Guido Gezelle – Flämischer Priester und Dichterfürst

Guido Gezelle (1830-1899), Priester und Poet
Guido Gezelle (1830-1899), Priester und Poet

Von Amand Tim­mer­mans

Vor genau hun­dert Jah­ren, im Jahr 1916, wäh­rend in Ver­dun und an der Som­me die gewal­tig­ste Ver­nich­tungs­schlach­ten an der West­front des Ersten Welt­kriegs tob­ten, erschien im Insel­ver­lag ein klei­nes Büch­lein mit einer Aus­le­se von Gedich­te des flä­mi­schen Prie­ster-Poe­ten Gui­do Gezel­le.

Die Über­set­zung stamm­te von Rudolf-Alex­an­der Schrö­der, laut Kolo­phon damals beim Deut­schen Kul­tur­dienst in Brüs­sel (Bel­gi­en) tätig.

Gui­do Gezel­le wur­de am 1. Mai 1830, weni­ge Mona­te vor der Los­tren­nung der süd­li­chen (einst öster­rei­chi­schen) Nie­der­lan­de vom König­reich Nie­der­lan­de und der Aus­ru­fung als König­reich Bel­gi­en, in einer armen Gärt­ner­fa­mi­lie in Brüg­ge in West­flan­dern gebo­ren. Von Jugend an mit einer zar­ten Gesund­heit behaf­tet und häu­fig krän­kelnd, konn­te er nur unter gro­ßen Ent­beh­run­gen und fern von zu Hau­se auf einem Inter­nat in der Pro­vinz stu­die­ren.

1854 wur­de er zum katho­li­schen Prie­ster geweiht.

Kurz war er Prie­ster­leh­rer am bischöf­li­chen Kol­leg in Roesel­a­re (11. Klas­se, soge­nann­te „Poe­sis“), ab 1859 dann sehr lan­ge Vikar in der Grenz­stadt Kor­tri­jk und Geist­li­cher für Ordens­schwe­stern („Eng­li­sche Fräu­lein“) in Brüg­ge.

Als Dich­ter war Gezel­le ein Natur­ta­lent.

In einer Zeit wo das Flämische/Niederländische in Bel­gi­en schwer unter­drückt wur­de und der Volks­spra­che mit Ver­ach­tung begeg­net wur­de, wo zu glei­cher Zeit von der Regie­rung wil­der Libe­ra­lis­mus und Atheismus/Agnostizismus bewor­ben wur­de, und das flä­mi­sche Volk kul­tu­rell dar­nie­der­lag, strahl­te Gezel­les Dicht­kunst durch ihre Mei­ster­schaft und ihr euro­päi­sches Niveau über alles hin­weg.

Gezelle katapultierte die flämische Dichtkunst von der Gosse in den Himmel

Bild­lich gespro­chen: Gezel­le kata­pul­tier­te die flä­mi­sche Poe­sie von der Gos­se bis in den hohen Him­mel.

Guido Gezelle-Denkmal in Kortrijk
Gui­do Gezel­le-Denk­mal in Kor­tri­jk

Sei­ne Poe­sie ist gekenn­zeich­net durch genaue und empa­thi­sche Natur­be­ob­ach­tung und tief­ste mystisch-reli­giö­se Gefüh­le, beein­flußt von der alt­grie­chi­schen und latei­ni­schen (Horaz/Vergil), der hebräi­schen Bibel- sowie der deut­schen, fran­zö­si­schen und eng­li­schen (Long­fel­low) Poe­sie. Er spiel­te mit Bil­dern und Wor­ten, mit Spra­chen (Gezel­le beherrsch­te teils aktiv, teils pas­siv ins­ge­samt 15 Spra­chen!), expe­ri­men­tier­te mit Neo­lo­gis­men, Laut­ma­le­rei, mit Vers- und Stro­phen­for­men, und war beseelt von Idea­lis­mus für die flä­mi­sche Sache. Er schuf eine voll­kom­me­ne Syn­the­se von Roman­tik und Impres­sio­nis­mus.

