Ehenichtigkeitsverfahren — Gefährdung der Unauflöslichkeit durch Franziskus

Papst Franziskus 2015 in Lateinamerika
Papst Franziskus 2015 in Lateinamerika

(Rom) Obwohl die ent­schei­den­de Bischofs­syn­ode über Ehe und Fami­lie im Okto­ber 2015 noch bevor­stand, schuf Papst Fran­zis­kus einen Monat vor­her durch ein Motu pro­prio bereits voll­ende­te Tat­sa­chen. Nam­haf­te Kir­chen­recht­ler sehen dadurch die Unauf­lös­lich­keit der Ehe in Gefahr. In Boli­vi­en, das über kein aus­ge­bau­tes Netz an Kir­chen­ge­rich­ten ver­fügt, soll die Umset­zung ab Juli begin­nen — mit unab­seh­ba­ren Fol­gen.

Radikaler Eingriff in Ehenichtigkeitsverfahren

Fran­zis­kus änder­te mit Nach­druck die Ehe­nich­tig­keits­ver­fah­ren. Er beschleu­nig­te nicht nur das Ver­fah­ren durch Abschaf­fung des seit 250 Jah­ren gel­ten­den dop­pel­ten Urteils. Nun genügt für die Ehe­nich­tig­keit das erst­in­stanz­li­che Urteil. Der Papst erwei­ter­te damit die Zustän­dig­kei­ten der Diö­ze­san­bi­schö­fe. Die­se kön­nen im Allein­gang ent­schei­den oder jemand mit der Ent­schei­dung beauf­tra­gen. Ein Rich­ter­se­nat und ein ordent­li­ches Kir­chen­ge­richts­ver­fah­ren ist dazu nicht mehr nötig.

Von noch tief­grei­fen­der Wir­kung dürf­ten jedoch die Grün­de für eine Ehe­nich­tig­keit sein, die Fran­zis­kus hin­zu­füg­te. Dem Wort­sinn nach könn­te die blo­ße Über­zeu­gung eines Betrof­fe­nen „vor sei­nem Gewis­sen“, daß sei­ne Ehe nie gül­tig war, genü­gen. Ein Grund dafür könn­te ein man­geln­des Ver­ständ­nis des Ehe­sa­kra­men­tes zum Zeit­punkt der Ehe­schlie­ßung sein. Der Grund­satz „Unwis­sen­heit schützt vor Stra­fe nicht“ könn­te durch Papst Fran­zis­kus im kir­chen­recht­li­chen Bereich auf­ge­ho­ben wor­den sein. Zumin­dest strei­ten die Kir­chen­ju­ri­sten seit­her dar­über, nach­dem sie sich zunächst ungläu­big die Augen rie­ben, als das Motu pro­prio Mit­is Iudex Domi­nus Iesus (Der mil­de Rich­ter Herr Jesus) ohne jede Vor­ankün­di­gung auf den Tisch gelang­te.

Seit­her befas­sen sich auch die Bischofs­kon­fe­ren­zen der gan­zen Welt mit der Fra­ge, wie nun die­ses Motu pro­prio rich­tig zu ver­ste­hen und rich­tig umzu­set­zen sei. Ein Unter­fan­gen, das nicht weni­ge Fra­ge auf­wirft.

Umsetzungsprobleme: Beispiel Bolivien

Die euro­päi­schen Diö­ze­sen befin­den sich dabei in der glück­li­chen Lage, auf ein soli­des Netz funk­tio­nie­ren­der Kir­chen­ge­rich­te zurück­grei­fen zu kön­nen. Die Ver­fah­rens­ko­sten sind gering und wer­den zum Teil ganz erlas­sen.

In Latein­ame­ri­ka, woher Papst Fran­zis­kus kommt, sieht die Lage ganz anders aus. Dort fin­det sich in der Regel nichts der­glei­chen oder nur in einem Anfangs­sta­di­um.

