Kardinal Marx’ Kirchenbuch: falsche Frontstellungen, Verneigung vor Luther und geistliche Impulse

Das 2015 publi­zier­te Buch von Kar­di­nal Rein­hard Marx zur kirch­li­chen Erneue­rung ent­hält Bedeu­ten­des und Bana­les, alte Vor­ur­tei­le gegen die vor­kon­zi­lia­re Kir­che und tra­di­tio­nel­le Impul­se für die geist­li­che Erneue­rung, sinn­vol­le Orga­ni­sa­ti­ons­re­geln und über­zo­ge­nen Neue­rungs­vor­schlä­ge.

Eine Rezen­si­on von Hubert Hecker.

Der Buch­ti­tel von Marx’ klei­ner Schrift „Kir­che überlebt“ ent­hält Dop­pel­deu­ti­ges: Die Kir­che wird auch die gegen­wär­ti­ge Kri­se über­le­ben, und: Sie ist über­lebt. Der Autor wen­det sich gegen letz­te­re The­se, nach der Reli­gi­on bei zuneh­men­der Gesell­schafts­mo­der­ni­sie­rung ver­schwin­den wer­de. Gleich­wohl ste­he die Kir­che vor der kri­sen­haf­ten Auf­ga­be, sich in die wan­deln­de plu­ra­le Gesell­schaft ein­zu­pas­sen. Marx glaubt, für die­sen Pro­zess brau­che die Kir­che eine neue Sozi­al­ge­stalt. Dazu soll­te die­ses Büch­lein bei­tra­gen. Es blei­be zwar dabei, dass Basis und Bedeu­tung der Kir­che allein in Jesus Chri­stus lägen. Aus ihm ent­sprin­ge der evan­ge­li­sie­ren­de und mis­sio­nie­ren­de Auf­trag der Chri­sten. Aber zu des­sen Rea­li­sie­rung in unse­rer Zeit müs­se mit Herz und Ver­stand nach neu­en Wegen gesucht wer­den.

Kir­chen­po­li­ti­sche Schwarz-Weiß-Male­rei

Es folgt zu Anfang des zwei­ten Kapi­tels eine ver­schwom­me­ne Abhand­lung zu ‚Kir­che und Gesell­schaft’. Bei­de Grö­ßen kön­ne man nicht defi­nie­ren. Doch danach behaup­tet der Kar­di­nal, ganz genau zu wis­sen, wie das bezeich­ne­te Ver­hält­nis in den Jahr­hun­der­ten vor dem Kon­zil gewe­sen wäre: Auf­klä­rung und Revo­lu­ti­on, Volks­sou­ve­rä­ni­tät und Men­schen­rech­te habe die Amts­kir­che weit­ge­hend abge­lehnt und sich in einer Ver­tei­di­gungs­hal­tung ein­gei­gelt. Erst mit dem Zwei­te Vati­ca­num sei die­se Men­ta­li­tät der Kir­che auf­ge­bro­chen wor­den zu einer posi­ti­ven Bezie­hung. Im Para­dig­men­wech­sel des Kon­zils habe man Gesell­schaft und Welt als Auf­ga­be der Kir­che erkannt.

Zu die­ser kir­chen­ge­schicht­li­che Schwarz-Weiß-Male­rei und der ent­spre­chen­den Bruch-Her­me­neu­tik des Kon­zils sind die kri­ti­schen Ein­wän­de von Papst Bene­dikt anzu­füh­ren: Das Kon­zil habe bei sei­nem Opti­mis­mus für die Moder­ne die Patho­lo­gien der Ver­nunft über­se­hen  und daher auch bei der Ver­heu­ti­gung der Kir­che die gegen­strei­ten­den und zer­stö­re­ri­schen Kräf­te der Welt  all­zu unkri­tisch gese­hen.

Fal­sche Front­stel­lung

Kardinal Marx und die katholischer Bloggerszene
Kar­di­nal Marx und die katho­li­sche Inter­net­sze­ne

Aus einem län­ge­ren Zitat von Papst Fran­zis­kus zu einer lie­ber ver­beul­ten, aber men­schen­zu­ge­wand­ten Kir­che fol­gert Marx: Nicht die Ver­tei­di­gung der Wahr­heit oder den Streit dar­um pfle­gen, son­dern Hin­wen­dung zu den Armen und Schwa­chen zei­gen. Auch in die­ser Gegen­über­stel­lung zeigt sich eine fal­sche Aus­schließ­lich­keit: Wenn die Festi­gung der Wahr­heit des Evan­ge­li­ums im Innern der Kir­che ver­nach­läs­sigt wird, ver­fla­chen die sozia­len Akti­vi­tä­ten und ver­lie­ren sie ihr christ­li­ches Pro­fil. Histo­risch zeig­te sich gera­de bei der von Marx ver­teu­fel­ten Kir­che in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts: Aus der Kon­zen­tra­ti­on auf Evan­ge­li­um und Wahr­heit, durch blü­hen­de Orden und Volks­fröm­mig­keit erwuch­sen der Kir­che star­ke mis­sio­na­ri­sche und sozia­len Kräf­te – ins­be­son­de­re auf allen Gebie­ten der Cari­tas und der sozia­len Fra­ge.

Der Mün­che­ner Kar­di­nal sieht gegen­wär­tig inne­re Gefähr­dun­gen für das Selbst­ver­ständ­nis der Kir­che. Da sei einer­seits die Hal­tung, sich in die Burg der Wahr­heit als selbst­ge­wähl­tem Ghet­to zurück­zu­zie­hen – ohne Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Welt. Mit der wei­te­ren For­mu­lie­rung: Flucht in die reli­giö­sen und poli­ti­schen Popu­lis­men kann eigent­lich nur die katho­li­sche Blog­ger­sze­ne gemeint sein, der Marx Ver­ach­tung und Ver­blö­dung zuschreibt.