Gui­do Gezel­le ist höchst­wahr­schein­lich der größ­te reli­giö­se Dich­ter im Euro­pa des 19. Jahr­hun­derts. Das katho­li­sche Flan­dern, beson­ders die Stu­den­ten­be­we­gung und die kul­tu­rel­len Ver­ei­ne, haben Gezel­le ver­ehrt, gele­sen und rezi­tiert.

Er wur­de ab 1900 hoch geschätzt und über­setzt durch Eng­län­der und Deut­sche.
Nicht zuletzt von Sei­ten des bel­gi­schen Staa­tes und atheistisch/agnostisch ori­en­tier­ten Libe­ra­len, aber auch der bel­gi­schen kirch­li­chen Hier­ar­chie wur­de Gezel­le arg­wöh­nisch beäugt und ihm mit Neid, Kri­tik und Distanz begeg­net.

Wie bei jedem groß­ar­ti­gen Vor­bild haben dann in den Nach­fol­ge­ge­nera­tio­nen nicht sel­ten weni­ger begab­te Lite­ra­ten ver­sucht, ihren Frust und ihre schlech­te Lau­ne an ihm zu küh­len.

Guido Gezelle, Gedichtband: "Kirchhofblumen"
Gui­do Gezel­le, Gedicht­band: „Kirch­hof­blu­men“

Gezelles zeitlose Poesie

Gezel­les Poe­sie ist jedoch zeit­los und unge­mein herr­lich.

Es ist ein typi­sches Armuts­zeug­nis unse­rer Zeit und nicht zuletzt des Main­streams auch in soge­nann­ten „christ­li­chen“ Krei­sen, daß die schön­ste und tief­ste reli­giö­se Dicht­kunst kaum noch rezi­piert wird.

Gera­de in dem hoch­gra­dig ent­kirch­lich­ten Nord­bel­gi­en, wo eine defek­te Kate­che­se und Sexu­al­miß­brauch mit Ver­tu­schung und Invol­vie­rung der kirch­li­chen Hier­ar­chie zu einer bei­spiel­lo­sen all­ge­mei­nen Glau­bens­schwä­che geführt haben, läßt sich die­ses Des­in­ter­es­se an Gezel­les Poe­sie beson­ders bit­ter spü­ren.

Reli­giö­se und kul­tu­rel­le Ver­wahr­lo­sung gehen Hand in Hand.

Das fol­gen­de Gedicht ist ein her­vor­ra­gen­des Bei­spiel von Gezel­les Dicht­kunst: Es basiert auf einem Zitat aus dem Hohe­lied Salo­mons (2,1) und aus nur zwei Wor­ten in der latei­ni­schen Vul­ga­ta: „Ego flos“ — „Ich (bin) eine Blu­me“.

Es ent­wickelt sich eine Anspra­che, eine Bit­te, fast ein mysti­sches Gebet zu Gott, dem Schöp­fer, dem gro­ßen Licht, der Son­ne, geprägt von Demut, von rea­li­stisch fest­ge­stell­ter Unvoll­kom­men­heit und von tief­ster Sehn­sucht nach dem Ewi­gen Leben, nach der vita ven­tu­ri sae­cu­li.

Gezel­les Poe­sie ent­fal­tet ihren Reiz erst wirk­lich, wenn sie rezi­tiert wird:
Optisch fal­len schon die kur­zen Zei­len auf (z.B. drei Worte/vier Sil­ben). Beim­Vor­tra­gen kom­men dage­gen der Rhyth­mus, die Kadenz, die Tem­pi­wech­sel, die Alli­te­ra­tio­nen, die Anti­the­sen und die Innen- und End­rei­me voll­ends zur Gel­tung.

Tie­fes Natur­emp­fin­den und mysti­sche Reli­gio­si­tät — poé­sie pure — und christ­li­cher Glau­be sind aufs Eng­ste ver­bun­den.

