Proskriptionsliste gegen „Anti-Bergoglianer“? – Misericordina für Papst-Kritiker

Papst Franziskus und die "Anti-Bergoglio-Katholiken". Die Proskriptionsliste der La-Stampa-Vatikanisten. Im Bild: Ordensfrauen umringen etwas "zu begeistert" den Papst. Ein "Attentat" auf die "Gesundheit des Papstes"? Wohl kaum.
Papst Franziskus und die "Anti-Bergoglio-Katholiken". Die Proskriptionsliste der La-Stampa-Vatikanisten. Im Bild: Ordensfrauen umringen etwas "zu begeistert" den Papst. Ein "Attentat" auf die "Gesundheit des Papstes"? Wohl kaum.

(Rom) In der gest­ri­gen Sonn­tags­aus­ga­be der Turi­ner Tages­zei­tung La Stam­pa, die auch das Nach­rich­ten­por­tal Vati­can Insi­der betreibt, ver­öf­fent­lich­ten die bei­den Vati­ka­ni­sten, Gia­co­mo Galeaz­zi und Andrea Tor­ni­el­li, in gro­ßer Auf­ma­chung eine Liste angeb­li­cher „Fran­zis­kus-Geg­ner“ in der katho­li­schen Kir­che. Die eben­so akri­bi­sche wie will­kür­li­che Auf­stel­lung ähnelt einer Proskrip­ti­ons­li­ste für künf­ti­ge Säu­be­run­gen. Im zu Ende gehen­den Hei­li­gen Jahr der Barm­her­zig­keit wird noch ein­mal eine gro­ße Por­ti­on Miser­i­cor­di­na gegen angeb­li­che Geg­ner von Papst Fran­zis­kus ausgeschüttet.

Der Progressive und der Konservative

Der stu­dier­te Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Gia­co­mo Galeaz­zi (Jahr­gang 1972) arbei­te­te sechs Jah­re für die Nach­rich­ten­re­dak­ti­on TG1 der öffent­lich-recht­li­chen Fern­seh­an­stalt RAI 1 (Abtei­lun­gen Aus­land und Reli­gi­on). Seit 2001 ist er Redak­ti­ons­mit­glied der Tages­zei­tung La Stam­pa, für die er seit 2008 als Vati­ka­nist berich­tet. Galeaz­zi mach­te nie ein Hehl aus sei­nen pro­gres­si­ven Sympathien.

Der stu­dier­te Alt­phi­lo­lo­ge Andrea Tor­ni­el­li (Jahr­gang 1964), begann sei­ne jour­na­li­sti­sche Lauf­bahn bei Publi­ka­tio­nen der Gemein­schaft Com­u­nio­ne e Libe­ra­zio­ne (CL).  Von 1992–1996 gehör­te er der Redak­ti­on des Monats­ma­ga­zins 30Giorni (deut­sche Aus­ga­be: 30Tage) an. Es folg­ten 15 Jah­re als Vati­ka­nist bei der rechts­bür­ger­li­chen Tages­zei­tung Il Giorna­le. Seit 2011 ist er neben Galeaz­zi Vati­ka­nist der libe­ra­len Tages­zei­tung La Stam­pa und Koor­di­na­tor von Vati­can Insi­der.

Giacomo Galeazzi und Andrea Tornielli
Gia­co­mo Galeaz­zi und Andrea Tornielli

2005 oder 2010 hät­ten Beob­ach­ter gesagt, daß Galeaz­zi und Tor­ni­el­li ganz unter­schied­li­che Posi­tio­nen ver­tre­ten. Seit 2013 fan­den bei­de jedoch als Par­tei­gän­ger von Papst Fran­zis­kus zuein­an­der. Wäh­rend der pro­gres­si­ve Galeaz­zi per­sön­lich auch gegen­über dem „pro­gres­si­ven“ Papst Distanz hält, avan­cier­te der kon­ser­va­ti­ve Tor­ni­el­li unter Fran­zis­kus sogar zum Hof­va­ti­ka­ni­sten mit direk­tem Zugang zum Papst.

Im Janu­ar 2015 leg­ten Galeaz­zi und Tor­ni­el­li ihr erstes gemein­sa­mes Buch vor: „Papst Fran­zis­kus. Die­se Wirt­schaft tötet“.

