Der Papst muss sich entscheiden: Nathan der Weise oder Christus

Nathan der Weise oder Christus, der Papst muß sich entscheiden
Nathan der Weise oder Christus, der Papst muß sich entscheiden

Gast­kom­men­tar von Klaus Obenauer*

1. Warum ich schreibe

Kri­tik an der Video-Prä­sen­ta­ti­on der päpst­li­chen Gebets­mei­nung zum Monat Ja­nuar, in der Papst Fran­zis­kus eine maß­geb­li­che und höchst kri­tik­an­fäl­li­ge Rol­le spielt, ist schon von zahl­rei­chen ande­ren geübt wor­den. Nur weil eine epi­sko­pa­le Stel­lung­nah­me von Gewicht – nach mei­ner Wahr­neh­mung jeden­falls – bis­lang fehlt und die Sache an sich von aller­größ­ter Bedeu­tung ist, habe ich mich doch noch dazu ent­schlos­sen, den Chor der Pro­te­stie­ren­den aus der hin­te­ren Rei­he mit mei­ner unmaß­geb­li­chen Stim­me ein biss­chen zu ver­stär­ken. – Damit noch­mals klar ist, wor­um es geht: Es ist dies das (zu Recht) skan­da­li­sier­te Video mit sei­ner rela­ti­vi­stisch anmu­tenden Bot­schaft: vie­le Wege, Gott zu suchen und zu fin­den – aber wir alle sind doch Kin­der Got­tes; „ich ver­traue auf Bud­dha“ / „ich glau­be an Jesus Chri­stus“ etc. etc. – aber wir alle glau­ben doch an die Liebe.

Wie viel­leicht man­cher Leser regi­striert hat, bin ich in letz­ter Zeit mit (öffentli­cher) Kri­tik, zumal am Papst, zurück­hal­ten­der gewor­den. Das hat sei­ne Grün­de. Und den Vor­satz grö­ße­rer Zurück­hal­tung zu bre­chen, fällt mir nicht leicht. Erst vor nicht ganz drei Wochen hat­te ich die Gele­gen­heit zu einem Gespräch mit ei­nem sehr hohen Mit­glied der kirch­li­chen Hier­ar­chie; und bei die­ser Gele­gen­heit sag­te ich neben­bei, dass ich die Zeit für der­art Stel­lung­nah­men für mich eigent­lich abge­lau­fen sehe („est tem­pus loquen­di – est tem­pus silen­di“: cf. Ecl. 3,7). Soll­te er von die­ser Stel­lung­nah­me Kennt­nis erhal­ten, bit­te ich um Ver­ständ­nis, dass ich mich inner­lich genö­tigt sehe, mei­nen aus­ge­spro­che­nen Vor­satz zu brechen.

War­um die­se Empha­se der Zurück­hal­tung? Nun, Kri­tik am Papst zu üben, das zehrt doch irgend­wie – es hin­ter­lässt irgend­wie inner­lich Spu­ren, sich so zu ex­ponieren, zumal wenn die­ser jemand, gegen den man sich mit sei­ner Wort­mel­dung ins Spiel bringt, wahr­lich nicht irgend­je­mand ist, son­dern eben der rö­mi­sche Pon­ti­fex, dem­ge­gen­über der katho­lisch Glau­bende kei­nen Höhe­ren auf Er­den aner­kennt. Ja, und ganz mensch­lich: irgend­wann bringt sich das Bedürf­nis nach har­mo­ni­scher Unauf­fäl­lig­keit mäch­tig zur Gel­tung gegen eine gewis­se Un­lust, die da sagt: sol­len doch ande­re das Enfant ter­ri­ble spielen.

Zumal auch in „unse­ren eige­nen Rei­hen“ Papst­kri­ti­ker sich gegen so man­ches Ver­dikt wapp­nen müs­sen, habe ich (in bewähr­ter Manier) zum Galater­briefkom­mentar des hei­li­gen Tho­mas gegrif­fen, und dar­in eben­so Anspor­nen­des wie Trost­vol­les gefun­den. Zur berühm­ten Bege­ben­heit, wonach der hl. Pau­lus den hl. Petrus, also den von Chri­stus bestell­ten Fel­sen­mann, zurecht­ge­wie­sen hat ob sei­ner schil­lern­den Hal­tung gegen­über den Hei­den­chri­sten (Gal 2,11–14), be­merkt der hei­li­ge Tho­mas in wirk­lich nichts zu wün­schen übrig las­sen­der bün­di­ger Kürze:

"Das Video des Papstes" - Gebetsanliegen des Papstes im Januar 2016
„Das Video des Pap­stes“ — Gebets­an­lie­gen des Pap­stes im Janu­ar 2016

„Aus dem Zuvor­be­sag­ten also haben wir ein Bei­spiel: und zwar die Prä­la­ten ein sol­ches der Demut, dass sie es [näm­lich] nicht ver­schmä­hen, von Gerin­ge­ren und Unter­ge­be­nen zurecht­gewiesen [‚cor­ri­gi‘] zu wer­den; die Unter­ge­be­nen hin­ge­gen ein Bei­spiel des Eifers und der inne­ren Frei­heit [‚liber­ta­tis‘], dass sie sich nicht scheu­en, die Prä­la­ten zurecht­zu­wei­sen, be­sonders wenn das Ver­ge­hen [‚cri­men‘] öffent­lich ist und zur Gefahr für die Mas­se zu wer­den droht.“ (in: ADGa­la­tas II, lectio3)

