„Verräter“ und „Häretiker“ — die innerorthodoxe Diskussion über das katholisch-orthodoxe Verhältnis

Papst Franziskus mit Patriarch Kyrill in Havanna
Papst Franziskus mit Patriarch Kyrill in Havanna

(Mos­kau) Ser­gej Tsch­ap­nin, ver­öf­fent­lich­te bei „Asia­News“, dem auch für Ruß­land zustän­di­gen katho­li­schen Nach­rich­ten­por­tal, eine Ana­ly­se über die anti-west­li­che inner­or­tho­do­xe Oppo­si­ti­on gegen Patri­arch Kyrill I. und des­sen Tref­fen mit Papst Fran­zis­kus auf der Kari­bik­in­sel Kuba. Tsch­ap­nin, ein exzel­len­ter Ken­ner der Ortho­do­xie, war bis zu sei­ner Ent­las­sung im ver­gan­ge­nen Dezem­ber Chef­re­dak­teur des offi­zi­el­len Pres­se­or­gans des Mos­kau­er Patri­ar­chen. Grund für die Ent­las­sung war sei­ne im Novem­ber auf der ame­ri­ka­ni­schen Inter­net­sei­te „First Things“ ver­öf­fent­lich­te Kri­tik an einer zu engen Anleh­nung der rus­si­schen Kir­che an die Staats­macht. Er gehört damit der pro-west­li­chen, inner­or­tho­do­xen Oppo­si­ti­on an. 

Von Ser­gej Tsch­ap­nin

„Ver­rä­ter“ und „Häre­ti­ker“. Die Vor­wür­fe sind hart, die inter­ne Kri­ti­ker dem Mos­kau­er Patri­ar­chen Kyrill I. vor­hal­ten, weil er am 12. Febru­ar auf Kuba mit Papst Fran­zis­kus zusam­men­ge­trof­fen ist.

Die Kri­tik war ein Grund, wes­halb das Mos­kau­er Patri­ar­chat einem Tref­fen an einem Ort zustimm­te, der 10.000 Kilo­me­ter von Mos­kau ent­fernt liegt. Eine Begeg­nung auf rus­si­schem Boden war ohne­hin aus­ge­schlos­sen. Dem Patri­ar­chen von ganz Ruß­land wird vor­ge­wor­fen, „niko­di­misch“, also „zu öku­me­nisch“ zu sein.

Das weni­ge Tage vor­her von Mos­kau noch offi­zi­ell demen­tier­te Tref­fen mit dem Ober­haupt der römisch-katho­li­schen Kir­che war für die mei­sten Rus­sen, auch inner­halb der ortho­do­xen Kir­che, eine Über­ra­schung. Die vom Fern­se­hen aus Havan­na über­tra­ge­nen Bil­der mach­ten gro­ßen Ein­druck. Durch die räum­li­che Ent­fer­nung war jede Form uner­wünsch­ter Inter­ven­ti­on aus­ge­schlos­sen.

Vor wem muß­te der Patri­arch flüch­ten, daß er sich in 10.000 Kilo­me­ter Ent­fer­nung mit dem Papst getrof­fen hat? So lau­tet eine der Fra­gen, die ortho­do­xe Kri­ti­ker Kyrill stel­len. Die Kri­tik hat nicht nur mit dem Papst zu tun. Sie geht tie­fer. Dem seit 2009 amtie­ren­den Patri­ar­chen wird vor­ge­wor­fen, zwar eine Ver­wal­tungs­re­form durch­ge­führt zu haben, doch damit gleich­zei­tig alle Macht in sei­ner Hand kon­zen­triert und jede ernst­haf­te Oppo­si­ti­on aus­ge­schal­tet zu haben.

Heu­te hat Kyrill intern kei­nen nen­nens­wer­ten Wider­spruch im Epi­sko­pat. Im Kle­rus und unter den Mön­chen gibt es abwei­chen­de Mei­nun­gen, doch gel­ten jene, die ihre Stim­me erhe­ben, als rand­stän­dig. Und auf kri­ti­sche Stim­men von Lai­en muß ein Mos­kau­er Patri­arch schlicht und ergrei­fend erst gar nicht ach­ten.

Protest vor dem Amtssitz des Moskauer Patriarchen
Pro­test vor dem Amts­sitz des Mos­kau­er Patri­ar­chen

Vor wem ist er dann aber nach Kuba geflo­hen? Die offi­zi­el­le Les­art ist bekannt. Havan­na wur­de gewählt, um durch einen ört­li­chen Bezug die in Euro­pa noch bestehen­den Pro­ble­me in den katho­lisch-ortho­do­xen Bezie­hun­gen zu ver­mei­den.

