Amoris Laetitia: Papst Franziskus hat „neue Form der Anwendung“ der kirchliche Lehre vorgeschlagen

Pressekonferenz der Spanischen Bischofskonferenz zu "Amoris Laetitia": José Luis Segovia (Theologieprofessor, Päpstliche Universität Salamanca), Julio Martà­nez SJ (Rektor, Päpstliche Universität Comillas), Gil Tamayo (Generalsekretär der Bischofskonferenz), Erzbischof Carlos Osoro (Madrid), Javier Prades (Regens des Priesterseminars San Dámaso, Madrid), Pablo Guerrero SJ (Pastoraltheologe, Päpstliche Universität Comillas)

(Rom) Gibt die Spa­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz den Weg vor, der nach dem Apo­sto­li­schen Schrei­ben Amo­ris Lae­ti­tia bald schon für die gan­ze Kir­che gel­ten könn­te? Gestern fand eine Pres­se­kon­fe­renz von Erz­bi­schof Car­los Osoro von Madrid, dem stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den der Spa­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz statt. Beglei­tet wur­de er dabei vom Rek­tor des Prie­ster­se­mi­nars sei­nes Erz­bis­tums, einem Pro­fes­sor der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät von Sala­man­ca, von José Marà­a Gil Tama­yo, dem Gene­ral­se­kre­tär der Bischofs­kon­fe­renz und von zwei Jesui­ten, denen eine wich­ti­ge Rol­le zukam.

Zweideutigkeiten von „Amoris Laetitia“ bringen Erzbischof von Madrid in Verlegenheit

Man wol­le die Exhor­ta­tio von Papst Fran­zis­kus „wür­di­gen“, erklär­te Erz­bi­schof Osoro den Grund der Pres­se­kon­fe­renz. Bei die­ser wur­de jedoch deut­lich, daß im Kle­rus wegen Amo­ris Lae­ti­tia beacht­li­che Unru­he herrscht und zahl­rei­che Anfra­gen von Prie­stern vor­lie­gen, wie sie sich nun zu ver­hal­ten hät­ten.

Nach 55 Minu­ten theo­re­ti­scher Dar­le­gun­gen, die um die umstrit­te­nen Aspek­te von Amo­ris Lae­ti­tia einen Bogen mach­ten, kam die erste Jour­na­li­sten­fra­ge und ziel­te sofort auf Zwei­deu­tig­kei­ten im päpst­li­chen Doku­ment. Was ant­wor­te man auf das „mög­li­che Para­dox“, daß ein Prie­ster den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen die Kom­mu­ni­on gewäh­ren könn­te, ein ande­rer hin­ge­gen nicht.

Eine Fra­ge, die Erz­bi­schof Osoro und die ande­ren Anwe­sen­den in sicht­li­che Ver­le­gen­heit brach­te. Kei­ner woll­te auf die Fra­ge ant­wor­ten, bis schließ­lich der Jesu­it Pablo Guer­re­ro, Pasto­ral­theo­lo­ge an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Comil­las, eine Ant­wort gab, der kei­ner der ande­ren Anwe­sen­den wider­sprach, auch nicht Erz­bi­schof Osoro.

„Das wäre, als wür­de die Ent­schei­dung im Ermes­sen des Prie­sters lie­gen. Dem ist aber nicht so. Der Papst hat in kla­rer Aus­übung der Syn­oda­li­tät und der Gemein­schaft mit dem gesam­ten Bischofs­kol­le­gi­um der Kir­che den Ober­hir­ten einer jeden Diö­ze­se auf­ge­for­dert, den Prie­stern sei­ner Diö­ze­se eine Rei­he gene­rel­ler und glei­cher Kri­te­ri­en zu benen­nen, um Ermes­sens­ent­schei­dun­gen zu ver­mei­den. Kein Prie­ster darf sich als Eigen­tü­mer des Wor­tes Got­tes füh­len“, so Pater Guer­re­ro.

„Neuer Stil des Lehramtes“: Nicht in „Gute“ und „Schlechte“ unterteilen

Alle Teil­neh­mer der Pres­se­kon­fe­renz beton­ten, daß sich die kirch­li­che Leh­re „nicht ändert“. Papst Fran­zis­kus habe den Bischö­fen jedoch „eine neue Form der Anwen­dung“ die­ser Leh­re vor­ge­schla­gen. Das päpst­li­che Schrei­ben „emp­feh­le“, so Pater Julio Mar­ti­nez, Rek­tor der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Comil­las und der zwei­te Jesu­it am Kon­fe­renz­tisch, die Welt nicht in „Rei­ne und Unrei­ne“ und nicht in „Gute und Schlech­te“ zu unter­tei­len.

„Die vol­le Aner­ken­nung des Lehr­am­tes ste­he nicht im Wider­spruch zu einer inner­kirch­li­chen Dis­kus­si­on. Wir ste­hen vor einem neu­en Stil des Lehr­am­tes. Es geht dabei um das har­mo­ni­sche Mit­ein­an­der zwi­schen Heil und Moral, um nicht in einen reli­giö­sen Rigo­ris­mus zu ver­fal­len.“

Damit scheint die Spa­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz die Auf­wei­chung der Unauf­lös­lich­keit der Ehe anzu­er­ken­nen. Denn durch die genann­ten „all­ge­mei­nen und glei­chen Kri­te­ri­en“, die den Prie­stern als Hand­lungs­an­lei­tung gege­ben wer­den sol­len, wird impli­zit aner­kannt, daß es Situa­tio­nen gibt, in denen die unauf­lös­li­che Ehe doch auf­lös­bar sei. Gleich­zei­tig ver­sucht die Bischofs­kon­fe­renz anar­chi­schen Ver­hält­nis­sen vor­zu­beu­gen, daß durch Amo­ris Lae­ti­tia jeder Prie­ster nach eige­nem Ermes­sen ent­schei­den könn­te. Die Bischofs­kon­fe­renz dürf­te die Fra­ge nach den „gene­rel­len und glei­chen Kri­te­ri­en“ für den Kle­rus an sich zie­hen.

