Migration — das große Thema beim Papst-Empfang für das Diplomatische Corps

Neujahrsempfang von Papst Franziskus für das Diplomatische Corps
Neujahrsempfang von Papst Franziskus für das Diplomatische Corps

(Rom) Wie jedes Jahr emp­fing der Papst das beim Hei­li­gen Stuhl akkre­di­tier­te Diplo­ma­ti­sche Corps. Nach der Rede des Pap­stes an die ver­sam­mel­ten Bot­schaf­ter folg­ten kur­ze per­sön­li­che Begeg­nun­gen mit den Diplo­ma­ten, die zum Groß­teil in Beglei­tung ihrer Ehe­part­ner erschie­nen sind. Der Schnapp­schuß des Pres­se­pho­to­gra­phen hält einen Moment die­ser Begeg­nun­gen fest. Der auf dem Bild zu sehen­de Bot­schaf­ter dürf­te Fran­zis­kus mit­ge­teilt haben, daß sei­ne Ehe­frau schwan­ger ist.
In sei­ner Rede erwähn­te Papst Fran­zis­kus auch die Unge­bo­re­nen. Das Haupt­the­ma war jedoch die Migra­ti­on, die er unter ande­rem ursäch­lich mit dem Kli­ma­wan­del in Ver­bin­dung brachte.

Den „Schrei Rahels“ bezog Fran­zis­kus auf die „Stim­me von Tau­sen­den wei­nen­der Men­schen auf der Flucht vor schreck­li­chen Krie­gen, vor Ver­fol­gun­gen und vor Ver­let­zun­gen der Men­schen­rech­te oder vor poli­ti­scher bzw. sozia­ler Insta­bi­li­tät“. Die aktu­el­len Migra­ti­ons­wel­len stell­te er der „Erzäh­lung des Exo­dus“ und der „Depor­ta­ti­on nach Baby­lo­ni­en“ gegenüber.

Die Migra­ti­on sei eine „Flucht vor dem extre­men Elend“ und „vor dem Nie­der­gang ohne irgend­ei­ne Aus­sicht auf Fort­schritt […] oder auch auf­grund des Klimawandels“.

Wört­lich sag­te der Papst: „Es schmerzt jedoch fest­zu­stel­len, dass die­se Migran­ten häu­fig von kei­nem der inter­na­tio­na­len Schutz­sy­ste­me auf­ge­fan­gen wer­den“, und er sieht in deren Zurück­wei­sung „die Frucht jener ‚Weg­werf­kul­tur‘ “, die den Men­schen „den Göt­zen des Gewinns und des Kon­sums opfert“.

Schnappschuß: Papst Franziskus wird eine schwangere Botschaftergattin vorgestellt
Schnapp­schuß: Papst Fran­zis­kus wird eine schwan­ge­re Bot­schaf­ter­gat­tin vorgestellt

Und wei­ter: „Die Men­schen wer­den nicht mehr als ein vor­ran­gi­ger zu respek­tie­ren­der und zu schüt­zen­der Wert emp­fun­den, beson­ders, wenn sie arm sind oder eine Behin­de­rung haben, wenn sie – wie die Unge­bo­re­nen – „noch nicht nütz­lich sind“ oder – wie die Alten – „nicht mehr nütz­lich sind“. Wir sind unsen­si­bel gewor­den gegen­über jeder Form von Ver­schwen­dung, ange­fan­gen bei jener der Nah­rungs­mit­tel, die zu den ver­werf­lich­sten gehört, wenn es vie­le Men­schen und Fami­li­en gibt, die an Hun­ger und Unter­ernäh­rung leiden.“

Die Ein­wan­de­rung in ein ande­res Land bezeich­ne­te der Papst zwar nicht als Recht, sprach aber von einer „zwei­fa­chen mora­li­schen Pflicht, einer­seits die Rech­te der eige­nen Bür­ger zu schüt­zen und ande­rer­seits die Betreu­ung und die Auf­nah­me der Migran­ten zu garantieren.“

 

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
BEIM NEUJAHRSEMPFANG FÜR DAS BEIM HEILIGEN STUHL
AKKREDITIERTE DIPLOMATISCHE KORPS

Regia-Saal
Mon­tag, 11. Janu­ar 2016

 

Exzel­len­zen, mei­ne Damen und Herren,

ich hei­ße Sie herz­lich will­kom­men zu die­sem jähr­li­chen Tref­fen, das mir die Gele­gen­heit bie­tet, Ihnen mei­ne Glück­wün­sche für das neue Jahr zu über­brin­gen, und es mir gestat­tet, gemein­sam mit Ihnen über die Situa­ti­on die­ser unse­rer von Gott geseg­ne­ten und gelieb­ten und doch von so vie­len Übeln geplag­ten und bedrück­ten Welt nach­zu­den­ken. Ich dan­ke dem neu­en Dekan des Diplo­ma­ti­schen Corps, Exzel­lenz Armin­do Fer­nan­des do Espà­rito San­to Viei­ra, Bot­schaf­ter von Ango­la, für sei­ne freund­li­chen Wor­te, die er im Namen des gesam­ten beim Hei­li­gen Stuhl akkre­di­tier­ten Diplo­ma­ti­schen Corps an mich gerich­tet hat. Zugleich möch­te ich in beson­de­rer Wei­se der vor fast einem Monat ver­stor­be­nen Bot­schaf­ter von Kuba, Rod­ney Ale­jan­dro López Cle­men­te, und von Libe­ria, Rudolf P. von Ball­moos, gedenken.

