­ne auch Opfer. An erster Stel­le nann­te der Kar­di­nal die Kin­der: „Ist es barm­her­zig, Kin­der aus­ein­an­der­zu­rei­ßen, die zu Mut­ter und Vater gehö­ren und die zum Spiel­ball für die Eltern wer­den?“ Dann ver­wies er auch auf die Men­schen, die nach einer Schei­dung allein zurück­blie­ben: „Wie viel Ein­sam­keit? Wie viel Leid? Und da ist die Kir­che unbarm­her­zig, weil sie sagt: Die Ehe ist unauf­lös­lich?“ Schließ­lich brach­te Kar­di­nal Schön­born die Sache auf den Punkt: „Wo die Wahr­heit ist, kann Got­tes Barm­her­zig­keit hin­kom­men.“ Aber nur drei Mona­te spä­ter war in der Mit­ar­bei­ter­zeit­schrift der Erz­diö­ze­se Wien „The­ma Kir­che“ zu lesen, für Geschie­de­ne sei ein kirch­lich gefei­er­tes Gelöb­nis einer neu­en Bezie­hung mög­lich. Der dama­li­ge Pres­se­spre­cher des Erz­bi­schofs von Wien, Wolf­gang Berg­mann, sprach von einem „Denk­mu­ster­wech­sel“ und dem „Com­ing Out“ des Erz­bi­schofs.

Zu Pfing­sten 2015 sprach Kar­di­nal Schön­born vor der cha­ris­ma­tisch-kon­ser­va­ti­ven Lore­to-Gemein­schaft im Salz­bur­ger Dom und kri­ti­sier­te bei die­ser Gele­gen­heit den „Life Ball“. Auf die­ser vom beken­nen­den Homo­se­xu­el­len Gery Keszler orga­ni­sier­ten Groß­ver­an­stal­tung wer­den Spen­den für die AIDS-For­schung gesam­melt. Sie dient aber auch der Selbst­dar­stel­lung der LGTB-Com­mu­ni­ty und ist das bedeu­tend­ste Event die­ser Art in Öster­reich. Kar­di­nal Schön­born fand deut­li­che Wor­te: Der Ball sei „im Grun­de auch trost­los“. „Wol­len wir das wirk­lich, die­ses heid­ni­sche Fest? Ist es wirk­lich das, was Freu­de macht. Oder müs­sen wir nicht eher sagen: Eigent­lich habe ich Mit­leid mit den Men­schen, die die­se Art von Festen fei­ern“. ((Video­mit­schnitt des gan­zen Vor­trags: https://www.youtube.com/watch?v=_e8CVre20qU [Stand: 21.11.2016] )) Ein Jahr spä­ter ließ der schon genann­te Gery Keszler mit fol­gen­den Infor­ma­tio­nen im Öster­rei­chi­schen Staats­ra­dio Ö3 auf­hor­chen: Er sei schon zum Abend­essen beim Erz­bi­schof von Wien gela­den gewe­sen. „Wir schrei­ben ein­an­der. Ich wür­de mir wün­schen, dass das The­ma Kir­che ein Teil vom Life Ball wer­den kann“. ((Pres­se­mit­tei­lung über die Radio­sen­dung: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20151213_OTS0035/gery-keszler-spricht-in-oe3fruehstueck- bei-mir-ueber-sei­ne-tren­nung-und-sei­ne-plae­ne-den-life-ball-2017-wird-es-defi­ni­tiv-geben [Stand:03.11.2016])) Es wäre sein gro­ßer Wunsch, Kar­di­nal Schön­born ein­mal als Gast am Ball zu sehen. Und tat­säch­lich nahm der Erz­bi­schof von Wien im Som­mer 2016 am „Red Rib­bon Con­cert“ teil, steck­te sich eine AIDS-Schlei­fe an und erklär­te der Welt, sei­ne Vor­ur­tei­le gegen die Homo­se­xua­li­tät sei­en geschmol­zen.