Gefähr­dung der Kir­che durch Libe­ra­le, Pro­gres­si­ve, Refor­mi­sten

Aller­dings sieht der Kar­di­nal auch die Gefahr der Anpas­sung und Anglei­chung an die Gesell­schaft. Die­se Gefähr­dung der Kir­che kom­me von Sei­ten der Libe­ra­len, Pro­gres­si­ven, Refor­mi­sten, die jeder gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung als Fort­schritt hin­ter­her­lau­fen. Ange­sichts der weit­ver­brei­te­ten Impe­ra­ti­ve des öko­no­mi­schen Pro­fits und der tech­no­lo­gi­schen Mach­bar­keit sowie der Hal­tung des klei­ne­ren Übels sei der blin­de Fort­schritts­op­ti­mis­mus kir­chen­ge­fähr­dend.

Bei Ver­mei­dung der auf­ge­zeig­ten Posi­tio­nen kom­me der Kir­che die Stel­lung zu, sich als kraft­vol­le, über­zeu­gen­de, kri­ti­sche Weg­be­glei­te­rin der Mensch­heit durch die Geschich­te hin­durch auf­zu­stel­len. Die­se Kir­chen-Kon­zep­ti­on ergibt sich logisch aus Mar­xens Argu­men­ta­ti­on – aber ist sie die von Jesus Chri­stus inten­dier­te?

Die gro­ße Selbst­be­spie­ge­lungs-Erzäh­lung der Moder­ne

Das neue Buch von Kardinal Marx (2015)
Kir­che (über)lebt (2015)

Im 3. Kapi­tel Kir­che und der Geist der Frei­heit bedau­ert Marx, dass die Amts­kir­che in den 200 Jah­ren vor dem Kon­zil zu Auf­klä­rung und Revo­lu­ti­on, zur Frei­heits- und Men­schen­rechts­be­we­gung kon­trär gestän­den hät­te. Bibel und frü­he Kir­che hät­ten doch mit ihrer Hin­wen­dung zu den sün­di­gen, kran­ken und schwa­chen Men­schen die Wür­de des Ein­zel­men­schen – auch gegen­über staat­li­chen Gewal­ten – betont. Des­halb sei es gera­de­zu tra­gisch, dass die Kir­che der Neu­zeit der poli­tisch-gesell­schaft­li­chen Frei­heits­be­we­gung abwei­send gegen­über­ge­stan­den wäre.

Der Kar­di­nal ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit, wenn er in der Post­mo­der­ne die Selbst­le­gi­ti­mie­rungs­le­gen­de der Moder­ne wie­der auf­wär­men will. Die Gegen­les­art etwa lau­tet: Als die Kir­che sich gegen den staat­li­chen Ter­ror der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on stell­te, hat sie den Grund gelegt für ihre spä­te­ren Pro­te­ste gegen die moder­nen Tota­li­ta­ris­men natio­na­li­sti­scher, kom­mu­ni­sti­scher und ras­si­sti­scher Art. Die­se und wei­te­re Strö­mun­gen der Moder­ne haben sich als Kampf für Frei­heit und Men­schen­rech­te aus­ge­ge­ben – und genau die­sen Libe­ra­lis­mus hat­te Pio Nono, der Syl­labus-Papst, abge­lehnt. Ande­rer­seits gibt es ver­schie­de­ne Bei­spie­le, wie Teil­kir­chen in den Kampf um die (nega­ti­ve) Frei­heit gegen­über der staat­li­chen Bevor­mun­dung ein­ge­stie­gen sind. In die­sem Sin­ne hat­te die Kir­che in Deutsch­land wäh­rend der 48er Revo­lu­ti­on gegen den bedrücken­den Staats­bü­ro­kra­tis­mus gekämpft und sich für die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­grund­rech­te ein­ge­setzt.

Die (nega­ti­ve) Frei­heit von muss in die Frei­heit zu mün­den

Marx geht aber rich­tig dar­auf ein, dass die christ­li­che Sicht auf den Men­schen mehr zu bie­ten habe als die (nega­ti­ve) poli­ti­sche ‚Frei­heit von’: Aus Chri­sti Erlö­sung von der Skla­ve­rei der Sün­de, aus sei­nem Geist erwach­se die ‚Frei­heit zu’, näm­lich zu ver­ant­wort­li­cher Ent­schei­dung für das Gute; und: Die wah­re Frei­heit voll­endet sich in der Lie­be. Die­ses christ­li­che Pro­gramm einer Frei­heit zu Sitt­lich­keit und Wahr­heit zie­le zunächst auf den Ein­zel­men­schen, müs­se aber auch wirk­sam sein zu einer Umge­stal­tung von Gesell­schaft und Kul­tur, zie­lend auf eine öster­lich erneu­er­te Schöp­fung.

Im Übri­gen haben alle Päp­ste des 19. Jahr­hun­derts Frei­heit in genau die­sem Sin­ne ver­stan­den. Man könn­te ihnen höch­stens vor­wer­fen, dass sie im Eifer für die­se sitt­lich-per­so­na­le Frei­heit den Wert der abweh­rend-poli­ti­schen Frei­heit vor Staats­be­vor­mun­dung unter­schätz­ten und sogar bekämpf­ten. Erst in der Aus­for­mu­lie­rung des Sub­si­dia­ri­täts­prin­zips ist das Ver­hält­nis zwi­schen der Frei­heits­sphä­re des Ein­zel­nen und den (begrenz­ten) Auf­ga­ben des Staa­tes sinn­voll defi­niert wor­den.