Ger­ne neh­me ich die Gele­gen­heit wahr, auch einen spe­zi­el­len Gruß  an alle zu rich­ten, die zum ersten Mal an die­ser Begeg­nung teil­neh­men, und beto­ne zu mei­ner Zufrie­den­heit, dass die Anzahl der in Rom ansäs­si­gen Bot­schaf­ter sich wei­ter erhöht hat. Das ist ein bedeut­sa­mes Zei­chen für die Auf­merk­sam­keit, mit der die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft die diplo­ma­ti­sche Akti­vi­tät des Hei­li­gen Stuhls ver­folgt. Ein wei­te­rer Beweis dafür sind die im eben zu Ende gegan­ge­nen Jahr unter­zeich­ne­ten oder rati­fi­zier­ten inter­na­tio­na­len Ver­trä­ge. Beson­ders möch­te ich hier die spe­zi­fi­schen steu­er­li­chen Ver­ein­ba­run­gen erwäh­nen, die mit Ita­li­en und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka unter­schrie­ben wur­den und die das ver­stärk­te Enga­ge­ment des Hei­li­gen Stuhls für eine umfas­sen­de­re Trans­pa­renz in wirt­schaft­li­chen Ange­le­gen­hei­ten bezeu­gen. Nicht weni­ger bedeu­tend sind die Ver­trä­ge all­ge­mei­ner Art, die dar­auf aus­ge­rich­tet sind, wesent­li­che Aspek­te des Lebens und Han­delns der Kir­che in den ver­schie­de­nen Län­dern zu regeln, wie die in Dà­li mit der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Timor-Leste unter­zeich­ne­te Vereinbarung.

Gleich­falls möch­te ich an den Aus­tausch der Rati­fi­zie­rungs­ur­kun­den des Ver­trags mit Tschad über die Rechts­stel­lung der katho­li­schen Kir­che im Land erin­nern wie auch an den unter­zeich­ne­ten und rati­fi­zier­ten Ver­trag mit Palä­sti­na. Es han­delt sich um zwei Ver­trä­ge, die – gemein­sam mit der Grund­satz­ver­ein­ba­rung zwi­schen dem Staats­se­kre­ta­ri­at und dem Außen­mi­ni­ste­ri­um von Kuweit – unter ande­rem bewei­sen, dass ein fried­li­ches Zusam­men­le­ben unter Ange­hö­ri­gen ver­schie­de­ner Reli­gio­nen dort mög­lich ist, wo die Reli­gi­ons­frei­heit aner­kannt wird und die effek­ti­ve Mög­lich­keit gewähr­lei­stet ist, in gegen­sei­ti­ger Ach­tung gegen­über der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät eines jeden am Auf­bau des Gemein­wohls zusammenzuarbeiten.

Ande­rer­seits kann jede authen­tisch geleb­te reli­giö­se Erfah­rung nur den Frie­den för­dern. Dar­an erin­nert uns das Weih­nachts­fest, das wir gera­de gefei­ert und an dem wir die Geburt eines wehr­lo­sen Kin­des betrach­tet haben, das „Wun­der­ba­rer Rat­ge­ber, Star­ker Gott, Vater in Ewig­keit, Fürst des Frie­dens“ genannt wird (Jes 9,5). Das Geheim­nis der Mensch­wer­dung zeigt uns das wah­re Gesicht Got­tes, für den Macht nicht Gewalt und Zer­stö­rung bedeu­tet, son­dern Lie­be und für den Gerech­tig­keit nicht Rache bedeu­tet, son­dern Barm­her­zig­keit. Das ist die Sicht­wei­se, die mei­ner Absicht zugrun­de lag, das außer­or­dent­li­che Jubi­lä­um der Barm­her­zig­keit aus­zu­ru­fen, das dann aus­nahms­wei­se in Ban­gui im Lau­fe mei­ner apo­sto­li­schen Rei­se nach Kenia, Ugan­da und in die Zen­tral­afri­ka­ni­sche Repu­blik eröff­net wur­de. In einem lan­ge von Hun­ger, Armut und Kon­flik­ten heim­ge­such­ten Land, wo die bru­der­mör­de­ri­sche Gewalt der letz­ten Jah­re tie­fe Ver­wun­dun­gen in den Her­zen der Men­schen hin­ter­las­sen, die natio­na­le Gemein­schaft zer­ris­sen und mate­ri­el­le wie mora­li­sche Not ver­ur­sacht hat, woll­te die Öff­nung der Hei­li­gen Pfor­te der Kathe­dra­le ein Zei­chen der Ermu­ti­gung sein, den Blick zu erhe­ben, den Weg wie­der auf­zu­neh­men und die Argu­men­te für den Dia­log wie­der­zu­fin­den. Dort, wo der Name Got­tes miss­braucht wor­den ist, um Unrecht zu ver­üben, woll­te ich gemein­sam mit der mus­li­mi­schen Gemein­schaft der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Repu­blik bekräf­ti­gen: „Wer behaup­tet, an Gott zu glau­ben, muss auch ein Mensch des Frie­dens sein“ ((Begeg­nung mit der mus­li­mi­schen Gemein­schaft (Ban­gui, 30. Novem­ber 2015))) und folg­lich ein Mensch der Barm­her­zig­keit, denn nie­mals kann man im Namen Got­tes töten. Nur eine ideo­lo­gi­sche und irre­ge­lei­te­te Form von Reli­gi­on kann dar­an den­ken, durch vor­sätz­li­chen Mord an wehr­lo­sen Men­schen im Namen Got­tes Gerech­tig­keit zu erwei­sen, wie es in den blu­ti­gen Ter­ror­an­schlä­gen der ver­gan­ge­nen Mona­te in Afri­ka, Euro­pa und im Nahen Osten gesche­hen ist.