Und wenn wir näher hin­se­hen: die The­ma­ti­ken, wor­in es im aktu­el­len Fall geht und wor­um es damals beim hl. Pau­lus ging, lie­gen gar nicht so weit aus­ein­an­der; es gibt gewis­se Über­schnei­dun­gen. Auf jeden Fall geht es in bei­den Fäl­len um die Ein­deu­tig­keit der Heils­uni­ver­sa­li­tät Chri­sti und des Glau­bens an ihn sowie eben um die Kon­se­quen­zen dar­aus. – Wenn ich mir die­se Bemer­kung noch er­lauben darf: die lako­nisch knap­pen Aus­sa­gen des hl. Tho­mas haben vor dem Hinter­grund einer so fun­da­men­ta­len Ange­le­gen­heit Vor­rang; auch gegen­über Mahnun­gen eines hei­li­gen Pater Pio, die nicht zu einem Feti­schi­sie­ren kritiklo­ser Unter­würfigkeit ver­ab­so­lu­tiert wer­den dür­fen. Über­dies spricht der Aqui­na­te in der zi­tierten Pas­sa­ge aus­nahms­los von den „Un­ter­gebenen“ („sub­di­ti“). Frei­lich sind gemäß dem bibli­schen Pro­to­typ die erst­berufenen Kri­ti­ker eines Pap­stes die Bi­schöfe; das schließt jedoch Nicht­bi­schö­fe wie über­haupt (wie in mei­nem Fall) Lai­en nicht a limi­ne aus, zumal wenn aus bischöf­li­chem Mund Kri­tik ausbleibt.

Die kon­kre­ten Kri­tik­punk­te an dem ärger­li­chen Video sind frei­lich bekannt, schon längst von zahl­rei­chen ande­ren benannt und erör­tert. Mei­ner­seits darf ich so zusam­men­fas­sen: in strik­ter metho­di­scher Pari­tät wer­den die Reli­gio­nen als unter­schied­li­che Wei­sen, Gott zu suchen und zu fin­den, prä­sen­tiert ((Will man skru­pel­haft genau sein, muss man frei­lich zuge­ben, dass wört­lich nur davon die Rede ist, dass „vie­le“ Gott auf unter­schied­li­che Wei­se suchen und fin­den – al­lein die dich­te kon­tex­tu­el­le Ein­bin­dung lässt kei­nen Zwei­fel, dass die­se ver­schiedenen Wei­sen der „vie­len“ gera­de auch und vor allem die der unterschied­lichen Reli­gio­nen sind.)), ohne dass nur irgend­et­was die Abso­lut­heits­stel­lung Chri­sti und des Glau­bens an ihn erken­nen lie­ße ((Wel­che Abso­lut­heits­stel­lung bekannt­lich Raum lässt für den „anony­men“ Chri­stus­glau­ben und den Kirchen­bezug des­je­ni­gen, der schuld­los nicht zur aus­drück­li­chen Aner­kennt­nis Chri­sti und sei­ner katho­li­schen Kir­che gelangt ist – was hier aber nicht unser The­ma ist.)); viel­mehr wird das christ­li­che Bekennt­nis in die brei­te Palet­te der Reli­gio­nen regel­recht ein­ge­ord­net. Es gibt eine ein­zige, uns alle ver­bin­den­de Gewiss­heit: dass „wir alle Kin­der Got­tes sind“, ohne dass im gering­sten zwi­schen Kind­schaft Got­tes im wei­te­ren oder gar ganz wei­ten Sin­ne und der Kind­schaft des Adop­tiv­sohns bzw. der Adop­tiv­toch­ter, und zwar allein durch Chri­stus, un­terschieden wür­de ((Vgl. STh I, 33,3; auch III, 23,3.)); abge­se­hen davon, dass das Grund­dog­ma von der Rea­li­tät (gera­de auch) der (schwe­ren) Sün­de es rund­weg ver­bietet, die Tat­säch­lich­keit der Adoptiv­kind­schaft in der hei­lig­ma­chen­den Gna­de für alle zu behaup­ten. Schließ­lich wird mas­siv sug­ge­riert, dass die vie­len Reli­gio­nen ihre Legi­ti­mi­tät letzt­lich aus einer Quint­essenz bezie­hen, in die alle unterschiedli­chen Bekennt­nis­se einmün­den bezie­hungs­wei­se mit wel­cher sie in ihrer Tie­fe kon­ver­ti­bel sind: „Ich glau­be an die Liebe.“

2. Zur Bewertung des päpstlichen Videos

Ja, als ob das Lehr­amt sich nie zur Inter­ven­ti­on in Form der Erklä­rung „Domi­nus Jesus“ genö­tigt gese­hen hät­te. Und es ist nun kei­ne fal­sche Bezichti­gungs­sucht, wenn man den Hei­li­gen Vater, Papst Fran­zis­kus, für das Video voll ver­antwortlich macht: Wer auch immer am Werk war und den Papst über­re­det hat; sei­ne Rede­pas­sa­gen fügen sich naht­los in das gan­ze Mach­werk ein und ge­ben ihm zum Teil erst die nöti­ge Wür­ze. Und als der maß­geb­lich Betei­lig­te trägt er die ent­schei­den­de Ver­ant­wor­tung, zumal er die­ses Ding jeder­zeit aus dem Ver­kehr zie­hen, wider­ru­fen etc. könnte.

Wie mei­ne ein­füh­ren­den Wor­te ja zu erken­nen gaben: bei aller Kri­tik, die ich gebo­ten sehe, weiß ich mich zu einer gewis­sen Zurück­haltung ver­an­lasst; weiß ich um die Gefahr, ver­mes­sen zu wer­den. Des­halb: ich möch­te mir keines­falls anma­ßen, den Papst per­sön­lich zu zen­su­rie­ren. Aber um das Aus­maß des Ärger­nisses, wie es sich mir jeden­falls prä­sen­tiert, zu kenn­zeich­nen, möch­te ich unver­hohlen sagen, auf wel­che der klas­si­schen Zen­su­ren für fal­sche Lehr­sät­ze man mei­nes Erach­tens zur Bewer­tung die­ses unsäg­li­chen Vide­os (das ich ad hoc als eine Gesamt­aus­sage neh­me) zurück­grei­fen könn­te, wenn man nur woll­te. Und bei der gan­zen Band­brei­te mög­li­cher Urtei­le, je nach grö­ße­rem Wohlwol­len oder größe­rer Stren­ge, reicht hier die „Palet­te“ von „Häre­sie be­günsti­gend“ („hae­re­si favens“) bis „wenig­stens der Häre­sie zu­nächst“ („sal­tem hae­re­si proxi­mum“). Das muss ein­mal so deut­lich gesagt werden.