Das Ein­wir­ken der vor­kon­zi­lia­ren Päp­ste gegen welt­li­che Fehl­ent­wick­lun­gen

Als Bei­spiel für das kri­tisch-kon­struk­ti­ve Ein­wir­ken der Kir­che auf den poli­tisch-sozia­len Bereich nennt Marx die katho­li­sche Sozi­al­leh­re, die er für das neue Den­ken des Kon­zils bezüg­lich des Kir­che-Welt-Ver­hält­nis­ses rekla­miert. Doch die­se Ver­ein­nah­mung ist falsch. Gera­de die vor­kon­zi­lia­ren Päp­ste Leo XIII. und Pius XI. haben sich mit ihren berühm­ten Enzy­kli­ken auf Augen­hö­he in die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung kri­tisch ein­ge­mischt. Bene­dikt XV. gab im 1. Welt­krieg die ent­schei­den­den poli­ti­schen Impul­se für die Anfän­ge einer Welt­frie­dens­ord­nung im Völ­ker­bund. Papst Pius XII. sprach sich in sei­nen Weih­nachts­an­spra­chen 1942 und 1944 gegen die ras­si­sti­sche Ver­fol­gung der Nazis und für eine demo­kra­ti­sche Nach­kriegs­ord­nung aus. Auch auf Mar­xens For­de­rung, die unzu­rei­chen­den, nega­ti­ven Sei­ten der Auf­klä­rung kri­tisch zu sehen, sind schon frü­he­re Päp­ste gekom­men, etwa wenn sie die Volks­sou­ve­rä­ni­tät der Pöbel­de­mo­kra­tie in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on ablehn­ten.

Kri­tik am fla­chen Auf­klä­rungs­ra­tio­na­lis­mus

Marx könn­te also an die auf­klä­rungs­kri­ti­sche Tra­di­ti­on der Kir­che anknüp­fen, wenn er den fla­chen Auf­klä­rungs­ra­tio­na­lis­mus anpran­gert, der sich in den ver­kürz­ten Para­dig­men von Natur­wis­sen­schaf­ten und Öko­no­mie zeigt – etwa in den Maxi­men: Was bringt es? Wie funk­tio­niert es? Das christ­li­che Den­ken, aber auch das indi­vi­du­el­le Gebet und die gemein­schaft­li­che Lit­ur­gie könn­ten ratio­na­li­sti­sche  Nütz­lich­keits­ideo­lo­gie auf­bre­chen und das ganz­men­sch­li­che Sein und Erle­ben erwei­tern – auch in sei­ne tran­szen­den­ten Dimen­sio­nen. Das bibli­sche Men­schen­bild, ange­fan­gen bei der geschöpf­li­chen Got­tes­eben­bild­lich­keit bis hin zur Erlö­sung des Men­schen durch den Tod und die Auf­er­ste­hung Jesu Chri­sti, müss­ten als Kor­rek­tiv gegen die anthro­po­lo­gi­sche Enge der Auf­klä­rung ein­ge­bracht wer­den.

Not­wen­di­ge Kurs­kor­rek­tu­ren an der Kon­zils­kir­che    

Marx fällt aber immer wie­der in sei­ne kir­chen­po­li­ti­sche Schwarz-Weiß-Male­rei zurück, wenn er zu Anfang eines jeden Kapi­tels betont, dass frü­her in der Kir­che ziem­lich viel schlech­ter gewe­sen wäre als heu­te – auch wenn er nicht so weit geht wie der SPIEGEL in sei­ner Kolum­ne: Frü­her war alles schlech­ter. Dage­gen spricht schon das Offen­sicht­li­che: Im Ver­gleich zur Vor­kon­zils­zeit ist der Glau­be heu­te weit­ge­hend ver­dun­stet, die Kir­chen und Prie­ster­se­mi­na­re sind ent­leert. Das soll­te an sich ein Signal zum Inne­hal­ten, Reflek­tie­ren und letzt­lich zu einer Kurs­kor­rek­tur in der nach­kon­zi­lia­ren Kir­che füh­ren. Aber von die­ser nüch­ter­nen und ernüch­tern­den Kon­zils-Bilanz will Marx nichts wis­sen. Im Gegen­teil: Unter Aus­blen­dung der kirch­li­chen Rea­li­tät wird die all­zu opti­mi­sti­sche Kon­zils­sicht pau­schal als heu­ti­ge Wirk­lich­keit behaup­tet: Die Geschich­te zeigt, dass das 2. Vati­ca­num recht hat…(S. 61).

Eine ande­re Kir­che?