In Mos­kau gibt es noch eine zwei­te Les­art. Die gro­ße Ent­fer­nung sei gewählt wor­den, um es zu ver­mei­den, daß die mar­gi­na­le, inner­or­tho­do­xe Oppo­si­ti­on hin­geht und sich Gehör ver­schafft. Wenn man im Patri­ar­chat deren Bedeu­tung her­un­ter­zu­spie­len ver­sucht, ken­nen alle Bischö­fe die­se „rand­stän­di­ge“ Oppo­si­ti­on sehr genau. Jeder von ihnen bekommt Brie­fe, Anru­fe und E‑Mails und der Tenor ist immer der­sel­be: die Sor­ge, daß die Bischö­fe die hei­li­ge Ortho­do­xie ver­ra­ten könn­ten.

Offi­zi­ell äußert sich das Patri­ar­chat nicht dazu. Inof­fi­zi­ell heißt es, daß ein Dia­log nicht mög­lich sei. Das erklärt auch, war­um das Tref­fen mit dem Papst in strik­ter Geheim­hal­tung vor­be­rei­tet wur­de. Auch dazu gibt es eine ande­re Les­art, der zufol­ge Patri­arch Kyrill kei­nen Dia­log mit sei­nen Kri­ti­kern füh­ren will.

Für die tech­ni­sche Abwick­lung des Tref­fens war der Schach­zug ziel­füh­rend. Ob er auch stra­te­gisch klug war, ist eine ganz ande­re Fra­ge, denn ohne einen Dia­log mit den Kri­ti­kern der ortho­dox-katho­li­schen Annä­he­rung wird Mos­kau nicht aus­kom­men. Den Treff­punkt Kuba lesen die Kri­ti­ker als eine Schwä­che Kyrills. Sie neh­men an, daß der Patri­arch Angst vor ihnen habe, was sie als eige­ne Stär­ke deu­ten.

Traditionalisten und „Nikodimiker“

Wor­in könn­te die inhalt­li­che Schwä­che des Patri­ar­chen lie­gen? Die Fra­ge hat damit zu tun, daß der von Kyrill beschrit­te­ne Weg, der „niko­di­misch“ genannt wird, noch sehr jung ist. Benannt ist er nach dem Metro­po­li­ten Niko­dim von Lenin­grad und Now­go­rod, der 1978 wäh­rend einer Audi­enz vor den Augen von Papst Johan­nes Paul I. uner­war­tet an einem Herz­in­farkt gestor­ben ist.

Hieromärtyrer Hilarion Troitsky (1886-1929)
Hie­ro­mär­ty­rer Hil­ari­on Troits­ky (1886–1929)

Niko­dim wur­de inner­or­tho­dox vor­ge­wor­fen, ein „Kryp­to-Katho­lik“ zu sein. In Wirk­lich­keit war er weder von einer Ableh­nung gegen­über dem Vati­kan geprägt noch sah er in jedem nicht-ortho­do­xen Chri­sten einen Feind. Das war mehr oder weni­ger auch schon alles. Die Tat­sa­che, daß er die Katho­li­ken nicht als „Häre­ti­ker“ bezeich­ne­te, wur­de jedoch von einem Teil der Ortho­do­xen schon als Skan­dal gese­hen.

Der „niko­di­mi­schen“ Rich­tung steht die soge­nann­te „patri­sti­sche“ Rich­tung gegen­über. So nennt sich die Oppo­si­ti­on zu Kyrill und bezieht sich damit auf die byzan­ti­ni­sche Über­lie­fe­rung und die rus­si­schen Theo­lo­gen des 19. Jahr­hun­derts. Bischof Tichon (Schew­ku­now), der Beicht­va­ter des rus­si­schen Staats­prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin, stell­te für sei­ne Pre­digt vom ver­gan­ge­nen Sonn­tag, eine erstaun­li­che Liste von Zita­ten zusam­men. Posi­ti­ve und nega­ti­ve Aus­sa­gen über die Katho­li­ken schei­nen sich die Waa­ge zu hal­ten. Die nega­ti­ven Aus­sa­gen sind jedoch sehr stark, dar­un­ter Zita­te von zwei Kir­chen­ver­tre­tern, die von der ortho­do­xen Kir­che als Hei­li­ge ver­ehrt wer­den.

