Sturm gegen den Priesterzölibat aufgeschoben, aber nicht aufgehoben — Unerwartete Lanze für den Zölibat

(Rom) Die näch­ste Bischofs­syn­ode wird sich nicht mit dem Prie­ster­tum und dem Zöli­bat befas­sen. Dar­auf hat­ten in den ver­gan­ge­nen Mona­te eine gan­ze Rei­he von Zei­chen hin­ge­wie­sen. Der Gene­ral­se­kre­tär der Bischofs­syn­ode und Papst-Ver­trau­te, Kar­di­nal Loren­zo Bal­dis­se­ri, gab nun dem Avve­ni­re, der Tages­zei­tung der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz bekannt, daß Papst Fran­zis­kus die näch­ste Bischofs­syn­ode zum The­ma „Jugend, Glau­ben und Beru­fung“ ver­sam­meln wird. Das sei das erste The­ma „ganz oben“ auf der Liste mög­li­cher The­men gewe­sen. Die näch­ste Bischofs­syn­ode wird 2018 statt­fin­den.

Kar­di­nal Bal­dis­se­ri gab zugleich bekannt, daß in der The­men­li­ste für die näch­ste Syn­ode das Prie­ster­tum gleich an zwei­ter Stel­le stand. Das The­ma steht damit für die über­näch­ste Bischofs­syn­ode bereit.

Bischofssynode 1971: erster Anlauf den Priesterzölibat abzuschaffen

Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster hat­te im Dezem­ber 2015 die Indi­zi­en dafür zusam­men­ge­tra­gen, daß sich rund um Papst Fran­zis­kus die Zei­chen ver­dich­ten, daß das Prie­ster­tum und die Abschaf­fung des Zöli­bats The­ma der näch­sten Bischofs­syn­ode sein könn­te.

Bereits 1971 hat­te eine Bischofs­syn­ode, damals eine noch ganz jun­ge, erst nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil geschaf­fe­ne Ein­rich­tung, sich mit dem The­ma Prie­ster­tum befaßt. Es war die Zeit, als Tau­sen­de von katho­li­schen Prie­stern ihr Prie­ster­tum auf­ga­ben, um zu hei­ra­ten. Im deut­schen Sprach­raum waren bereits wäh­rend des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils man­che über­zeugt, die­se all­ge­mei­ne Kir­chen­ver­samm­lung wer­de den Zöli­bat abschaf­fen.

Es hält sich das Gerücht, daß damals im deut­schen Sprach­raum Klein­an­zei­gen von Pfar­rern von der Art ver­öf­fent­licht wur­den: „Pfarr­haus­häl­te­rin gesucht, bei ent­spre­chen­dem Aus­gang des Kon­zils, spä­te­re Hei­rat mög­lich.“ Ob Tat­sa­che oder Gerücht, die Erzäh­lung ver­mit­telt einen Ein­druck von der damals herr­schen­den Stim­mung.

Film (1971): "Die Ehefrau des Priesters"
Film (1971): „Die Ehe­frau des Prie­sters“

In Ita­li­en kam im sel­ben Jahr, in dem die Bischofs­syn­ode statt­fand, der Film „La moglie del pre­te“ (Die Ehe­frau des Prie­sters) in die Kinos, mit Sophia Loren und Mar­cel­lo Mastroi­an­ni in den Haupt­rol­len.

Auf der Bischofs­syn­ode 1971 tra­ten zahl­rei­che Stim­men auf, die sich für die Prie­ster­wei­he von viri pro­va­ti, von rei­fen, bewähr­ten, ver­hei­ra­te­ten Män­nern aus­spra­chen. Das Abstim­mungs­er­geb­nis der Syn­oda­len fiel mit 107 gegen 87 Stim­men, das sind 55,2 Pro­zent gegen 44,8 Pro­zent denk­bar knapp aus. Das Ergeb­nis wäre für Papst Paul VI. zwar nicht bin­dend gewe­sen, lie­fert aber eine Moment­auf­nah­me vom Zustand des katho­li­schen Welt­epi­sko­pats in den unru­hi­gen Jah­ren nach dem Kon­zil.