„Taktische Finesse“ des Papstes?

Im Vor­feld der Ver­öf­fent­li­chung des nach­syn­oda­len Schrei­bens war, je nach Posi­ti­on, die Sor­ge oder die Hoff­nung gehegt wor­den, Papst Fran­zis­kus könn­te eine gene­rel­le Regel erlas­sen, mit der er die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zur Kom­mu­ni­on zuläßt, damit Schei­dung und Zweit­ehe aner­kennt und die Unauf­lös­lich­keit der sakra­men­ta­len Ehe auf­hebt. Damit hät­te er sich in den Augen der Ver­tei­di­ger des Ehe­sa­kra­ments der Häre­sie schul­dig gemacht. Er tat nichts der­glei­chen und doch alles. Die „tak­ti­sche Fines­se“ (Secretum meum mihi), wie inzwi­schen von Befür­wor­tern und Kri­ti­kern betont wird, lie­ge gera­de im Ver­zicht auf eine gene­rel­le Regel. Damit habe Fran­zis­kus zwar kei­ne neue Regel ein­ge­führt, mehr noch aber die bis­he­ri­ge über­lie­fer­te Regel nicht mehr bestä­tigt. Er erweist sich damit als „Tür­öff­ner“, ohne dafür belangt wer­den zu kön­nen.

In „Aus­übung der Syn­oda­li­tät“, wie der Jesu­it Guer­re­ro bei der Pres­se­kon­fe­renz in Madrid erklär­te, leg­te Fran­zis­kus durch die Ein­be­ru­fung der Bischofs­syn­oden über Ehe und Fami­lie das Eisen ins Feu­er. Mit Amo­ris Lae­ti­tia schob er das nun hei­ße Eisen den Bischö­fen zu, was kon­kret, seit deren Ein­füh­rung durch das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil, die Bischofs­kon­fe­ren­zen meint. Durch die in die Kir­che, in die Gläu­bi­gen und in den Kle­rus hin­ein­ge­tra­ge­ne Unru­he, sind die Bischö­fe gezwun­gen, jene gene­rel­le Regel zu erlas­sen, auf die der Papst ver­zich­tet hat.

Frage auf 130 Bischofskonferenzen und 3.000 Diözesen abgewälzt

Papst Fran­zis­kus hat die Tür so auf­ge­sto­ßen, daß jede Bischofs­kon­fe­renz und jeder Diö­ze­san­bi­schof Kri­te­ri­en erlas­sen kann, wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne zur Kom­mu­ni­on zuzu­las­sen. Die über­lie­fer­te Leh­re müß­te nun von jeder Bischofs­kon­fe­renz und jedem Diö­ze­san­bi­schof ein­zeln bekräf­tigt wer­den. Die Wahr­schein­lich­keit, daß sich auch nur eine Bischofs­kon­fe­renz oder ein Bischof fin­det, der die Unauf­lös­lich­keit der sakra­men­ta­len Ehe auf­weicht, ist anhand von welt­weit rund 130 Bischofs­kon­fe­ren­zen und Bischofs­syn­oden sowie fast 3.000 Diö­ze­sen ziem­lich wahr­schein­lich. In jedem Fall wird aus einer ein­heit­li­chen für die gesam­te Welt­kir­che gel­ten­den Fra­ge eine hun­dert­fa­che Fra­ge gemacht.

Die Spa­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz spürt den tat­säch­li­chen oder auch nur gefühl­ten Druck der Gläu­bi­gen und Prie­ster. Die Unsi­cher­hei­ten durch Amo­ris Lae­ti­tia waren bei der Pres­se­kon­fe­renz in Madrid greif­bar. Weder wur­de kon­se­quent bekräf­tigt, daß die Unauf­lös­lich­keit der Ehe auch tat­säch­lich Unauf­lös­lich­keit meint, noch wur­de bekräf­tigt, daß sich fol­ge­rich­tig dar­aus ein kate­go­ri­sches Nein zur Zulas­sung öffent­li­cher Ehe­bre­cher zu den Sakra­men­ten ergibt, wie es die Kir­che immer gelehrt hat.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Reli­gi­on Con­fi­dencial (Screen­shot)

11 Kommentare

    • Kar­di­nal Mül­ler wird sich hüten, päpst­li­cher als der Papst sein zu wol­len, wenn er nicht auf ein­sa­men Posten ste­hen, bzw. sei­nen Posten ganz ver­lie­ren will. Die Wuer­fel sind gefal­len. — Die Chan­ce eines oef­fent­li­chen Affronts wur­de spä­te­stens auf der (Schein-)Synode ver­tan, wie bereits ein Mit­kom­men­ta­tor etwas wei­ter vor­ne ganz rich­tig fest­stell­te.
      Les jeux sont fai­tes — rien ne va plus!

  1. End­lich, es scheint so als haben alle Bischofs­kon­fe­ren­zen nur dar­auf gewar­tet jetzt Allen ihren eige­nen Glau­bens­ab­fall, mit dem Segen von Rom, zu prae­sen­tie­ren.
    Rom ist mit dem 2.Vatikanum vom Glau­ben abge­fal­len, mit kur­zen Unter­bre­chun­gen ist der Schritt von Nostra Aeta­te zu dem letz­ten Schreckens­do­ku­ment nur kon­se­quent.
    Grau­en­haft.