Den hei­li­gen Igna­ti­us (Brjant­scha­ni­now) von Staw­ro­pol (1807–1867) zitier­te er mit den Wor­ten: „Papis­mus, so nennt sich die vom Westen erklär­te Häre­sie, aus dem wie Äste aus einem Baum die ver­schie­de­nen pro­te­stan­ti­schen Leh­ren her­vor­ge­gan­gen sind.“

Das Zitat von Bischof Tichon ende­te an die­ser Stel­le. Es geht aber noch här­ter wei­ter: „Der Papis­mus weist dem Papst die Eigen­schaft Chri­sti zu und lehnt damit Chri­stus ab. Eini­ge west­li­che Autoren haben die­se Ableh­nung fast expli­zit geäu­ßert, indem sie sag­ten, daß die Zurück­wei­sung von Chri­stus eine gerin­ge­re Sün­de sei, als die Zurück­wei­sung des Pap­stes. Der Papst ist ein Göt­ze der Papi­sten; er ist ihre Gott­heit.“

Soweit woll­te Bischof Tichon also nicht gehen.

Der ande­re ist der hei­li­ge Hie­ro­mär­ty­rer Hil­ari­on (Troits­ky) von Ver­ey (1886–1929): „Die Katho­li­ken sind für mich nicht Kir­che und daher nicht ein­mal Chri­sten, weil es kein Chri­sten­tum ohne Kir­che gibt.“

Ioann Krestiankin (1910-2006)
Ioann Kre­stian­kin (1910–2006)

Ioann Kre­stian­kin, Archi­man­drit des Drei­fal­tig­keits­klo­ster von Ser­gi­jew Pos­sad (1910–2006): „Bei der Ver­tie­fung in die Geschich­te und bei der Beob­ach­tung der Hand­lun­gen der neu­en Ret­ter Ruß­lands stel­len wir fest, daß die römisch-katho­li­sche Kir­che immer dann auf­tauch­te, wenn dunk­le Zei­ten anbra­chen, mit dem ein­zi­gen Zweck, die Rus der Herr­schaft Roms zu unter­wer­fen.“

Zur Ver­tei­di­gung des Dia­logs mit den Katho­li­ken zitier­te Bischof Tichon eben­falls eini­ge Stel­len, dar­un­ter den hei­li­gen Theo­phan den Klau­sern (1815–1894), der Bischof von Tam­bow und dann von Wla­di­mir war: „Unse­re Hei­li­ge Kir­che ist nach­sich­tig gegen­über den Katho­li­ken und erkennt nicht nur die katho­li­sche Tau­fe und ande­re Sakra­men­te an, son­dern auch das Prie­ster­tum, was von gro­ßer Bedeu­tung ist. Man muß nur beden­ken, daß man nicht zu den Katho­li­ken wech­seln kann, weil sie eini­ge Tei­le des kirch­li­chen Bekennt­nis­ses beschä­digt und in Abwei­chung von den Alten ver­än­dert haben.“

Der hei­li­ge Metro­po­lit Phil­aret (Dros­dow) von Mos­kau (1782–1867): „Alle im Namen der Aller­hei­lig­sten Drei­fal­tig­keit getauf­ten Indi­vi­du­en sind Chri­sten unab­hän­gig von ihrer kon­fes­sio­nel­len Zuge­hö­rig­keit. Es gibt nur einen wah­ren Glau­ben, den ortho­do­xen, aber alle christ­li­chen Kon­fes­sio­nen bestehen dank der Nach­sicht des All­mäch­ti­gen wei­ter. Das Evan­ge­li­um ist für alle das eine, auch wenn es nicht alle auf die­sel­be Wei­se ver­ste­hen und aus­le­gen. Man soll jenen ihre Feh­ler nicht vor­hal­ten, die sich von der uni­ver­sa­len Kir­che ent­fernt haben, wenn sie seit ihrer Geburt nach einer ande­ren Kon­fes­si­on erzo­gen wer­den. Die ein­fa­chen See­len glau­ben in ihrer Schlicht­heit an die Leh­re, die ihnen gelehrt wird, ohne durch reli­giö­se Debat­ten berührt zu wer­den, die sich ihrer Reich­wei­te ent­zie­hen. Es sind ihre geist­li­chen Füh­rer, die sich dafür vor Gott ver­ant­wor­ten müs­sen. From­me Men­schen fin­det man eben­so vie­len in der ortho­do­xen Kir­che wie in der römisch-katho­li­schen. Die wah­re reli­giö­se Tole­ranz kann sich nicht ver­stei­fen, um die Chri­sten unter­ein­an­der zu spal­ten, son­dern um für die Ein­heit aller zu beten.“

