„Non possumus non loqui“ — Proben Katholiken den Aufstand gegen Papst Franziskus?

Papst Franziskus erhebt das "Chaos zum Prinzip"

(Rom) Bereits vor einem Jahr schrieb die Frank­fur­ter Rund­schau vom „Chao­ten“ auf dem Papst­thron. Nun warf Robert Spa­e­mann Papst Fran­zis­kus vor, „das Cha­os zum System“ gemacht zu haben. Der Papst, der den Auf­trag hat, die Katho­li­ken und die Mensch­heit zu füh­ren, stif­tet „Ver­un­si­che­rung und Ver­wir­rung“, und scheint sich sogar dar­an zu erfreu­en. Spa­e­manns jüng­stes Inter­view ist ein Indi­ka­tor, daß Amo­ris lae­ti­tia das Faß unter gläu­bi­gen Katho­li­ken zum Über­lau­fen zu brin­gen scheint. „Non pos­su­mus non loqui“, schrieb gestern der Publi­zist Mau­ri­zio Blon­det, und zitier­te einen rang­ho­hen römi­schen Kuri­en­mit­ar­bei­ter: „Das Maß ist voll.“

Robert Spa­e­mann ist der bedeu­tend­ste, leben­de katho­li­sche Phi­lo­soph deut­scher Spra­che. Der per­sön­li­che Freund von Bene­dikt XVI.  mach­te bereits in jüng­ster Zeit kein Hehl dar­aus, Zwei­fel an der Linie Ber­go­glio zu hegen. Zuerst warf er Papst Fran­zis­kus in der Her­der Kor­re­spon­denz (1/2015) vor, einem „Kult der Spon­ta­nei­tät“ zu frö­nen, wäh­rend er mit Theo­lo­gie „nicht viel im Sinn“ habe.

Spaemann: „Bruch mit der Lehrtradition“

Dann distan­zier­te sich Spa­e­mann von der undif­fe­ren­zier­ten Ein­wan­de­rungs­po­li­tik, die zwar Ange­la Mer­kel und Papst Fran­zis­kus ver­bin­de, aber wenig mit der gebo­te­nen Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, den rea­len Auf­nah­me­mög­lich­kei­ten und der Ver­pflich­tung zu tun habe, auf die Chri­sten unter den Flücht­lin­gen zu achten.

Aus Spa­e­manns Stel­lung­nah­men spricht die Stim­me der Ver­nunft. Jede Wort­mel­dung wur­de damit unwei­ger­lich zur Ankla­ge gegen Papst Fran­zis­kus, des­sen Han­deln als Stim­me der Unver­nunft bloß­ge­stellt wur­de, als „Cha­ot“ und „Popu­list“, wie die Frank­fur­ter Rund­schau titelte.

Vor zwei Tagen leg­te Spa­e­mann noch an Deut­lich­keit nach. In einem Inter­view mit Catho­lic News Agen­cy (CNA) nahm er zum Apo­sto­li­schen Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia Stel­lung, das seit dem 8. April die katho­li­schen Ner­ven stra­pa­ziert. Über Gebühr, wie immer mehr Stim­men mei­nen, dar­un­ter nun mit sei­ner gan­zen Auto­ri­tät auch Robert Spaemann.

Papst Franziskus stürzt Kirche in „Verunsicherung und Verwirrung“

Der deut­sche Phi­lo­soph, des­sen Stim­me welt­wei­tes Gehör fin­det, wie die Reak­tio­nen zei­gen, warf dem Papst einen „Bruch mit der Lehr­tra­di­ti­on“ der Kir­che vor. „Daß es sich um einen Bruch han­delt, ergibt sich zwei­fel­los für jeden den­ken­den Men­schen“, so Spaemann.

Gleich­zei­tig wand­te er den von Fran­zis­kus mehr­fach geäu­ßer­ten Vor­wurf des Pha­ri­sä­er­tums gegen den Papst:

„Die Kir­che ihrer­seits ist der Ver­kün­di­gung der Umkehr ver­pflich­tet und hat nicht die Voll­macht durch die Spen­dung von Sakra­men­ten bestehen­de Gren­zen zu über­schrei­ten und der Barm­her­zig­keit Got­tes Gewalt anzutun.“

Spa­e­mann faß­te am Bei­spiel von Amo­ris lae­ti­tia in zwei Punk­ten zusam­men, was der­zeit in der Kir­che falsch laufe:

  • In der Kir­che herr­schen „Ver­un­si­che­rung und Ver­wir­rung von den Bischofs­kon­fe­ren­zen bis zum klei­nen Pfar­rer im Urwald.“
  • Jeder Prie­ster, der sich die bis­her gel­ten­de Sakra­men­ten­ord­nung hal­te, „kann von Gläu­bi­gen gemobbt und von sei­nem Bischof unter Druck gesetzt wer­den. Rom kann nun die Vor­ga­be machen, daß nur noch ‚barm­her­zi­ge‘ Bischö­fe ernannt wer­den, die bereit sind, die bestehen­de Ord­nung auf­zu­wei­chen. Das Cha­os wur­de mit einem Feder­strich zum Prin­zip erhoben.“

Mit die­ser Bestands­auf­nah­me bringt Spa­e­mann nicht nur Besorg­nis zum Aus­druck, son­dern regel­rech­te Äng­ste, die gera­de in den Diö­ze­sen des deut­schen Sprach­raums ver­brei­tet sind.

„Barmherzigkeits-Mobbing“

Das „Barm­her­zig­keits-Mob­bing“ ist im deut­schen Sprach­raum seit län­ge­rem fester Bestand­teil kirch­li­cher Per­so­nal­po­li­tik. Glau­bens­treue wer­den zurück­ge­setzt, aus­ge­grenzt und hin­aus­ge­mobbt. Die Ergeb­nis­se sind allent­hal­ben schmerz­lich zu spü­ren. Gera­de in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, wo die Kir­che nach dem Staat der größ­te Arbeit­ge­ber ist, ist das „Barm­her­zig­keits-Mob­bing“ ein mäch­ti­ges Dis­zi­pli­nie­rungs­mit­tel gegen Kle­ri­ker und Lai­en­mit­ar­bei­ter, das fast jeden kirch­li­chen Bereich erfaßt. In den diö­ze­sa­nen Dienst­stel­len, den katho­li­schen Kran­ken­häu­sern und Schu­len, den Bera­tungs­stel­len und Pfar­rei­en, aber auch den Medi­en tei­len kei­nes­wegs alle die Kas­per-Ber­go­glio-Linie. Die­se Min­der­heit ris­kiert durch die „neue Barm­her­zig­keit“ aber Kopf und Kragen.

Das „Barm­her­zig­keits-Kli­ma“, das dort herrscht, wo Pro­gres­si­ve das Sagen haben, bedeu­tet eine welt­an­ge­paß­te Fas­sa­de, hin­ter der es kei­ne leben­di­ge Kir­che mehr gibt, jeden­falls kei­ne christ­li­che mehr, besten­falls eine gno­sti­sche „Selbst­fin­dungs­kir­che“. Der Schwei­zer Vati­ka­nist Giu­sep­pe Rus­co­ni beschrieb die­ses Kli­ma bereits vor einem Jahr mit den Worten:

„Fran­zis­kus bleibt mit dem Her­zen und dem Kopf Erz­bi­schof von Bue­nos Aires. Dage­gen ist nichts zu sagen …, wenn er nicht seit zwei Jah­ren Bischof von Rom und damit Papst der Welt­kir­che wäre.“

Hohles Schlagwort „Offenheit“

Trotz der Voka­bel „Offen­heit“, einem der zahl­rei­chen, aber zuneh­mend hohl wir­ken­den Schlag­wör­ter die­ses Pon­ti­fi­kat, ist das Pres­se­amt des Vati­kans nur mehr hand­zah­men Vati­ka­ni­sten zugäng­lich, die das Idol beju­beln. Vati­ka­ni­sten, die sich ein gesun­des Urteils­ver­mö­gen bewahrt haben, müs­sen sich gekonnt tar­nen. Das bedeu­tet aber auch, daß sie weit­ge­hend neu­tra­li­siert sind, denn kri­ti­sche Arti­kel sind im „barm­her­zi­gen“ Pon­ti­fi­kat nicht wohl­ge­lit­ten. Nicht nur der ehe­ma­li­ge Allen­de-Mini­ster Luis Badil­la und sei­ne Mit­ar­bei­ter von Il Sis­mo­gra­fo beob­ach­ten für Papst Fran­zis­kus die Medienszene.

