War Luther eine bombastische Gestalt, wie Kardinal Marx meint? (III)

Gerhard Lorich (1485 - vor 1553): früher Kritiker Luthers, der selbst sein Anhänger war, dann aber zum katholischen Glauben zurückkehrte
Gerhard Lorich (1485 - vor 1553): früher Kritiker Luthers, der selbst sein Anhänger war, dann aber zum katholischen Glauben zurückkehrte. 1536 erschien in Frankfurt am Main seine katholische Bekenntnisschrift: "Institvtio Catholica Fidei Orthodoxae Et Religionis Sanae, Atqve Adeo Rervm Homini Catholico"

In einer frü­hen Luther-Kri­tik von einem kon­ver­tie­ren Anhän­ger des Refor­ma­tors heißt es, Luther und sei­ne Leh­re gegen die Kir­che hät­ten wie eine Abriss-Bom­be gewirkt. In dem schar­fen Streit des Refor­ma­tors und sei­nen römisch-katho­li­schen Kri­ti­kern stand eine Grup­pe reform­ka­tho­li­scher Huma­ni­sten um Eras­mus von Rot­ter­dam zwi­schen den Fron­ten. Die Beschäf­ti­gung mit deren reform­ka­tho­li­schen Bemü­hen und ihrer Kri­tik an Luthers Leh­re könn­te zu mehr öku­me­ni­schem Rea­lis­mus heu­te beitragen.

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker.

Der Huma­nist, Theo­lo­ge und Pfar­rer Ger­hard Lorich ent­stamm­te einer Wester­wäl­der Gelehr­ten­fa­mi­lie. Sei­ne Schul­aus­bil­dung erhielt er um 1500 in der Stifts­schu­le der Hada­ma­rer Lieb­frau­en­kir­che. Als Stu­dent war er in Hei­del­berg und Köln imma­tri­ku­liert. Schon als jun­ger Kano­ni­ker erhielt er die Pfrün­de von drei Altä­ren in der Wall­fahrts­kir­che sei­ner Hei­mat­stadt. Um 1522 hielt er sich stu­di­en­hal­ber in Wit­ten­berg auf. An der dor­ti­gen Uni­ver­si­tät, wo damals Mar­tin Luther dozier­te, war Lorichs Bru­der Rein­hard imma­tri­ku­liert, der spä­te­re Pro­fes­sor und Rek­tor an der pro­te­stan­ti­schen Uni­ver­si­tät Marburg.

Der Luther-Anhänger wendet sich wieder der katholischen Kirche zu

1523 beschwer­ten sich die Stift­sprie­ster der Lieb­frau­en­kir­che über ihren Mit­bru­der, dass der nach der luthe­ri­schen Leh­re pre­di­ge. Die Hada­ma­rer Bür­ger dage­gen ver­tei­di­gen ihren jun­gen Pfar­rer als christ­li­chen Hir­ten, Seel­sor­ger und Pre­di­ger. Drei­zehn Jah­re spä­ter hat­te er eine wei­te­re Pfarr­stel­le in Wetz­lar inne. Man kann davon aus­ge­hen, dass er mehr als zehn Jah­re als Pfar­rer in luthe­ri­scher Pra­xis und Pre­digt wirk­te. In die­ser Zeit hei­ra­te­te er auch. Dann erschien 1536 erschien sein erstes Buch über die „katho­li­sche Kir­che nach ortho­do­xem Glau­ben“. 1537 ver­tei­dig­te er in einer gedruck­ten Pre­digt die Hei­li­gen­ver­eh­rung und die guten Wer­ke. Wei­te­re reform­ka­tho­li­sche Wer­ke publi­zier­te er bis 1542, als er end­gül­tig ins katho­li­sche Exil geschickt wur­de. In Mainz und Worms ver­öf­fent­licht er wei­te­re Schrif­ten gegen kirch­li­che Miss-Stän­de, für eine Reform der Kir­che an Haupt und Glie­dern sowie gegen Luthers neue Glau­bens- und Kirchenlehre.