  2. Wer­te Damen und Her­ren!
    Bischof Voder­hol­zer von Regens­burg hat im Janu­ar 2016 die Anfor­de­run­gen an das Amt des Bischofs, wohl stell­ver­tre­tend für vie­le Kol­le­gen im Bischofs­amt refle­k­iert und eine bemer­kens­wer­te Epi­so­de aus dem Vor­feld des Dog­mas von der leib­li­chen Auf­nah­me Mari­ens in den Him­mel 1950 erzählt. Bei­des soll­te jede/r in aller Ruhe für sich in Bezie­hung zur gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on der Kir­che brin­gen und „sine ira et stu­dio“ beden­ken. Er schreibt:

    „Wohl aber hat das Kon­zil erst­mals in der Geschich­te der Lehr­ver­kün­di­gung eine sehr dif­fe­ren­zier­te Theo­lo­gie des Bischofs­am­tes vor­ge­legt als die Fül­le des apo­sto­li­schen Dienst­am­tes mit der Auf­ga­be, erster Beter, erster Leh­rer und erster Ver­kün­der des Glau­bens zu sein. Man lese nur Lumen gen­ti­um 24 bis 27. Mir sel­ber zit­tern die Knie, in welch hohem Maße das Kon­zil das Lehr­amt der Bischö­fe gestärkt hat und was dem Bischof an Ver­ant­wor­tung auf­ge­la­den ist. Der Bischof ver­spricht bei der Wei­he, das ihm anver­trau­te Gut des Glau­bens zu schüt­zen. Er steht mit sei­ner Exi­stenz dafür ein. Wo und vor wem muss ein Theo­lo­ge oder eine Theo­lo­gin auf­ge­stell­te Hypo­the­sen ver­ant­wor­ten?

    Die Theo­lo­gie hat ihre Auf­ga­be in der Refle­xi­on des Glau­bens auf der Basis des vom Lehr­amt vor­ge­leg­ten Glau­bens­ge­hal­tes. Ein Muster­bei­spiel für die Zurück­hal­tung eines Theo­lo­gen in Bezug auf sei­ne Auf­ga­be ist der Leh­rer von Joseph Ratz­in­ger Prof. Gott­lieb Söhn­gen. Er gehör­te zu den deut­schen Uni­ver­si­täts­theo­lo­gen, die im Vor­feld der Dog­ma­ti­sie­rung der Leib­li­chen Auf­nah­me Mari­as in den Him­mel 1948/49 in Gut­ach­ten die Nicht­de­fi­nier­bar­keit auf­grund eines nicht hin­rei­chen­den Tra­di­ti­ons­be­fun­des erklär­ten. Söhn­gen gehör­te damit zur über­wie­gen­den Mehr­heit der deut­schen Uni­ver­si­täts­theo­lo­gen. Ein beson­ders schar­fer Geg­ner war Prof. Bert­hold Alta­ner. Aber auch Bern­hard Posch­mann hat ein ganz kri­ti­sches Gut­ach­ten vor­ge­legt. Von Söhn­gen wird erzählt, das man ihn, als man sich zur vor­le­sungs­frei­en Zeit nach dem Som­mer­se­me­ster 1950 ver­ab­schie­de­te, gefragt hat, was er denn mache, wenn der Papst in der Zwi­schen­zeit das neue Dog­ma ver­kün­det. Söhn­gen muss gesagt haben: Dann wer­de ich mich dar­an erin­nern, dass die Weis­heit der Kir­che und ihr Glau­ben grö­ßer ist als die Weis­heit eines klei­nen Pro­fes­sors und ich wer­de mich selbst­ver­ständ­lich beu­gen und das neue Dog­ma aner­ken­nen.

    So ist es dann ja auch in der Tat gekom­men. Am 1. Novem­ber, an Aller­hei­li­gen 1950, hat der Papst – zum ersten und bis­her letz­ten Mal übri­gens – fei­er­lich einen Glau­bens­in­halt zum ver­bind­li­chen Dog­ma erklärt“.

    Die eben ver­öf­fent­lich­te „Exhor­ta­tio“ ist kein Dog­ma und stellt nach AL3 nicht ein­mal ein inhalt­lich ver­bind­li­ches lehr­amt­li­ches Schrei­ben dar. Die „Ermah­nung“ gilt den Welt­bi­schö­fen, die erst­ma­lig in die­ser kon­kre­ten Wei­se in ihrem bischöf­li­chen Lehr­amt in die Pflicht genom­men wer­den. Dazu emp­feh­le ich allen Zwei­feln­den, sich mit dem dia­lo­gisch ange­leg­ten Offen­ba­rungs­ver­ständ­nis des hl. Bona­ven­tu­ra zu beschäf­ti­gen, wie es in der ent­spre­chen­den Kon­sti­tu­ti­on des II. Vati­ka­nums unter maß­geb­li­cher Mit­wir­kung von Prof. Dr. Joseph Ratz­in­ger dar­ge­legt wor­den ist.

    • Fort­set­zung I

      Man soll­te bei der „dienst­li­chen Beur­tei­lung“ von Papst Fran­zis­kus kei­ne vor­ei­li­gen Schlüs­se zie­hen, son­dern beden­ken, wofür sich der argen­ti­ni­sche Jesui­ten­kar­di­nal Jor­ge Ber­go­glio seit 2005, nach­dem sei­ne erste Kan­di­da­tur geschei­tert war, vor allem aber seit 2009 zu inter­es­sie­ren hat­te: für Papst Bene­dikt XVI. als Theo­lo­gen! Denn seit 2005 wuss­te er, wem er even­tu­ell ein­mal nach­fol­gen wür­de.
      Daher soll­te man die Ent­schei­dung Kar­di­nal Ber­go­gli­os für den Papst­na­men Fran­zis­kus als vor­weg­ge­nom­me­nen Hin­weis auf sein Pro­gramm sehen.

      Papst Bene­dikt XVI. hat­te erst­ma­lig 2009 die von ihm 1955 an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen ein­ge­reich­te, aber sei­ner­zeit zunächst abge­lehn­te Habi­li­ta­ti­ons­schrift in ihrer ursprüng­li­chen Fas­sung unter dem Titel „Das Offen­ba­rungs­ver­ständ­nis und die Geschichts­theo­lo­gie Bona­ven­turas“ ver­öf­fent­licht – was für die nach­kon­zi­lia­re Kir­che nicht ohne Fol­gen blei­ben konn­te, denn mit die­ser Ana­ly­se hat­te Joseph Ratz­in­ger eine neue Sicht auf den kirch­li­chen Offen­ba­rungs­be­griff ange­sto­ßen.