„Konfusion“ und Erziehung

Es fällt auf, daß sich die Kennt­nis der katho­li­schen Kir­che unter Ortho­do­xen, auch unter gebil­de­ten Bischö­fen, auf das 19. und frü­he 20. Jahr­hun­dert beschränkt. Damit die rus­si­sche Kir­che eine Zusam­men­ar­beit mit den Katho­li­ken im Geist der Gemein­sa­men Erklä­rung von Havan­na begin­nen kann, braucht es eine gro­ße Erzie­hungs­ar­beit. Es ist not­wen­dig, zu erzäh­len, was die römisch-katho­li­sche Kir­che heu­te ist, denn davon wis­sen in Ruß­land nur weni­ge.

Es ist inter­es­sant zu bemer­ken, daß Bischof Tichon die Situa­ti­on dra­ma­ti­siert. Über das Ver­hält­nis der Ortho­do­xen zum Tref­fen zwi­schen dem Papst und dem Patri­ar­chen sag­te er: „Für einen guten Teil der Ortho­do­xen war die­ses Ereig­nis auch Anlaß für eine schwer­wie­gen­de Ver­wir­rung. Nen­nen wir die Din­ge beim Namen. Wir Prie­ster wis­sen es von den Beich­ten, von den Fra­gen, die uns bei den Begeg­nun­gen gestellt wer­den und den Brie­fen.“

Die Wor­te, „ein guter Teil der Ortho­do­xen“, stel­len eine per­sön­li­che Mei­nung von Bischof Tichon dar, um nicht zu sagen, eine Mani­pu­la­ti­on. Es gibt kei­ne glaub­wür­di­gen Anga­ben zur Zahl der ortho­do­xen Oppo­si­ti­on. Es wur­den kei­ne Erhe­bun­gen durch­ge­führt. Sie dürf­ten sich auf zwei, drei Bischö­fe und eini­ge Dut­zend Prie­ster beschrän­ken.

Anti-westliche Innerorthodoxe Opposition
Anti-west­li­che Inner­or­tho­do­xe Oppo­si­ti­on

Eine per­sön­li­che Umfra­ge unter Bekann­ten und in den sozia­len Netz­wer­ken ergab, daß eine über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit ant­wor­te­te, daß es in ihren Pfar­rei­en kei­ne Prie­ster oder Lai­en mit anti-öku­me­ni­scher Ein­stel­lung gebe. Die­se Grup­pen schei­nen sich unter dem Ein­fluß eini­ger Star­zen zu tref­fen, wie zum Bei­spiel dem Hie­ro­mönch Raf­fa­el (Bere­stow) und orga­ni­sie­ren Kam­pa­gnen auf sehr belieb­ten ortho­do­xen Inter­net­por­ta­len.

Eine der wich­tig­sten Sei­ten die­ser Kam­pa­gne ist die Sei­te „Mos­kau, Drit­tes Rom“ (3rm.info). Dort fin­den sich alle Mate­ria­li­en zur Oppo­si­ti­on gegen die öku­me­ni­sche Linie des Patri­ar­chen. Dort fin­det sich auch das Flug­blatt „Auf­ruf an die ortho­do­xe Jugend“, das her­un­ter­ge­la­den wer­den kann, das ein gan­zes „Regi­ster“ der Sün­den von Prie­stern und Bischö­fen auf­li­stet. Dar­in heißt es:

„Ihr habt Euer Andie­nen gegen­über dem Vati­kan mit der Sor­ge für die Chri­sten getarnt, die im Nahen Osten ster­ben.“ Bis Sonn­tag abend wur­de das Flug­blatt ins­ge­samt 1975 Mal her­un­ter­ge­la­den. Sehr wenig für eine gro­ße Kam­pa­gne inner­halb der rus­si­schen Kir­che. ((Die Betrei­ber der Sei­te beklag­ten, daß das Por­tal in den ver­gan­ge­nen Tagen Hacker­an­grif­fen aus­ge­setzt und daher nicht erreich­bar war. Die ortho­do­xen Kri­ti­ker sehen dar­in eine „Beweis“ für die Zusam­men­ar­beit zwi­schen Staat und Kir­che, Anm. Katholisches.info))