Der Papst muß sich entscheiden: entweder für Nathan den Weisen oder für Christus
Les­sings Nathan der Wei­se ent­springt nicht christ­li­chem Denken

Nein, auch dies­mal will ich nicht schon wie­der das Fass mit dem Fall des hä­re­tisch gewor­de­nen Pap­stes auf­ma­chen. Denn obi­ge (rein mate­ri­el­le) Be­wer­tung des Gesamt­aus­sa­ge des Skan­dal­vi­de­os bezieht sich auf die­se Aus­sa­ge abso­lut, also in sich genom­men: zumin­dest was die zwei­te, sehr schar­fe Zen­sur betrifft. Es ist nun ein­mal eine Aus­sa­ge des Pap­stes (die er sich zu Eigen macht) – und muss daher im Kon­text ande­rer Aus­sa­gen des­sel­ben beur­teilt wer­den; umso mehr, als die in sich genom­me­ne Gesamt­aus­sa­ge des Vide­os, wenn, dann oh­nedies nur indi­rekt eine Häre­sie arti­ku­liert (näm­lich durch Aus­las­sun­gen und Ge­samt­kon­tex­tie­rung ((Jede Ein­zel­aus­sa­ge kann man noch „irgend­wie hinbie­gen“.))). Im Kon­text wel­cher ande­rer Aus­sa­gen? Es ist wohl unum­strit­ten, dass „Evan­ge­lii gau­di­um“ bis­lang immer noch die Pro­gramm­schrift des gegenwärti­gen Pon­ti­fi­kats ist – und damit eine her­me­neu­ti­sche Schlüs­sel­stel­lung inne­hat. Wenn ich daher im Ge­genzug in die Rol­le des Papst­a­po­lo­ge­ten schlüp­fe, so muss ich vor­ab eingeste­hen, dass ich in „Evan­ge­lii gau­di­um“ nichts fin­de, was in punc­to Ent­la­stung aus­gesprochen schlag­kräf­tig genannt zu wer­den ver­dient. Aber immer­hin fin­den wir ein deut­lich impli­zi­tes Bekennt­nis zur abso­lu­ten und kon­kur­renz­lo­sen Heilsuni­versalität Chri­sti im Abschnitt zum inter­re­li­giö­sen Dia­log; unter Num­mer 254 heißt es:

„Die Nicht­chri­sten kön­nen, dank der unge­schul­de­ten gött­li­chen Initia­ti­ve und wenn sie treu zu ihrem Gewis­sen ste­hen, ‚durch Got­tes Gna­de gerecht­fer­tigt‘ und auf die­se Wei­se ‚mit dem öster­li­chen Geheim­nis Chri­sti ver­bun­den wer­den‘. Aber auf­grund der sakra­men­ta­len Dimen­sion der hei­lig­ma­chen­den Gna­de neigt das gött­li­che Han­deln in ihnen dazu, Zei­chen, Riten und sakra­le Aus­drucks­for­men her­vor­zu­ru­fen, die ihrer­seits ande­re in eine gemein­schaft­li­che Erfah­rung eines Weges zu Gott ein­be­zie­hen. Sie haben nicht die Bedeu­tung und die Wirksam­keit der von Chri­stus ein­ge­setz­ten Sakra­men­te, kön­nen aber Kanä­le sein, die der Geist sel­ber schafft, um die Nicht­chri­sten vom athe­isti­schen Imma­nen­tis­mus oder von rein indi­vi­du­el­len reli­giö­sen Erfah­run­gen zu befrei­en.“ (Die Anfüh­rungs­zei­chen mar­kie­ren Zitate.)

Dass die Aus­füh­run­gen zur Bedeu­tung der nicht­christ­li­chen Reli­gio­nen, die sich ähn­lich auch in ande­ren offi­zi­el­len und offi­ziö­sen Doku­men­ten fin­den, nun ih­rerseits Anfra­gen sei­tens zumal „tra­di­tio­na­li­sti­scher“ Katho­li­ken pro­vo­zie­ren, ist mir klar. Aber es geht hier nur um eines: Mögen sol­che Auf­wer­tun­gen außer­christlicher Riten etc. u.U. noch so pro­ble­ma­tisch sein ((Auch die­se Fra­ge will ich hier nicht dis­ku­tie­ren.)) – sie wol­len offen­sicht­lich nichts ande­res als Wei­sen arti­ku­lie­ren, (bei schuld­lo­ser Nicht­an­er­ken­nung Chri­sti) mit dem Erlösungsge­heimnis Chri­sti und mit sei­ner sakra­men­ta­len Heils­ge­mein­de, der Kir­che, „ir­gendwie“ ver­bun­den zu sein. Und nur so, in die­ser Bezie­hung wird die­sen Reli­gionen und deren Riten Heils­be­deu­tung zuge­schrie­ben. Mag man auch mit gu­tem Recht eine unbe­küm­mert-abge­flach­te Dik­ti­on in doc­tri­na­li­bus bei Papst Fran­zis­kus bedau­ern und skan­da­li­sie­ren: am Grund­dog­ma von der Heilsuniver­salität Chri­sti (mit­samt sei­ner Kir­che) will auch er nicht gerüt­telt ha­ben. – Es geht hier nicht dar­um, Papst Fran­zis­kus mit Gewalt zu ver­tei­di­gen; aber so viel Apo­lo­ge­tik muss sein, ohne dass dies im gering­sten etwas an der Fest­stel­lung ändert, dass durch das Video sehr schwe­res Ärger­nis gege­ben wor­den ist.

