Christliches Röcheln in Deutschland. Geschlossene Kirchen und Exodus der Gläubigen

Trierer Dom bei Nacht: "Es entsteht eine neue 'Kirche des Schweigens', wie damals in der DDR"
Trierer Dom bei Nacht: "Es entsteht eine neue 'Kirche des Schweigens', wie damals in der DDR"

von Giu­lio Meot­ti

Am 19. August ver­öf­fent­lich­te die Tages­zei­tung Il Foglio eine Ana­ly­se der Lage der bei­den gro­ßen christ­li­chen Kir­chen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land aus der Feder von Giu­lio Meot­ti, der sich anson­sten vor allem mit der Isla­mi­sie­rung Euro­pas befaßt. Den­noch lohnt ein Blick auf den Ein­druck, den die christ­li­chen Kir­chen Deutsch­lands auf Außen­ste­hen­de machen. Es ist Blick auf eine Kir­che, von der Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger bereits sei­ner­zeit sag­te, daß das Ordi­na­ri­at des Erz­bis­tums Mün­chen-Frei­sing mehr haupt­amt­li­che Mit­ar­bei­ter für Mün­chen und Tei­le Ober­bay­erns hat als die Römi­sche Kurie für die gan­ze Welt­kir­che.

Im Land, in dem Bene­dikt XVI. gebo­ren wur­de, in dem Staats­prä­si­dent Joa­chim Gauck vor­her pro­te­stan­ti­scher Pastor war und in dem Ange­la Mer­kel, die Toch­ter eines luthe­ri­schen Pastors, Bun­des­kanz­le­rin ist, im Land der „oppo­si­tio­nel­len“ Theo­lo­gen wie Hans Küng, Ute Ran­ke-Hei­ne­mann und Eugen Dre­wer­mann, die eine inten­si­ve Kri­tik an der vati­ka­ni­schen Hier­ar­chie in Sachen kirch­li­chem Zöli­bat, Gebur­ten­kon­trol­le, Rol­le der Frau und Sakra­men­te für die Geschie­de­nen ent­fach­ten, röchelt das Chri­sten­tum regel­recht nur mehr.

1963 gab es 400 Neu­prie­ster, 1993 waren es 238 und 2013 nur mehr 98. 2015 hat sich die Zahl fast noch ein­mal hal­biert auf ledig­lich 58. Das geht aus einer Erhe­bung der im sehr katho­li­schen Bay­ern erschei­nen­den, weni­ger katho­li­schen Süd­deut­schen Zei­tung her­vor. „Die katho­li­sche Kir­che in Deutsch­land steht vor einem dra­ma­ti­schen Prie­ster­man­gel“, war zu lesen. „Nie zuvor wur­den weni­ger Män­ner in Deutsch­land katho­li­sche Prie­ster als im Vor­jahr.“

Die deut­schen Diö­ze­sen wer­den auf den zuneh­men­den Prie­ster­man­gel reagie­ren, indem Pfar­rei­en zusam­men­ge­legt, Kir­chen geschlos­sen und Prie­ster aus Afri­ka geru­fen wer­den. Die katho­li­sche Kir­che Deutsch­lands hat in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren bereits 515 Kir­chen geschlos­sen, die evan­ge­li­sche 340. Die Zahl der Pfar­rei­en ist zwi­schen 1995 und 2015 deut­lich zurück­ge­gan­gen. Statt 13.300 damals sind es heu­te 10.800. Die Ago­nie des deut­schen Katho­li­zis­mus wird auch am Exo­dus der Gläu­bi­gen sicht­bar. Mit mehr als 23,7 Mil­lio­nen Gläu­bi­gen ist der Katho­li­zis­mus in Deutsch­land die größ­te Reli­gi­ons­ge­mein­schaft des Lan­des, die 29 Pro­zent der Bevöl­ke­rung umfaßt. Doch die Leu­te ver­las­sen die Kir­che in Mas­sen: 2015 haben 181.925 for­mal ihre Apost­asie voll­zo­gen. Im Ver­gleich dazu sind nur 2685 Erwach­se­ne in die Kir­che ein­ge­tre­ten.

Vor einem Jahr zeig­te eine Erhe­bung von Il Foglio, daß die zahl­rei­chen Öff­nun­gen der pro­gres­si­ven deut­schen Kir­che auf die Rück­ge­win­nung der Her­zen (und der Brief­ta­schen) vie­ler Gläu­bi­ger abziel­ten. Im Ver­gleich zu vor 20 Jah­ren nahm die Zahl der Tau­fen jedoch um ein Drit­tel ab. Wur­den 1995 noch 260.000 Kin­der getauft, waren es 2015 167.000. Noch schlim­mer ist die Situa­ti­on bei den Hoch­zei­ten. Vor 20 Jah­ren haben 86.456 Paa­re in der Kir­che gehei­ra­tet. Im ver­gan­ge­nen Jahr waren es nur mehr 44.298, die sich in der Kir­che ewi­ge Lie­be ver­spra­chen. Der Anteil der Bevöl­ke­rung, der in die Kir­che geht, ist von 18,6 Pro­zent im Jahr 1995 auf 10,4 Pro­zent 2015 gesun­ken.