Die Barm­her­zig­keit war gleich­sam der „Leit­fa­den“, der mei­ne Apo­sto­li­schen Rei­sen schon im ver­gan­ge­nen Jahr ori­en­tiert hat. Ich bezie­he mich vor allem auf den Besuch in Sara­je­vo, einer durch den Bal­kan­krieg zutiefst ver­wun­de­ten Stadt und Haupt­stadt eines Lan­des – Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na –, das eine spe­zi­el­le Bedeu­tung für Euro­pa und für die gan­ze Welt besitzt. Als Kreu­zungs­punkt von Kul­tu­ren, Natio­nen und Reli­gio­nen bemüht es sich mit posi­ti­ven Ergeb­nis­sen, immer neue Brücken zu bau­en, das Einen­de zur Gel­tung zu brin­gen und die Unter­schie­de als eine Gele­gen­heit anzu­se­hen, im Respekt gegen­über allen zu wach­sen. Das ist mög­lich durch einen gedul­di­gen und ver­trau­ens­vol­len Dia­log, der es ver­steht, sich die Wer­te der Kul­tur eines jeden zu Eigen zu machen und das Gute aus den Erfah­run­gen der ande­ren auf­zu­neh­men. ((Vgl. Begeg­nung mit Ver­tre­tern der Regie­rung und des öffent­li­chen Lebens (6. Juni 2015).))

Außer­dem den­ke ich an die Rei­se nach Boli­vi­en, Ecua­dor und Para­gu­ay, wo ich Völ­kern begeg­net bin, die ange­sichts der Schwie­rig­kei­ten nicht auf­ge­ben und sich mutig, ent­schlos­sen und im Geist der Brü­der­lich­keit den zahl­rei­chen Her­aus­for­de­run­gen stel­len, die sie quä­len, ange­fan­gen von der ver­brei­te­ten Armut und den sozia­len Ungleich­hei­ten. Im Lau­fe mei­ner Rei­se nach Kuba und in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka konn­te ich zwei Län­der umfan­gen, die lan­ge von­ein­an­der getrennt waren und sich ent­schlos­sen haben, eine neue Sei­te im Buch der Geschich­te zu schrei­ben, indem sie sich auf einen Weg der Wie­der­an­nä­he­rung und der Ver­söh­nung bege­ben haben.

