Papst Franziskus, Amoris laetitia, Kasper und die „deutschen Theologen“

Amoris laetitia und die Verwirrtheit deutscher Theologen
Verwirrt "Amoris laetitia" deutsche Theologen oder umgekehrt?

(Wien) Das am ver­gan­ge­nen 8. April ver­öf­fent­lich­te, umstrit­te­ne nach­syn­oda­le Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia löste hef­ti­ge und ganz unter­schied­li­che Reak­tio­nen aus und zeigt die katho­li­sche Kir­che inner­lich zer­ris­se­ner, ver­wirr­ter und ori­en­tie­rungs­lo­ser denn je. Der Grund liegt dar­in, weil Papst Fran­zis­kus sei­nen Para­de­theo­lo­gen Wal­ter Kas­per im Febru­ar 2014 eine Fra­ge in den Raum stel­len ließ, auf die der Papst seit­her eine kla­re Ant­wort ver­wei­gert. Die Grün­de dafür wie­der­um las­sen sich nur erah­nen.

Papst Franziskus und die Bücher von Kardinal Kasper

Fran­zis­kus selbst war es, der Kar­di­nal Kas­per im März 2013 gleich beim ersten Ange­lus als Papst auf eine für ein Kir­chen­ober­haupt unge­wöhn­li­che Wei­se aufs Podest hob. Der Papst lob­te ein Buch des deut­schen Kar­di­nals über die Barm­her­zig­keit. Fran­zis­kus ver­in­ner­lich­te Kas­pers The­sen sol­cher­ma­ßen, daß dar­aus ein „Pon­ti­fi­kat der Barm­her­zig­keit“ mit Ansät­zen zu einer „neu­en Barm­her­zig­keit“ wur­de.

Gemäß der jüng­sten flie­gen­den Pres­se­kon­fe­renz, die gestern auf dem Rück­flug von Arme­ni­en nach Rom statt­fand, scheint der Papst gera­de auch das jüng­ste Buch von Kar­di­nal Kas­per über Mar­tin Luther und „500 Refor­ma­ti­on“ gele­sen zu haben, denn auch zu die­sem The­ma folgt das katho­li­sche Kir­chen­ober­haupt den The­sen des ehe­ma­li­gen Bischofs von Rot­ten­burg-Stutt­gart. In Rom wird bereits von einer gewis­sen gei­stig-intel­lek­tu­el­len „Abhän­gig­keit“ vom deut­schen Theo­lo­gen-Kar­di­nal gespro­chen.

Wal­ter Kas­per galt kir­chen­in­tern als Gegen­spie­ler von Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger und Papst Bene­dikt XVI. Wie inzwi­schen bekannt ist, gehör­te Kas­per seit den 90er Jah­ren zum Geheim­zir­kel Sankt Gal­len, den der 2012 ver­stor­be­ne frü­he­re Erz­bi­schof von Mai­land, der Jesu­it Car­lo Maria Mar­ti­nis um sich geschart hat­te mit dem Ziel, durch die Wahl eines Gleich­ge­sinn­ten zum Papst das abge­lehn­te Pon­ti­fi­kat von Johan­nes Paul II. wie­der rück­gän­gig zu machen und einen Para­dig­men­wech­sel in der Kir­che ein­zu­lei­ten. Dem­entspre­chend ver­such­te der Geheim­zir­kel 2005 die Wahl von Bene­dikt XVI. zu ver­hin­dern.

Die gei­sti­ge Affi­ni­tät zwi­schen Wal­ter Kas­per und Papst Fran­zis­kus begann dem­nach nicht erst mit der Lek­tü­re eines Kas­per-Buches wäh­rend des Kon­kla­ves. Kar­di­nal Kas­per gelang 2013, was Kar­di­nal Mar­ti­ni 2005 miß­glück­te. Der erko­re­ne Kan­di­dat konn­te als Papst instal­liert wer­den. Die Auf­nah­me der Kas­per-The­sen in die päpst­li­che Agen­da erscheint unter die­sem Blick­win­kel nicht als Zufall, son­dern als logi­sche Kon­se­quenz.