Anti-ökumenische Welle

Bis­her gab es nur weni­ge Fäl­le im Kle­rus, die öffent­lich erklär­ten, in der Lit­ur­gie nicht mehr für den Patri­ar­chen zu beten. Dazu gehört der Hegu­men Ambro­si­os, Dekan des Män­ner­klo­sters des hei­li­gen Zosi­mus Sawa, der am Tag nach dem Tref­fen in Havan­na sei­nem Bischof schrieb und erklär­te, er höre mit sofor­ti­ger Wir­kung auf, den Namen von Patri­arch Kyrill in der hei­li­gen Lit­ur­gie zu erwäh­nen.

Am 19. Febru­ar schrie­ben zwölf Prie­ster und zwei Klö­ster in Mol­da­wi­en dem Metro­po­li­ten von Chi­si­nau und der gan­zen Mol­dau, dem sie mit­teil­ten, in der Lit­ur­gie nicht mehr sei­nen Namen zu erwäh­nen, da die rus­si­sche Kir­che der Häre­sie des Öku­me­nis­mus ver­fal­len sei. Sie for­der­ten die Auf­he­bung einer Rei­he von Ent­schei­dun­gen des Hei­li­gen Syn­od, die im Zusam­men­hang mit der Öku­me­ne und dem pan­or­tho­do­xen Kon­zil ste­hen, das für kom­men­den Juni geplant ist. Gleich­zei­tig ver­lan­gen sie die Ver­ur­tei­lung der Gemein­sa­men Erklä­rung von Papst Fran­zis­kus und Patri­arch Kyrill.

Wie es scheint, hat die anti-öku­me­ni­sche Wel­le in der rus­si­schen Kir­che bereits ihren Höhe­punkt erreicht und beginnt wie­der abzu­eb­ben. Der Ver­such, das Tref­fen mit dem Papst zum Vor­wand zu neh­men, um eine Oppo­si­ti­on gegen Patri­arch Kyrill zu schaf­fen, ist ein­deu­tig miß­lun­gen. Den­noch wird man die Dis­kus­si­on über die Öku­me­ne nicht als been­det betrach­ten kön­nen. Eine Rei­he von Bischö­fen, auch der grie­chi­schen und geor­gi­schen Kir­che, haben die Text­ent­wür­fe für das pan­or­tho­do­xe Kon­zil scharf kri­ti­siert. Die Grund­sät­ze einer öku­me­ni­schen Zusam­men­ar­beit sind aus der Sicht der tra­di­tio­nel­len ortho­do­xen Ekkle­sio­lo­gie nicht halt­bar. Das bedeu­tet, daß der Kon­flikt zwi­schen Öku­me­ni­kern und Anti-Öku­me­ni­kern inner­halb der ortho­do­xen Kir­che nicht auf­hö­ren wird. Er wird wei­ter­ge­hen, manch­mal auf­lo­dern, ande­re Male zurück­ge­hen.

Spre­chen wir schließ­lich noch von der radi­kal­sten Inter­pre­ta­ti­on des Tref­fens von Havan­na. Indem er die unbe­quem­sten Fra­gen sei­ner Pfarr­an­ge­hö­ri­gen vor­weg­nahm, sag­te der Ver­ant­wort­li­che einer Mos­kau­er Kir­che in der Pre­digt vom 14. Febru­ar:

„Es gibt eine posi­ti­ve Stim­me, daß der Papst von Rom bereu­en und in den Schoß der ortho­do­xen Kir­che zurück­keh­ren will.“

Die Aus­sa­ge zeigt, wel­che Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und wel­cher völ­li­ge Man­gel an Ver­ständ­nis für das Gesche­he­ne vor­han­den ist. Lei­der kamen die offi­zi­el­len Erläu­te­run­gen vor dem Tref­fen sehr spät, sowohl von Patri­arch Kyrill als auch von Metro­po­lit Hil­ari­on. Die Lage wäre viel ruhi­ger, wenn der Kle­rus von Ruß­land zumin­dest ein biß­chen bes­ser auf die­ses Tref­fen vor­be­rei­tet wor­den wäre.