Sie nen­nen ihn den „neu­en Athe­is­mus“. Laut einem Bericht von Det­elf Pol­l­ack, Pro­fes­sor der Reli­gi­ons­so­zio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Mün­ster in West­fa­len, besu­chen gera­de ein­mal vier Pro­zent der Pro­te­stan­ten regel­mä­ßig die Kir­che. 1950 waren es noch 15 Pro­zent. Wenn es so wei­ter­geht, wer­den die bei­den gro­ßen Kon­fes­sio­nen 2033 zusam­men weni­ger als 40 Mil­lio­nen Gläu­bi­ge haben. Das Chri­sten­tum wird dann in Deutsch­land eine Min­der­heit sein.

Spie­gel der Zeit: Vor zwei Tagen fei­er­te ein evan­ge­li­scher Pastor in der Mari­en­kir­che auf dem Alex­an­der­platz mit­ten in Ber­lin vor dem Altar die erste homo­se­xu­el­le Hoch­zeit. Sven Kret­schmer und Tim Schmidt haben nach einer zivil­recht­li­chen Part­ner­schaft auch kirch­lich die Rin­ge getauscht. Die Pro­phe­zei­ung des evan­ge­li­schen Fern­seh­mo­de­ra­tors und Buch­au­tors Peter Hah­ne, in sei­nem Buch „Schluß mit lustig“, scheint sich zu bewahr­hei­ten. Hah­ne frag­te 2004, ob sich Deutsch­land noch als christ­li­ches Land bezeich­nen kön­ne, oder ob es nicht genau­er wäre, von einem vor­wie­gend athe­isti­schen Land zu spre­chen, in dem ver­schie­de­ne reli­giö­se Min­der­hei­ten zusam­men­le­ben.

Es ent­steht eine Art von neu­er „Kir­che des Schwei­gens“, wie damals in der DDR.

Text: Giu­lio Meot­ti
Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

7 Kommentare

  1. Ich sehe eine gewis­se Par­al­le­le zur Euro­päi­schen Uni­on. Je mehr Schwie­rig­kei­ten auf­tre­ten, desto „mehr Euro­pa“ wird gefor­dert. Man will Pro­ble­me mit noch mehr von dem lösen, das die Pro­ble­me ver­ur­sacht. In der Kir­che in Deutsch­land will man die Pro­ble­me, wel­che der Pro­gres­sis­mus seit vier­zig Jah­ren ver­ur­sacht, mit einem mehr an Pro­gres­sis­mus lösen. Nur greift hier lei­der die Mathe­ma­tik: Mehr von Minus ergibt lei­der nicht Plus.

  2. Wo kein Pro­fil, da auch kei­ne Anzie­hungs­kraft.
    Je mehr die katho­li­sche Hier­ar­chie meint, sich anpas­sen zu müs­sen, desto weni­ger hat sie zu bie­ten.
    Dem pro­gres­si­ven Kirchen-„Publikum“ geht die Anpas­sung nicht weit genug bzw. ist zu lang­sam, wäh­rend vie­len From­men auf­grund der Anpas­sung und Ver­wäs­se­rung der Leh­re die Haa­re zu Ber­ge ste­hen.
    Bei­de Grup­pen füh­len sich also nicht mehr ange­spro­chen. Ich ver­mu­te aller­dings, dass Letz­te­re die Kir­che nicht ver­las­sen, son­dern sich Nischen suchen. Es sind wohl die Gleich­gül­ti­gen, die aus­tre­ten.
    Wird Jesus noch Glau­ben fin­den, wenn Er wie­der­kommt?

  3. Die Kir­chen in Deutsch­land wer­den an die Wand gefah­ren. Von armer Kir­che ist nichts zu sehen, ver­beult ist sie. Sat­te Gehäl­ter und Pri­vi­le­gi­en bei den Bischö­fen, Beam­ten­men­ta­li­tät bei den durch­wegs Fest­an­ge­stell­ten wie Pastol­ral­re­fe­ren­tin­nen, Gemein­de­re­fe­ren­ten, Ordi­na­ri­ats­be­dien­ste­ten, sinn­lo­se, ali­men­tier­te Gre­mi­en. Allein die Prie­ster sind die wirk­lich Armen: meh­re­re Pfar­rei­en, Got­tes­dien­ste am Fließ­band, Beschimp­fung und Schi­ka­nie­rubg durch gel­tungs­süch­ti­ge „Räte“.