In Phil­adel­phia anläss­lich des Welt­fa­mi­li­en­tref­fens wie auch im Lau­fe der Rei­se nach Sri Lan­ka und auf die Phil­ip­pi­nen sowie mit der jüng­sten Bischofs­syn­ode habe ich an die Bedeu­tung der Fami­lie erin­nert: Sie ist die erste und wich­tig­ste Schu­le der Barm­her­zig­keit, in der man lernt, das lie­be­vol­le Ant­litz Got­tes zu ent­decken, und wo unse­re Mensch­lich­keit wächst und sich ent­wickelt. Lei­der wis­sen wir um die zahl­rei­chen Her­aus­for­de­run­gen, mit denen sich die Fami­lie aus­ein­an­der­set­zen muss in die­ser Zeit, in der sie „bedroht [ist] durch zuneh­men­de Bemü­hun­gen eini­ger, die Insti­tu­ti­on der Ehe selbst neu zu defi­nie­ren, durch Rela­ti­vis­mus, durch die Kul­tur der Kurz­le­big­keit und durch man­geln­de Offen­heit für das Leben“. ((Begeg­nung mit den Fami­li­en (Mani­la, 16. Janu­ar 2015))) Es besteht heu­te eine ver­brei­te­te Angst vor der End­gül­tig­keit, die für die Fami­lie erfor­der­lich ist, und den Preis dafür zah­len vor allem die Jüng­sten, die oft schwach und ori­en­tie­rungs­los sind, sowie die älte­ren Men­schen, die am Ende ver­ges­sen und ver­las­sen wer­den. Im Gegen­satz dazu erwächst „aus der geleb­ten Geschwi­ster­lich­keit in der Fami­lie […] die Soli­da­ri­tät in der Gesell­schaft“ (( Begeg­nung mit Ver­tre­tern des öffent­li­chen Lebens (Qui­to, 7. Juli 2015))) , die uns in die Ver­ant­wort­lich­keit für­ein­an­der führt. Das ist nur mög­lich, wenn wir nicht zulas­sen, dass sich in unse­ren Fami­li­en wie in unse­ren Gesell­schaf­ten ein „Boden­satz“ von Schwie­rig­kei­ten und Res­sen­ti­ments abla­gert, und statt­des­sen dem Dia­log Raum geben, der das beste Gegen­mit­tel gegen den in der Kul­tur unse­rer Zeit so weit ver­brei­te­ten Indi­vi­dua­lis­mus ist.

Lie­be Botschafter,

eine indi­vi­dua­li­sti­sche Men­ta­li­tät ist der Nähr­bo­den, auf dem jenes Gefühl der Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem Näch­sten reift, das dazu führt, mit ihm umzu­ge­hen wie mit einer blo­ßen Han­dels­wa­re; das dazu treibt, sich nicht um das Mensch­sein der ande­ren zu küm­mern, und das die Per­so­nen schließ­lich fei­ge und zynisch wer­den lässt. Sind das denn nicht die Gefüh­le, die wir oft gegen­über den Armen, den Aus­ge­grenz­ten, den Letz­ten der Gesell­schaft hegen? Und wie vie­le Letz­te haben wir in unse­ren Gesell­schaf­ten! Unter ihnen den­ke ich vor allem an die Migran­ten mit ihrer Last an Schwie­rig­kei­ten und Lei­den, denen sie täg­lich begeg­nen auf ihrer manch­mal ver­zwei­fel­ten Suche nach einem Ort, wo sie in Frie­den und Wür­de leben können.

Dar­um möch­te ich heu­te dabei ver­wei­len, mit Ihnen über den schwe­ren Migra­ti­ons-Not­stand nach­zu­den­ken, mit dem wir uns aus­ein­an­der­zu­set­zen haben, um die Ursa­chen zu erken­nen, Lösun­gen in Aus­sicht zu stel­len und die unver­meid­li­che Angst zu über­win­den, die ein so mas­si­ves und gewal­ti­ges Phä­no­men beglei­tet, das im Lau­fe des Jah­res 2015 vor allem Euro­pa, aber auch ver­schie­de­ne Regio­nen Asi­ens sowie Nord- und Mit­tel­ame­ri­ka betraf.

»Fürch­te dich also nicht und hab kei­ne Angst; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unter­nimmst« (Jos 1,9). Das ist das Ver­spre­chen, das Gott dem Josua gibt und das zeigt, wie sehr der Herr jeden Men­schen beglei­tet, vor allem den, der sich in einer Situa­ti­on der Schwä­che befin­det wie der eines Zuflucht Suchen­den in einem frem­den Land. Tat­säch­lich erzählt uns die gan­ze Bibel die Geschich­te einer Mensch­heit auf dem Wege, denn das In-Bewe­gung-Sein ist dem Men­schen wesens­ei­gen. Sei­ne Geschich­te besteht aus vie­len Wan­de­run­gen, die manch­mal aus dem Bewusst­sein sei­nes Rechts auf freie Ent­schei­dung gereift sind, häu­fig aber von äuße­ren Umstän­den vor­ge­schrie­ben wer­den. Von der Ver­trei­bung aus dem irdi­schen Para­dies bis zu Abra­ham, der unter­wegs ist zum Land der Ver­hei­ßung; von der Erzäh­lung des Exo­dus bis zur Depor­ta­ti­on nach Baby­lo­ni­en schil­dert die Hei­li­ge Schrift Mühen und Lei­den, Wün­sche und Hoff­nun­gen, die denen von Hun­dert­tau­sen­den von Men­schen glei­chen, die in unse­ren Tagen unter­wegs sind, mit dem­sel­ben Ziel wie Mose, ein Land zu errei­chen, »in dem Milch und Honig flie­ßen« (Ex 3,17), wo man in Frei­heit und Frie­den leben kann.