Text: Ser­gej Tschapnin/Asianews
Einleitung/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Asianews/Wikicommons/3rm.info (Screen­shot)

9 Kommentare

  1. Es gibt eine posi­ti­ve Stim­me, dass der Papst von Rom bereu­en und in den Schoss der ortho­do­xen Kir­che zurück­keh­ren will…Ein Ergeb­nis dass Fran­zis­kus erreicht hat ist, dass jetzt in der ortho­do­xen Kir­che ein Streit aus­ge­bro­chen ist, für das Für und Wider des Tref­fens von Fran­zis­kus mit Kyrill. Fran­zis­kus ist bekannt dafür, dass er sich ger­ne ent­schul­digt und bereut. Des­halb kann man sagen, die eine posi­ti­ve Stim­me ist Fran­zis­kus sel­ber.

  2. Koen­nen die Chri­sten nicht bes­ser zusam­men­hal­ten in die­sen schwie­ri­gen Zei­ten?

  3. Ser­gej Tsch­ap­nin ana­ly­siert natür­lich aus der Per­spek­ti­ve eines Ver­söhn­lers und west­le­risch sowie öku­me­ni­stisch ein­ge­stell­ten rus­si­schen Jour­na­li­sten. Er schreibt das was man im westl. Leser­kreis hören und lesen möch­te; ähn­lich mani­pu­la­tiv arbei­tet auch seit Jahr­zehn­ten „Pro ori­en­te“. Auch ist es zu ver­all­ge­mei­nernd und auch unred­lich die Kri­tik bzw. das Unbe­ha­gen bestimm­ter Kir­chen­krei­se der rus­si­schen Kir­che an die­sem Tref­fen als „Oppo­si­ti­on“ zu Patri­arch Kirill hoch­zu­sti­li­sie­ren und hier so zu tun als wür­de es gera­de­zu Gra­ben­kämp­fe geben.

  4. Öst­li­che Schis­ma­ti­ker! Wo kein Papst, meh­ren sich die Päp­ste! Die ein­zig wah­re Öku­me­ne kann und darf nur dar­in bestehen, dass die getrenn­ten Geschwi­ster wie­der mit Rom uniert wer­den.

  5. Die rus­si­schen Schis­ma­ti­ker leh­nen ab:

    - die Leh­re des Her­vor­ge­hens des Hl. Gei­stes aus dem Vater und dem Sohn

    - die Unbe­fleck­te Emp­fäng­nis Mariä

    - das Zustan­de­kom­men der Wand­lung in der hl. Mes­se durch die Kon­se­kra­ti­ons­wor­te (allein)

    - die Exi­stenz des Feg­feu­ers

    - die Pflicht, in der Beich­te die Beicht­ma­te­rie zu nen­nen (sie begnü­gen sich mit Gemein­plät­zen wie „ich bin ein gro­ßer, gro­ßer Sün­der“ usw.)

    - die abso­lu­te Unver­letz­lich­keit des Beicht­ge­heim­nis­ses (staat­li­chen Behör­den dür­fen bestimm­te Ver­bre­chen durch den Beicht­va­ter ange­zeigt wer­den)

    - die Kano­ni­zi­tät bestimm­ter Bücher der Hl. Schrift

    - die Unfehl­bar­keit und den Juris­dik­ti­ons­pri­mat des Pap­stes

    Sie sind, wie sich aus die­ser unvoll­stän­di­gen Liste ergibt, nicht nur Schis­ma­ti­ker, son­dern auch Häre­ti­ker.

    Die rus­si­schen (wohl mehr noch die grie­chi­schen) Schis­ma­ti­ker zeich­nen sich dar­über­hin­aus u.a. durch gro­ben Aber­glau­ben aus, z.B. durch die Mei­nung, in den Iko­nen sei die dar­ge­stell­te Per­son irgen­wie „gegen­wär­tig“ — man ver­glei­che damit, was der Cate­chis­mus Roma­nus zur Ver­eh­rung der hei­li­gen Bil­der sagt.

    Die schis­ma­ti­schen Rus­sen, Grie­chen usw. wür­di­gen das Chi­sten­tum auf das Niveau einer „Stam­mes­re­li­gi­on“ her­ab; deren nach­ge­ra­de irra­tio­na­le ‑um das Wort „spei­chel­lecke­ri­sche“ zu ver­mei­den- Erge­ben­heit gegen­über den jeweils im Staat Mäch­ti­gen ‑gleich­gül­tig, ob es sich um den Zar, Sta­lin oder wen auch immer han­delt- ist dewe­gen kein Zufall, eben­so­we­nig wie der Man­gel von nen­nens­wer­ten Ver­su­chen der „Mis­sio­nie­rung“ über die Lan­des­gren­zen hin­aus.