Ich ver­ach­te nicht die­je­ni­gen noch zür­ne ich ihnen, die auf ande­ren Inter­net­fo­ren die Stra­te­gie einer (im über­lie­fert-katho­li­schen Sinn) wohl­wol­len­den Papst-Fran­­zis­kus-Inter­pre­ta­ti­on schier bis zum Geht-nicht-mehr ver­fol­gen. Auch das hat sein, gleich­wohl nur beding­tes, Recht. Ich stim­me daher Armin Schwi­bach ins­ge­samt zu, wenn er schreibt: „Wer dem Duk­tus des Den­kens und Han­delns des Pap­stes dage­gen auf­merk­sam folgt, kann weder revo­lu­tio­nä­re Umbrü­che noch libe­ra­le Auf­brü­che erken­nen. Viel­mehr könn­te eine bei Päp­sten unge­wohn­te Zwei­deu­tig­keit fest­ge­stellt wer­den, wor­aus sich oft die Not­wen­dig­keit einer kon­stan­ten Inter­pre­ta­ti­on von Papst­wor­ten ergibt.“ ((Kath.net-Artikel „Der Papst und die ‚kon­ser­va­tiv­ste‘ Rota-Anspra­che der letz­ten Jah­re“.)) Dass sich einer der Ver­dien­te­sten in der Unter­neh­mung (katholisch-)wohlwollender Papstinter­pretation heu­te und gestern genö­tigt sieht, bei all dem Guten, das man bei Fran­ziskus wür­di­gen und zumin­dest her­aus­in­ter­pre­tie­ren kann, die­se Zwei­deu­tig­keit anzu­spre­chen – ge­nau das ist sehr beredt. Es ist das, frei­lich längst nicht nur von Schwi­bach an­ge­sprochene, zen­tra­le Pro­blem bei Fran­zis­kus; näm­lich die­se per­manente Ap­ril­wet­ter­stimmung, jeden­falls im Erle­ben des über­kom­men glau­benstreuen Ka­tho­liken: auf den Regen höchst irri­tie­ren­der Wor­te folgt der Son­nenschein tradi­tions­treuer Aus­sa­gen; und schon bald wie­der der näch­ste Schutt. Und man weiß nicht, wie man sich ein­stel­len soll: hat man den Schirm aufge­spannt, ja gar sich gegen einen Tsu­na­mi aus­ge­rü­stet – glatt lacht dann schon wie­der die Son­ne. Aber mit der darf man sich auch nicht für so lan­ge anfreun­den, wo doch bald wie­der das näch­ste Unwet­ter dräut, in täu­schen­der Gefähr­lichkeit. Man kann nicht nicht erschrecken, und muss doch im Hin­ter­kopf behal­ten, dass es halb so schlimm kommt, aber längst nicht so gut, wie man zu hof­fen gewagt hät­te. – War­um das so ist? Einer­seits sehe ich Grün­de dafür in der Per­sönlichkeit von Jor­ge Ber­go­glio. Und um das etwas in ein spre­chen­des Bild zu brin­gen: Wenn ein Kan­ti­nen­koch Mora­list ist, benimmt er sich gera­de so wie ein Ber­go­glio. Da darf man zum Bei­spiel nicht sagen, dass man kei­ne Möh­ren mag; denn dann wer­den unter siche­rer Garan­tie Karot­ten auf­ge­tischt. Das beka­men die deut­schen Bi­schöfe zu spü­ren, die hoff­ten, dies­mal, die­ses eine Mal wenig­stens gelobt zu wer­den; und sie­he, sie beka­men die alte Sup­pe aufgewärmt.