Ein Bei­spiel ist Boli­vi­en, das Papst Fran­zis­kus im Juli 2015 besuch­te. Austen Ive­r­eigh führ­te jüngst ein Inter­view mit dem Vor­sit­zen­den der Boli­via­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, Bischof Ricar­do Cen­tel­las von Potosà­. Ive­r­eigh ist der ehe­ma­li­ge Pres­se­spre­cher von Kar­di­nal Cor­mac Mur­phy-O’Con­nor. Inter­na­tio­nal bekannt wur­de er 2014 durch die Ver­öf­fent­li­chung sei­nes Buches „The Gre­at Refor­mer: Fran­cis and the Making of a Radi­cal Pope“ (in deut­scher Über­set­zung viel­leicht: „Der gro­ße Refor­mer. Fran­zis­kus oder Wie man einen radi­ka­len Papst macht). Dar­in ent­hüll­te der pro­gres­si­ve Ive­r­eigh, der sich selbst als „gro­ßer Fran­zis­kus-Ver­eh­rer“ bekennt, daß Kar­di­nal Mur­phy-O’Con­nor zusam­men mit den deut­schen Kar­di­nä­len Kas­per und Leh­mann und dem Bel­gi­er Kar­di­nal Dan­neels die „Macher eines radi­ka­len Pap­stes“ waren. Die Vie­rer­grup­pe, die Ive­r­eigh als „Team Ber­go­glio“ bezeich­net, habe Kar­di­nal Jor­ge Mario Ber­go­glio als geeig­ne­ten Kan­di­da­ten aus­ge­wählt, sich des­sen Zusi­che­rung geholt und sei­ne Wahl orga­ni­siert.

Bischof Cen­tel­las ließ erken­nen, daß sich die juri­sti­sche Behand­lung der katho­li­schen Ehe in Boli­vi­en in einem erbärm­li­chen Zustand befin­det.

„Der Groß­teil der Paa­re hei­ra­ten nach vier, fünf, auch 15–20 Jah­ren des Zusam­men­le­bens. Es gibt auch Jun­ge, die hei­ra­ten, bevor sie zusam­men­le­ben, aber nur ganz sel­ten.“

Kulturelle Hürden für Ehesakrament

Den Grund dafür sieht der Vor­sit­zen­de der Bischofs­kon­fe­renz in kul­tu­rel­len Indio-Tra­di­tio­nen der Ayma­ra, Que­chua und Guaranà­. Eine Ehe bedeu­tet in die­sen Tra­di­tio­nen vor allem Zwang, der die Ent­schei­dungs­frei­heit ein­schränkt. Für eine Ehe sei die Zustim­mung der Eltern not­wen­dig, aber auch der Stam­mes­au­to­ri­tät. Erst danach kom­me der Moment, wo man auch den Segen der Kir­che erbit­te. Die­se Ein­fluß­nah­me ent­kräf­te die Gül­tig­keit des Ehe­ver­spre­chens.

Min­de­stens die Hälf­te aller Ehen ende in der Schei­dung. Aber kaum jemand käme in den Sinn, ein Kir­chen­ge­richt anzu­ru­fen, um die Gül­tig­keit oder Nich­tig­keit der Ehe fest­stel­len zu las­sen.

„Ich bin seit zehn Jah­ren Bischof von Potosà­ und erin­ne­re mich nur an ein oder zwei Fäl­le. Da es hier kein Kir­chen­ge­richt gibt, wur­den sie an jenes in Sucre wei­ter­ge­lei­tet. Heu­te, mit all den Neue­run­gen, die Papst Fran­zis­kus ein­ge­führt hat, beginnt sich etwas im Zen­tral­raum des Lan­des zu rüh­ren, in La Paz, San­ta Cruz und Cocha­bam­ba. Dort kam es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu einer Zunah­me der Fäl­le.“

Mangel an Kirchenrechtlern und Richtern: „Wir können nur verkürzte Verfahren anbieten“

Bischof Cen­tel­las wei­ter:

„Als boli­via­ni­sche Kir­che in ihrem Gan­zen begin­nen wir mit der Errich­tung von Gerich­ten in allen Diö­ze­sen, die mit Juli ihre Arbeit auf­neh­men soll­ten. Im Mai haben wir in La Paz einen Kurs abge­hal­ten, um die ver­kürz­ten Ver­fah­ren vor­zu­be­rei­ten, die über­all statt­fin­den sol­len. Wir haben weder fach­kun­di­ge Kir­chen­recht­ler noch vor­be­rei­te­te Rich­ter. Daher kön­nen wir für den Augen­blick nur die ver­kürz­ten Ver­fah­ren anbie­ten, die nur den Bischof ver­lan­gen und jeman­dem, der ihm assi­stiert.“

Die boli­via­ni­sche Situa­ti­on „ent­hal­te natür­lich alle Risi­ken, die die­se von Papst Fran­zis­kus ein­ge­führ­te hasti­ge Lösung mit sich brin­gen kann, wie sie bereits von nam­haf­ten Exper­ten beklagt wur­de“, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster.