Es gäbe noch vie­le Bei­spie­le die­ser Art, aber schon jetzt wird klar: Die Mah­nung des Pap­stes an die Römi­sche Kurie, nicht „ohne Koor­di­na­ti­on zu arbei­ten“, soll­te auch außer­halb Roms gehört wer­den. Auch vor einer fal­schen Ver­eh­rung des Vor­ge­setz­ten hat Papst Fran­zis­kus gewarnt. Tat­säch­lich scheint Kar­di­nal Schön­born bemüht der Kir­che zu die­nen, der Erz­bi­schof von Wien hin­ge­gen sucht den Redak­teu­ren der öster­rei­chi­schen Leit­me­di­en zu gefal­len. Wie leicht man „Opfer des Oppor­tu­nis­mus“ wer­den kann, zeigt eine ande­re Bege­ben­heit.

Der unbarmherzige Pfarrer

Am 18. März 2012 wähl­te die beschau­li­che Pfar­re Stüt­zen­ho­fen bei Wien – sie gehört zur Erz­diö­ze­se Wien – einen neu­en Pfarr­ge­mein­de­rat. Der Pfar­rer Hw. Ger­hard Swier­zek stell­te nach Aus­zäh­lung der Stim­men fest, daß eines der gewähl­ten Mit­glie­der des Pfarr­ge­mein­de­ra­tes, Flo­ri­an Stangl, in einer staat­lich ein­ge­tra­ge­nen Part­ner­schaft lebt – und zwar mit einem ande­ren Mann. Der Pfar­rer hät­te die Kan­di­da­tur ver­hin­dern müs­sen, und ver­such­te nun die Stim­men so aus­zu­zäh­len, als hät­te der Betrof­fe­ne nie kan­di­diert. Mit die­sem Vor­ge­hen schie­nen zunächst alle ein­ver­stan­den, zumal als Alter­na­ti­ve nur eine Wahl­wie­der­ho­lung ohne den betrof­fe­nen Kan­di­da­ten in Betracht kam. Kar­di­nal Schön­born ließ ver­lau­ten, auch Homo­se­xu­el­le gehör­ten zur Kir­che, aber: „Wir kön­nen uns aber auch nicht dar­über hin­weg­set­zen, dass die aus dem Evan­ge­li­um abge­lei­te­ten Lebens­re­geln der Kir­che gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaf­ten nicht gut­hei­ßen und sich das Lehr­amt der Kir­che ein­deu­tig auch gegen ein­ge­tra­ge­ne gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaf­ten aus­ge­spro­chen hat.“

Kardinal Schörnborn im Salzburger Dom
Kar­di­nal Schön­born im Salz­bur­ger Dom

Dann aber brach ein media­ler Sturm los. Der Erz­bi­schof von Wien bestä­tig­te den homo­se­xu­el­len Pfarr­ge­mein­de­rat. Er habe den Betrof­fe­nen mit sei­nem Part­ner zum Mit­tag­essen ein­ge­la­den. Der Betrof­fe­ne habe ihn: „mensch­lich, per­sön­lich, auch christ­lich sehr beein­druckt“: „Er ist ein gläu­bi­ger, enga­gier­ter, beschei­de­ner und wirk­lich lie­bens­wür­di­ger Mann“ (ORF-Pres­se­stun­de). ((Die Video­se­quenz über Stüt­zen­ho­fen:  https://www.gloria.tv/video/3APWQeLz7xD6Dghw9sZAvkseg [Stand: 03.11.2016] ))