Heute sind die Forderungen nach Zulassung eines verheirateten Klerus erneut sehr stark

„Heu­te sind die For­de­run­gen erneut sehr stark, auf brei­ter Basis in der latei­ni­schen Kir­che einen ver­hei­ra­te­ten Kle­rus ein­zu­füh­ren mit Papst Fran­zis­kus, der bereits mehr­fach zu ver­ste­hen gab, daß der bereit ist die­se For­de­run­gen zu hören“, so Magi­ster.

Wie nun bekannt wur­de, wird es aber nicht die näch­ste Bischofs­syn­ode sein wird, die nach dem Sturm auf das Ehe­sa­kra­ment den Sturm auf das Wei­he­sa­kra­ment ver­su­chen soll.

Laut dem, was Kar­di­nal Bal­dis­se­ri durch­blicken ließ, habe Papst Fran­zis­kus, dem die Ent­schei­dung zusteht, es schließ­lich vor­ge­zo­gen, das The­ma Prie­ster­tum und Zöli­bat vor­erst fal­len­zu­las­sen und das „harm­lo­se­re“ The­ma Jugend auf­zu­grei­fen. Der anhal­ten­de inner­kirch­li­che Wider­stand gegen die Auf­wei­chung des Ehe­sa­kra­ments schei­nen eine brem­sen­de und ernüch­tern­de Wir­kung auf den Papst zu haben. Dazu gehört auch, daß San­dro Magi­ster früh­zei­tig auf die Bestre­bun­gen hin­ter den Kulis­sen auf­merk­sam mach­te, den Prie­ster­z­ö­li­bat abschaf­fen zu wol­len. Die­se Bestre­bun­gen lau­fen über die „Ama­zo­nas-Werk­statt“, zei­gen aber erneut die Kir­che im deut­schen Sprach­raum stark invol­viert.

Magi­ster schrieb zum päpst­li­chen Ver­zicht auf eine Bischofs­syn­ode in Sachen Zöli­bat:

„Um nicht einen neu­en inner­kirch­li­chen Kon­flikt zu dem immer dra­ma­ti­sche­ren hin­zu­zu­fü­gen, der bereits von der jüng­sten Bischofs­syn­ode und dem nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris Lae­ti­tia aus­ge­löst wur­de.“

Der Aufsatz „Den Priesterzölibat überdenken?“

Der Auf­schub in Sachen Prie­ster­z­ö­li­bat bedeu­te aber nicht, so Magi­ster, daß damit das The­ma der ver­hei­ra­te­ten Prie­ster vom Tisch sei. Einer der bekann­te­sten ita­lie­ni­schen Theo­lo­gen, Msgr. Gia­co­mo Canob­bio, Pro­fes­sor für Syste­ma­ti­sche Theo­lo­gie an der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät von Mai­land, Vor­sit­zen­der der Ita­lie­ni­schen Theo­lo­gen­ver­ei­ni­gung und Bischofs­vi­kar für Pasto­ral und Kul­tur der Diö­ze­se Bre­scia, leg­te dazu in der ein­fluß­rei­chen Rivi­sta del Cle­ro Ita­lia­no (Zeit­schrift des Ita­lie­ni­schen Kle­rus) einen Auf­satz vor. Die Zeit­schrift wird von der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät vom Hei­li­gen Kreuz in Mai­land her­aus­ge­ge­ben. Die Her­aus­ge­ber­schaft haben drei Bischö­fe von Bedeu­tung: Bischof Fran­co Giu­lio Bram­bil­la von Nova­ra, Bischof Gian­ni Ambro­sio von Pia­cen­za-Bob­bio und Clau­dio Giu­liodo­ri, der ehe­ma­li­ge Bischof von Mace­ra­ta-Tolen­ti­no-Raca­na­ti-Cin­go­li-Treia, der von Papst Bene­dikt XVI. in einer sei­ner letz­ten Per­so­nal­ent­schei­dun­gen zum Asses­sor und Gene­ral­ka­plan der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Mai­land ernannt wur­de.

Msgr. Giacomo Canobbio
Msgr. Gia­co­mo Canob­bio

Mit dem Auf­satz Canob­bi­os wird von uner­war­te­ter Sei­te eine Lan­ze für das Prie­ster­tum gebro­chen. Sein Auf­satz trägt den Titel: „Den Prie­ster­z­ö­li­bat über­den­ken?“ Ein sol­ches Über­den­ken sei, so der Autor, vom amtie­ren­den Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin in sei­ner Rede im ver­gan­ge­nen Febru­ar an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na für „legi­tim“ erklärt wor­den.