Auch dazu fand Spa­e­mann mit Blick auf Amo­ris lae­ti­tia deut­li­che Worte:

„Eines scheint mir jedoch sicher: Das Anlie­gen die­ses Pon­ti­fi­kats, dass die Kir­che ihre Selbst­be­zo­gen­heit über­win­den soll, um frei­en Her­zens auf die Men­schen zuge­hen zu kön­nen, ist durch die­ses Lehr­schrei­ben auf unab­seh­ba­re Zeit zunich­te gemacht worden.“

Im Vati­kan ist die Weih­nachts­bot­schaft 2014 des Pap­stes an die Römi­sche Kurie noch immer nicht ver­daut. Wäh­rend die Mas­sen­me­di­en Kri­tik am argen­ti­ni­schen Papst tout court als „kon­ser­va­tiv“ abstem­peln, gefällt sich Fran­zis­kus dar­in, die Römi­sche Kurie eben­so tout court vor lau­fen­den Kame­ras nie­der­zu­ma­chen. Die undif­fe­ren­zier­te Gene­ral­kri­tik erin­nert an die Zei­ten Mar­tin Luthers, der es – anders als heu­te ger­ne behaup­tet – auf einen Bruch abge­se­hen hat­te. Fünf­zehn „Krank­hei­ten“ hielt Fran­zis­kus sei­nen eng­sten Mit­ar­bei­tern vor, dar­un­ter sogar „spi­ri­tu­el­les Alz­hei­mer“. Der Papst iden­ti­fi­ziert sich jedoch nicht mit der Kurie. Die Kurie ist für ihn ein Fremd­kör­per. Sei­nen wirk­li­chen Mit­ar­bei­ter­stab schart er infor­mell um sich und bil­det mit ihnen eine Kurie in der Kurie, einen Staat im Staat. Das erklärt auch, war­um sich die Sei­nen von der nie­der­schmet­tern­den und hin­ab­zie­hen­den Kri­tik nicht betrof­fen fühlen.

„Den Mut haben, aufzustehen“

„Wenn einer den Mut gehabt hät­te, auf­zu­ste­hen, und wäh­rend die­ser Auf­li­stung die Sala Cle­men­ti­na ver­las­sen hät­te, dann wären wir wahr­schein­lich alle oder fast alle gegan­gen“, zitiert Mau­ri­zio Blon­det einen jun­gen Kuri­en­mit­ar­bei­ter. Es hat­te aber kei­ner den Mut. Noch nicht.

Es hat­te auch noch kei­ner den Mut, dem Papst durch einen Zwi­schen­ruf zu fra­gen, was er denn manch­mal an Unver­ständ­li­chem und Wir­rem daher­re­det. Bei sei­nem Besuch in der luthe­ri­schen Kir­che Roms war das kaum mög­lich. Der Papst sprach zwar ein ver­wir­ren­des „Nein, Ja, Jein“ zur kirch­li­chen Sakra­men­ten­ord­nung. In der Luther­kir­che waren aber nur aus­ge­wähl­te Gäste gela­den. Man war sozu­sa­gen „unter sich“.

Anders war es am ver­gan­ge­nen Sams­tag im Gar­ten der Vil­la Borghe­se. Papst Fran­zis­kus trat bei einer Ver­an­stal­tung der Foko­lar­be­we­gung als Über­ra­schungs­gast auf. Die Ver­an­stal­tung war frei zugäng­lich. Fran­zis­kus erklär­te, daß die Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit „nicht wich­tig“ sei. Wich­tig sei, daß sich die Men­schen „ver­ste­hen“ und „respek­tie­ren“. So reden Poli­ti­ker, Agno­sti­ker, Rela­ti­vi­sten und am läng­sten die Frei­mau­rer. Geht es um bra­ve Staats­bür­ger und einen Schein-Frie­den ohne Gott? Ein Papst hät­te den Men­schen etwas ande­res zu sagen. Er hät­te den Men­schen Chri­stus zu ver­kün­den, der allein wah­ren Frie­den schen­ken kann. Nicht den gleich-gül­ti­gen Reli­gio­nen, son­dern Chri­stus ist „alle Macht“ gege­ben „im Him­mel auf der Erde“, wie es im Evan­ge­li­um heißt. Doch davon spricht der Papst nicht. Er spricht auch nicht vom ewi­gen Leben, vom See­len­heil und der Not­wen­dig­keit geret­tet zu wer­den. Auch im Gar­ten der Vil­la Borghe­se waren Gläu­bi­ge irri­tiert von den Papst-Wor­ten. Nie­mand stand jedoch auf und rief dem Papst die fra­gen­de Fest­stel­lung zu: „Das steht nicht im Evan­ge­li­um. Das ist nicht die christ­li­che Botschaft.“

Der Drang zu unklaren Tönen

Die Unru­he unter den Katho­li­ken wächst jedoch. Das Inter­view des Phi­lo­so­phen Robert Spa­e­mann bringt die­se schmerz­li­che Unru­he zum Ausdruck.