Lorich fühl­te sich der dama­li­gen Huma­ni­sten-Bewe­gung zuge­hö­rig, ori­en­tiert an Eras­mus von Rot­ter­dam. Er selbst war gut aus­ge­bil­det in Hebrä­isch, Grie­chisch und Latein, lehn­te aber den sprach­li­chen Puris­mus vie­ler Huma­ni­sten ab. In den grie­chi­schen Phi­lo­so­phen, ins­be­son­de­re Pla­ton, sah er die prae­si­gna­tio des christ­li­chen Glau­bens. Die Kir­che war für ihn auf dem Fun­da­ment der Apo­stel in der Väter­zeit auf­ge­baut wor­den. An die­ser Voll­form der apo­sto­li­schen Kir­che als nor­ma­ti­ver Matrix hät­ten sich alle kirch­li­chen Refor­men zu orientieren.

Kritik an Luthers einseitigem Ansatz gegen die kirchliche Lehrtradition

In die­sem Ansatz zei­gen sich schon deut­li­che Dif­fe­ren­zen zu Luther:

  • Die Bibel als Buch der Kir­che ist nur aus der Tra­di­ti­on der Apo­stel und Kir­chen­vä­ter zu inter­pre­tie­ren – und nicht aus sich selbst.
  • Nach dem Vor­bild der Väter sind die chri­sten­tums­af­fi­nen Phi­lo­so­phien zu nut­zen – und nicht abzulehnen.
  • Eine Kir­chen­re­form darf die Theo­lo­gie und Pra­xis der Kir­chen­vä­ter nicht über­sprin­gen – etwa im Rück­griff allein auf die neu­te­sta­ment­li­chen Schrif­ten, in denen die von Chri­stus gestif­te­te Kir­che eben noch nicht voll aus­ge­bil­det war.
Ebenfalls 1536 erschien in Mainz seine Schrift: De Missa Pvblica Proroganda, Racemationum libri tres : cum diuersarum haeresion erroribus, et superstitionum omnigenum abusionibus tollendis, tum sacri eius synceritate orthodoxa conseruanda
Eben­falls 1536 erschien in Mainz sei­ne Schrift: De Mis­sa Pvb­li­ca Proro­gan­da, Race­ma­ti­o­num libri tres : cum diuers­ar­um hae­re­si­on erro­ri­bus, et super­sti­ti­o­num omni­genum abu­sio­ni­bus tol­len­dis, tum sacri eius syn­ce­ri­ta­te ortho­do­xa conseruanda

Aus die­sen und den fol­gen­den Punk­ten ergibt sich, dass Luthers Reform­weg in die Kir­chen­spal­tung kei­nes­wegs vor­ge­zeich­net oder gar not­wen­dig war, son­dern Ergeb­nis sei­ner Leh­r­ent­wick­lung abseits und gegen die kirch­li­che Tra­di­ti­on ist.

Erlö­sung bedeu­tet für Lorich im Anschluss an Augu­sti­nus und Tho­mas von Aquin die re-stau­ra­tio der ursprüng­li­chen geschöpf­li­chen Gott­eben­bild­lich­keit, die durch den Sün­den­fall beschä­digt wur­de. Die Heil­wer­dung des Men­schen durch die Erlö­sungs­gna­de – auch zu einem erlö­sten frei­en Wil­len – gesche­he durch eine gött­lich-mensch­li­che Koope­ra­ti­on, also unter Ein­be­zie­hung von Natur und Gna­de. Das begna­det-erlö­ste Leben zei­ge sich dar­in, dass der Christ sich am Wil­len Got­tes ori­en­tie­re und nach dem exemp­lum Chri­sti ein Leben in Tugend­wer­ken führe.

Luther hat­te die­se klas­sisch-katho­li­sche Lehr­tra­di­ti­on von 1500 Jah­ren mut­wil­lig ver­las­sen. Die geschöpf­li­che Natur des Men­schen blieb für ihn auch nach der Erlö­sung ret­tungs­los ver­dor­ben, ohne Resti­tu­ti­ons­mög­lich­keit des frei­en Wil­lens. Auf die­ser Basis lehn­te Luther jedes mensch­li­che Mit­wir­ken und Bemü­hen um Heil­wer­dung ab. Des Men­schen Natur und Fähig­keit sei allein die Sün­de. Dar­aus resul­tier­te dann Luthers Leh­re von dem allein Heils­si­cher­heit geben­den Glauben.