  4. Die katho­li­schen Glau­bens­in­hal­te wur­den bereits zu „mei­ner Zeit“ in den 70er Jah­ren selbst im Reli­gi­ons­un­ter­richt einer katho­li­schen Schu­le (Rel.-Lehrer alle­samt Prie­ster) nur noch defi­zi­tär gelehrt und ver­mit­telt: fal­sche Theo­lo­gie (Bult­mann, Teil­hard de Char­din etc.)und Irr­leh­ren (Islam, Bud­dhis­mus etc.) präg­ten das Lehr­pro­gramm und tra­ten an die Stel­le der christ­li­chen ver­nünf­ti­gen Glau­bens­in­hal­te. Der katho­li­sche Kate­chis­mus spiel­te kei­ne Rol­le mehr.
    Bes­ser ist nichts gewor­den. Und nun rollt man den Mos­lems die roten Tep­pi­che aus: die Kir­che in Deutsch­land (von Aus­nah­men abge­se­hen) macht schau­dern.

  5. Ein klei­ner Feh­ler ist dem ita­lie­ni­schen Autor unter­lau­fen:
    Nach einer Erklä­rung des Vati­kans, wenn ich mich recht erin­ne­re im Jahr 2006, stellt die Kir­chen­aus­tritts­er­klä­rung vor der Zivil­be­hör­de KEINEN Akt der Apost­asie dar. Denn die Zivil­be­hör­de ist nicht der ange­mes­se­ne Adres­sat für die Erklä­rung einer Apost­asie.

    Es geht dort ledig­lich um die Kir­chen­steu­er­bei­trags­ge­mein­schaft, also um das, was den deutsch­spra­chi­gen Kir­chen­pro­vin­zen erfah­rungs­ge­mäß das Wich­tig­ste ist, das Geld.

    Mei­ner Erin­ne­rung nach wur­de die­se römi­sche Bestim­mung in Öster­reich unter­lau­fen. Die Kir­chen­ap­pa­ra­te brau­chen ja Geld.

    Es wäre daher sehr wich­tig, den Gläu­bi­gen genau dar­zu­le­gen, inwie­weit der Kir­chen­aus­tritt vor der Zivil­be­hör­de ÜBERHAUPT eine Kir­chen­stra­fe inkur­rie­ren kann.

    • Da kann man nur das Schwei­zer System emp­feh­len…

      http://www.bistum-chur.ch/bischoefliches-ordinariat/solidaritaetsfonds/richtlinien-betreffend-kirchenaustritt/

      Richt­li­ni­en für den Umgang mit Per­so­nen, die erklä­ren, aus der Kirch­ge­mein­de bzw. der kan­to­na­len Kör­per­schaft aus­zu­tre­ten, aber katho­li­sche Gläu­bi­ge blei­ben zu wol­len

      Schlüs­sel­pas­sa­ge: So lan­ge der Per­so­nen­stand von Gläu­bi­gen nicht durch Apost­asie, Häre­sie oder Schis­ma ver­än­dert wird, darf im Zusam­men­hang mit dem Aus­tritt [aus der staats­kir­chen­recht­li­chen Kör­per­schaft] kein Ein­trag in das Tauf­buch vor­ge­nom­men wer­den.

      Mei­ne Erfah­rung: Aus­tritt aus der staats­kir­chen­recht­li­chen Kör­per­schaft, Über­wei­sung von Geld an den Soli­da­ri­täts­fonds in Chur, dann kriegt man schrift­lich vom Gene­ral­vi­kar, dass man wei­ter­hin katho­lisch ist. In Deutsch­land geht das natür­lich nicht, Geld­ent­zug ist das ein­zi­ge, was bei den Her­ren Marx & Co. von den Sakra­men­ten aus­schließt…

      • S.E. Mon­si­gno­re Georg Gäns­wein plä­dier­te ja unlängst unbe­dingt für eine Ände­rung des deut­schen Systems als nicht mehr zeit­ge­mäß, wonach ein Kir­chen­aus­tritt einer Exkom­mu­ni­ka­ti­on gleich kommt.
        Den Haupt­grund für den Kir­chen­schwund in unse­ren Brei­ten­gra­den seh‘ ich aller­dings in der hier­zu­lan­de weit ver­brei­te­ten Pra­xis der Gebur­ten­kon­trol­le und der damit ver­bun­de­nen Kin­der­ar­mut. Wo der Kin­der­se­gen ver­hü­tet wird, stirbt auch der Glau­be an den leben­di­gen Gott in den Fami­li­en und lee­re Kir­chen­ba­en­ke sind die Fol­ge.

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