Proskriptionsliste im Stil kommunistischer Publikationen der 70er Jahre

Bei­de gemein­sam ver­öf­fent­lich­ten gestern, ganz im Stil kom­mu­ni­sti­scher und neo­mar­xi­sti­scher Zei­tun­gen der 70er Jah­re, auf zwei gan­zen Tages­zei­tungs­sei­ten eine Liste von katho­li­schen Publi­ka­tio­nen, Orga­ni­sa­tio­nen und Initia­ti­ven, die „gefähr­lich für die Ein­heit der Kir­che und die Gesund­heit des Pap­stes“ sei­en. Die Schlag­zei­le lau­te­te: „Die Anti-Fran­zis­kus-Katho­li­ken, die von Putins Macht ange­zo­gen wer­den“.  „Die Abnei­gung gegen Fran­zis­kus hält sie zusam­men“, lie­ßen die Autoren gleich im ersten Satz wissen.

Als „beson­ders schä­big“ bezeich­ne­te Mes­sa in Lati­no, daß der Arti­kel zugleich auf dem Inter­net­por­tal La Nuo­va Euro­pa (Das Neue Euro­pa) der Stif­tung Rus­sia Cri­stia­na (Christ­li­ches Ruß­land) ver­öf­fent­licht wur­de, einer Medi­en­in­itia­ti­ve, die einst gegrün­det wor­den war, um den kom­mu­ni­stisch ver­folg­ten Chri­sten in Ruß­land eine Stim­me zu verleihen.

Ubi soli­tu­di­nem faci­unt, pacem appel­lant schrieb Taci­tus. Im kon­kre­ten Zusam­men­hang frei über­setzt, könn­te man sagen: Sie schaf­fen eine Wüste und nen­nen die­se Frie­den. Mes­sa in Lati­no spricht von einem „gro­tes­ken und ver­leum­de­ri­schen Angriff“.

Gegen die Kri­tik von Katho­li­ken an Aus­sa­gen und Hand­lun­gen von Papst Fran­zis­kus wur­de in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren mehr­fach die Unter­stel­lung eines „Mord­kom­plotts“ in Stel­lung gebracht. Den Auf­takt dazu mach­te der öster­rei­chi­sche Pasto­ral­theo­lo­ge und ehe­ma­li­ge Dekan der Katho­lisch-Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Wien. Im Sep­tem­ber 2013 wur­de Paul Zuleh­ner vor lau­fen­der Kame­ra zum Erfin­der eines Gerüchts. Der Pasto­ral­theo­lo­ge zeig­te sich in einem ORF-Inter­view begei­stert vom „Reform­ei­fer“ des Pap­stes und zugleich „besorgt“, Fran­zis­kus könn­te umge­bracht wer­den. Zuleh­ner wuß­te auch sogleich die poten­ti­el­len Täter zu nen­nen, näm­lich „kon­ser­va­ti­ve Katho­li­ken“, denen die Refor­men „zuviel“ wer­den könn­ten. Einen Beweis für die bös­wil­li­ge, kir­chen­po­li­tisch moti­vier­te Unter­stel­lung blieb er schuldig.

Die „Anti-Bergoglio-Katholiken“

Die „Ein­heit der Kir­che“ und die „Gesund­heit des Pap­stes“ sei­en durch die „Anti-Fran­zis­kus-Katho­li­ken“ bedroht. Die­se wer­den als „Anti-Ber­go­glio-Katho­li­ken“ und „Para-Sedis­va­kan­ti­sten“ bezeich­net, zu deren Merk­ma­le es gehö­re, Ruß­lands Staats­prä­si­den­ten Putin zu „ver­eh­ren“ und mit der „islam- und euro­pa­feind­li­chen“, „rechts­po­pu­li­sti­schen“ Lega Nord zu sympathisieren.

Das Ankla­ge­mu­ster, das die bei­den Vati­ka­ni­sten auf Ita­li­en bezo­gen anwen­den, läßt sich ohne gro­ße Phan­ta­sie auf ande­re Län­der übertragen.

Wört­lich schrie­ben Galeaz­zi und Tornielli:

„Die Gala­xis des Dis­si­den­ten­tums gegen Ber­go­glio reicht von den Lef­eb­vria­nern, die beschlos­sen haben, ‚einen tra­di­tio­nel­len Papst abzu­war­ten‘, um in die Ein­heit mit Rom zurück­zu­keh­ren, bis zu den Lega-Katho­li­ken, die Fran­zis­kus in einen Gegen­satz zu sei­nem Vor­gän­ger Ratz­in­ger set­zen und eine Kam­pa­gne star­ten: ‚Mein Papst ist Benedikt‘ “.