Kritik an Luthers selbstreflexivem Glaubensansatz ohne Liebe und Werke

Lorich stell­te die Ein­sei­tig­kei­ten her­aus, mit denen der Refor­ma­tor den Glau­bens­akt als indi­vi­du­el­le Heils­ver­ge­wis­se­rung von allen biblisch-christ­li­chen Kon­tex­ten iso­liert hat­te. Er beton­te mit Hin­weis auf zahl­rei­che Schrift­stel­len, dass die drei gött­li­chen Tugen­den Glau­be, Hoff­nung und Lie­be nicht von­ein­an­der getrennt wer­den könn­ten – wie etwa die Äste eines Bau­mes von Wur­zel und Stamm. Mit der theo­lo­gi­schen Tra­di­ti­on ver­wen­de­te er nach Gala­ter 5,6 die For­mel von der fides cari­ta­te for­ma­ta, nach der der Glau­be durch Wer­ke der Lie­be geformt wer­den muss. Die­sen inne­ren Zusam­men­hang von Glau­ben und Lie­bes­wer­ken, den auch das Triden­ti­num her­aus­stell­te, denun­zier­te Luther als höl­li­sches Gift (sie­he Ver­ne­be­lung als „öku­me­ni­sche Gemein­sam­kei­ten“ bei der Recht­fer­ti­gungs­leh­re — Luther I)

Von Augu­sti­nus stammt das Wort: Wer nur glaubt ohne Hoff­nung und Lie­be, der glaubt an das Sein Chri­sti (chri­stum esse), aber nicht in Chri­stum. An die­se Unter­schei­dung knüpft Lorich an, wenn er – aus den Sen­ten­zen des Petrus Lom­bar­dus’ zitie­rend – den Got­tes­glau­ben als Pro­zess in drei Stu­fen auf­zeigt: Der Christ schrei­tet vom crede­re Deum (Glau­ben, dass Gott ist) über das crede­re Deo (gläu­bi­ges Ver­trau­en zu Gott) zum crede­re in Deum, wie es im Glau­bens­be­kennt­nis heißt. Lorich erklärt die­se höch­ste Glau­bens­stu­fe als creden­do in Deum ire, also im Glau­ben auf Gott zuge­hen. Wäh­rend Luther den Glau­bens­akt an die Kreu­zes­er­lö­sung auf das für mich zurück­biegt (selbst­re­fle­xi­ver Glau­be), über­schrei­tet dage­gen das cre­do in Deum die mensch­li­che Eigen­sin­nig­keit, indem es in Wer­ken der Lie­be den Wil­len Got­tes zu erfül­len sucht.

Reform der Kirche, nicht Abriss und Neubau

Bei Luthers zen­tra­ler Fra­ge nach der indi­vi­du­el­len Heils­ge­wiss­heit (Wie wer­de ich gerecht­fer­tigt?) und sei­ner Ant­wort vom selbst­re­fle­xi­ven Glau­bens­akt für mei­ne Erlö­sung ist die Kir­che eigent­lich über­flüs­sig, jeden­falls Bei­werk ohne Heils­be­deu­tung. In sei­ner For­mel von der ver­bor­ge­nen Kir­che in der Ansamm­lung von Glau­ben­den wird die wah­re unsicht­ba­re Kir­che vom indi­vi­du­el­len Glau­ben her kon­sti­tu­iert. Bei Lorich ist es umge­kehrt (ent­spre­chend der kirch­li­chen Tra­di­ti­on): Der heil­wir­ken­de Glau­be (fides sal­vi­fi­cans) kann nur durch die Zuge­hö­rig­keit zur Kir­che erwor­ben, bewahrt und gefe­stigt wer­den. Daher kämpft der Hada­ma­rer Pfar­rer für eine umfas­sen­de Reform der Kir­che, damit der Glau­be der Chri­sten sich bes­ser und bibli­scher ent­fal­ten kann.

Kir­che ist für Lorich von sakra­men­ta­lem Cha­rak­ter, also der aus sicht­ba­ren und unsicht­ba­ren Ele­men­ten ver­ein­te Leib Chri­sti. Von Hie­ro­ny­mus über­nimmt er das Bild der pil­gern­den Kir­che, der aller­dings in vie­len Tei­len die Weg- und Ori­en­tie­rungs­mar­ken ver­lo­ren gegan­gen sei­en. Wie Eras­mus von Rot­ter­dam sieht Lorich in der Ur- und Väter­kir­che die Matrix für eine Reform der Kir­che an allen Gliedern.