3. Versuch einer Tiefenbohrung

Nun aber: Schluss mit der Fast­nacht. Die­ser Irgend­wie-Mora­lis­mus scheint mir bei Papst Fran­zis­kus mit etwas ande­rem zu kon­ver­gie­ren. Vor inzwi­schen etwas mehr als drei Jah­ren hat­te ich im Kon­text der lei­der erst ein­mal geschei­ter­ten Bemü­hung von Papst Bene­dikt zur kano­ni­schen Inte­gra­ti­on der FSSPX in die­sem Forum ein Essay gewagt, das dem Hin­ter­grund unse­res „Zeit­gei­stes“ und damit auch schon dem „(Un-)Geist des Kon­zils“ nach­spü­ren soll­te: „Monis­mus ver­sus Mono-The­is­mus“. Über Details kann man immer strei­ten, wie ich auch kei­ne Ori­gi­na­li­tät für mei­ne Gedan­ken von damals bean­spruch­te und beanspru­che (in ver­schie­de­nen Vari­an­ten kann man das, bei Par­tei­gän­gern und Kontra­henten, auch anders­wo lesen). Aber ich den­ke wahr­lich, dass mich der Herr­gott schon Rich­ti­ges sehen ließ, das gera­de bis zur Stun­de Bedeu­tung hat (und viel­leicht auch nur bis dahin?). Das Signum unse­rer Zeit ist dem­nach eine Art Mo­nismus, der sich eher sel­ten aus­ge­spro­chen meta­phy­sisch in einer „Hen-kai-Pan“- („Ein-und-alles“-) Leh­re arti­ku­liert; aber umso mehr im Den­ken in den Kate­go­rien eines All-ein-Ver­ständ­nis­ses, wie man es im deut­schen Wort­spiel so schön sagen kann. Man ist mit allem ein­ver­stan­den, und genau die­ses Ein-ver­­­ständ­nis wird zum allein lei­ten­den Ver­ständ­nis. Natür­lich ist dies so über­spitzt ide­al­ty­pisch gesagt: Aber die bis in die Rechts­pfle­ge gehen­de Skan­da­li­sie­rung von exklu­si­ven Wahr­heits­an­sprü­chen und Wert­ur­tei­len in der west­li­chen Welt doku­men­tiert dies deut­lich. Im Gefäl­le die­ses „Allein­ver­ständ­nis­ses“ dür­fen Stand­punk­te nur ver­tre­ten wer­den, um sich zu ver­flüs­si­gen im „Dia-log“, der zum programmati­schen Zau­ber­wort die­ser Unter­strö­mung avan­ciert ist. Wahr­heit ist nicht nur, extrem sub­jek­ti­vi­stisch, für mich: zwi­schen An-sich und Für-mich wird gar nicht mehr unter­schie­den (womit wir viel­leicht an den tie­fe­ren Nerv der moder­nen, sub­jekt­theo­re­ti­schen Vari­an­te des hen-kai-pan rüh­ren). Zu einer aus­drück­li­chen theo­re­ti­schen Affir­ma­ti­on die­ses moder­nen Monis­mus, gar mit­samt meta­physischem Unter­bau, kommt es eher sel­ten. Und schon gar nicht unter­stelle ich dies, um zum The­ma zu kom­men, Papst Fran­zis­kus. Aber gera­de er er­scheint mir in sei­ner (sich offen­ba­ren­den) sub­jek­ti­ven Befind­lich­keit in eng­ster Tuch­fühlung mit die­sem moni­sti­schen Esprit; wohl kaum zu Ende re­flektierend, da­für umso instinkt­si­che­rer schwingt er in die­sen Esprit ein, wie er eine ausge­spro­chene Sen­si­bi­li­tät hat für des­sen Agen­da, die auf ihre Wei­se auch hohe mo­rali­sche Ansprü­che stel­len. Man darf dazu nicht ver­ges­sen, dass die­ser Monis­mus zumin­dest auch so etwas wie ein Bastard des Chri­sten­tums, durch­aus auch des katho­li­schen, ist: klar, dass dies ein enor­mes Ver­wechs­lungs­po­ten­ti­al mit sich bringt. Der moni­sti­sche Esprit und des­sen Agen­da wer­den von nicht weni­gen als das „eigent­lich Christ­li­che“ ange­se­hen. Was in wei­ten Tei­len der west­li­chen Welt als die „poli­ti­cal cor­rect­ness“ beklagt wird, ist der Sub­stanz sei­nes Inhalts nach nichts ande­res als die­ser Monis­mus. Und die „Dik­ta­tur des Re­la­ti­vis­mus“ (Papst Bene­dikt XVI.) meint im Wesent­li­chen das­sel­be Phä­no­men. Dass mei­ne Erschlie­ßung die­ses Phä­no­mens unter dem Stich­wort „Monis­mus“ die rund­weg bes­se­re sein soll, neh­me ich mit­nich­ten ver­we­gen in Anspruch; glau­be aber mit Bestimmt­heit, dass sie ganz wich­ti­ge, eben auch kirchenpoliti­sche Facet­ten der sich damit ver­bin­den­den Pro­ble­me treff­si­che­rer ein­fängt. Der viel dis­ku­tier­te „Gut­mensch“: im Prin­zip auch nichts ande­res als der Anhän­ger der moni­sti­schen Agenda.

Umarmung in Jerusalem
Umar­mung in Jerusalem

Dass sich die besag­te instink­ti­ve Tuch­füh­lung von Papst Fran­zis­kus mit die­ser­art Monis­mus gera­de in sei­nem öku­me­ni­schen, inter­re­li­giö­sen Enga­ge­ment wie auch im Kon­takt mit Agno­sti­kern und Athe­isten zeigt: ich den­ke, das ist für alle, die mei­ne Pro­ble­m­in­di­ka­ti­on aner­ken­nen, aus­ge­macht. – Was die von mir vor­sich­tig dia­gno­sti­zier­te Ein­zie­hung des Unter­schie­des von Für-mich und An-sich angeht, so neh­me ich im inzwi­schen berühm­ten Brief an Euge­nio Scal­fa­ri vom 4. Sep­tem­ber 2013 deut­li­che Anklän­ge wahr: ich habe dabei in erster Linie die etwas merk­wür­di­gen Aus­füh­run­gen zur Abso­lut­heit der Wahr­heit im Auge. Nicht dass ich Fran­zis­kus unter­stel­le, er wol­le besag­te Ein­zie­hung des rich­ten­den Unter­schie­des des An-sich zum Für-mich posi­tiv affir­mie­ren; aber er sucht alles ande­re als die deut­li­che Abgren­zung dage­gen. – Man könn­te auch sagen: Die­ser „Monis­mus“, das ist: Ein­schlie­ßen, nur ein­schlie­ßen; und nur das Aus­schlie­ßen und die Aus­schlie­ßen­den aus­schlie­ßen (was die Richterfunk­tion der Wahr­heit nicht vor­lässt). Und wie nahe ist doch Fran­zis­kus, bis in die wört­li­che Dik­ti­on, an die­sem Pro­gramm dran! Allein: das Neue Testa­ment spricht eine ganz ande­re Spra­che; einer Ein­zel­do­ku­men­ta­ti­on bedarf es nicht ((Außer dass ich, par­te pro toto, auf Johan­nes 3,18–21 verweise.)).