Ego Flos

(Can­ti­cum Can­ti­co­rum II,1; Hohe­lied II,1)
Über­set­zung von Rudolf Alex­an­der Schrö­der, 1916

Bin eine Blu­me,
Blüh vor dei­nen Augen,
Gewal­tig Son­nen­licht,
Das ewig einer Art
Mich nich­ti­ges Geschöpf
Läßt Lebens­fül­le sau­gen,
Und nach dem Leben mir
Das ewi­ge Leben spart.

Bin eine Blu­me,
Tu des Mor­gens öff­nen,
Des Abends zu mein Blatt;
Und wie­der­um, wie dein
Her­auf­ge­stie­ge­nes Licht,
O Son­ne, mich getrof­fen,
Erwach ich oder schlaf
Gebeug­ten Haup­tes ein.

Mein Leben ist
Dein Licht, mein Tun, mein Wer­ben,
Mein Hof­fen und mein Glück,
Mein Wis­sen und mein Recht:
Was kann ich ohne dich
Als ewig, ewig ster­ben,
Was habe ich ohne dich,
Das ich bemin­nen möcht?

Bin fern von dir,
Obschon du, süßer Bron­nen
Von allem, das da lebt
Und Leben wie­der­schafft,
Mir nächst von allem nahst
Und zückst, o lie­be Son­ne,
Bis in mein tief­stes Herz
Den all­durch­drin­gen­den Schaft.

Wohl­an, wohl­auf!
Ent­bind mein‘ ird­sche Ban­den,
Ent­wur­zel mich, ent­grab
Mich…, hin­nen laß mich…, laß,
Wo all­zeit Som­mer ist
Und Son­nen­schein, mich eilen,
Und wo du, Blu­me, blühst
All­schön ohn‘ Unter­laß.

Laß alles sein,
Vor­bei, getan, ver­ge­ben,
Das Abschied zwi­schen uns
Und tie­fe Klüf­te spannt,
Laß Mor­gen, Abend, all
was hin­nen muß, ver­schwe­ben,
Laß dein unend­lich Licht
mich schaun im Vater­land.

Dann werd ich vor…
O nein, nicht Dir vor Augen,
Doch nah, doch neben Dir,
Doch in Dir blü­hend stehn,
Wo du Dein arm Geschöpf
Läßt Lebens­fül­le sau­gen,
Wo in Dein ewig Licht
Mich läs­sest bin­nen­gehn.

Text: Amand Tim­mer­mans
Bild: Wikicommons/bibliotheek.nl

1 Kommentar

  1. Ein wun­der­schö­nes, tief­sin­ni­ges Gedicht, das nur einem rei­nen Her­zen ent­sprin­gen kann. Ich möch­te es heu­te unse­rem Papa eme­ri­tus Bene­dikt zu sei­nem 89. Geburts­tag schen­ken, der an Fein­gei­stig­keit und Spra­chen­reich­tum Abbe Gezel­le in nichts nach­steht. Wären die bei­den Zeit­ge­nos­sen, wür­den sie sich bestimmt blen­dend ver­ste­hen.

    Lie­ber Papa Bene­dikt, viel­leicht schau­en Sie ja ab und zu in die­sem Forum vor­bei oder las­sen sich von Msg. Gäns­wein auf dem lau­fen­den hal­ten:
    Ich wün­sche Ihnen h e u t e, an Ihrem Fest­tag, alles erdenk­lich Lie­be und Gute: Möge der lie­be GOTT Ihnen wei­ter­hin eine gute Gesund­heit schen­ken
    und Sie mit der gan­zen FUELLE des HIMMELS und der ERDE seg­nen, damit Sie der strei­ten­den Kir­che noch vie­le Jah­re erhal­ten blei­ben!
    Herz­li­chen Glück­wunsch Hei­li­ger Vater! — Wir ver­mis­sen Sie sehr !!!

Kommentare sind deaktiviert.