Kritik an kirchlichen Miss-Ständen

Den Haupt­an­teil an den Miss-Stän­den in der Kir­che schrieb Lorich der hohen Geist­lich­keit zu. Die Bischö­fe und Prä­la­ten wür­den um vie­ler­lei welt­li­che Din­ge besorgt sein wie Bau­ten, und Jagd, Hof- und Geld­din­ge. Ande­rer­seits küm­mer­ten sie sich zu wenig um die Auf­sicht über die rech­te Leh­re, die Aus­bil­dung der Prie­ster und die Unter­wei­sung des Vol­kes. Der Hada­ma­rer Pfar­rer berich­te­te von einer Firm­rei­se eines Bischofs, bei der des­sen Kaplan an die 400 Gul­den von den Eltern der Firm­be­wer­ber ein­nahm. Die Firm­ze­re­mo­nie selbst ver­kam zu einem Gaudi.

Die Prie­ster wür­den nach den Maß­stä­ben der Ele­men­tar­schul­leh­rer aus­ge­wählt: Wer gut liest und singt, ist als Geist­li­cher wür­dig. Die Bil­dung der Pfar­rer sei viel­fach mise­ra­bel. Durch Pfrün­den­we­sen und Win­kel­mes­sen wür­den Simo­nie und Aber­glau­be geför­dert. Lorich plä­diert (aus sei­ner luthe­ri­schen Zeit) für die Auf­he­bung des Zöli­bats, der Ein­füh­rung von Lai­en­kelch und Lai­en­pre­digt. Jedoch hält er an der Prie­ster­wei­he als Sakra­ment fest. Die Mes­se bleibt für ihn ein Opfer, wenn in den Zere­mo­nien das ein­ma­li­ge Opfer Chri­sti auf Gol­go­tha hic et nunc unsicht­ba­re Wirk­lich­keit wer­de. Das Sakra­ment der Ehe ist für ihn ein Abbild des Myste­ri­ums der Eini­gung Chri­sti mit allen Men­schen zu einem mysti­schen Leib. Auch die Beich­te erkennt er als kirch­li­ches Sakra­ment an, indem nach Reue, Bekennt­nis und Genug­tu­ung der Prie­ster im Namen Chri­sti die Abso­lu­ti­on erteilt.

Kritik an Zugriffen von Adel und Fürsten auf die Kirche

Aber Lorich beschränkt sei­ne Kir­chen­kri­tik nicht auf die Geist­lich­keit. Nach sei­ner Ansicht sind Adel und Für­sten sowohl bei den Katho­li­schen wie den Pro­te­stan­ten ver­ant­wort­lich für wei­te­re kirch­li­che Miss-Stän­de. Er wen­det sich gegen das Patro­nats­recht der welt­li­chen Obrig­keit: Die Pfar­rei­en wür­den von ihnen nach Gunst ver­lie­hen, gehal­ten als ein Sold und Beloh­nung der Hof­die­ner. Bei den Pro­te­stan­ten macht Lorich Luther für die Ver­göt­zung der Obrig­keit ver­ant­wort­lich. Der hat­te nach 1525 den Für­sten das Recht zuge­spro­chen, Pfar­rer ein- und abzu­set­zen, und damit der Welt­lich­keit Macht über die Kir­che gege­ben. Aber in der Kir­che soll­ten die welt­li­chen Her­ren nicht mehr denn Knech­te sein, wie schon Ambro­si­us lehr­te. Luther, den Lorich einen sich wan­deln­den Pro­teus nann­te, habe das Evan­ge­li­um der christ­li­chen Frei­heit gewan­delt in ein neu­es Wort, das heißt Obrig­keit. Der­sel­bi­gen gibt solch ver­kehrt Evan­ge­li­um den Tem­pel Got­tes zum Thea­ter preis. In einer Schrift von 1546 wirft er Luther vor, mit sei­ner Erlaub­nis zur Dop­pel­ehe des hes­si­schen Land­gra­fen die biblisch-kirch­li­che Leh­re zum Gespött gemacht zu haben.