Und so hören wir heu­te wie damals den Schrei Rachels, die ihre Kin­der beweint, »denn sie sind dahin« (Jer 31,15; vgl. Mt 2,18). Es ist die Stim­me von Tau­sen­den wei­nen­der Men­schen auf der Flucht vor schreck­li­chen Krie­gen, vor Ver­fol­gun­gen und vor Ver­let­zun­gen der Men­schen­rech­te oder vor poli­ti­scher bzw. sozia­ler Insta­bi­li­tät, die oft das Leben in der Hei­mat unmög­lich machen. Es ist der Schrei derer, die gezwun­gen sind zu flie­hen, um den unsäg­li­chen Grau­sam­kei­ten, die an schutz­lo­sen Men­schen wie Kin­dern und Behin­der­ten ver­übt wer­den, oder dem Mar­ty­ri­um auf­grund der blo­ßen reli­giö­sen Zuge­hö­rig­keit zu entgehen.

Wie damals hören wir die Stim­me Jakobs, der zu sei­nen Söh­nen sagt: »Zieht hin und kauft dort für uns Getrei­de, damit wir am Leben blei­ben und nicht ster­ben müs­sen« (Gen 42,2). Es ist die Stim­me derer, die dem extre­men Elend ent­flie­hen, weil es ihnen unmög­lich ist, ihre Fami­lie zu ernäh­ren, oder weil sie kei­nen Zugang zu medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung und zu Bil­dung haben; die vor dem Nie­der­gang ohne irgend­ei­ne Aus­sicht auf Fort­schritt flie­hen oder auch auf­grund des Kli­ma­wan­dels und der extre­men kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen. Lei­der ist bekannt­lich der Hun­ger noch eine der schwer­sten Pla­gen unse­rer Welt, mit Mil­lio­nen von Kin­dern, die jedes Jahr ver­hun­gern. Es schmerzt jedoch fest­zu­stel­len, dass die­se Migran­ten häu­fig von kei­nem der inter­na­tio­na­len Schutz­sy­ste­me auf­ge­fan­gen wer­den, die auf den inter­na­tio­na­len Ver­trä­gen basieren.

Wie kann man in all dem nicht die Frucht jener „Weg­werf­kul­tur“ sehen, die die mensch­li­che Per­son in Gefahr bringt, indem sie Män­ner und Frau­en den Göt­zen des Gewinns und des Kon­sums opfert? Es ist schwer­wie­gend, wenn man sich an die­se Situa­tio­nen von Armut und Not, an die Tra­gö­di­en so vie­ler Men­schen gewöhnt und sie zur „Nor­ma­li­tät“ wer­den lässt. Die Men­schen wer­den nicht mehr als ein vor­ran­gi­ger zu respek­tie­ren­der und zu schüt­zen­der Wert emp­fun­den, beson­ders, wenn sie arm sind oder eine Behin­de­rung haben, wenn sie – wie die Unge­bo­re­nen – „noch nicht nütz­lich sind“ oder – wie die Alten – „nicht mehr nütz­lich sind“. Wir sind unsen­si­bel gewor­den gegen­über jeder Form von Ver­schwen­dung, ange­fan­gen bei jener der Nah­rungs­mit­tel, die zu den ver­werf­lich­sten gehört, wenn es vie­le Men­schen und Fami­li­en gibt, die an Hun­ger und Unter­ernäh­rung lei­den. ((Vgl. Gene­ral­au­di­enz (5. Juni 2013)))

Der Hei­li­ge Stuhl hofft, dass der erste Welt­gip­fel für huma­ni­tä­re Hil­fe, der für den kom­men­den Mai von den Ver­ein­ten Natio­nen ein­be­ru­fen ist, in sei­ner Ziel­set­zung, den Men­schen und sei­ne Wür­de in den Mit­tel­punkt jeder huma­ni­tä­ren Ant­wort zu stel­len, im heu­ti­gen trau­ri­gen Rah­men von Kon­flik­ten und Unglücken erfolg­reich ist. Es bedarf eines gemein­sa­men Ein­sat­zes, der die Weg­werf­kul­tur und die Kul­tur der Ent­wür­di­gung des mensch­li­chen Lebens ent­schlos­sen umkehrt, damit nie­mand sich ver­nach­läs­sigt oder ver­ges­sen fühlt und damit nicht wei­te­re Leben aus Man­gel an Hilfs­mit­teln und – vor allem – an poli­ti­schem Wil­len geop­fert werden.