Es geht nicht dar­um, sich an jeman­dem abzu­ar­bei­ten, der zudem noch un­ser regie­ren­der Papst ist. Und Gott allein rich­tet über das Herz von Jor­ge Ber­goglio, wie wir die Plä­ne Sei­ner Vor­se­hung nicht durch­schau­en: Er weiß, wa­rum er Jor­ge Ber­go­glio 2013 Papst wer­den ließ; und er allein weiß, was dar­aus an weni­ger Gutem, aber auch an Gutem erwach­sen kann und tat­säch­lich wird. Aber des­halb ist es nicht ille­gi­tim, dass wir unser vor­läu­fi­ges Urteil bil­den und in die­sem Rah­men auch unser Unbe­ha­gen aus­drücken. Und da sehe ich schon eine schwe­re Hypo­thek dar­in, dass wir einen Papst haben, der nach mei­nem be­stimmten Ein­druck im Kopf „schon noch“ am Kate­chis­mus fest­hält und im Her­zen in durch­aus an-rüh­ren­der Wei­se katho­lisch-christ­lich ist, dafür aber im Bauch­ge­fühl umso anhäng­li­cher ein Jün­ger Nathans des Weisen.

Und da sind wir wie­der beim Video, das wohl als das prominen­teste Zeug­nis die­ser Anhäng­lich­keit gewer­tet wer­den darf. In zeit­lich näch­ste Nähe fällt ein wei­te­res Zeug­nis, nicht so deut­lich, zumal begrenzt auf die binnen­christlichen Ver­hält­nis­se, also die öku­me­ni­sche Bewe­gung, aber von nicht ge­ringem indi­zi­el­lem Wert. Ich mei­ne die Mitt­wochs­ka­te­che­se vom 20. Janu­ar: alle Chri­sten, gespal­ten in Katho­li­ken, Ori­en­ta­len und Pro­te­stan­ten, sind schon wirk­lich das Volk Got­tes („sia­mo realm­en­te popo­lo san­to di Dio“); aber noch sind wir kein voll­kom­men ver­ein­tes Volk Got­tes („non sia­mo anco­ra un popo­lo pie­na­men­te uni­to“); in der Ent­spre­chung zu unse­rer Beru­fung im Anneh­men der Gna­de wer­den wir alle immer voll­kom­me­ner zum Volk Got­tes („noi div­en­ti­amo semp­re pi๠pie­na­men­te popo­lo di Dio“). Kei­ne Spur davon, dass es laut Vatika­num II sol­che gibt, die dem Volk Got­tes = der Kir­che Chri­sti, die in der katholi­schen Kir­che „ihren Bestand hat“ und dar­in unzer­stör­bar eine ist, voll­kom­men einge­gliedert sind, und eben sol­che Christ­gläu­bi­gen, mit denen sich die­se Kir­che nur in unter­schied­li­cher Wei­se ver­bun­den weiß. ((Dazu LG 8 und 13fine — 15; UR 4.)) Man muss gera­de­zu von einem Hin­ter­ge­hen die­ser höchst­wich­ti­gen lehramt­lichen Dif­fe­ren­zie­rung mit der Digni­tät eines Affronts sprechen.

4. Erinnerung an das Erbe von Papst Paul VI

Ich neh­me dies zum Anlass, um auf den seli­gen Papst Paul VI zu spre­chen zu kom­men. Berühmt gewor­den sind sei­ne Retu­schen an der Vor­la­ge zum Öku­menismusdekret des Zwei­ten Vati­ka­nums. ((Dazu: Das Zwei­te Vatikani­sche Kon­zil. Doku­men­te und Kom­men­ta­re, = Band 13 des LThK2, 124–126.)) Für Arti­kel 21 änder­te der Papst fol­gen­den Satz ab: „Unter der Bewe­gung des Heili­gen Gei­stes fin­den sie [gemeint sind die Pro­te­stan­ten] in eben den Hei­li­gen Schrif­ten Gott als den­je­ni­gen, der zu ihnen in Chri­stus spricht“; geblie­ben ist fol­gen­de For­mu­lie­rung: „Unter Anru­fung des Hei­li­gen Gei­stes suchen sie in eben den Hei­li­gen Schrif­ten Gott als den­je­ni­gen, der gleich­sam [‚qua­si‘] zu ihnen in Chri­stus spricht“. Bekannt­lich sorg­te die­se päpst­li­che Inter­ven­ti­on da­mals für Ver­stim­mun­gen bei der Majo­ri­tät der Kon­zils­vä­ter, ein Vor­gang, der neben ande­ren als die soge­nann­te „Schwar­ze Woche“ in die Kon­zils­ge­schich­te ein­ge­gan­gen ist. ((Dazu: Ralph M. Wilt­gen: Der Rhein fließt in den Tiber, Feld­kirch 1988, 242–251.)) Vor die­sem Hin­ter­grund ist es objek­tiv ein Hohn, wenn Papst Fran­zis­kus auf sei­nem Janu­ar-Video davon spricht, dass die Men­schen auf un­terschiedliche Wei­se, näm­lich in den ver­schie­de­nen Reli­gio­nen, Gott suchen und fin­den. Der Kon­trast könn­te kaum grö­ßer sein. Beson­ders wenn man sieht, wie in die­sem Video zur Denk­art Nathans des Wei­sen in mas­siv-sin­nen­fäl­li­ger Greif­bar­keit auf­ge­schlos­sen wird.