      Denn der hl. Bona­ven­tu­ra, der bedeu­tend­ste Fran­zis­ka­ner­theo­lo­ge des Mit­tel­al­ters, ver­steht nach Joseph Ratz­in­ger Offen­ba­rung als Aki­on, zu der immer auch ein Sub­jekt gehört, dem offen­bart wird. Bona­ven­turas Auf­fas­sung von Heils­ge­schich­te ist dem­nach nicht die eines festen Bestan­des vor­han­de­ner Leh­ren, aus denen im Lau­fe der Dog­men­ent­wick­lung im Sin­ne von Syl­lo­gis­men Neu­es abge­lei­tet wird, son­dern die einer fort­dau­ern­den Heils­ge­schich­te, bei der die Kir­che die Stel­le des Sub­jek­tes ein­nimmt, dem offen­bart wird. So tre­te bei den Apo­steln zum geschicht­li­chen Ereig­nis (appa­ri­tio), die Erleuch­tung (inspi­ra­tio) und zum Lesen und Ver­ste­hen der Schrift tre­te ein inne­res Offen­bar­wer­den (reve­la­tio), damit Offen­ba­rung geschieht. Nach Joseph Ratz­in­ger geht Offen­ba­rung ihren mate­ria­len Nie­der­schlä­gen — etwa der Hei­li­gen Schrift — stets vor­aus und über­steigt sie. Sein Kern­satz lau­te­te: Schrift und Über­lie­fe­rung sind nicht Quel­len der Offen­ba­rung, son­dern ledig­lich Medi­en ihrer Über­mitt­lung!

      Rudolf Voder­hol­zer brach­te die Bedeu­tung von Ratz­in­gers Ana­ly­sen zum Offen­ba­rungs­be­griff für die kirch­li­che Lehr­au­to­ri­tät wie folgt zum Aus­druck:
      „Mit dem Auf­weis des kon­sti­tu­ti­ven Ver­knüpf­tseins von Offen­ba­rung und Kir­che, die Grö­ßen „Tra­di­ti­on“, „kirch­li­ches Lehr­amt“, „Regu­la fidei“ umfas­send, gelingt Joseph Ratz­in­ger letzt­lich eine Begrün­dung der kirch­li­chen Lehr­au­to­ri­tät im christ­li­chen Ursprungs­ge­sche­hen, die wesent­lich tie­fer greift, als eine bloß theo­lo­gisch-posi­ti­vi­stisch behaup­te­te, von außen auto­ri­ta­tiv an die Schrift her­an­ge­tra­ge­ne Bedeu­tung. Es ist para­dox, dass eine Stu­die mit einem sol­chen die kirch­li­che Lehr­au­to­ri­tät im Offen­ba­rungs­ge­sche­hen selbst grün­den­den Ergeb­nis offen­kun­dig in Sor­ge um den rech­ten Glau­ben bei­na­he ver­hin­dert wor­den wäre“.

      Spä­te­stens seit 2009, mit der erst­ma­li­gen Ver­öf­fent­li­chung aller drei Tei­le zum Offen­ba­rungs­ver­ständ­nis und der Geschichts­theo­lo­gie Bona­ven­turas durf­ten die Moder­ni­sten und Rela­ti­vi­sten in der DBK und im Jesui­ten­or­den auf­hor­chen, denn wenn man das Heils­ge­sche­hen und damit die gött­li­che Offen­ba­rung als etwas Dyna­mi­sches unter Ein­be­zie­hung des Sub­jekts Kir­che begriff, öff­ne­ten sich für sie als Inter­es­sier­te Tür­spal­ten zu aller­lei Kir­chen­re­for­men, wobei man sogar auf das Ver­ständ­nis von Papst Bene­dikt hof­fen konn­te.

      Man spe­ku­liert wohl nicht zu viel, wenn man die im Jahr 2010 eilends in Angriff genom­me­nen Ful­da­er Dia­log­be­schlüs­se in die­sen Zusam­men­hang stellt. Das Unver­ständ­nis Papst Bene­dikts XVI. zeich­ne­te sich aber sofort ab, als er im Zeit­zu­sam­men­hang an Bord der „Città di Fium­in­ci­no“ auf dem Weg nach Edin­burgh auf die Fra­ge, ob die Kir­che nicht drin­gend zuse­hen müs­se, wie sie wie­der anzie­hen­der gemacht wer­den kön­ne mit „Nein“ beant­wor­te­te und sag­te: „Wer fragt, wie die Kir­che attrak­ti­ver gemacht wer­den kann, hat den Weg ver­lo­ren und sich schon mit der Fra­ge verirrt…Die Kir­che ver­kauft nichts, am wenig­sten sich selbst. Ihr ist eine Nach­richt anver­traut, die sie unver­kürzt wei­ter­ge­ben muss“.

      Damit war klar, dass die Din­ge, die Leh­mann, Zollitsch, Kiech­le und Co. mit Mut ange­hen woll­ten, im Rah­men des Pon­ti­fi­kats von Bene­dikt XVI. nicht zu ver­wirk­li­chen waren. Man brauch­te als des­sen Nach­fol­ger einen Papst, der bereit war, über das von Joseph Ratz­in­ger her­aus­ge­ar­bei­te­te dia­lo­gi­sche Offen­ba­rungs­ver­ständ­nis des Hei­li­gen Bona­ven­tu­ra Kir­chen­re­for­men durch­zu­set­zen.