Lei­der hören wir heu­te wie damals die Stim­me Judas, der vor­schlägt, den eige­nen Bru­der zu ver­kau­fen (vgl. Gen 37,26–27). Es ist die Arro­ganz der Mäch­ti­gen, wel­che die Schwa­chen instru­men­ta­li­sie­ren und sie zu Objek­ten für ego­isti­sche Zie­le oder für stra­te­gi­sche und poli­ti­sche Kal­kü­le her­ab­wür­di­gen. Wo eine regu­lä­re Migra­ti­on unmög­lich ist, sind die Migran­ten häu­fig zu der Wahl gezwun­gen, sich an Men­schen­händ­ler oder ‑schmugg­ler zu wen­den, obwohl sie sich gro­ßen­teils der Gefahr bewusst sind, wäh­rend der Rei­se ihre Habe, ihre Wür­de und sogar ihr Leben zu ver­lie­ren. Aus die­ser Sicht erneue­re ich noch ein­mal mei­nen Appell, dem Men­schen­han­del Ein­halt zu gebie­ten, der die Men­schen ver­mark­tet, beson­ders die schwäch­sten und schutz­lo­se­sten. Immer wer­den unse­rer Erin­ne­rung und unse­ren Her­zen die Bil­der von Kin­dern, die im Meer ums Leben kamen, unver­gess­lich ein­ge­prägt blei­ben – Opfer der Skru­pel­lo­sig­keit der Men­schen und der Erbar­mungs­lo­sig­keit der Natur. Wer dann über­lebt und in einer Nati­on lan­det, die ihn auf­nimmt, behält unaus­lösch­lich die tie­fen Wund­ma­le die­ser Erfah­run­gen und dazu die, wel­che von den Schrecken her­rüh­ren, die stets mit Krie­gen und Gewalt­ta­ten einhergehen.

Wie damals, hört man auch heu­te wie­der die Stim­me des Engels, die ruft: »Steh auf, nimm das Kind und sei­ne Mut­ter, und flieh nach Ägyp­ten; dort blei­be, bis ich dir etwas ande­res auf­tra­ge« (Mt 2,13). Es ist die Stim­me, wel­che die vie­len Migran­ten hören, die nie­mals ihr Land ver­las­sen wür­den, wenn sie nicht dazu gezwun­gen wären. Unter die­sen sind zahl­rei­che Chri­sten, die im Lau­fe der letz­ten Jah­re zuneh­mend mas­sen­haft ihre Län­der ver­las­sen haben, die sie doch seit den Anfän­gen des Chri­sten­tums bewohnten.

Schließ­lich hören wir auch heu­te die Stim­me des Psal­mi­sten, der wie­der­holt: »An den Strö­men von Babel, da saßen wir und wein­ten, wenn wir an Zion dach­ten« (Ps 137,1). Es ist das Wei­nen derer, die ger­ne in ihre Län­der zurück­keh­ren wür­den, wenn sie dort geeig­ne­te Bedin­gun­gen für Sicher­heit und Aus­kom­men fän­den. Auch hier den­ke ich an die Chri­sten des Nahen Ostens, die sich wün­schen, als voll­be­rech­tig­te Bür­ger zum gei­sti­gen und mate­ri­el­len Wohl ihrer jewei­li­gen Natio­nen beizutragen.

Einen gro­ßen Teil der Ursa­chen für die Migra­tio­nen hät­te man schon vor Zei­ten in Angriff neh­men kön­nen. So hät­te man vie­len Unglücken zuvor­kom­men oder zumin­dest ihre grau­sam­sten Fol­gen abmil­dern kön­nen. Auch heu­te – und bevor es zu spät ist – könn­te man vie­les tun, um den Tra­gö­di­en Ein­halt zu gebie­ten und den Frie­den her­zu­stel­len. Das wür­de aber bedeu­ten, ein­ge­fah­re­ne Gewohn­hei­ten und Gepflo­gen­hei­ten wie­der zur Dis­kus­si­on zu stel­len, vom mit dem Waf­fen­han­del ver­bun­de­nen Fra­gen­kom­plex über das Pro­blem der Roh­stoff- und Ener­gie­ver­sor­gung, über die Inve­sti­tio­nen, die Finanz­po­li­tik und die poli­ti­schen Pro­gram­me für Ent­wick­lungs­hil­fe bis zu der schwe­ren Pla­ge der Kor­rup­ti­on. Wir sind uns außer­dem bewusst, dass zum The­ma der Migra­ti­on mit­tel- und lang­fri­sti­ge Plä­ne auf­ge­stellt wer­den müs­sen, die über den Not­be­helf hin­aus­ge­hen. Sie müss­ten einer­seits wirk­lich die Ein­glie­de­rung der Migran­ten in die Auf­nah­me­län­der för­dern und ande­rer­seits zugleich die Ent­wick­lung in den Her­kunfts­län­dern begün­sti­gen mit soli­da­ri­schen poli­ti­schen Pro­gram­men, die jedoch die Hil­fen nicht von Stra­te­gien und Ver­fah­ren abhän­gig machen, die den Kul­tu­ren der Völ­ker, an die sie sich rich­ten, ideo­lo­gisch fremd sind oder zu ihnen im Wider­spruch stehen.