Papst Franziskus: "Wir sind alle Kinder Gottes"
Papst Fran­zis­kus: „Wir sind alle Kin­der Gottes“

Zumal vor dem Hin­ter­grund mei­nes frü­he­ren Enga­ge­ments zugun­sten der Aus­söhnung mit der FSSPX, wor­in ich deren Sicht­wei­se für mei­ne Begrif­fe weit ent­ge­gen­zu­kom­men such­te, ist natür­lich die Anfra­ge zu erwar­ten, ob Fran­zis­kus denn vom Him­mel gefal­len ist, ob das nicht kon­se­quen­te Wei­ter­ent­wick­lung der kon­zi­li­är-nach­kon­zi­liä­ren Ent­wick­lung ist etc. Nein, ist es nicht: so jeden­falls mei­ne ent­schie­de­ne Ant­wort. Dass der vom höch­sten Lehr- und Hir­ten­amt, über die Abhal­tung eines Öku­me­ni­schen Kon­zils und in des­sen Fol­ge, arran­gier­te Pa­radigmenwechsel auch Anfra­gen pro­vo­ziert betreffs sei­ner Trag­fä­hig­keit, muss des­halb noch nicht in Abre­de gestellt wer­den; wie man auch gut und gern die Fra­ge stel­len mag, ob in all dem Ver­gan­ge­nen sozu­sa­gen (und sei es erheb­lich) dis­po­nie­ren­des Poten­ti­al für die jüng­sten Ent­wick­lun­gen unter Papst Fran­zis­kus bereit­liegt. Nur: Das ändert nach mei­nem ent­schie­de­nen Dafür­hal­ten nichts an dem Novum unter Papst Fran­zis­kus, näm­lich der pro­vo­ka­ti­ven Unbekümmert­heit um die Kon­ti­nui­tät der Aus­übung sei­nes Lehr- und Hir­ten­am­tes mit dem der Ver­gangenheit. Bis­lang ver­hielt sich das ent­schie­den anders: der kon­zi­li­är-nach­­­kon­zi­liä­re Para­dig­men­wech­sel, wie über­zeu­gend auch immer, war kon­stant be­gleitet vom Auf­zei­gen der not­wen­di­gen sub­stan­tia­len Iden­ti­tät des heu­te mit dem gestern. „Her­me­neu­tik der (Reform und) Kon­ti­nui­tät“ ist nur als Wort­schöpfung ein Novum von Papst Bene­dikt; in der Sache haben alle Kon­zils- und Nach­kon­zil­späp­ste die­se Her­me­neu­tik urgiert. Und hier möch­te ich noch­mals an Papst Paul VI erin­nern. Im Jahr des Glau­bens von 1968, an des­sen Idee bis in die Wort­wahl Bene­dikt XVI anknüp­fen soll­te, ver­kün­de­te er fei­er­lich das „Cre­do des Got­tes­vol­kes“. In sei­ner Vor­be­mer­kung dazu sag­te er:

„Die­se For­mel [näm­lich des vor­ge­leg­ten Bekennt­nis­ses], wenn­gleich sie im wah­ren und ei­gentlichen Sin­ne [!] nicht eine dog­ma­ti­sche Defi­ni­ti­on zu nen­nen ist, wie­der­holt den­noch, un­ter Anwen­dung eini­ger Expli­ka­tio­nen, wel­che die geist­li­chen Bedin­gun­gen die­ser unse­rer Zeit ver­lan­gen, die nizä­ni­sche For­mel hin­sicht­lich der Gesamt­heit der Sach­ver­hal­te. Wir spre­chen von einer For­mel der unsterb­li­chen Tra­di­ti­on der hei­li­gen Kir­che Gottes.“

Mit ande­ren Wor­ten: da will ein Römi­scher Pon­ti­fex, in durch­aus hochverbindli­cher Wei­se, das für immer Ver­bind­li­che (natür­lich zusam­men­fas­send) in Erinne­rung rufen gera­de auch für die Kir­che in der Fol­ge des Zwei­ten Vati­ka­nums. Von daher gehört es zu den höchst­ran­gi­gen Lehr­do­ku­men­ten seit „Munificentis­simus Deus“ von 1950. Hier wer­den irrever­si­ble Mar­kie­run­gen gege­ben, die man eben nicht in einer Her­me­neu­tik stets neu­er „Aktua­li­sie­rung“ über­ge­hen und igno­rie­ren darf. Dies gilt ganz unge­ach­tet der fak­ti­schen Ver­ges­sen­heit die­ses Doku­ments – viel­mehr rückt die­se Ver­ges­sen­heit die fak­ti­sche nachkonziliä­re Befind­lich­keit ins grell­ste Licht, sie denun­ziert die Men­ta­li­tät eines Ungehor­sams, die wohl nur als Wider­stand gegen den Hei­li­gen Geist Got­tes zu identifi­zieren ist.

Nun zum dok­tri­na­len Inhalt des „Cre­do des Got­tes­vol­kes“: In fei­er­li­cher, nach­ge­ra­de schön zu nen­nen­der Knapp­heit wird dar­in das unser The­ma Betref­fende auf den Punkt gebracht:

„Wir glau­ben, dass die Kir­che, die Chri­stus gegrün­det und für wel­che er Gebe­te ausge­schüttet hat, unauf­hör­lich eine ist sowohl durch den Glau­ben als auch durch den Kult als auch durch das gemein­schaft­li­che Band der hei­li­gen Hier­ar­chie … – Eben­so hof­fen wir, in­dem wir von daher aner­ken­nen, dass außer­halb des Ver­ban­des der Kir­che Chri­sti zahl­rei­che Ele­men­te der Wahr­heit und der Hei­li­gung gefun­den wer­den, wel­che als der Kir­che sel­ber eige­ne Gaben zur katho­li­schen Ein­heit hin­drän­gen … – Wir glau­ben, dass die Kir­che zum Heil not­wen­dig ist. Der eine Chri­stus näm­lich ist Mitt­ler und Weg des Heils, der in sei­nem Leib, der die Kir­che ist, uns gegen­wär­tig wird (vgl. LG 14). Aber der gött­li­che Heils­rat­schluss umfasst alle Men­schen: die­je­ni­gen näm­lich, die das Evan­ge­li­um Chri­sti und sei­ne Kir­che ohne Schuld nicht ken­nen, aber Gott mit lau­te­rem Her­zen suchen und des­sen durch den Befehl des Gewis­sens erkann­ten Wil­len unter dem Ein­fluss der Gna­de zu erfül­len sich anstren­gen, die gehö­ren auch, und zwar in einer Zahl, die allein Gott kennt, zu sei­nem Volk, wenn­gleich in unsicht­ba­rer Wei­se, und kön­nen das ewi­ge Heil erlangen.“