      • Schluss

        Joseph Ratz­in­ger ging bei der Unter­su­chung des enor­men Umfangs an Schrif­ten Bona­ven­turas von einem Vor­ver­ständ­nis von Offen­ba­rung aus, das Bona­ven­tu­ra gerecht wer­den soll­te. Er sah in ihm den „Zeu­ge einer katho­li­schen Theo­lo­gie, die sich ihres evan­ge­li­schen Erbes noch nach­drück­li­cher bewusst war, als so man­che spä­te­re Theo­lo­gien, die mehr gegen­re­for­ma­to­risch als katho­lisch zu sein schei­nen“

        Es zeig­te sich, dass es bei Bona­ven­tu­ra kei­nen Begriff gibt, der dem moder­nen Ver­ständ­nis des Begriffs „Offen­ba­rung“ ent­spricht. Ratz­in­ger stell­te fest: Die direk­te Über­set­zung von „Offen­ba­rung“ – „reve­la­tio“ – stellt bei Bona­ven­tu­ra nur einen Teil­aspekt des­sen dar, was als sein Ver­ständ­nis von Offen­ba­rung ver­stan­den wer­den konn­te, neben ande­ren Teil­aspek­ten, etwa „mani­fe­sta­tio“, „doc­tri­na“ oder „fides“. Das bedeu­te­te, dass bei Bona­ven­tu­ra Offen­ba­rung nie etwas objek­tiv gege­be­nes, zur Ver­fü­gung ste­hen­des ist. Die­se Sicht­wei­se war etwa mit dem „sola scrip­tu­ra“ Mar­tin Luthers unver­ein­bar.

        Als Kon­zils­theo­lo­ge brach­te Joseph Ratz­in­ger die Ergeb­nis­se sei­ner Ana­ly­sen zu Bona­ven­turas Offen­ba­rungs­be­griffs inso­fern ein, als er unmit­tel­bar vor Kon­zils­be­ginn vor den deutsch­spra­chi­gen Bischö­fen einen Vor­trag über Offen­ba­rung hielt, bei dem er das aus der Kon­zils­vor­be­rei­tung vor­ge­leg­te Sche­ma „De fon­ti­bus reve­la­tio­nis“ („Über die Quel­len der Offen­ba­rung“) als schon in der Über­schrift ver­fehlt kri­ti­sier­te. Wie gesagt: Sei­ne zen­tra­le Erkennt­nis lau­te­te: Schrift und Über­lie­fe­rung sind nicht Quel­len der Offen­ba­rung, son­dern ledig­lich Medi­en ihrer Über­mitt­lung. Kar­di­nal Joseph Frings griff die Gedan­ken sei­nes Mit­ar­bei­ters Joseph Ratz­in­ger im Ple­num auf, das vor­be­rei­te­te Sche­ma „De fon­ti­bus reve­la­tio­nis“ wur­de ver­wor­fen.

        Die Kon­sti­tu­ti­on über die Gött­li­che Offen­ba­rung des II. Vati­ka­ni­schen Kon­zils Dei Ver­bum erkennt daher in der Hei­li­gen Schrift das „Wort Got­tes in mensch­li­cher Spra­che“, das in der Jesus­pre­digt wur­zelt, von den apo­sto­li­schen Zeu­gen über­lie­fert und in all ihren Tei­len und Quel­len von mensch­li­chen Autoren ver­schrif­tet wor­den ist.
        Damit wur­de zwei bis­he­ri­gen Ansich­ten wider­spro­chen: einer­seits der Hei­li­gen Schrift als gänz­lich ver­bal­in­spi­rier­ter Offen­ba­rung Got­tes und ander­seits einer sog. Hei­li­gen Schrift als spä­ter, nicht inspi­rier­ter Samm­lung von münd­li­chen Über­lie­fe­run­gen, unbe­kann­ter hel­le­ni­sti­scher Gemein­de­theo­lo­gen.

        Auf der Bischofs­dop­pel­syn­ode zu Ehe und Fami­lie 2014/ 2015 in Rom, dem Auf­takt zur all­ge­mei­nen Kir­chen­re­form­agen­da, stan­den sich aller­dings immer noch die Ver­tre­ter von zwei Posi­tio­nen im offe­nen Kon­flikt gegen­über: jene Syn­oda­le, per­so­na­li­siert durch die Kar­di­nä­le Mül­ler, Bur­ke, Napier und Sarah die mit vie­len ande­ren im Ein­klang mit der Leh­re der Kir­che am Zeug­nis der apo­sto­li­schen Zeu­gen als dem Wort Got­tes in mensch­li­cher Spra­che gemäß Dei Ver­bum fest­ge­hiel­ten und jenen, die ent­spre­chend den Ergeb­nis­sen der pro­te­stan­ti­schen Leben-Jesu-For­schung in der neu­te­sta­ment­li­chen Über­lie­fe­rung nur rei­nes, nicht­a­po­sto­li­sches Men­schen­wort erken­nen konn­ten, per­so­na­li­siert durch den Spät­da­tie­rer Kar­di­nal Kas­per, des­sen Posi­ti­on aller­dings noch im Jahr 2015 argu­men­ta­tiv zugun­sten der apo­sto­li­schen Früh­da­tie­rung erschüt­tert wer­den konn­te, nach­dem sich er und sein Anhang schon im Vor­feld der Syn­ode 2014 mit theo­lo­gi­schen Ablei­tun­gen zu befremd­li­chen Aus­sa­gen haben hin­rei­ßen las­sen, die früh­zei­tig zeig­ten, dass es den orts­kirch­li­chen und kuria­len Pro­gres­si­vi­sten nicht an Win­kel­zü­gen man­geln wür­de, um Papst Fran­zis­kus zu einer all­ge­mei­nen, lehr­amt­lich abge­si­cher­ten Locke­rung der bis­he­ri­gen Ehe­leh­re zu bewe­gen: Wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne soll­ten zu den hl. Sakra­men­ten zuge­las­sen und gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaf­ten recht­lich in die Kir­che inte­griert wer­den.

        Doch der Ver­lauf der Syn­oden führ­te zu tie­fen Ver­wer­fun­gen in der katho­li­schen Kir­che und ließ in den Abstim­mun­gen trotz „Nach­hil­fen“ nicht erken­nen, dass auch nach dem dia­lo­gi­schen Offen­ba­rungs­ver­ständ­nis Bona­ven­turas, das die Über­ein­stim­mung des Got­tes­vol­kes im Sen­sus Fidei mit dem Lehr­amt der Kir­che vor­aus­setzt, Schrift und Über­lie­fe­rung zur über­kom­me­nen Ehe­leh­re nicht nur Medi­en ihrer Über­mitt­lung, son­dern tat­säch­lich Quel­len der Offen­ba­rung sein müs­sen. Die­ser Erkennt­nis beug­te sich Papst Fran­zis­kus mit der Exhor­ta­tio „Amo­ris Lae­ti­tia“: von der recht­li­chen Inte­gra­ti­on gleich­ge­schlecht­li­cher Part­ner­schaf­ten ist kei­ne Rede mehr und Ein­zel­fall­ent­schei­dun­gen in Sachen Wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ne dele­gier­te er unter Maß­ga­be gött­li­cher Barm­her­zig­keit an das jewei­li­ge Lehr­amt des ein­zel­nen Bischofs.