Ohne ande­re dra­ma­ti­sche Situa­tio­nen zu ver­ges­sen, unter denen ich beson­ders an die Gren­ze zwi­schen Mexi­ko und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten den­ke – die ich kurz strei­fen wer­de, wenn ich mich im kom­men­den Febru­ar nach Ciu­dad Juá­rez begebe –, möch­te ich Euro­pa einen spe­zi­el­len Gedan­ken wid­men. Tat­säch­lich ist die­ser Kon­ti­nent im Lau­fe des letz­ten Jah­res von einem gewal­ti­gen Strom von Flücht­lin­gen heim­ge­sucht wor­den – von denen vie­le bei dem Ver­such, ihn zu errei­chen, den Tod gefun­den haben –, von einem Flücht­lings­strom, der in der jün­ge­ren Geschich­te Euro­pas kei­nen Ver­gleich kennt, nicht ein­mal am Ende des Zwei­ten Welt­kriegs. Vie­le Migran­ten aus Asi­en und aus Afri­ka sehen in Euro­pa einen Anhalts­punkt für Grund­sät­ze wie die Gleich­heit vor dem Recht und die in die Natur jedes Men­schen selbst ein­ge­schrie­be­nen Wer­te, z. B. die Unver­äu­ßer­lich­keit der Wür­de und die Gleich­heit aller Men­schen, die Näch­sten­lie­be ohne Unter­schei­dung der Her­kunft und Zuge­hö­rig­keit, die Gewis­sens­frei­heit und die Soli­da­ri­tät gegen­über den Mitmenschen.

Die mas­sen­haf­ten Lan­dun­gen an den Küsten des Alten Kon­ti­nents schei­nen jedoch das System der Auf­nah­me ins Wan­ken zu brin­gen, das auf den Trüm­mern des Zwei­ten Welt­kriegs müh­sam auf­ge­baut wur­de und immer noch ein Leucht­feu­er der Mensch­lich­keit dar­stellt, auf das man sich bezie­hen kann. Ange­sichts des gewal­ti­gen Aus­ma­ßes der Strö­me und der unver­meid­lich damit ver­bun­de­nen Pro­ble­me sind nicht weni­ge Fra­gen auf­ge­taucht nach den rea­len Mög­lich­kei­ten des Emp­fangs und der Anpas­sung der Men­schen, nach der Ver­än­de­rung des kul­tu­rel­len und sozia­len Gefü­ges der Auf­nah­me­län­der wie auch nach einer Umge­stal­tung eini­ger regio­na­ler geo­po­li­ti­scher Gleich­ge­wich­te. Eben­so rele­vant sind die Befürch­tun­gen um die Sicher­heit, die durch die über­hand neh­men­de Bedro­hung durch den inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus über alle Maßen ver­schärft wer­den. Die augen­blick­li­che Migra­ti­ons­wel­le scheint die Fun­da­men­te jenes „huma­ni­sti­schen Gei­stes“ zu unter­gra­ben, den Euro­pa von jeher liebt und ver­tei­digt. ((Vgl. Anspra­che an das Euro­päi­sche Par­la­ment (Straß­burg, 25. Novem­ber 2014))) Den­noch darf man sich nicht erlau­ben, die Wer­te und die Prin­zi­pi­en der Mensch­lich­keit, der Ach­tung der Wür­de eines jeden Men­schen, der Sub­si­dia­ri­tät und der gegen­sei­ti­gen Soli­da­ri­tät auf­zu­ge­ben, auch wenn sie in eini­gen Momen­ten der Geschich­te eine schwer zu tra­gen­de Bür­de sein kön­nen. Ich möch­te daher mei­ne Über­zeu­gung bekräf­ti­gen, dass Euro­pa, unter­stützt durch sein gro­ßes kul­tu­rel­les und reli­giö­ses Erbe, die Mit­tel besitzt, um die Zen­tra­li­tät der Per­son zu ver­tei­di­gen und um das rech­te Gleich­ge­wicht zu fin­den in sei­ner zwei­fa­chen mora­li­schen Pflicht, einer­seits die Rech­te der eige­nen Bür­ger zu schüt­zen und ande­rer­seits die Betreu­ung und die Auf­nah­me der Migran­ten zu garan­tie­ren. ((vgl. ebd.))