Römisches Mißtrauen gegenüber den „deutschen Theologen“

Abseits der päpst­li­chen Entou­ra­ge wächst in Rom unter­des­sen das Miß­trau­en gegen­über den „tede­schi“ wie Kas­per. Das liegt an den aus dem deut­schen Sprach­raum ein­tref­fen­den Nach­rich­ten über das Tem­po, mit dem Amo­ris lae­ti­tia in einem ein­sei­ti­gen Sinn umge­setzt wird.

Als Beleg für das Inter­pre­ta­ti­ons-Durch­ein­an­der durch das nach­syn­oda­le Schrei­ben ver­öf­fent­lich­te das katho­li­sche Monats­ma­ga­zin Il Timo­ne den Bericht der Nach­rich­ten­agen­tur der Öster­rei­chi­schen Bischofs­kon­fe­renz Kath­press über eine Dis­kus­si­on von vier bekann­ten Theo­lo­gen über Amo­ris lae­ti­tia.

Der Pasto­ral­theo­lo­ge Rai­ner Bucher, Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Graz, erklär­te dabei, daß die Kir­che durch Amo­ris lae­ti­tia an einer „Neu­for­ma­tie­rung der Moral­theo­lo­gie und des Kir­chen­rechts“ nicht mehr her­um­kom­me.

Die Dog­ma­ti­ke­rin und Fun­da­men­tal­theo­lo­gin Eva-Maria Faber, seit 2007 Rek­to­rin der Theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le Chur, und der Moral­theo­lo­ge und Ser­vi­ten­pa­ter Mar­tin Lint­ner, Pro­fes­sor an der Phi­lo­so­phisch-Theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le Bri­xen, äußer­ten den Wunsch, daß sich die neu­en päpst­li­chen Wei­chen­stel­lun­gen zu den wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­nen „auch im Kate­chis­mus nie­der­schla­gen“.

Ihm sekun­dier­te Klaus Lüdicke, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Kir­chen­recht an der West­fä­li­schen Wil­helms-Uni­ver­si­tät in Mün­ster, der „kei­nen Zwei­fel“ hat­te, daß Amo­ris lae­ti­tia den Kom­mu­nion­emp­fang für wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­ne und damit den Weg zur kirch­li­chen Aner­ken­nung von Schei­dung und Zweit­ehe „öff­net“.

Amo­ris lae­ti­tia wur­de von den vier Theo­lo­gen, die alle über die kirch­li­che Lehr­erlaub­nis ver­fü­gen und von denen zwei an katho­li­schen Hoch­schu­len leh­ren, aber kei­nes­wegs nur an der Fra­ge im Umgang mit den per­ma­nen­ten Ehe­bre­chern gemes­sen.

Für Bucher stellt Amo­ris lae­ti­tia auch ein brauch­ba­res Instru­ment dar, um den Weg zu mehr „Dezen­tra­li­sie­rung und Syn­oda­li­tät“ der Kir­che dar.

Eva-Maria Faber und Martin Lintner: Familiaris consortio durch Amoris laetitia „überholt“

Laut Faber und Lint­ner sol­le man damit auf­hö­ren, stän­dig ein „Ide­al“ der Ehe ein­zu­for­dern, weil das der Wirk­lich­keit im Leben der Men­schen nicht gerecht wer­de, weil uner­reich­bar. Amo­ris lae­ti­tia for­de­re das eben­so, wenn es dar­in heißt, Urtei­le über die Lebens­si­tua­ti­on ande­rer sei­en zu ver­mei­den. Viel­mehr müs­se man auf­merk­sam dafür sein, wie Men­schen auf­grund ihrer Situa­ti­on „leben und lei­den“.

Es sei not­wen­dig, sich daher, so Faber und Lint­ner, mehr in Rich­tung Wahr­neh­mung der „in Wür­de geleb­ten Wer­te“ zu bewe­gen. Die­se Wahr­neh­mung lie­ge näm­lich in der „Kom­pe­tenz der Gewis­sen der Gläu­bi­gen. Die­se neue Wahr­neh­mung sei eine der Schlüs­sel­ent­schei­dun­gen des Doku­ments. Durch Amo­ris lae­ti­tia sei es heu­te „unmög­lich“ gewor­den, zu behaup­ten, daß alle, die in einer „soge­nann­ten ‚irre­gu­lä­ren‘ Situa­ti­on“ leben, sich im Zustand der Tod­stün­de befin­den und damit die hei­lig­ma­chen­de Gna­de ver­lo­ren hät­ten.