Durch die Über­schrift und zu Anfang des Kapi­tels Kir­che – ein­fach anders? stellt der Kar­di­nal wie­der sei­ne Dia­lek­tik vor­an: Frü­her hät­te die Kir­che ihre Anders­ar­tig­keit gegen­über der Welt betont. Die eben­so fal­sche Gegen­po­si­ti­on wäre, wenn die Kir­che dem Zeit­geist hin­ter­her­lie­fe und sich der Welt anpass­te. Marx ist für die Mit­te: Einer­seits die dog­ma­ti­sche Sub­stanz und das Glau­bens­gut nicht beein­träch­ti­gen las­sen, ande­rer­seits die äuße­re Gestalt, die Lebens- und Äuße­rungs­for­men der Kir­che ver­än­dern im Rah­men der Zeit­ge­nos­sen­schaft. Die­ses katho­li­sche ‚Sowohl – Als auch’ ist for­mal sicher­lich rich­tig, hat aber schon bei den Kon­zils­tex­ten und auch bei Marx eine gefähr­li­che Ten­denz, eben doch Glau­bens­sub­stanz zur Dis­po­si­ti­on zu stel­len: Der Mün­che­ner Kar­di­nal spricht z. B. von der Ver­än­der­bar­keit der Chri­sto­lo­gie, der dog­ma­ti­schen Ent­wick­lung, der Leh­re von der Kir­che und der Gna­de. Anders for­mu­liert: Die Fokus­sie­rung des Kar­di­nals auf die äuße­re, orga­ni­sa­to­ri­sche Sozi­al­form der Kir­che führt zu einer Ver­nach­läs­si­gung, teil­wei­se Hint­an­stel­lung oder gar Ver­än­de­rung der theo­lo­gisch-bibli­schen Posi­tio­nen, auf die Kir­che gegrün­det ist.

Der sakra­men­ta­le Cha­rak­ter der Kir­che

Bei sei­nem zen­tra­len The­ma zur ver­än­der­li­chen Kir­che geht Marx von dem Kon­zils­do­ku­ment Nr. 8 in Lumen gen­ti­um aus: Danach ist die Kir­che eine spe­zi­fi­sche Gemein­schaft, die aus mensch­li­chen Ele­men­ten (hier­ar­chi­sche Orga­ne, sicht­ba­re Ver­samm­lung) und gött­li­chen Dimen­sio­nen (mysti­scher Leib, geist­li­che Gemein­schaft) zusam­men­wächst, also nach Pau­lus’ Wor­ten ein beson­de­rer Orga­nis­mus mit Chri­stus als Haupt ist. Dar­in besteht letzt­lich das sakra­men­ta­le Grund­ver­ständ­nis der Kir­che, bei dem die inne­re, geist­li­che Wir­kung durch äuße­re Ele­men­te und For­men erfol­gen. Sie steht in Ana­lo­gie zum Ursa­kra­ment Chri­stus, in dem die mensch­li­che Natur dem gött­li­chen Wort als unlös­lich ver­bun­de­nes Heils­or­gan dien­te.

Marx fol­gert aus die­ser Ana­lo­gie: In den (mensch­li­chen) Ver­ge­sell­schaf­tungs­for­men der Kir­che dür­fe es nicht völ­lig anders zuge­hen als in der säku­la­ren Gesell­schaft. Oder posi­tiv for­mu­liert mit Kar­di­nal Kas­per (1987): Alle gesell­schaft­li­chen Prin­zi­pi­en haben auch in der Kir­che Gel­tung!  Also doch tota­le Anpas­sung an die Prin­zi­pi­en die­ser Welt – etwa in Eigen­nutz und Pro­fit­in­ter­es­se? Soll sich die Kir­che gar an  die poli­ti­schen Prin­zi­pi­en von Volks­sou­ve­rä­ni­tät, Ver­bän­deplu­ra­lis­mus, Par­tei­en­de­mo­kra­tie und Par­la­men­ta­ris­mus anpas­sen? Man sieht gleich, dass Kas­per über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen ist. In die Ver­schrän­kung von geist­li­chen und welt­li­chen Dimen­sio­nen in der Kir­che kön­nen und dür­fen offen­sicht­lich nicht alle Ele­men­te der Welt auf­ge­nom­men wer­den. In dem Pau­lus-Wort: Prüft alles, das Gute behal­tet! steckt eben auch drin, dass es Schlech­tes oder Unpas­sen­des in der Welt gibt.

Die Sozi­al­ge­stalt der Kir­che ist ein­zu­bin­den in ihren theo­lo­gi­schen Gehalt

Marx folgt die­sem Kas­per-Pro­gramm zunächst doch nicht. Er weiß um die Gren­zen der kirch­li­chen Anpas­sung an die Gesell­schaft durch das theo­lo­gisch-dog­ma­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis der Kir­che, wobei er die Theo­lo­gie fälsch­li­cher­wei­se im Begrün­dungs­zwang ste­hen sieht bei Abwei­chun­gen von gän­gi­gen Gesell­schafts­prak­ti­ken. Oder: Die Sozio­lo­gie kann den spe­zi­fi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang der Kir­che nur erken­nen, wenn sie die dog­ma­ti­sche Begrün­dung und die Glau­bens­zie­le der Kir­che akzep­tiert. Aber am Ende steht mit einem Zitat von Pater Ker­ber SJ doch wie­der die Tren­nung von sozia­ler und geist­li­cher Gestalt der Kir­che : Der orga­ni­sa­to­ri­sche Auf­bau der Kir­che sei los­ge­löst von der geist­lich-tran­szen­den­ten Rea­li­tät der Kir­che zu betrach­ten.  Die­se wider­sprüch­li­che und unaus­ge­reif­te Ver­hält­nis­be­stim­mung der geist­lich-theo­lo­gi­schen und mensch­lich-sozia­len Dimen­sio­nen der Kir­che wirkt sich nega­tiv auf die wei­te­ren Aus­füh­run­gen Marx’ zu der kirch­li­chen Sozi­al- und Orga­ni­sa­ti­ons­re­form aus.

Denn der Autor for­dert ohne die zunächst auf­ge­stell­te theo­lo­gi­sche Begren­zung und Begrün­dung: Die sozi­al­ethi­schen Grund­nor­men der katho­li­schen Sozi­al­leh­re für das Mit­ein­an­der in der Gesell­schaft sol­len auch für das Sozi­al­ge­fü­ge der Kir­che ange­wandt wer­den, also die Grund­sät­ze der Per­so­na­li­tät, Soli­da­ri­tät und Sub­si­dia­ri­tät.

