Ehe, Familie, Leben — Durch Personalentscheidungen zum Kurswechel

Papst Franziskus mit Erzbischof Vincenzo Paglia: Der leise Umbau der Kurie. Durch Personalentscheidungen zu einer grundsätzlichen Richtungsänderung

(Rom) In weni­gen Tagen, am 27. Okto­ber, wird am Päpst­li­chen Insti­tut Johan­nes Paul II. für Stu­di­en zu Ehe und Fami­lie das neue Aka­de­mi­sche Jahr eröff­net. Das 1981 vom pol­ni­schen Papst gegrün­de­te Insti­tut wird jedoch ein ganz ande­res Gesicht haben als bis­her. Durch eini­ge Umbau­ten der Römi­schen Kurie und eini­ge Um- und Neu­be­set­zun­gen hat Papst Fran­zis­kus in den zen­tra­len Berei­chen Ehe, Fami­lie und Leben ohne viel Auf­se­hen eine grund­le­gen­de Kurs­än­de­rung durch­ge­setzt. Die Kir­che als letz­te Basti­on gegen den domi­nan­ten Zeit­geist soll geschleift und die­sem Zeit­geist ange­gli­chen werden.

Die Eröff­nungs­re­de für das neue Stu­di­en­jahr am Päpst­li­chen Insti­tut Johan­nes Paul II. soll­te Kar­di­nal Robert Sarah, der Prä­fekt der Kon­gre­ga­ti­on für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung hal­ten. Anfang Okto­ber wur­de er jedoch uner­war­tet aus­ge­la­den mit der Begrün­dung, daß Papst Fran­zis­kus selbst die Anspra­che hal­ten wol­le. Die Aus­la­dung erfolg­te damit auf eine nicht wirk­lich bean­stand­ba­re Weise.

Familiaris Consortio war gestern, heute ist Amoris Laetitia

Das Insti­tut war von Johan­nes Paul II. im Gefol­ge der Bischofs­syn­ode über die Fami­lie von 1980 gegrün­det wor­den, deren Ergeb­nis­se im nach­syn­oda­len Schrei­ben Fami­lia­ris Con­sor­tio ihren Nie­der­schlag gefun­den haben. Inzwi­schen haben gleich zwei neue Syn­oden über die Fami­lie statt­ge­fun­den, deren Ergeb­nis­se im neu­en nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris Lae­ti­tia zu Papier gebracht wur­den und hef­tig umstrit­ten sind. Die Kon­se­quenz dar­aus ist, daß auch das Päpst­li­che Insti­tut Johan­nes Paul II. auf neu­en Kurs gebracht wird: statt Fami­lia­ris Con­sor­tio gilt nun Amo­ris Lae­ti­tia. Wel­cher Unter­schied dazwi­schen liegt, wur­de auch dar­an deut­lich, daß Papst Fran­zis­kus bei der Durch­füh­rung der bei­den Bischofs­syn­oden das Päpst­li­chen Insti­tut Johan­nes Paul II. völ­lig über­ging, obwohl dort die eigent­li­chen, haus­ei­ge­nen Exper­ten genau zu den Syn­oden­the­men Ehe und Fami­lie sit­zen. Kein Ver­tre­ter des Insti­tuts wur­de als Exper­te hin­zu­ge­zo­gen, geschwei­ge denn zum Syn­oda­len ernannt. Wer eine nicht gewünsch­te Linie ver­tritt, wird aus­ge­grenzt, selbst dann, wenn die­se Linie die über­lie­fer­te Leh­re der Kir­che ist.

Um genau zu sein, krach­te es bereits län­ger im Gebälk und zwar zwi­schen dem Päpst­li­chen Insti­tut Johan­nes Paul II. und dem Päpst­li­chen Rat für die Fami­lie, der seit Juni 2012 von Msgr. Vin­cen­zo Paglia von der Gemein­schaft San­t’E­g­idio gelei­tet wur­de. Damals hat­te man Bene­dikt XVI. ein­ge­re­det, man müs­se die Gemein­schaft San­t’E­g­idio auch „end­lich“ mit einer Bischofs­er­nen­nung und einem Posten aner­ken­nen. Paglia, Erz­bi­schof ad per­so­nam, war auch Postu­la­tor im Hei­lig­spre­chungs­ver­fah­ren von Erz­bi­schof Oscar Rome­ro, einem Stecken­pferd pro­gres­si­ver Kir­chen­krei­se und welt­wei­te Brücke zu poli­ti­schen Links­krei­sen. Papst Fran­zis­kus mach­te kur­zen Pro­zeß, wo sei­ne Vor­gän­ger — auf­grund des poli­ti­schen Enga­ge­ments von Rome­ro — zöger­ten, und erkann­te die Ermor­dung des Erz­bi­schofs als Mar­ty­ri­um an. 