    Auch ein even­tu­ell etwas mode­ra­te­rer „Patri­arch“ wie „Cyrill I.“ wird die­ses in Häre­sie, Aber­glau­ben und Staats­hö­rig­keit erstarr­te Gebil­de kaum in irgend­wie rele­van­ter Wei­se der ein­zig wah­ren, römisch-katho­li­schen Kir­che annä­hern kön­nen. Dazu bedürf­te es eines außer­or­dent­li­chen Wun­ders — und sol­che pfle­gen sich für gewöhn­lich nicht auf der Basis win­di­ger Papie­re zu ereig­nen, in denen irgend­wel­che vor­geb­li­chen „Ver­bal­kon­sen­se“ hoch­ge­ju­belt wer­den.

    Übri­gens hat der Papst selbst erklärt, das unter­zeich­ne­te Doku­ment habe letzt­lich kei­ne all­zu gro­ße Bedeu­tung, es käme vor allem auf die Begeg­nung mit dem „Patri­ar­chen“ als sol­che an. Es darf jedoch füg­lich bezwei­felt wer­den, daß die­se Begeg­nung in spä­te­rer histo­ri­scher Betrach­tung viel mehr dar­stel­len wird als eine kurz­le­bi­ge, künst­li­che auf­ge­bausch­te Sen­sa­ti­on.

    • Geehr­ter @ Anti­fe­bro­ni­us, das ist ein guter Bei­trag!

      Ihre Dar­le­gung zu Russ­land lenkt die Erin­ne­rung nach Fati­ma 1917 und nach­fol­gend (Wor­te an Sr. Lucia): „Die Bit­te der Got­tes­mut­ter, dass der Papst in Ein­heit mit allen Bischö­fen der Welt Russ­land ihrem Unbe­fleck­ten Her­zen wei­he.… Dann wird Russ­land sich bekeh­ren.…. Wenn nicht, wird Russ­land sei­ne Irr­tü­mer über die gan­ze Welt ver­brei­ten.…“

      Die­se Bit­te wur­de bis heu­te von der Kir­che, vom Papst, nicht erfüllt. Die Bekeh­rung Russ­lands und somit die Rück­kehr Russ­lands zur wah­ren katho­li­schen Kir­che ist bis­her nicht gesche­hen.
      Die Bot­schaft von Fati­ma ist aktu­ell.

      • C.Eckstein:Und wer „bekehrt“ die USA-die­ser rie­si­ge Mili­tä­risch-Indu­stri­el­le Kom­plex? Die­se Nati­on gibt für mili­tä­ri­sche Auf­rü­stung soviel aus wie die gesamm­te Welt ausgibet:1 Bil­li­on Dol­lar bis 2030.JAÄHRLICH ÜBER 620 Mil­li­ar­den Dollar!Wada noch was oder noch Fra­gen? Ach so-natür­lich der böse,böse Rus­se und Putin ist an allem Schuld.China und NATO ‑und USA sind a gaaa­anz Lieb,nicht?

    • Ja, wirk­lich ein nütz­li­cher Bei­trag zum illu­si­ons­lo­sen Erken­nen römisch-katho­li­scher und jesui­ti­scher Gesin­nung.