Dif­fe­ren­zier­te Anwen­dung der Sozi­al­prin­zi­pi­en

Gegen die Befol­gung des Prin­zips der Per­so­na­li­tät im kirch­li­chen Mit­ein­an­der ist nichts ein­zu­wen­den – etwa in dem Grund­satz: Die per­so­na­le Wür­de der Gläu­bi­gen ist in allen kirch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hän­gen zu beach­ten.
Bei der Über­tra­gung der Soli­da­ri­tät muss man schon Ein­schrän­kun­gen machen, inso­fern es bei säku­la­ren Soli­dar­for­de­run­gen viel­fach um die Stär­kung von Inter­es­sen­grup­pen geht. Die kön­nen zwar bei kirch­li­chen Arbeit­neh­mern rele­vant sein, nicht aber durch­ge­hend im Mit­ein­an­der der Chri­sten im kirch­li­chen Raum. War­um aber, so fragt Uwe C. Lay in sei­ner Rezen­si­on zu Mar­xens Buch in Theo­lo­gi­sches, sol­len Chri­sten statt von der Näch­sten­lie­be oder gar dem Mit­leid lie­ber von einem soli­da­ri­schen Han­deln reden? Erste­re sind doch die ori­gi­när katho­li­schen, weil bibli­schen Begrif­fe – war­um will Marx dar­auf ver­zich­ten?

Erst recht ist beim Prin­zip der Sub­si­dia­ri­tät zu dif­fe­ren­zie­ren. Bei der erst­ma­li­gen For­mu­lie­rung des Sub­si­dia­ri­täts­prin­zips in der Enzy­kli­ka Qua­dra­ge­si­mo anno (1931) ging es vor­ran­gig um das Ver­hält­nis von Ein­zel­per­so­nen / klei­ne­ren Grup­pen und Staat:

  • Einer­seits muss der Staat über­neh­men, was die Ein­zel­nen und klei­ne­re Gemein­schaft nicht lei­sten kön­nen – etwa die finan­zi­el­le Absi­che­rung von Krank­heit und Alter.
  • Ande­rer­seits darf der Staat nicht an sich rei­ßen, was der Ein­zel­ne und sub­si­diä­re Grup­pen aus eige­nem Antrieb lei­sten kön­nen.

Die­ser Grund­satz ent­hält vor­ran­gig eine poli­ti­sche Dimen­si­on – damals ins­be­son­de­re gegen die Ten­den­zen tota­li­tä­rer Staa­ten. Auch der Aus­gangs­punkt von Ein­zel- und Grup­pen­in­ter­es­sen ist eher dem poli­ti­schen Ver­bands­plu­ra­lis­mus zuzu­ord­nen. Daher kann das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip nur ein­ge­schränkt auf die Kir­che über­tra­gen wer­den – etwa dar­in, dass die Kir­che die Akti­vi­tä­ten der katho­li­schen Ver­ei­ne unter­stützt. Das aber ist nichts Neu­es.

Auf­lö­sung der kirch­li­chen Hier­ar­chie in ein sub­si­dia­res Orga­ni­sa­ti­ons­knäu­el

Neu ist, dass Marx das Prin­zip der Sub­si­dia­ri­tät gänz­lich auf die Orga­ni­sa­ti­on und die hier­ar­chi­sche Struk­tur der Kir­che anwen­den will. Es geht dem Mün­che­ner Kar­di­nal dabei zunächst um

  • orga­ni­sa­to­ri­sche Fra­gen – etwa bei der Bis­tums­ver­wal­tung. Dabei soll es kla­re Rah­men­be­din­gun­gen und auch eine gewis­se Kon­trol­le geben. Klar ist auch, dass ein Bischof z. B. grö­ße­re Bau­vor­ha­ben nicht im Allein­gang abwickeln soll­te. Trans­pa­renz in der Per­so­nal­ver­wal­tung sowie im Umgang mit Finan­zen beinhal­te Auf­sicht, Kon­trol­le, exter­ne Bera­tung und Über­prü­fung, Ein­be­zie­hung von Lai­en-Exper­ten etc. In die­sen Dimen­sio­nen ist Sub­si­dia­ri­tät als Regel sozia­ler Ver­nunft in der Kir­che anwend­bar und sinn­voll.
  • Dar­über hin­aus will Marx das Prin­zip der päpst­li­chen und bischöf­li­chen Mon­ar­chie durch das der Syn­oda­li­tät ergänzt wis­sen oder dem Zen­tra­lis­mus die Dezen­tra­li­sie­rung zur Sei­te stel­len. Die Pro­ble­ma­tik die­ser Reform ist schon allein durch Mar­xens Wort ange­zeigt, dass die Orts­kir­chen kei­ne ‚Fili­al­kir­chen’ der Uni­ver­sal­kir­che sei­en. In dog­ma­ti­schen Fra­gen sind sie es eben doch! Und die wer­den oft all­zu­schnell als pasto­ra­le aus­ge­ge­ben.
  • Schließ­lich soll auch die kirch­li­che Hier­ar­chie, die noch im Kon­zil als sub­stan­ti­ell fest­ge­schrie­ben wor­den ist, auf­ge­löst wer­den. Die Kir­che sei ein Inein­an­der und Mit­ein­an­der vie­ler Gemein­schaf­ten, Grup­pen, Orga­nis­men, die durch den Hei­li­gen Geist zusam­men­ge­hal­ten wer­den, wofür dann letzt­lich der Papst und die Bischö­fe in ihrem Amt der Ein­heit ste­hen. Die hier­ar­chi­sche Kir­che soll sich dem­nach auf­he­ben in ein Orga­ni­sa­ti­ons­knäu­el gleich­be­rech­tig­ter Grup­pe, die im gemein­sa­men Geist und in gro­ßem Ver­trau­en auf die Dyna­mik des Gei­stes set­zen, der die­se manch­mal unüber­sicht­li­che Viel­falt des kirch­li­chen Gesche­hens zusam­men­hält (S. 95).