Mit einem Schlag sah sich der Pfar­rer mit dem Vor­wurf kon­fron­tiert – ganz im Gegen­satz zum Erz­bi­schof von Wien – unbarm­her­zig an ver­al­te­ten Moral­vor­stel­lun­gen fest­zu­hal­ten. Ins­be­son­de­re sein Ver­hal­ten gegen­über dem Betrof­fe­nen sei unsen­si­bel und untrag­bar gewe­sen. Er hät­te wie der Erz­bi­schof nicht nur das Gesetz, son­dern auch den Men­schen sehen müs­sen. Die Bom­be platz­te wäh­rend des Got­tes­dien­stes am Palm­sonn­tag: Der Stell­ver­tre­ten­de Pfarr­ge­mein­de­rats­ob­mann, Ger­hard Wolf­ram, ver­las eine Erklä­rung und teil­te außer­dem mit, er habe selbst eine Ton­band­auf­nah­me eines Tele­phon­ge­sprä­ches gehört, in dem der Erz­bi­schof von Wien dem Pfar­rer von Stüt­zen­ho­fen mit­teil­te, daß „das“ mit Flo­ri­an Stangl „nicht sein dür­fe“, und daß der Pfar­rer alles dar­an set­zen müs­se, um den Kan­di­da­ten vom Stimm­zet­tel „ver­schwin­den“ zu las­sen.

Am Ende jeden­falls wur­de der homo­se­xu­el­le Pfarr­ge­mein­de­rat bestä­tigt. Der Pfar­rer ver­ließ die Diö­ze­se, um im benach­bar­ten Bis­tum St. Pöl­ten zu wir­ken. Für die Gläu­bi­gen aber steht fol­gen­de Fra­ge im Raum: War­um neh­men Prie­ster der Erz­diö­ze­se Wien ihre Tele­phon­ge­sprä­che mit ihrem Erz­bi­schof auf Ton­band auf? Viel­leicht aus schlech­ter Erfah­rung? Das gibt zu den­ken!

In der Pres­se­stun­de des ORF vom 1. April 2012 frag­te die Jour­na­li­stin Bri­git­te Hand­los bezüg­lich eines homo­se­xu­el­len Pfarr­ge­mein­de­ra­tes und der Leh­re der Kir­che zur Sexu­al­mo­ral: „Wie geht das zusam­men?“ „Das ist eine gute Fra­ge!“, so die viel­sa­gen­de Ant­wort von Kar­di­nal Schön­born: „Ich stell‘ mir sel­ber die Fra­ge, und ich ver­ste­he, daß nicht nur Gläu­bi­ge, son­dern auch all­ge­mein Men­schen unse­rer Gesell­schaft sich nicht leicht tun damit.“ Dann folg­te eine aus­führ­li­che Schil­de­rung der Ereig­nis­se aus Sicht des Erz­bi­schofs. Soll­te Papst Fran­zis­kus wirk­lich nur an die Kar­di­nä­le der Römi­schen Kurie gedacht haben, als er in einer berühm­ten Weih­nachts­an­spra­che von „exi­sten­zi­el­ler Schi­zo­phre­nie“ sprach?

Text: Ste­pha­nus Fla­vi­us
Bild: Youtube/Gloria.tv/ORF (Screen­shots)

1 Kommentar

  1. Es sieht so aus, als wür­de Kar­di­nal Schön­born zuerst das Lehr­amt der katho­li­schen Kir­che wie­der­ge­ben, um sich danach von den Medi­en kor­ri­gie­ren zu las­sen. Nun, was soll man dazu sagen? Die Medi­en wis­sen mitt­ler­wei­le wohl schon, wie sie ihn „neh­men“ müs­sen, damit er tut was sie wol­len.
    Hat er dann sei­ne Sache in 20 Jah­ren als Erz­bi­schof von Wien beson­ders gut gemacht? Bestimmt er selbst als Vor­sit­zen­der der Bischofs­kon­fe­renz die Geschicke der katho­li­schen Kir­che in Öster­reich oder lässt er sich von den Medi­en lei­ten? Und wie kommt jemand wie er dazu, im Ratz­in­ger-Schü­ler­kreis Auf­nah­me zu fin­den, wenn sei­ne heu­ti­gen Ansich­ten teil­wei­se gar nicht mehr der Leh­re der Kir­che ent­spre­chen?
    Ein in sei­ner Hal­tung stand­fe­ste­rer und glau­bens­treue­rer Erz­bi­schof von Wien wäre aus mei­ner Sicht wün­schens­wert. Eben weil die­ses Amt so hohe Ver­ant­wor­tung mit sich bringt.

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