„Und wenn die Trom­pe­te unkla­re Töne her­vor­bringt, wer wird dann zu den Waf­fen grei­fen?“, schrieb Pau­lus an die Korin­ther (1 Kor 14,8).

Papst Fran­zis­kus zieht unkla­re Töne den kla­ren vor. Nur eine Fra­ge des Cha­rak­ters oder eine wohl­über­leg­te Strategie?

Es ist gera­de Papst Fran­zis­kus, auch hier kaum ent­zif­fer­bar, der immer wie­der von Unru­he spricht und zur Unru­he auf­ruft. Die­se „Unru­he“ hat jedoch einen zwei­fel­haf­ten Bei­geschmack. Wel­che Unru­he meint er damit?

Die erste Wort­mel­dung die­ser Art erfolg­te beim Welt­ju­gend­tag 2013 in Rio de Janei­ro, als Fran­zis­kus die Jugend­li­chen auf­for­der­te „auf die Stra­ße zu gehen“ und „Lärm“ zu machen. Nicht Chri­stus zu ver­kün­den, nein, „Lärm“ zu machen.

Der „Unruhestifter“ ist kein Titel des Heiligen Geistes

Jüngst behaup­te­te er, der Geist stif­te Unru­he in der Kir­che. Bleibt die Fra­ge, wel­cher Geist? Der „Unru­he­stif­ter“ ist kein Titel, den die Kir­che dem Hei­li­gen Geist zuschreibt. Das Bei­spiel zeigt aber, wie ver­wir­rend und irri­tie­rend die Spra­che des amtie­ren­den Pap­stes für Katho­li­ken ist, die unter dem Ein­druck lei­den, ein „Cha­ot“ könn­te die Kir­che füh­ren und ins Cha­os stür­zen. Bereits nach der Weih­nachts­bot­schaft vom ver­gan­ge­nen 21. Dezem­ber an die Römi­sche Kurie hieß es unter rang­ho­hen Mit­ar­bei­tern: „Das Maß ist voll.“

Immer mehr gläu­bi­ge Katho­li­ken, denn nur auf die kommt es an, schei­nen ähn­lich zu den­ken. Das schmerzt. Es tut regel­recht weh, aber es nützt nichts. Die Ver­ant­wor­tung für den „Chao­ten“ (Frank­fur­ter Rund­schau) auf dem Papst­thron tra­gen jene Kar­di­nä­le, die ihn mit ihrer Stim­me dort­hin gewählt haben.

Robert Spa­e­mann sag­te von Amo­ris lae­ti­tia, Papst Fran­zis­kus habe „das Cha­os mit einem Feder­strich zum System erho­ben“. Der Phi­lo­soph gab auch gleich eine Hand­lungs­an­wei­sung aus:

„Jeder ein­zel­ne Kar­di­nal, aber auch jeder Bischof und Prie­ster ist auf­ge­for­dert, in sei­nem Zustän­dig­keits­be­reich die katho­li­sche Sakra­men­ten­ord­nung auf­recht zu erhal­ten und sich öffent­lich zu ihr zu beken­nen. Falls der Papst nicht dazu breit ist, Kor­rek­tu­ren vor­zu­neh­men, bleibt es einem spä­te­ren Pon­ti­fi­kat vor­be­hal­ten, die Din­ge offi­zi­ell wie­der ins Lot zu bringen.“

„Non possumus non loqui“

„Es wird Zeit, die Gewis­sen zu erhe­ben. Die Katho­li­ken sind gefor­dert. Das Zurück­leh­nen unter gläu­bi­gen Katho­li­ken und das War­ten auf Rom ist an sein Ende gelangt. Fran­zis­kus wird nichts ex cathe­dra ver­kün­den, des­sen kön­nen wir zumin­dest sicher sein. Damit kann alles, was er sagt, kri­ti­siert wer­den. Und das soll­te, wo gebo­ten, auch getan wer­den, so wie es der nam­haf­te Phi­lo­soph Robert Spa­e­mann getan hat. Non pos­su­mus non loqui“, so Mau­ri­zio Blon­det, frei wie­der­ge­ge­ben: „Wir sind gezwun­gen, Stel­lung zu nehmen“.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: MiL

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