Ich habe die­sen Text, der zu einem gut Teil den Wort­laut des Zwei­ten Vatika­nums wie­der­gibt, des­halb so aus­gie­big zitiert, weil zum einen des­sen Verständ­nis, ohne die Bela­st­et­heit mit den Pro­ble­men der „Subsistit-in“-Formulierung, ganz von der direk­ten Gleich­set­zung der Kir­che Chri­sti mit der katho­li­schen Kir­che lebt; und weil er ganz in die­sem Gefäl­le zum ande­ren das Heil strikt an die Zu­gehörigkeit zu die­ser einen wah­ren Kir­che Chri­sti bin­det, und sei es in un­sichtbarer Wei­se bei schuld­lo­ser Igno­ranz. Wenn nun die­ses fei­er­li­che päpstli­che Bekennt­nis die­se Wahr­hei­ten bewusst der Nach­kon­zils­zeit mit auf den Weg geben will, dann gehört dies mit zum blei­bend ver­bind­li­chen Erbe des Kon­zils. Dann sind in den kon­zi­liä­ren Para­dig­men­wech­sel unver­rück­ba­re Mar­kie­run­gen ein­ge­zeich­net, die nicht noch ein­mal in einer eigen­mäch­ti­gen päpst­li­chen Me­tahermeneutik ver­dünnt wer­den dür­fen. Denn dann wür­de sich der päpst­li­che Dienst an der der Kir­che über­ge­be­nen Offen­ba­rung selbst ad absur­dum füh­ren. „La tra­di­zio­ne sono io“: die­ser berüch­tigt-berühm­te Aus­spruch von Pius IX, ob wirk­lich so ge­fallen oder nicht, gewinnt einen ganz neu­en Klang, liest man ihn vom Wört­chen „tra­di­zio­ne“ her. Der gan­ze Sinn des Papst­am­tes steht und fällt mit sei­ner Funk­tion, die Tra­di­ti­on in ihrer Ver­bind­lich­keit zu ver­kör­pern; und nicht in einer ei­genmächtigen metaher­me­neu­ti­schen Unter­neh­mung, in der je­mand, aus­ge­stat­tet mit unum­schränk­ten Chef­kom­pe­ten­zen, nach je neu­em Gusto den spi­ri­tu­el­len Ani­ma­teur spielt, der der Kir­che sei­ner Zeit unwi­der­spro­chen sei­nen ideologi­schen Stem­pel auf­drücken darf. Die Ideo­lo­gien kämen und gin­gen („gestern war gestern, und heu­te ist heut“), der Chef­ses­sel wäre dage­gen die blei­bende Kon­stan­te. Eine Per­ver­tie­rung von „Pastor aeter­nus“ (Va­tika­num I) in sein genau­es Gegen­teil. Kei­ne blo­ße Behaup­tung: schaut man näm­lich, gemäß der Metho­de des „cano­ni­cal approach“, in das Schwesterdoku­ment „Dei Fili­us“, wor­in im drit­ten Kapi­tel unter ande­rem die „katho­li­sche Ein­heit“ und die „unbe­siegte Bestän­dig­keit“ („ob catho­li­cam uni­tatem invictam­que stabi­litatem“) als Glaub­wür­dig­keits­mo­tiv für den Anspruch der katho­li­schen Kir­che genannt wird, um somit als „auf die Natio­nen hin erho­be­nes Zei­chen“ („signum levat­um in na­tiones“) aus­strah­len zu kön­nen. Ent­spre­chend war den Vätern von Vati­ka­num I samt Papst Pius schon klar, dass exklu­siv in die­sem Be­zugsrahmen der Römi­sche Pon­ti­fex mit sei­ner expo­nen­ti­el­len Gewal­ten­fül­le lo­ziert ist, eine Positio­nierung außer­halb einem Unding gleichkommt.

5. Schluss

Um zu einem Fazit zu kom­men: Ich behar­re dar­auf, dass mit die­sem päpst­lich ver­ant­wor­te­ten Video ein maxi­ma­ler Skan­dal her­auf­be­schwo­ren wur­de; ganz gleich, ob dies in der Brei­te auch so emp­fun­den wird. Nicht weil ich jeman­den auf­het­zen, ihm ein Stich­wort geben oder in unkon­trol­lier­te apo­ka­lyp­ti­sche Hy­sterie ver­fal­len woll­te: Aber war­um sol­len sich reli­gi­ös sehr ansprech­ba­re Ge­müter nicht an den vom Hei­land im aus­drück­li­chen Anschluss an den Pro­phe­ten Da­niel ange­kün­dig­ten „Greu­el der Ver­wü­stung“ (Mt 24,15parall.) gemahnt se­hen? Man kann schon auf so einen Gedan­ken kom­men. Und sol­len dann doch wie­der nur die­se „geset­zes­treu­en Fana­ti­ker“, die nicht ver­ste­hen, wie gut es der Papst doch meint, selbst dar­an schuld sein, statt der­je­ni­ge, der an maß­geb­lich­ster Stel­le das Ärger­nis in die Welt gesetzt hat?

Jeden­falls hat die Apo­rie ein bestür­zen­des Aus­maß erreicht. Und so: Auch wenn ich weiß, dass es ziem­lich ris­kant ist, so mei­ne ich doch, das letz­te Wort Rai­ner Maria Ril­ke geben zu sollen:

Herr, es ist Zeit …

*Dr. theol. Klaus Obenau­er ist Pri­vat­do­zent für Dog­ma­ti­sche Theo­lo­gie an der katho­lisch-theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn

Bild: Youtube/Asianews (Screen­shots)

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