Kritik an Papst Franziskus gewagt

Die Zusam­men­stel­lung ist in Wirk­lich­keit eine zusam­men­ge­wür­fel­te Liste ganz unter­schied­li­cher katho­li­scher Initia­ti­ven, die aller­dings zwei Ele­men­te mit­ein­an­der ver­bin­det: sie sind nicht pro­gres­siv und haben öffent­lich gewagt, Kri­tik an bestimm­ten Hand­lun­gen von Papst Fran­zis­kus zu üben.

Proskriptionsliste?
Proskrip­ti­ons­li­ste?

Die Autoren bemü­hen sich nach­drück­lich, allen in den­sel­ben Topf gewor­fe­nen Initia­ti­ven den Stem­pel auf­zu­drücken, mehr oder weni­ger außer­halb der Kir­che zu ste­hen. Wer nicht ins gewünsch­te Bild paßt, muß im Win­kel ste­hen. Damit hat die Nen­nung der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. zu tun.  Es fol­gen Ein­rich­tun­gen wie die Inter­net-Tages­zei­tung La Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na von ver­dien­ten Per­sön­lich­kei­ten wie dem Chef­re­dak­teur Ric­car­do Cascio­li, die Stif­tung Lepan­to und Cor­ris­pon­den­za Roma­na des renom­mier­ten Histo­ri­kers Rober­to de Mattei, der Blog Set­ti­mo Cie­lo des alt­ge­dien­ten Vati­ka­ni­sten San­dro Magi­ster, das Forum Liber­tá e Per­so­na (Frei­heit und Per­son). Dabei han­delt es sich alle­samt um Initia­ti­ven, die jeder bil­li­gen Pole­mik fernstehen.

Die Liste wird fort­ge­setzt mit tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Nach­rich­ten­sei­ten wie Mes­sa in Lati­no, Chie­sa e post Con­ci­lio und Ris­cos­sa Cri­stia­na sowie dem Monats­ma­ga­zin Il Timo­ne.

Galeaz­zi und Tor­ni­el­li zei­gen mit dem Fin­ger eben­so auf die Kar­di­nä­le Ray­mond Bur­ke und Car­lo Caf­farra, auf Erz­bi­schof Lui­gi Negri und Weih­bi­schof Atha­na­si­us Schnei­der, auf den Lit­ur­gi­ker Don Nico­la Bux, Prof. Rober­to de Mattei, Anto­nio Soc­ci und zahl­rei­che ande­re mehr. Der Grund? Sie alle haben sich schul­dig gemacht, die unver­än­der­li­che Glau­bens­leh­re der Kir­che öffent­lich zu ver­tei­di­gen und auf Indi­zi­en und Bewei­se hin­zu­wei­sen, die in eine ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung weisen.

Politisch korrekter Keulenreigen

Die Autoren gei­zen nicht mit Schlag­wör­tern, die die Auf­ge­li­ste­ten vor den Augen der Leser­schaft mit den Keu­len der poli­ti­schen Kor­rekt­heit tref­fen sol­len: „Para-Sedis­va­kan­ti­sten“, „Lef­eb­vria­ner“, „islam­feind­lich“, „euro­pa­feind­lich“ und schließ­lich – man will auf Num­mer sicher gehen – auch noch „Putin-Ver­eh­rer“. Bereits in der Über­schrift wird der gan­zen „Gala­xis“ unter­stellt, über trü­be Kanä­le von Mos­kau finan­ziert zu sein.

Die ange­spro­che­ne Sei­te Mes­sa in Lati­no nahm es mit Humor: „Wir müs­sen unse­ren haus­ei­ge­nen Geheim­dienst ver­bes­sern, weil wir von den Geld­flüs­sen aus Mos­kau noch gar nichts mit­be­kom­men haben. Wir geben aber ger­ne die Kon­to­ver­bin­dun­gen bekannt und akzep­tie­ren wohl­wol­lend Euro und Rubel.“

Zugleich rief sie den Canon 212, Absatz 3 des Codex des Kir­chen­rechts in Erin­ne­rung, der expli­zit fest­hält, daß jeder Katho­li­ken das Recht hat, wo es not­wen­dig ist, die kirch­li­che Auto­ri­tät, auch den Papst, zu kritisieren.

Galeaz­zi und Tor­ni­el­li sehen in den Auf­ge­li­ste­ten hin­ge­gen „Revo­lu­tio­nä­re“, „Put­schi­sten“ und „Putin-Anhän­ger“.

Eines dürf­te fest­stel­len: Wenn ein enger Papst-Ver­trau­ter wie Tor­ni­el­li zu einem sol­chen Rund­um­schlag aus­holt, bedeu­tet das, daß im Rom von Papst Fran­zis­kus ein rau­her Wind herrscht.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: MiL/​La Stam­pa (Screen­shots)

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