Nicht nur Personalentscheidung, sondern Richtungsentscheidung

Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis: Das Päpst­li­che Insti­tut Johan­nes Paul II. ver­tei­dig­te seit sei­ner Grün­dung die über­lie­fer­te katho­li­sche Leh­re über das Ehe­sa­kra­ment und die Moral. Genau zu die­sem Zweck hat­te es Johan­nes Paul II. gegrün­det.  Mit ande­ren Wor­ten: Die zustän­di­gen Exper­ten des Vati­kans zeig­ten kei­ne Bereit­schaft für „zeit­ge­mä­ße Anpas­sun­gen“ in Sachen Schei­dung, Zweit­ehe, Wil­de Ehe, Homo-Ehe, Abtrei­bung, Verhütung.

Papst Fran­zis­kus fand wie in der Cau­sa Rome­ro eine ein­schnei­den­de Lösung, um die­sen inner­ku­ria­len Gegen­satz zu über­win­den: durch Umbau der Kurie. „Man­che spre­chen bereits von ‚Säu­be­rung‘ “, schrieb dazu der Publi­zist Mau­ro Faverzani. 

por­no izle

Am 15. August löste Papst Fran­zis­kus am Päpst­li­chen Insti­tut Johan­nes Paul II. ein „Erd­be­ben“ aus. Direk­tor Msgr. Livio Meli­na, ein hoch­kom­pe­ten­ter Ver­tre­ter der kirch­li­chen Ehe­leh­re, wur­de nach zehn Jah­ren vor die Tür gesetzt. An sei­ne Stel­le trat als neu­er Direk­tor Msgr. Pier­an­ge­lo Seque­ri. Zum Groß­kanz­ler des Insti­tuts wur­de Erz­bi­schof Paglia beru­fen. In der Pri­vat­wirt­schaft wür­de man von einer „feind­li­chen Über­nah­me“ sprechen.

Paglia wur­de von Papst Fran­zis­kus zugleich zum Vor­sit­zen­den der Päpst­li­chen Aka­de­mie für das Leben ernannt. Im Hin­ter­grund ist mit­zu­den­ken, daß Paglia sei­nen Posten als Dikaste­ri­en­lei­ter ver­lor, weil der Päpst­li­che Fami­li­en­rat auf­ge­löst wur­de. An des­sen Stel­le trat das neue Dikaste­ri­um für die Lai­en, die Fami­lie und das Leben, das am sel­ben 15. August von Papst Fran­zis­kus mit dem Motu pro­prio Sedu­la Mater errich­tet wurde.

Das Ergeb­nis die­ses Umbaus der Römi­schen Kurie? Das Päpst­li­che Insti­tut Johan­nes Paul II. für Stu­di­en zu Ehe und Fami­lie hat ein völ­lig ande­res Gesicht bekom­men. Dabei geht es nicht nur um orga­ni­sa­to­ri­sche Fra­gen, son­dern um eine grund­le­gen­de Richtungsänderung.

Päpstlicher Zirkel für „radikalen Umbau“ der Morallehre

„Msgr. Seque­ri fehlt jede spe­zi­fi­sche Kom­pe­tenz in Sachen Moral­theo­lo­gie“, schrieb Cor­ris­pon­den­za Roma­na, um damit den Hand­streich anzu­deu­ten, der statt­ge­fun­den hat. Seque­ri ist Fun­da­men­tal­theo­lo­ge und lei­te­te bis­her die Theo­lo­gi­sche Fakul­tät von Nord­ita­li­en mit Sitz in Mai­land, „eine Fakul­tät, die schon immer ein Garant des Pro­gres­sis­mus war“, so Faverzani.

Der neue Groß­kanz­ler, Msgr. Paglia, steht zusam­men mit Kar­di­nal Bal­dis­se­ri (Lei­ter des stän­di­gen Sekre­ta­ri­ats der Bischofs­syn­ode), Erz­bi­schof Bru­no For­te (Erz­bi­schof von Chie­ti-Vas­to und Son­der­se­kre­tär der bei­den Bischofs­syn­oden 2014 und 2015) und Bischof Semer­a­ro (Bischof von Alba­no Lazia­le und Sekre­tär des C9-Kar­di­nal­s­ra­tes) für eine grund­le­gen­de Ände­rung der kirch­li­chen Moral­leh­re. Alle genann­ten Kir­chen­ver­tre­ter gehö­ren zum enge­ren Kreis von Papst Fran­zis­kus. Die grund­le­gen­de Ände­rung der Moral­leh­re, die die­ser Zir­kel betreibt, ent­spre­che „einem radi­ka­len Umbau“, so Cor­ris­pon­den­za Roma­na. Im Gegen­satz zum bis­he­ri­gen Direk­tor, Msgr. Meli­na, und dem aus­ge­la­de­nen Kar­di­nal­prä­fek­ten Robert Sarah, sind die Genann­ten aus­nahms­los „über­zeug­te Unter­stüt­zer“ der „neu­en Linie von Amo­ris Laetitia“.