1541 wurde in Frankfurt am Main Lorichs Buch wider den Aberglauben und die Häresien und über die wahre Reform der Kirche veröffentlicht: Theses professionis Catholicae, una cum abusionum, superstitionum, haereseon item & schismaton, cuiq[ue] catholico fugiendorum, indicio ; ad exactam Ecclesiae reformationem, pacemq[ue] conciliandam
1541 wur­de in Frank­furt am Main Lorichs Buch wider den Miß­brauch, Aber­glau­ben und die Häre­si­en und über die wirk­li­che Reform der Kir­che ver­öf­fent­licht: The­ses pro­fes­sio­nis Catho­li­cae, una cum abu­si­o­num, super­sti­ti­o­num, hae­re­se­on item & schis­maton, cuiq[ue] catho­li­co fugi­en­do­rum, indi­cio ; ad exac­tam Eccle­siae refor­ma­tio­nem, pacemq[ue] conciliandam
Wirk­lich zukunfts­wei­send ist Lorichs Kri­tik am dama­li­gen Kriegs­ge­schrei gegen die Wie­der­täu­fer: Die hohen Prä­la­ten stimm­ten in das mör­de­ri­sche Rufen des gemei­nen Hau­fens ein, man sol­le sie alle umbrin­gen, hen­ken, erträn­ken, köp­fen, ver­bren­nen oder doch wenig­stens mit Ruten aus­hau­en und des Lan­des ver­ja­gen. Noch mehr wun­dert er sich über Luther und ande­re Refor­mie­rer der Kir­che. Sie lehr­ten des­glei­chen, dass man solch Irri­ge soll­te fan­gen, fol­tern und töten. Lorich hält dage­gen: Auch die Gott­lo­sen und Ungläu­bi­gen sind Men­schen (sunt homi­nes). Daher müs­sen sie von ihren Mit­men­schen geliebt wer­den. Die­se frü­he For­mu­lie­rung von Men­schen­rech­ten war zugleich Frucht eines christ­li­chen Huma­nis­mus wie auch des bibli­schen Gebo­tes der Näch­sten- und Fein­des­lie­be. Übri­gens ver­kün­dig­te nur ein Jah­re nach die­ser publi­zier­ten Aus­sa­ge Papst Paul III. in sei­ner Bul­le ‚Sub­li­mus Deus’ 1537 noch deut­li­cher die Grund­rech­te aller Men­schen, ins­be­son­de­re für die Indi­os und Schwar­zen: Alle (Hei­den-) Völ­ker soll­ten unge­hin­dert das Recht auf Besitz und Frei­heit aus­üben kön­nen und vor Skla­ve­rei geschützt wer­den. Die­se Magna Char­ta der Men­schen­rech­te wur­de unter dem Ein­fluss der spa­ni­schen Scho­la­stik formuliert.

Zwischen den Fronten – gegen Luthers Kirchenabriss

Ger­hard Lorich ver­stand sich in sei­nen Reform­be­mü­hen als ein Mann der Mit­te. Das mach­te er an einem ein­drucks­vol­len Bild deut­lich: Dar­in ver­gleicht er die Kir­che mit einem Haus, das im Lau­fe der Zeit an meh­re­ren Stel­len schad­haft gewor­den sei. Da gebe es nun die Grup­pe der extre­men Tra­di­tio­na­li­sten, die jede Reform ablehn­ten und die Miss-Stän­de gar noch ver­tei­di­gen wür­den. Im Bild gespro­chen möch­ten die das Haus von außen über­ma­len, damit die schad­haf­ten Stel­len über­tüncht wären. Auf der ande­ren Sei­te stän­den die extre­men Refor­mer wie Luther und sei­ne Anhän­ger, die an der über­kom­me­nen kirch­li­chen Leh­re und Tra­di­ti­on nichts mehr gel­ten las­sen wür­den. Sie möch­ten das Kir­chen­haus gänz­lich abrei­ßen und nach eige­nen Vor­stel­lun­gen neu auf­bau­en. Lorich dage­gen fühl­te sich mit ande­ren huma­ni­sti­schen Refor­mern der Mit­te zu dem Ruf und Beruf ver­pflich­tet – ähn­lich wie St. Fran­zis­kus –, das schad­haf­te Kir­chen­haus mit gründ­li­cher Restau­ra­ti­on wie­der herzustellen.