  3. @ Sophus

    Vie­len Dank für die her­vor­ra­gen­de Ana­ly­se. Genau­so ist es. Ich hör­te selbst, dass sich Leu­te plötz­lich auf Ratz­in­gers Habi­li­ta­ti­on und den angeb­li­chen Offen­ba­rungs­be­griff von Bona­ven­tu­ra berie­fen, die aus der extrem rah­ne­risch-sub­jekt­theo­re­ti­schen Ecke kamen. „Mei­ne Offen­ba­rung mache ich mir selbst“, um es kurz und prä­gnant auf den Punkt zu brin­gen.

    Fas­sen wir doch Ratz­in­gers Wer­de­gang zusam­men:
    1. Sei­ne Habi­li­ta­ti­on galt 1955 als nicht recht­gläu­big und zurecht.
    2. Er schrieb sie um und auf­grund die­ser wenig ortho­do­xen Ansich­ten wur­de er sehr jung Kon­zil­s­pe­ri­tus und Pro­fes­sor. Dies bedeu­tet die „rich­ti­gen“ Leu­te haben ihn erkannt und geför­dert.
    3. Auf­grund die­ser wenig ortho­do­xen Ansich­ten wur­de er Bischof, Kar­di­nal von Johan­nes Paul II ent­deckt und
    4. Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on
    5. Papst, der zurück­trat, um für Ber­go­glio Platz zu schaf­fen.

    Jemand schrieb hier oft und auf tra­di­tio­na­li­sti­schen Pius-Foren kann man es nach­le­sen: „Ratz­in­ger war schon immer ein Moder­nist und er ist es geblie­ben.“

    Ich wür­de hier dif­fe­ren­zie­ren und der Wahr­heits­ge­halt die­ser Aus­sa­ge hängt davon ab, wie weit oder eng man den Begriff „Moder­nist“ fasst.

    Sicher­lich sind sei­ne vor-Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on-Wer­ke manch­mal von einer zwei­fel­haf­ten Ortho­do­xie, die natür­lich kei­ne rich­ti­ge Ortho­do­xie ist.

    Dazu war er zu sehr an der „Moder­ne“ und der deut­schen Hoch­schul­land­schaft, der „For­schung“ und „Was-die-Kol­le­gen-sagen“ aus­ge­rich­tet.

    Sie, Sophus, sagen es sehr durch die Blu­me, aber Sie sagen es, dass Ratz­in­ger in dem brei­ten Strom der nach­kon­zi­lia­ren Zer­set­zung mit­ge­schwom­men ist und dazu selbst bei­getra­gen hat. Dies stimmt, der Papst Fran­zis­kus ist nicht vom Him­mel gefal­len und sei­ne Amo­ris lae­ti­tia auch nicht. Es wur­de lang­fri­stig vor­be­rei­tet, auch von Ratz­in­ger. Zuerst Deus cari­tas est, danach Cari­tas in veri­ta­te und jetzt Amo­ris lae­ti­tia. Durch Johan­nes Pauls II Redemp­tor homi­nis, Dives in miser­i­cor­dia.

    Und ich mei­ne nicht den ortho­do­xen Teil die­ser Enzy­kli­ken, son­dern den ande­ren. Denn schon damals muß­ten sie uns erläu­tert und von spe­zi­ell begna­de­ten Papst-Inter­pre­ta­to­ren inter­pre­tiert wer­den, was wohl bei den vor­kon­zi­lia­ren Enzy­kli­ka, die für sich selbst spra­chen, nicht der Fall war.

    Zu Deus cari­tas est haben wir etwas geschrie­ben: https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/02/12/bichofsperlen-bischof-jaschke-naturlich-gibt-es-homosexuelle-unter-priestern/ Star­ke Behaup­tung, aber halt­bar.

    Die Zer­set­zung und Unter­spü­lung der Leh­re wur­de lan­ge vor Amo­ris lae­ti­tia vor­be­rei­tet, wie bei die­sem armen gekoch­ten Frosch, den alle jetzt ins Gedächt­nis rufen. Es fing wahr­schein­lich mit Pacem in ter­ris an oder noch frü­her.

    Es scheint, dass es kei­ne Alter­na­ti­ve zum Tho­mis­mus gibt, denn bei allem ande­ren kom­men Häre­si­en her­aus. Na gut, beim strikt tho­mi­sti­schen Gna­den­streit auch oder es ging in die­se Rich­tung Pela­gia­nis­mus ver­sus Cal­vi­nis­mus, wie man ein­an­der beschimpf­te, aber die Mehr­heit der Häre­si­en ist doch anti­tho­mi­stisch.

    Auf Kuba sagt man: „Sozia­lis­mus oder der Tod“, wir sagen „Tho­mis­mus oder Häre­sie“.