Der erste Prä­fekt des neu­en Dikaste­ri­ums für die Lai­en, die Fami­lie und Lai­en, der US-Ame­ri­ka­ner Msgr Far­rell, wird Ende Novem­ber von Papst Fran­zis­kus zum Kar­di­nal erho­ben. Zeit­gleich erklär­te Far­rell, daß den wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­nen „alle Dien­ste“ in der Kir­che offen­ste­hen sol­len. Es müs­se „Inklu­si­on“ herr­schen. Nie­mand dür­fe „aus­ge­schlos­sen“ blei­ben. Far­rell sieht das umstrit­te­ne nach­syn­oda­le Schrei­ben Amo­ris Lae­ti­tia zugleich in abso­lu­ter Über­ein­stim­mung mit der kirch­li­chen Tra­di­ti­on, wes­halb er nicht ver­ste­he, wie man­che Bischö­fe das Doku­ment kri­ti­sier­ten kön­nen. Far­rell zück­te gegen sei­ne Mit­brü­der im Bischofs­amt sogar eine kirch­li­che Tot­schlag­keu­le, um jede Dis­kus­si­on abzu­wür­gen: Amo­ris Lae­ti­tia sei offen­kun­dig vom Hei­li­gen Geist „inspi­riert“, und damit gewis­ser­ma­ßen jeder Kri­tik entzogen.

Amoris Laetitia als „Leitdokument“ für neues Dikasterium

Der desi­gnier­te Kar­di­nal Far­rell will für die kom­men­den Jah­re Amo­ris Lae­ti­tia zum rich­tungs­wei­sen­den Instru­ment sei­nes Dikaste­ri­ums machen. Das neue Dikaste­ri­um wur­de von Papst Fran­zis­kus am 15. August errich­tet, um mit „den Situa­tio­nen unse­rer Zeit“ kon­form zu gehen. „Die Kon­for­mi­tät hat jedoch die For­men eines Kom­pro­mis­ses ange­nom­men: der bedin­gungs­lo­sen Kapi­tu­la­ti­on vor der Welt, der ideo­lo­gi­schen und kul­tu­rel­len Unter­wer­fung unter die Dik­ta­tur des ‚Ein­heits­den­kens‘ und der ‚poli­ti­schen Kor­rekt­heit‘ “, so Faverzani.

Tat­sa­che ist, daß Far­rell die ton­an­ge­ben­de Rich­tung ver­tritt, weil sie von Papst Fran­zis­kus geteilt wird. Der Papst errich­te­te das neue Dikaste­ri­um, der Papst berief Far­rell an des­sen Spit­ze und macht ihn in einem Monat zum Kar­di­nal. Der Papst ernann­te Paglia zum Lei­ter des Päpst­li­chen Insti­tuts für Ehe und Fami­lie und zum Vor­sit­zen­den der Päpst­li­chen Aka­de­mie für das Leben. Im Gegen­satz zu sei­nem gespro­che­nen Wort, spre­chen die Per­so­nal­ent­schei­dun­gen von Papst Fran­zis­kus eine kla­re Sprache.

Ein grö­ße­rer Umbau an der Römi­schen Kurie ver­birgt meh­re­re klei­ne Umbau­ten, die dahin­ter aber kaum wahr­ge­nom­men wer­den. Die Umbau­ten erlau­ben eini­ge per­so­nel­le Umbe­set­zun­gen, und über Nacht haben wich­ti­ge Berei­che der Welt­kir­che wie die Ehe, die Fami­lie und das Leben ohne beson­de­res Auf­se­hen Gesicht gewechselt.

Der im Spät­som­mer und Früh­herbst erfolg­te Hand­streich, so die Befürch­tung, wird schwer­wie­gen­de Aus­wir­kun­gen auf die Aus­rich­tung der Kir­che in Sachen Unauf­lös­lich­keit der Ehe, Schei­dung, Zweit­ehe, Homo-Ehe und nicht zuletzt auch das Lebens­recht der unge­bo­re­nen Kin­der haben. Die Kir­che, die unter Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. die „nicht ver­han­del­ba­ren Wer­te“ gegen das domi­nan­te Den­ken in der Welt ver­tei­dig­te, wird von Papst Fran­zis­kus dem vor­herr­schen­den Den­ken der Welt ange­paßt. Die Kir­che, die letz­te Basti­on, soll geschlif­fen werden.

„Das Kli­ma wird immer drücken­der. Eini­ge ver­glei­chen die Vor­fäl­le rund um Abset­zun­gen und auf­se­hen­er­re­gen­den Ernen­nun­gen mit dem Stil latein­ame­ri­ka­ni­scher Regime, ande­re mit den sta­li­ni­sti­schen Säu­be­run­gen, wie­der ande­re zie­hen Ver­glei­che mit Nord­ko­rea. Damit wird das Risi­ko ange­heizt, daß der Deckel in die­sem Druck­kes­sel hoch­ge­hen könn­te“, so Mau­ro Faver­za­ni von Cor­ris­pon­den­za Roma­na.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Umbria24 (Screen­shot)

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