Von einem sol­chen unüber­sicht­li­chen Durch­ein­an­der, bei dem der Hei­li­ge Geist dann als Not­na­gel vor­hal­ten muss, könn­te man auf ein gedank­li­ches Tohu­wa­bo­hu schlie­ßen, dass die Inkar­na­ti­on Chri­sti und die dar­auf auf­bau­en­de Sakra­men­ta­li­tät der Kir­che nicht ernst nimmt. Die Basis für die­se theo­lo­gisch-sozio­lo­gi­sche Ver­schwur­be­lung der Kir­che mag dar­in bestehen, dass – wie oben schon gesagt – die Ver­schrän­kung von sozia­len und geist­li­chen Dimen­sio­nen der Kir­che nicht vor­gän­gig und soli­de auf­ge­zeigt wird.

Ori­en­tie­rung an Luthers häre­ti­schem Kir­chen­bild

Der Rezen­sent Lay hat auf einen schwer­wie­gen­den Feh­ler in Mar­xens Ekkle­sio­lo­gie hin­ge­wie­sen, der einem katho­li­schen Theo­lo­gie­pro­fes­sor und Bischof nicht unter­lau­fen dürf­te: Nach Marx baue sich die Kir­che vom Ein­zel­nen her auf, denn nur die ein­zel­nen Per­so­nen kön­nen durch ihre Ant­wort auf das Wort und Ereig­nis Got­tes zur Kir­che wer­den (S. 70). Danach grün­de sich die Kir­che auf den per­sön­li­chen Glau­ben der Ein­zel­per­so­nen, die sich dann mit ande­ren Ein­zel­per­so­nen durch ein spe­zi­fisch gestal­te­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form zur Kir­che ver­ge­mein­schaf­ten wür­den.

Luther 2017 "500 Jahre Reformation"
Luther 2017 „500 Jah­re Refor­ma­ti­on“

Die­ses Kon­zept von Kirch­wer­dung der Gläu­bi­gen ent­spricht der früh­bür­ger­li­chen Ver­ge­sell­schaf­tungs­theo­rie, nach dem die ver­ein­zel­ten Ein­zel­nen durch ver­trag­li­che Über­ein­kunft eine poli­tisch struk­tu­rier­te Gesell­schaft bil­de­ten. Ein ähn­li­cher Ansatz gilt für die Ver­eins­bil­dung. Aus der Über­tra­gung die­ser bür­ger­li­chen Gesell­schafts- oder Ver­eins­theo­rie auf die Kir­che folgt dann das oben erwähn­te sozio­lo­gi­sche Orga­ni­sa­ti­ons­knäu­el von Per­so­nen und Grup­pen, das der Hei­li­ge Geist zusam­men­hal­ten soll.

Zugleich ent­spricht die­se Vor­stel­lung Luthers Kir­chen­bild. Der Refor­ma­tor lehn­te bekannt­lich die apo­sto­li­sche Kir­che in ihrer sakra­men­ta­len Gestalt ein­schließ­lich der geweih­ten Ämter ab. Jeder Ein­zel­christ steht nach sei­ner Ansicht unmit­tel­bar zu Gott, so dass ‚Kir­che’ nur als eine sekun­dä­re geist­li­che Ver­ge­sell­schaf­tung ange­se­hen wird. Will Kar­di­nal Marx mit der Über­nah­me der pro­te­stan­ti­schen Kir­chen­leh­re etwa in Hin­blick auf das Jahr 2017 eine Hom­mage an Mar­tin Luther auf­set­zen als unse­ren gemein­sa­men Leh­rer des Glau­bens, wie Kar­di­nal Karl Leh­mann es mehr­fach aus­drück­te?  Nach der katho­li­schen Leh­re geht die von Jesus Chri­stus gestif­te­te, apo­sto­li­sche Kir­che immer schon dem Glau­ben des Ein­zel­nen vor­aus bzw. ermög­licht sei­nen Glau­ben.

Die geistliche Erneuerung steht vor der organisatorischen

Man kann dem Kar­di­nal aber trotz die­ser theo­lo­gi­schen Fehl­lei­stung zugu­te hal­ten, dass er rich­ti­ger­wei­se vor das Kapi­tel Struk­tu­rel­le Erneue­rung die bei­den Abschnit­te theo­lo­gi­sche und spi­ri­tu­el­le Erneue­rung setzt. Dar­un­ter ver­steht er, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Lehr­amt und Theo­lo­gie leben­dig bleibt. Immer­hin stellt er als Auf­ga­be von Papst und Bischö­fe das Wäch­ter­amt her­aus, in dem sie zur Über­prü­fung der Recht­gläu­big­keit beauf­tragt sind.  Zugleich erwar­tet er von den Ober­hir­ten, dass sie aus den theo­lo­gi­schen Erkennt­nis­sen lehr­amt­li­che Kon­se­quen­zen zie­hen.