    • @ Tra­di­ti­on und Glau­ben
      Wenn Sie zu mir ernst­haft sagen, „Sie, Sophus, sagen es sehr durch die Blu­me, aber Sie sagen es, dass Ratz­in­ger in dem brei­ten Strom der nach­kon­zi­lia­ren Zer­set­zung mit­ge­schwom­men ist und dazu selbst bei­getra­gen hat“ muss ich Ihnen lei­der rund­her­um wider­spre­chen. Sie miss­ver­ste­hen mich gründ­lich, wenn Sie aus mei­nen drei Tex­ten das her­aus­le­sen, was Sie behaup­ten. Nach Lek­tü­re mei­nes Schluss­tex­tes vom 17.4.2016 AT 18,18 wer­den Sie die Unhalt­bar­keit Ihrer Aus­sa­gen erken­nen. Ich habe auf mög­li­che kir­chen­ge­schicht­li­che Zusam­men­hän­ge hin­ge­wie­sen und sie aus mei­ner histo­ri­schen Per­spek­ti­ve „unver­blümt“ kom­men­tiert. Auch Ihren wei­te­ren, sehr abwer­ten­den Ein­las­sun­gen, vor allem zum aka­de­mi­schen und kuria­len Wer­de­gang von Joseph Ratzinger/Papst Bene­dikt XVI., kann ich kein Ver­ständ­nis ent­ge­gen­brin­gen. Joseph Ratz­in­gers erging es mit sei­ner vor­kon­zi­lia­re Bona­ven­tu­ra-Ana­ly­se in Mün­chen eben­so, wie Klaus Ber­ger 10 Jah­re spä­ter mit sei­ner zurück­ge­wie­se­nen Dok­tor­ar­beit, in der er Jesu Juden­tum beson­ders her­vor­ge­ho­ben hat­te — heu­te eine Selbst­ver­ständ­lich­keit! Und beden­ken Sie, dass Tho­mas von Aquin nach einem mysti­schen Erleb­nis sei­ne theo­lo­gi­schen Stu­di­en schlag­ar­tig auf­ge­ge­ben hat, ohne sich gegen­über sei­nen Mit­brü­dern zu äußern, bevor Sie neben sei­nen Schrif­ten nichts als Häre­si­en wahr­neh­men: Tho­mis­mus oder Häre­sie? Auch in der Theo­lo­gie soll­te man Eng­füh­run­gen ver­mei­den!

      • @ Sophus

        Nach dem drit­ten Teil, weiß ich, was Sie mei­nen. Sie haben so vie­le Flucht­we­ge ein­ge­schla­gen und soviel Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum gelas­sen, dass Sie wahr­schein­lich bei der Kir­che fest ange­stellt sind, wahr­schein­lich im aka­de­mi­schen Bereich. Denn dort scheut man das kla­re Wort, jetzt mehr denn je, und jahr­zehn­te­lan­ge Gewohn­heit macht sich bemerk­bar.

        Dies ist nicht abwer­tend gemeint. Ein wenig Bewun­de­rung mei­ner­seits für die Ver­schleiehu­rungs­tech­nik der Rah­ne­ris­men schwingt da bei schon mit.

        Aber Fort­schritt und Zeit­ge­mäß­heit ist kein theo­lo­gi­sches Kri­te­ri­um. Die­ses ist die Treue dem Erlö­ser gegen­über, den sei­ne Kir­che, der er die Wahr­heit anver­trau­te, sehr viel geko­stet hat. Und des­we­gen ist es belang­los, dass etwas 10 Jah­re spä­ter en vogue ist. Das alles hören wir seit dem Vati­ca­num II und jetzt haben wir Amo­ris Lae­ti­tia. Rei­ner Rela­ti­vis­mus.

        Ich möch­te hier nicht alle lehr­amt­li­chen Aus­sa­gen zum Evo­lu­ti­on des Dog­mas, wel­ches ja ver­wor­fen wird, zitie­ren. Man kann in die Tie­fe gehen, indem man immer mehr ver­steht, aber nicht in die Brei­te sozu­sa­gen, indem man sich vom Sinn immer mehr ent­fernt.

        Und jetzt lesen wir beim Papst Fran­zis­kus die Häre­sie, dass die christ­li­che Ehe ein hohes Ide­al ist, wel­ches sich, so kard. Schön­born, gra­du­ell ver­wirk­licht. Eine Schan­de.

        Dazu Paul VI., Erklä­rung der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on aus dem Jah­re 1973, Den­zin­ger-Hüner­mann 4540

        „Der Sinn der dog­ma­ti­schen For­meln selbst aber bleibt in der Kir­che immer wahr und in sich stim­mig, auch wenn er mehr erhellt und voll­stän­di­ger erkannt wird.

        Die Christ­gläu­bi­gen müs­sen sich also von der Mei­nung abwen­den, nach der erstens die dog­ma­ti­schen For­meln (oder bestimm­te Arten von ihnen) die Wahr­heit nicht in bestimm­ter Wei­se bezeich­nen könn­ten, son­dern nur ihre ver­än­der­li­chen Annä­he­run­gen, die sie gewis­ser­ma­ßen dero­mier­ten bzw. ver­än­der­ten, und zwei­tens eben­die­se For­meln die Wahr­heit, die stets durch die oben­ge­nann­ten Annä­he­run­gen zu suchen sei, nur in unbe­stimm­ter Wei­se zum Aus­druck bräch­ten. Wer eine sol­che Mei­nung gut­heißt, ent­geht nicht einem dog­ma­ti­schen Rela­ti­vis­mus und ver­fälscht den Begriff der Unfehl­bar­keit der Kir­che, der sich darua bezieht, dass die Wahr­heit in bestimm­ter Wei­se zu leh­ren und fest­zu­hal­ten ist …“.