Doch in einem Punkt wären sich bei­de Extre­me einig, näm­lich in ihrem Hass gegen die Leu­te, die zwar das Haus erhal­ten woll­ten, aber vor­hät­ten, es einer gründ­li­chen Repa­ra­tur zu unter­zie­hen. Die Kräf­te der Mit­te wür­den von den bei­den kämp­fe­ri­schen Extre­men auf­ge­rie­ben. Der Hada­ma­rer Pfar­rer Lorich hat­te das am eige­nen Leib zu spü­ren bekom­men: Von den pro­te­stan­ti­schen Her­ren wur­de er ver­bannt und als ein schwa­cher Geist beschimpft, der die Brücken nicht hin­ter sich abbre­chen moch­te. Von Rom aus kamen sei­ne Wer­ke auf den Index der ver­bo­te­nen Bücher, jeden­falls bis um 1900.

Gleich­wohl wur­den eini­ge der Reform­for­de­run­gen Lorichs im Kon­zil von Tri­ent auf­ge­nom­men – wie etwa die gründ­li­che Aus­bil­dung der Prie­ster­amt­skan­di­da­ten. Sei­ne Kri­tik an der Ver­welt­li­chung der hoch­ad­li­gen Geist­lich­keit und deren Ver­nach­läs­si­gung pasto­ra­ler Pflich­ten soll­te erst nach dem Säku­la­ri­sie­rungs­schub um 1800 Wir­kung zei­gen. Ande­re For­de­run­gen wie die Ein­be­zie­hung der Lai­en in den Got­tes­dienst und die Benut­zung der Volks­spra­che kamen erst im zwei­ten Vati­ca­num zur Geltung.

Noch bedeut­sa­mer erscheint Lorichs Bei­trag dazu, dass er aus näch­ster Nähe und als ursprüng­li­cher Sym­pa­thi­sant des Refor­ma­tors Luthers theo­lo­gi­sche Schwach­punk­te auf­deck­te: sei­ne ein­sei­ti­ge Glau­bens- und Gna­den­leh­re gegen 1500 Jah­re kirch­li­che Lehr­ge­schich­te, die Los­lö­sung der Bibel von der apo­sto­li­schen Urkir­che und Väter­zeit, die Ver­göt­zung der Obrig­keit, die För­de­rung von deren Zugrif­fe auf die Kir­che und ande­res mehr. Vor allem zeigt Lorich auf, dass der Pro­teus Luther sei­ne ursprüng­li­che Reform­theo­lo­gie zu einer Abriss­bir­ne gegen die Kir­che wandelte.

Die­se kir­chen­zer­stö­ren­de (nicht kir­chen­spal­ten­de) Ten­denz in Luthers Leh­re wird auch von katho­li­schen Öku­me­ni­kern ger­ne unter­schla­gen. Die Pro­te­stan­ten nei­gen erst recht dazu, einen legen­da­ri­schen Luther nach dem Zuschnitt ihrer aktu­el­len Bedürf­nis­se auf den Sockel zu heben. Eine Öku­me­ne der Unwahr­heit aber ist ein Ver­rat an der christ­li­chen Leh­re sowie Betrug an den Gläubigen.

Benutz­te Lite­ra­tur: Wal­ter Michel, Ger­hard Lorich und sei­ne Theo­lo­gie. Ein Bei­trag zur Refor­ma­ti­ons­ge­schich­te im Lahn­ge­biet, in: Nas­saui­sche Anna­len, Band 81, 1970, S. 160–172;
Micha­el Kunz­ler, Huma­ni­sti­sche Kir­chen­re­form und ihre theo­lo­gi­schen Grund­la­gen bei Ger­hard Lorich, Pfar­rer und Huma­nist aus Hada­mar, in: Archiv für mit­tel­rhei­ni­sche Kir­chen­ge­schich­te, Band 31, 1979, S. 75–110

Text: Hubert Hecker
Bild: MDZ (Screen­shots)

Print Friendly, PDF & Email