Unter geist­li­cher Erneue­rung ver­steht Marx die Ent­deckung der Inner­lich­keit aus dem Glau­bens­schatz von Tau­fe und Fir­mung. Dabei hät­ten die Prie­ster die Auf­ga­be, die Gläu­bi­gen zu Gebet und geist­li­chem Leben anzu­lei­ten. Dazu ruft er die Kir­chen­leh­re­rin The­re­sia von Avi­la in Erin­ne­rung, die das inne­re Gebet als ein Ver­wei­len bei einem guten, lie­ben­den Freund bezeich­ne­te.

Eine neue christ­li­che Epo­che des Gebe­tes, der Inner­lich­keit und der Mystik ste­he vor uns. Das geist­li­che Leben sei ein Schlüs­sel für die Erneue­rung der Kir­che. Man hört die­se Wor­te gern – aber wer­den die Bischö­fe auch die not­wen­di­gen Schrit­te zur Anlei­tung und Wert­schät­zung der Inner­lich­keit in Gemein­den und Kate­che­se tun? Völ­lig deplatz­iert ist in die­sem Kapi­tel zur geist­li­chen Erneue­rung das pole­mi­sche Wort von der Dek­le­ri­ka­li­sie­rung der Macht.

Kirche überlebt nur aus der Mitte des Glaubens

Auch im Schluss­ka­pi­tel Kir­che über­lebt!  besinnt sich der Buch­au­tor wie­der dar­auf, dass vor der inner­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Refor­men der Kir­che und ihrem äuße­ren Enga­ge­ment in der Welt der Blick auf das Wesent­li­che der Reli­gi­on und ins­be­son­de­re die Mit­te und Quel­le unse­res Glau­bens zu rich­ten ist: In der Fei­er der Eucha­ri­stie erfah­ren wir die mensch­ge­wor­de­ne Gegen­wart Got­tes. Damit sind wir hin­ein­ge­nom­men in die Lie­be der gött­li­chen Drei­fal­tig­keit. Gera­de die Hei­li­ge Mes­se in ihrem kul­ti­schen Cha­rak­ter sei wesent­li­ches Ele­ment der ‚Unter­bre­chung’ aller welt­li­chen Logi­ken und Prak­ti­ken durch die Reli­gi­on. Zudem bedeu­te die Eucha­ri­stie­fei­er eine Erfah­rung der Bestär­kung, um mit neu­em Elan an die mis­sio­na­ri­schen und welt­li­chen Auf­ga­ben der Chri­sten her­an­zu­ge­hen. Und umge­kehrt gel­te: Wenn das sozia­le Enga­ge­ment der Chri­sten nicht aus der Kraft des Evan­ge­li­ums und aus der sakra­men­ta­len Fei­er des Oster­ge­heim­nis­ses kommt, ver­kommt die Kir­che zu einer wohl­tä­ti­gen NGO – so ein Wort von Papst Fran­zis­kus.

Bedeutendes und Banales nebeneinander

Der Mün­che­ner Kar­di­nal über­rascht immer wie­der mit erhel­len­den Per­spek­ti­ven – wie die­ser: Es geht dar­um, aus der gro­ßen theo­lo­gi­schen und geist­li­chen Tra­di­ti­on des katho­li­schen Glau­bens der heu­ti­gen Welt und den heu­ti­gen Men­schen über­zeu­gend dar­zu­le­gen und durch das Leben zu bezeu­gen, dass der katho­li­sche Glau­ben in gewis­ser Wei­se eine geist­li­che Fort­schritts­idee ist, Zeug­nis vom Ja-Wort Got­tes.

Danach kommt dann wie­der lee­res Stroh von bana­len All­ge­mein­plät­ze wie:

  • Die Kri­se der Kir­che kann auch ein Wen­de­punkt sein. – Dar­auf war­ten wir schon seit über 40 Jah­ren, aber es wen­det sich kaum etwas zum Bes­se­ren.
  • Es gel­te, die Zei­chen der Zeit im Lich­te des Evan­ge­li­ums zu deu­ten.  Die­ses abge­münz­te, unspe­zi­fi­sche, in jede Rich­tung  instru­men­ta­li­sier­ba­re Kon­zils­wort steht eher für die Ten­denz von Belie­big­keit bei vie­len nach­kon­zi­lia­ren Theo­lo­gen und Kir­chen­leu­ten.
  • Wir ste­hen am Anfang einer neu­en Epo­che des christ­li­chen Glau­bens (Kard. Lusti­ger). Wo sind denn dafür die Anzei­chen zu erken­nen?

Und in eige­nen Wor­ten fasst Marx sei­nen kirch­lich-huma­ni­sti­schen Fort­schritts­op­ti­mis­mus so zusam­men: Vom Men­schen­bild her, von der uni­ver­sa­len Bot­schaft und von der Fähig­keit her, durch die eine Kir­che vie­le Natio­nen und Kul­tu­ren mit­ein­an­der zu ver­bin­den, hat die Kir­che ech­te Zukunfts­chan­cen. Das Poten­ti­al ist da: der christ­li­che Glau­be befä­higt zur wirk­li­chen Frei­heit, setzt den gebil­de­ten, wirk­lich ver­ant­wort­li­chen Men­schen vor­aus, ver­tei­digt die Wür­de der Per­son.

Sicher­lich wer­den man­che Chri­sten sich durch sol­che Wor­te des Kar­di­nals ermu­tigt füh­len. Und bei diver­sen Men­schen der urban gepräg­ten Gesell­schaft wird er Respekt und Aner­ken­nung ern­ten. Aber ist die­ses weit­ge­hend huma­ni­stisch for­mu­lier­te Pro­gramm wirk­lich trag­fä­hig für die Zukunft der Kir­che? Kann damit bei dem nach­kon­zi­lia­ren Nie­der­gang zumin­dest der west­eu­ro­päi­schen Orts­kir­chen eine Wen­de,  eine Kurs­kor­rek­tur her­bei­ge­führt wer­den?