    • Sehr geehr­ter @ Tra­di­ti­on und Glau­ben,
      ich wür­de die Fra­ge­stel­lun­gen zur Offen­ba­rung, wie sie der jun­ge Ratz­in­ger in sei­ner Habi­li­ta­ti­ons­schrift behan­del­te, nicht so ein­fach weg­wi­schen wol­len. In der Tat ist Offen­ba­rung ein theo­lo­gi­scher Begriff, der der nähe­ren Bestim­mung bedarf. Dass das Wort Got­tes immer ein gehör­tes Wort ist, also das Hören wesent­li­cher Bestand­teil der Offen­ba­rung ist, hat Ratz­in­ger zu Recht stark betont. Ich kann auch an kei­ner Stel­le in Ratz­in­gers theo­lo­gi­schen Schrif­ten erken­nen, dass er einer will­kür­li­chen = inter­es­sen­ge­lei­te­ten Aneig­nung des gött­li­chen Wor­tes je das Wort gere­det hät­te. Im Gegen­teil, Ratz­in­ger hat immer dar­auf bestan­den, dass Glau­be eben nicht das Selbst­ge­mach­te ist, son­dern das Emp­fan­ge­ne. Wo aber Offen­ba­rung ohne die­je­ni­gen gedacht wird, denen sie als Emp­fan­gen­de zuge­dacht ist, wird sie zu einem blin­den Akt (Mt 11,15 Wer Ohren hat, der höre!). Wahr­heit ist also kein mono­li­ti­scher Block, der als sol­cher erkannt wird, son­dern Wahr­heit kann sich nur in der Zeit aus­fal­ten. Damit ist nicht gesagt, dass Wahr­heit nicht über­zeit­lich ist, im Gegen­teil, ihre Über­zeit­lich­keit wird dem Men­schen erst deut­lich, indem er sie als Gna­zes in der Zeit erfasst. Mensch­li­ches Leben und damit Erken­nen ist an kei­nem Punkt, es sei denn durch den Tod, abge­schlos­sen. Es ist uns also immer mög­lich, ver­tief­te Ein­sich­ten zu gewin­nen. Wovon also theo­lo­gi­sche — nicht phi­lo­so­phi­sche — Erkennt­nis abhängt, ist nicht das blin­de Repe­tie­ren von Lehr­sät­zen, son­dern von ihrer gei­sti­gen Durch­drin­gung, die sich immer in der Zeit voll­zieht. Inso­fern sehe ich an dem, was der jun­ge Ratz­in­ger zu Bona­ven­turas Offen­ba­rungs­ver­ständ­nis geschrie­ben hat, nichts „moder­ni­sti­sches“, zumal sol­che Kli­schees im theo­lo­gi­schen Rin­gen um das rich­ti­ge Ver­ständ­nis im(!) Glau­ben wenig tau­gen.

      Natür­lich liegt in jedem Ver­such der gei­sti­gen Aneig­nung immer auch ein Risi­ko, weil sich ja Ver­ste­hen nicht auto­ma­tisch her­stellt, son­dern eben ein Akt ist, dem auch das Miss­ver­ste­hen inhä­rent ist. Pro­ble­ma­tisch wird es dann, wenn die Inten­ti­on nicht im Ver­ste­hen-wol­len liegt, son­dern in der Ver­füg­bar­ma­chung unter den eige­nen Wil­len. Dann ver­kehrt sich die Rich­tung der gei­sti­gen Aneig­nung hin zur Ver­schlos­sen­heit, die das eige­ne Selbst ver­ab­so­lu­tiert und an die Stel­le Got­tes das Ich setzt. Offen­ba­rung ist also immer ein Gesche­hen, das sich sowohl im Gestern als auch im Heu­te ver­wirk­licht, denn dem Men­schen ist es das Offen­bar-wer­den des gött­li­chen Wor­tes, das das rich­ti­ge Hören vor­aus­setzt. Wo die Selbst­sucht zur Taub­heit im Glau­ben führt, offen­bart sich nichts, außer das Selbst in sei­ner Ver­fan­gen­heit in ein­ge­bil­de­ter Macht. Wäre es so, dass der Mensch frei dar­über ver­fü­gen könn­te, was am gött­li­chen Wort bin­dend ist und was nicht, dann gäbe es nichts, was offen­bart wor­den wäre.

      Was mich an Papst Fran­zis­kus wirk­lich extrem stört, sind sei­ne merk­wür­di­gen, nur skur­ril zu nen­nen­den „Pres­se­kon­fe­ren­zen“ in luf­ti­ger Höhe, die dann von den Medi­en zu lehr­amt­li­chen Akten erho­ben wer­den. Jour­na­li­sten sind wirk­lich kei­ne Adres­sa­ten für eine tie­fe­re theo­lo­gi­sche Refle­xi­on über so schwie­ri­ge The­men, wie sie sich mit dem Sakra­men­ten­emp­fang ver­bin­den.

  4. Wer­ter @ Tra­di­ti­on und Glau­ben

    Es freut mich für Sie, dass Sie Ihr ver­ein­nah­men­des, vor­schnel­les Lob für mei­ne histo­ri­sche Ana­ly­se zurück­neh­men, flugs mei­ne drei Tex­te ab- und neu bewer­ten und Ihren inter­es­sens­ge­lei­te­ten Ansich­ten anpas­sen konn­ten. Was Sie dabei gesagt oder gemeint haben, sei für mich vor­erst dahin­ge­stellt, denn dazu müss­ten Sie sich zuerst mit dem Kom­men­tar des hoch­ver­ehr­ten @ Sua­rez argu­men­ta­tiv aus­ein­an­der­set­zen, der vor­weg­ge­nom­men hat, was ich zu sagen gehabt, aber so nicht gekonnt hät­te. Damit las­se ich es bewen­den, muss aber bemer­ken, dass alles, was Sie über mei­ne Per­son usw. gemut­maßt haben, gänz­lich falsch ist und damit wie­der­um Ihrer Rela­ti­vie­rung harrt.

    Papst Bene­dikt XVI. hat ein­mal zu jenen, die glau­ben, im Besitz der Wahr­heit zu sein, gesagt: „Wir haben nicht die Wahr­heit, aber die Wahr­heit hat uns“!
    Dabei hat er sich wohl auf Jesu Wort im Johan­nes­evan­ge­li­um bezo­gen und an jene gerich­tet, die Jesu Ver­hei­ßung an die Apo­stel über das Wei­ter­wir­ken des Hei­li­gen Gei­stes in der Kir­che igno­rie­ren: „Noch vie­les habe ich euch zu sagen, aber nicht könnt ihr es tra­gen jetzt; wenn aber kommt jener, der Geist der Wahr­heit, wird er füh­ren euch in die gan­ze Wahr­heit; denn nicht wird er reden aus sich selbst, son­dern was er hören wird, wird er reden, und das Kom­men­de wird er ver­kün­di­gen euch“ (Joh 16,12.13, Münch­ner Neu­es Testa­ment).

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