Die eigent­li­che Absicht Canob­bi­os ist es, All­ge­mein­plät­ze zum The­ma Prie­ster­z­ö­li­bat zu zer­le­gen, sodaß die Leser zu ganz uner­war­te­ten Schlüs­sen geführt wer­den. „Daß die Ver­ant­wort­li­chen der Gemein­schaf­ten in der Früh­zeit des Chri­sten­tums ver­hei­ra­tet waren, scheint sich kaum leug­nen zu las­sen. Dar­aus jedoch zu schlie­ßen, daß es des­halb auch heu­te so sein müs­se, ist zumin­dest naiv.“

Lese man die Kir­chen­ge­schich­te unvor­ein­ge­nom­men, „kann man sagen, daß die Ent­schei­dung, das Prie­ster­tum an den Zöli­bat zu kop­peln, nichts ande­res als eine Aktua­li­sie­rung des­sen ist, was bereits im Neu­en Testa­ment grund­ge­legt ist, wenn es auch etwas gedau­ert hat, bis eine end­gül­ti­ge Ent­schei­dung dafür getrof­fen und die­se nicht immer beach­tet wur­de.“

Verheiratete Priester kein Heilmittel gegen Berufungskrise

Der Autor räumt mit der Illu­si­on auf, ein ver­hei­ra­te­ter Kle­rus sei das Heil­mit­tel gegen den Rück­gang der Prie­ster­be­ru­fun­gen. Es genü­ge, so Canob­bio, zu sehen, was bei den Ortho­do­xen und vor allem den Pro­te­stan­ten gesche­he, um sich vom Gegen­teil zu über­zeu­gen. Dort sei­en Weltk­le­rus und Pasto­ren ver­hei­ra­tet, und den­noch befin­den sich die Beru­fun­gen auch dort in der Kri­se. Die Ursa­che der Kri­se sei nicht der Zusam­men­hang zwi­schen Prie­ster­tum und Zöli­bat, son­dern die „Ent­christ­li­chung“.

Canob­bio stellt daher die Fra­ge, wel­che Bedeu­tung der Prie­ster­z­ö­li­bat in einem ent­christ­lich­ten Umfeld für die Evan­ge­li­sie­rung gewinnt. „Oder sei es ange­brach­ter, ange­sichts eines Mis­si­ons­not­stan­des, auf den Papst Fran­zis­kus stän­dig hin­wei­se, die Zöli­bats­ver­pflich­tung abzu­schwä­chen?“ Letz­te­res wird vom Autor ver­neint.

Canob­bio skiz­ziert die histo­ri­sche Ent­wick­lung des Zöli­bats, der in eng­ster Bezie­hung zum Prie­ster ste­he, der in per­so­na Chri­sti han­delt, was eine Ganz­hin­ga­be an Chri­stus und an die Men­schen ver­lan­ge. Die­se „ekkle­sio­lo­gi­sche Dimen­si­on“ im Ver­hält­nis zwi­schen sakra­men­ta­lem Prie­ster­tum und Zöli­bat kön­ne daher nicht ein­fach bei­sei­te gelegt wer­den, so der Autor.

„Die Ehe­lo­sig­keit um des Him­mel­rei­ches wil­len hat nicht nur das Leben der Prie­ster geformt, son­dern die Gesamt­aus­rich­tung der latei­ni­schen Kir­che. Es ist daher in Rech­nung zu stel­len, daß eine ande­re Figur des geweih­ten Prie­sters auch zu einer Neu­aus­rich­tung des gesam­ten Lebens der Kir­che selbst füh­ren wür­de.“

Man sol­le sich nicht auf die Zöli­bats­fra­ge ver­stei­fen, denn für das Prie­ster­tum sei­en alle Aspek­te der imi­ta­tio Chri­sti von ent­schei­den­der Bedeu­tung, dazu aller­dings gehö­re auch die Ehe­lo­sig­keit, aber auch die Armut.

„Die Hin­ga­be für das Reich Got­tes hat bereits in sich eine evan­ge­li­sie­ren­de Kraft“.