      • Wer­ter @ Anti­fe­bro­ni­us, mei­ne gal­li­ge Bemer­kung darf ich ein wenig erläu­tern. Sie haben völ­lig recht, dass nach tra­di­tio­nel­ler katho­li­scher Theo­lo­gie die öst­li­che Ortho­do­xie schis­ma­tisch und häre­tisch ist. Umge­kehrt gilt natür­lich auch: Aus Sicht der ortho­do­xen Theo­lo­gie sind die „Latei­ner“ Schis­ma­ti­ker und Häre­ti­ker. Wer ein wenig die Ortho­do­xie und ihr Behar­rungs­ver­mö­gen kennt, weiß, sie wird nie­mals aner­ken­nen, dass sie sich seit tau­send Jah­ren geirrt hat. War­um soll­te sie? Sie hat 1054 kei­nen Bruch voll­zo­gen, im gro­ßen und gan­zen blieb sie ein­fach bei dem, was sie bis dahin immer glaub­te. Ihr „Ver­bre­chen“ bestand dar­in, gewis­se west­li­che Ände­run­gen nicht zu über­neh­men. Die römi­sche Kir­che ist nicht erst seit 1962 neue­rungs­freu­dig. Basis der ortho­do­xen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re, ihres Kults, ihres Rechts, ihrer Dis­zi­plin sind (neben der Schrift) die Kon­zi­li­en, deren Kano­nes bis heu­te für sie Gül­tig­keit haben — im Unter­schied zur römi­schen Kir­che. Es war ja Rom, wel­ches, um zwei pro­mi­nen­te Bei­spie­le zu nen­nen, das Filio­que in das Glau­bens­be­kennt­nis von Nizäa und Kon­stan­ti­no­pel nach­träg­lich ein­füg­te und erst n a c h 1054 (!) dog­ma­ti­sier­te; es war ja Rom, das den Kanon eines von ihm aner­kann­ten Öku­me­ni­schen Kon­zils (von Chal­ze­don) bezüg­lich des Pri­mats nach­träg­lich nicht aner­kann­te. Bei­des, sowohl das Filio­que als auch die Pri­mats­fra­ge, waren jahr­hun­der­te­lang zwi­schen Ost und West umstrit­ten, aber sie wur­den nicht als glau­bens­tren­nend ange­se­hen (was auch Papst Bene­dikt XVI. unter­stri­chen hat). Erst nach 1054 wur­den sie ent­spre­chend hoch­sti­li­siert. Patri­arch Pho­ti­os, einer der größ­ten Gelehr­ten sei­ner Zeit und scharf­sin­ni­ger Kri­ti­ker der bei­den genann­ten römi­schen Glau­bens­sät­ze, vor­über­ge­hend vom Papst anathe­ma­ti­siert, im Osten als Hei­li­ger ver­ehrt, starb, ohne dass er sei­ne Theo­lo­gie geän­dert hät­te, in kano­ni­scher Ein­heit mit Rom, nicht als „Schis­ma­ti­ker“ bzw. „Häre­ti­ker“. Natür­lich weiß Papst Fran­zis­kus die­se Din­ge, wie sie auch Patri­arch Kyrill bekannt sind, und den Päp­sten und Patri­ar­chen vor ihnen. Weder die Römer noch die Byzan­ti­ner waren und sind Unschulds­en­gel. Man will zuein­an­der kom­men. Statt ein­an­der immer die glei­chen Sachen an den Kopf zu wer­fen und auf der Stel­le zu tre­ten, macht man theo­lo­gi­schen Dia­log, der gewis­se Resul­ta­te ver­zeich­nen kann (etwa in der Filio­que-Fra­ge), und ver­sucht prak­tisch zusam­men­zu­ar­bei­ten in einer Welt, die dem Chri­sten­tum und der Chri­sten­heit von Tag zu Tag feind­li­cher gesinnt ist. Alle fünf Minu­ten wird auf der Erde ein Christ ermor­det, nur wegen sei­nes Glau­bens, nur weil er Christ ist. Und nun erin­nern Sie dar­an, dass die Ortho­do­xen Schis­ma­ti­ker und Häre­ti­ker sind. Als hät­ten wir das nicht gewusst. Wie gesagt, glei­ches wird Ihnen der Ortho­do­xe sagen, und so kön­nen wir uns hin­stel­len und ein­an­der ad infi­ni­tum ins Gesicht schrei­en: ihr Schis­ma­ti­ker, ihr Häre­ti­ker! Und natür­lich: nicht nur Rom ist hier, streng­ge­nom­men, unehr­lich, auch Mos­kau ist es. Und die Byzan­ti­ner und Mos­ko­wi­ter sind nicht düm­mer oder weni­ger listig als die Römer. Es ist eine poli­ti­sche Erklä­rung. Mei­ner Mei­nung nach ein Beschwich­ti­gungs- und Unter­wer­fungs­ri­tu­al vor der NWO-Eli­te, in die man jedoch unver­zicht­ba­re christ­li­che Essen­ti­als ein­ge­fügt hat — was dem Lamm gegen den Wolf letzt­lich nicht hel­fen wird. Obwohl das Lamm dem Wolf das Was­ser nicht trüb­te, wird es trotz­dem gefres­sen. Was wir uns fra­gen soll­ten, ist: Wie die­nen wir unse­rem Herrn Jesus Chri­stus. Das ist der Blick­win­kel, aus dem wir die­sen und alle her­ge­brach­ten Kon­flik­te unter Chri­sten betrach­ten und ange­hen müs­sen.

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