Fal­sche Front­stel­lung über­den­ken

Mit die­ser kri­ti­schen Ein­schät­zung hat sich der Rezen­sent in den Augen Mar­xens wohl eher zu jenen kirch­li­chen Rand­grup­pen zuge­ord­net, die er in jedem Kapi­tel sei­nes Buches als Nörg­ler und Rück­zugs­chri­sten beschimpft, an ande­rer Stel­le sogar als ver­blö­de­te Blog­ger. Wäre es nicht an der Zeit, sol­che fal­schen Front­stel­lun­gen zu über­den­ken? Vie­le Com­mu­nities der katho­li­schen Blog­ger­sze­ne sind sehr ernst­haf­te und enga­gier­te kirch­li­che Chri­sten. Ihnen liegt die spi­ri­tu­el­le Erneue­rung der Kir­che am Her­zen, die Kon­zen­tra­ti­on auf das christ­li­che Pro­pri­um, die Ver­le­ben­di­gung der bibli­schen Bot­schaft — auch mit mis­sio­na­ri­schem Anspruch. Das sind – bei allen guten Ansät­zen — eher die Defi­zit­punk­te des Marx’schen Kir­chen­pro­gramms mit sei­ner sozio­lo­gi­schen Schlag­sei­te.

Text: Hubert Hecker

 

4 Kommentare

  1. 1. Wie will Kar­di­nal Marx zu Dia­log fähig sein oder gar evan­ge­li­sie­rend oder mis­sio­nie­rend die Gesell­schaft und die (digi­ta­le) Welt „beglei­ten“, wenn er die eige­nen Leu­te als ver­blö­det bezeich­net?
    2. Mit sei­ner Auto­no­mie­dro­hung („kei­ne Filia­le von Rom“) hat er die seit der Königs­stei­ner Erklä­rung von 1968 bestehen­de Abna­be­lung des deutsch­ka­tho­li­schen Gewis­sens vom uni­ver­sa­len Lehr­amt fort­ge­setzt. Wie sol­len abge­schnür­te Reb­zwei­ge Frucht brin­gen?
    3. Wäre es nach dem Ende der Ära Leh­mann, ange­sichts der von die­sem Kar­di­nal in des­sen Zeit als Vor­sit­zen­dem der DBK voll­zo­ge­nen Leug­nung eines Glau­bens an die Kir­che (http://hpd.de/node/1361), nicht an der Zeit, den 9. Arti­kel des CREDO fei­er­lich neu öffent­lich zu beken­nen? Deut­lich zu machen, dass auch die Kir­che — in ihrer tran­szen­den­ten Wirk­lich­keit als Kör­per von Jesus, dem Herrn — des Glau­bens wür­dig ist.
    4. Vie­les was sich im deutsch­spra­chi­gen Raum als „kirch­lich“ oder „katho­lisch“ bezeich­net, ist im Abster­ben begrif­fen. Das Evan­ge­li­um von der Hl. Mes­se mit Papst Bene­dikt im Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­on (Joh 15,1–9) nann­te die Ursa­chen: Wer in Chri­stus bleibt, bringt rei­che Frucht. Wer nicht in Chri­stus bleibt, ver­dorrt. So ein­fach (und so schwer) ist es.
    Das euphe­mi­sti­sche Wort von einer qua­si meteo­ro­lo­gi­schen „Glau­bens­ver­dun­stung“ ist bil­lig. Wer in sei­nem per­sön­li­chen Ver­ant­wor­tungs­be­reich Unfrucht­bar­keit fest­stellt, sei drin­gend zur Umkehr auf­ge­ru­fen. Mit weni­ger als Hei­lig­keit fruch­tet da nichts. Die ange­mes­se­ne „Sozi­al­ge­stalt“ kommt dann schon von selbst.

  2. Kar­di­nal Marx:
    Nicht die Ver­tei­di­gung der Wahr­heit oder den Streit dar­um pfle­gen, son­dern „Hin­wen­dung zu den Armen und Schwa­chen zei­gen.“

    Gott sei Dank! — Heu­te abend erst sprach der indi­sche Prie­ster in der Hl. Mes­se die Bit­te aus, dass die Prie­ster den Mut haben mögen, den Glau­ben in der Wahr­heit zu ver­kün­den.

    Kar­di­nal Marx meint:
    Die Kir­che sei ein Inein­an­der und Mit­ein­an­der vie­ler Gemein­schaf­ten, Grup­pen, Orga­nis­men, die durch den Hei­li­gen Geist zusam­men­ge­hal­ten wer­den, …

    “ In der Kir­che hat immer Gott den Vor­rang, nicht wir. Es ist Sei­ne Kir­che, nicht unse­re. Wir sind in ihr, um das Werk des Soh­nes zu voll­brin­gen, nicht das unse­re.“
    (Bischof Kay Mar­tin Schmal­hau­sen aus Peru)

  3. Die Kir­che ist kein sozia­ler Ver­ein — dafür sind ande­re Grup­pie­run­gen zustän­dig! Die Kir­che ist in 1. Linie die B r a u t und der L e i b C h r i t i!
    Kar­di­nal Marx soll­te sich mehr um sein Apo­stel- und Hir­ten­amt küm­mern, als sich als Sozi­al­wis­sen­schaft­ler her­vor­zu­tun. Das kön­nen Lai­en bes­ser! Oder ver­langt sei­ne Ehren­mit­glied­schaft im Rota­ry Club Pader­born ein sol­ches Enga­ge­ment?

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