Das Prie­ster­tum bedür­fe daher der „mysti­schen Dimen­si­on“, wenn es nicht zu einer „edlen, aber büro­kra­ti­schen Funk­ti­on“ wer­den sol­le, so Canob­bio

Nein zur Duldung von „Geheimehen“ von Priestern

Weder sei die Auf­he­bung des Zöli­bats eine Lösung für die Beru­fungs­kri­se noch der Ver­zicht auf eine aus­rei­chen­de Prü­fung der Kan­di­da­ten, um genü­gend Prie­ster wei­hen zu kön­nen. Der Scha­den durch die spä­te­re Auf­ga­be des Prie­ster­tums oder durch sexu­el­le Ver­feh­lun­gen sei in jedem Fall grö­ßer als der ver­meint­li­che Nut­zen. Canob­bio ver­ur­teilt aber auch die Dul­dung von „Gehei­me­hen“ von Prie­stern, um nicht wei­te­re Prie­ster zu ver­lie­ren. Das för­de­re weder den Frie­den in der Gemein­schaft noch die Evan­ge­li­sie­rung. Schon gar nicht hel­fe es dabei, den Wert des Zöli­bats für das Prie­ster­tum zu ver­ste­hen. Der Autor geht nicht näher dar­auf ein, doch klingt durch, daß damit die Auto­ri­tät und die Glaub­wür­dig­keit des Prie­ster­stan­des im gläu­bi­gen Volk und auch gegen­über den Nicht­gläu­bi­gen unter­gra­ben wird. Erst recht wer­den dadurch kei­ne Beru­fun­gen geför­dert.

„Für“ ein „Überdenken“ des Priestertums, um den „Wert des Zölibats“ wiederzuentdecken

Canob­bio spricht sich in sei­nen Schluß­fol­ge­rung ent­schie­den für ein „Über­den­ken“ des Prie­ster­z­ö­li­bats aus, aller­dings nicht im Sin­ne der Zöli­bats­geg­ner, son­dern um den „Wert des Zöli­bats“ wie­der­zu­ent­decken und die Grün­de wie­der­zu­ge­win­nen, die in der latei­ni­schen Kir­che dazu geführt haben, nur Män­ner zu Prie­stern zu wei­hen, die bereit sind, „um des Him­mel­rei­ches wil­len“ zöli­ba­tär zu leben.

Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster erin­nert im Zusam­men­hang mit Canob­bi­os Auf­satz für den Prie­ster­z­ö­li­bat dar­an, daß vor allem aus Deutsch­land „mit Nach­druck“ eine Abschaf­fung des Zöli­bats gefor­dert wird, und dies auch von offi­zi­el­len Orga­nis­men wie dem Zen­tral­ko­mi­tee der deut­schen Katho­li­ken (ZdK) betrie­ben wird. Die Insi­stenz, mit der 2010/2011 das ZdK gegen den Zöli­bat mobil­mach­te, löste aller­dings auch Gegen­re­ak­tio­nen aus. Eine davon war die Ver­öf­fent­li­chung des Buches „Reiz­the­ma Zöli­bat“ (Fe-Medi­en­ver­lag, 2011). Her­aus­ge­ber war Armin Schwi­bach, die Ein­füh­rung stammt von Kar­di­nal Wal­ter Brand­mül­ler. Das Buch wür­de eine aktua­li­sier­te Neu­auf­la­ge ver­die­nen. Vor allem sind Kar­di­nal Brand­mül­lers Wor­te von unver­än­der­ter Aktua­li­tät.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Periodistadigital(Cine.it/Brescia Oggi (Screen­shots)

1 Kommentar

  1. Jugend und Beru­fung heißt doch das The­ma der näch­sten Bischofs­syn­ode. Liegt es da nicht sehr nahe, den sog. „Pflicht­zö­li­bat“ als das Hin­der­nis für sich zum Prie­ster­tum beru­fen Füh­len­der zu dys­qua­li­fi­zie­ren, um dann in einem post­syn­oda­len Schrei­ben fest­zu­hal­ten, daß es im Prin­zip beim Zöli­bat bleibt, um in einer klei­nen Fuß­no­te dann bei Ein­zel­fäl­len Aus­nah­men zu ermög­li­chen?
    Uwe C. Lay Pro Theol Blog­spot

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