„Gefahr Unauflöslichkeit irreparabel zu kompromittieren“

Geral­di­na Boni, Lehr­stuhl­in­ha­be­rin für Kir­chen­recht und Geschich­te des Kir­chen­rechts an der Uni­ver­si­tät Bolo­gna sowie Con­sultorin des Päpst­li­chen Rates für die Geset­zes­tex­te, schrieb zu den jedem ein­zel­nen Bischof anver­trau­ten ver­kürz­ten Nich­tig­keits­ver­fah­ren anstel­le ordent­li­cher Kir­chen­ge­richts­ver­fah­ren:

„Per­sön­lich wer­den wir kei­ne theo­re­ti­schen Vor­be­hal­te gegen eine Auf­wer­tung der diö­ze­sa­nen Gerichts­bar­keit haben. Wir den­ken aber, daß dies zumin­dest durch auf­ein­an­der­fol­gen­de Etap­pen ent­wirrt wer­den und zudem natür­lich bes­ser ver­packt wer­den soll­te. Die Mög­lich­keit des Rich­ters, zur Wahr­heits­fest­stel­lung zu gelan­gen, darf nicht gefähr­det wer­den, für die zwei­tau­send Jahr der Geschich­te umsich­tig den gericht­li­chen Weg als den sicher­sten aus­ge­wie­sen haben. Wenn die­ser nicht mehr gang­bar ist, wird es schwie­rig, die fest­stel­len­de Natur der Urtei­le bei­zu­be­hal­ten, die statt­des­sen damit enden, die Nich­tig­keit der Ehe zu ‚kon­sti­tu­ie­ren‘, und damit irrepa­ra­bel die Unauf­lös­lich­keit kom­pro­mit­tie­ren: das, was nicht ein­mal der Papst in sei­ner ple­ni­tu­do pote­sta­tis tun kann.“

Text: Set­ti­mo Cielo/Giuseppe Nar­di
Bild: NCP (Screen­shot)

4 Kommentare

  1. Kas­per, Leh­mann, Dan­neels und O’Con­nor sind die Weg­be­rei­ter des Nie­der­gangs und Auf­lö­sung der Kir­che. Der selbst­er­klär­te „ver­ant­wor­tungs­lo­se“ Nicht-Theo­lo­gie­ex­per­te Ber­go­glio macht, was sie wol­len.

    • Auf einen Nen­ner gebracht bil­den die­se „Exper­ten“ die hier­ar­chi­sche Eli­te-Trup­pe der Kir­che und sit­zen im berühmt berüch­tig­ten Neu­ner-Kar­di­nal­s­kreis als eng­ste Bera­ter um P.F.
      Die wirk­lich fähi­gen und Geist begab­ten Leu­te füh­ren momen­tan alle­samt ein Schat­ten­da­sein ohne Mit­spra­che­recht; ihnen bleibt nichts ande­res übrig, als still im Hin­ter­grund zu wir­ken!

  2. Ja, das stimmt Pia.
    Aber es gibt kei­nen Grund zu ver­zwei­feln, obwohl es so scheint. Die­se „Exper­ten“ beschleu­ni­gen ihren eige­nen Nie­der­gang. Noch hof­fen sie, alles wür­de unbe­merkt blei­ben oder sie könn­ten durch wei­te­re „Refor­men“ eine Wen­dung her­bei­füh­ren, doch es wird nicht funk­tio­nie­ren. Die Qua­si-Erlaub­nis zur hl. Kom­mu­ni­on für WvG durch AL, als eines der wich­tig­sten pasto­ra­len Pro­ble­me (B. Koch) der Kir­che dia­gno­sti­ziert, hat für den Glau­ben zu Nichts geführt. Kei­ne neu­en Gläu­bi­gen oder Got­tes­dienst­be­su­cher. Das kann jeder sehen. Also: nicht beir­ren las­sen, Glau­ben wei­ter ver­brei­ten, jeder im eige­nen Umfeld und nach sei­nen Mög­lich­kei­ten.

  3. Die­je­ni­ge die Papst Fran­zis­kus gut fin­den sind die Kirchenfeinde,Unglaubige,Leute die nie in die Kir­che gin­gen und es auch jetzt nicht machen werden.Das ist mei­ne eige­ne Erfah­rung aus mei­nem Umfeld.

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