Dem­entspre­chend sei, so immer Faber und Lint­ner, auch die For­de­rung von Papst Johan­nes Paul II. über­holt, wie Bru­der und Schwe­ster zu leben, die die­ser im Para­graph 84 von Fami­lia­ris con­sor­tio erhebt.

„Aus den Mei­nun­gen die­ser Theo­lo­gen geht ziem­lich deut­lich her­vor, daß die Neu­heit von Amo­ris lae­ti­tia pasto­ral sein wird, aber im Ver­gleich zur vor­he­ri­gen Situa­ti­on auch zu einer „Über­ar­bei­tung des Kate­chis­mus“ füh­ren soll“, so Il Timo­ne.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Il Timo­ne (Screen­shot)

3 Kommentare

  1. Gal 1,6–9
    Ich bin erstaunt, dass ihr euch so schnell von dem abwen­det, der euch durch die Gna­de Chri­sti beru­fen hat, und dass ihr euch einem ande­ren Evan­ge­li­um zuwen­det. Doch es gibt kein ande­res Evan­ge­li­um, es gibt nur eini­ge Leu­te, die euch ver­wir­ren und die das Evan­ge­li­um Chri­sti ver­fäl­schen wol­len. Wer euch aber ein ande­res Evan­ge­li­um ver­kün­digt, als wir euch ver­kün­digt haben, der sei ver­flucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Him­mel. Was ich gesagt habe, das sage ich noch ein­mal: Wer euch ein ande­res Evan­ge­li­um ver­kün­digt, als ihr ange­nom­men habt, der sei ver­flucht.

  2. Geist über Deutsch­land?

    Es gibt ein Buch mit eben­die­sem Titel aus dem Jah­re 1985 von einem Autor, wel­cher den Frei­kir­chen nahe­zu­ste­hen scheint. Sieg­fried Fritsch ana­ly­siert die Geschich­te Deutsch­lands unter einem geist­li­chen Aspekt, schießt über das Ziel ein wenig hin­aus, da er fast alles und jeden als okkult beschreibt.

    Aber so sehr scheint er sich nicht geirrt zu haben, denn spä­te­stens seit dem Nomi­na­lis­mus schei­nen die mei­sten Häre­si­en, vom Jan­se­nis­mus abge­se­hen, aus dem deutsch­spra­chi­gen Raum oder aus Deutsch­land selbst zu stam­men. Erz­engel Micha­el ist ja auch der Patron Deutsch­lands und die ersten Mön­che-Mis­sio­na­ren wuß­ten schon, was sie taten.

    Die Ver­bin­dung zwi­schen dem Deut­schen und dem Dämo­ni­schen wird sehr ein­ge­hend, obzwar lite­ra­risch, von Tho­mas Mann in sei­nem „Dok­tor Faustus“ unter­sucht. Man soll­te es sich wei­der ein­mal durch­le­sen und auch zwi­schen den Zei­len lesen. Die Aus­ge­burt des Natio­nal­i­so­zia­lis­mus wird dort als die Aus­ge­burt des Deutsch­tums aber auch des Dämo­ni­schen dar­ge­legt.

    Das gan­ze XIX Jahr­hun­dert war doch haut­p­säch­lich, von Ros­mi­ni abge­se­hen, durch die Ver­ur­tei­lung der deut­schen oder der deutsch­spra­chi­gen Theo­lo­gen wie Gün­ther gekenn­zeich­net. War­um immer gera­de hier? Dumm­köp­fe gab es auch woan­ders. Liegt es an der berühm­ten deut­schen Kon­se­quenz oder am Per­fek­tio­nis­mus?

    Das Drit­te Reich ist Gott sei Dank vor­bei, aber das Vat. II dau­ert an. Und er war es wie­der? Nicht die Schwei­zer, von Urs von Bal­tha­sar abge­se­hen, son­dern wie­der mei­stens die Deut­schen, nach gut Danie­lou und de Lub­ac, Con­gar gab es auch, aber den­noch.

    War­um immer in Deutsch­land? Wel­cher Geist weht denn stän­dig über die­ses Land? Dok­tor Faustus als der urdeut­sche Gelehr­te … immer das sel­be … immer mit dem Hin­ke­fuss ex cau­de­la dia­bo­lus cogno­s­ci­tur.

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