Zugleich emp­fin­de ich die Not­wen­dig­keit, Dank­bar­keit aus­zu­drücken für all die Initia­ti­ven, die ergrif­fen wur­den, um eine wür­di­ge Auf­nah­me der Men­schen zu för­dern, dar­un­ter z. B. der Migran­ten- und Flücht­lings­fonds der Ent­wick­lungs­bank des Euro­pa­ra­tes. Eben­so dan­ke ich für das Enga­ge­ment jener Län­der, die eine groß­her­zi­ge Hal­tung des Mit­ein­an­der-Tei­lens gezeigt haben. Ich bezie­he mich vor allem auf die Natio­nen in der Nach­bar­schaft Syri­ens, die unver­züg­lich mit Hil­fe und Auf­nah­me reagiert haben, vor allem auf den Liba­non, wo die Flücht­lin­ge ein Vier­tel der Gesamt­be­völ­ke­rung aus­ma­chen, und auf Jor­da­ni­en, das sei­ne Gren­zen nicht geschlos­sen hat, obwohl es bereits Hun­dert­tau­sen­de von Flücht­lin­gen beher­bergt. In glei­cher Wei­se dür­fen die Anstren­gun­gen ande­rer an vor­der­ster Front enga­gier­ter Län­der nicht ver­ges­sen wer­den, dar­un­ter beson­ders Tür­kei und Grie­chen­land. Eine spe­zi­el­le Aner­ken­nung möch­te ich Ita­li­en aus­spre­chen, des­sen ent­schie­de­ner Ein­satz vie­le Leben im Mit­tel­meer geret­tet hat und das sich auf sei­nem Ter­ri­to­ri­um immer noch einer gewal­ti­gen Zahl von Flücht­lin­gen annimmt. Ich hof­fe, dass der tra­di­tio­nel­le Sinn für Gast­freund­schaft, der das ita­lie­ni­sche Volk aus­zeich­net, durch die unver­meid­li­chen Schwie­rig­kei­ten des Augen­blicks nicht geschwächt wer­de, son­dern dass es im Licht sei­ner viel­tau­send­jäh­ri­gen Tra­di­ti­on fähig sei, den gesell­schaft­li­chen, wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Bei­trag, den die Migran­ten bie­ten kön­nen, auf­zu­neh­men und zu integrieren.

Es ist wich­tig, dass die Natio­nen an vor­der­ster Front bei ihrer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem aktu­el­len Not­stand nicht allein gelas­sen wer­den, und es ist eben­so uner­läss­lich, einen frei­mü­ti­gen und respekt­vol­len Dia­log unter allen von dem Pro­blem betrof­fe­nen Natio­nen – sowohl den Her­kunfts- als auch den Durch­gangs- oder den Auf­nah­me­län­dern – ein­zu­lei­ten, um mit grö­ße­rem krea­ti­ven Wage­mut nach neu­en und nach­hal­ti­gen Lösun­gen zu suchen. Tat­säch­lich ist unter den gege­be­nen Umstän­den nicht an Lösun­gen zu den­ken, die von den ein­zel­nen Staa­ten im Allein­gang ange­strebt wer­den, denn die Kon­se­quen­zen der Ent­schei­dun­gen eines jeden fal­len unver­meid­lich auf die gesam­te inter­na­tio­na­le Gemein­schaft zurück. Es ist ja bekannt, dass die Migra­tio­nen mehr, als das bis­her der Fall war, ein grund­le­gen­des Ele­ment der Zukunft der Welt dar­stel­len wer­den und dass die Ant­wor­ten nur das Ergeb­nis einer gemein­sa­men Arbeit sein kön­nen, die die Men­schen­wür­de und die Men­schen­rech­te ach­tet. Die von den Ver­ein­ten Natio­nen im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber ange­nom­me­ne Ent­wick­lungs-Agen­da für die näch­sten 15 Jah­re, die vie­le der Pro­ble­me ins Auge fasst, die in die Migra­ti­on trei­ben, wie auch ande­re Doku­men­te der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft zur Hand­ha­bung der Migra­ti­ons­fra­ge wer­den eine den Erwar­tun­gen ent­spre­chen­de Anwen­dung fin­den kön­nen, wenn es gelingt, den Men­schen wie­der in den Mit­tel­punkt der poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen auf allen Ebe­nen zu stel­len und dabei die Mensch­heit als eine ein­zi­ge Fami­lie und die Men­schen als Geschwi­ster zu betrach­ten, in der Ach­tung gegen­über den jewei­li­gen Unter­schie­den und Gewissensüberzeugungen.

Wenn man sich mit der Migra­ti­ons­fra­ge aus­ein­an­der­setzt, dür­fen näm­lich die damit zusam­men­hän­gen­den kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de nicht ver­nach­läs­sigt wer­den, ange­fan­gen bei denen, die mit der Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit ver­bun­den sind. Der Extre­mis­mus und der Fun­da­men­ta­lis­mus fin­den einen frucht­ba­ren Boden nicht nur in der Instru­men­ta­li­sie­rung der Reli­gi­on für Zie­le der Macht, son­dern auch in der Lee­re der feh­len­den Idea­le und im Ver­lust der – auch reli­giö­sen – Iden­ti­tät, die den soge­nann­ten Westen dra­ma­tisch kenn­zeich­net. Aus die­ser Lee­re erwächst die Angst, die dazu treibt, den ande­ren als eine Gefahr und einen Feind anzu­se­hen, sich in sich selbst zu ver­schlie­ßen und sich in vor­ge­fass­ten Mei­nun­gen zu ver­schan­zen. Das Phä­no­men der Migra­ti­on wirft also eine ern­ste kul­tu­rel­le Fra­ge auf, deren Beant­wor­tung man sich nicht ent­zie­hen kann. Die Auf­nah­me kann daher eine gün­sti­ge Gele­gen­heit sein für eine neue Ein­sicht und Öff­nung des Hori­zon­tes – sowohl für den Auf­ge­nom­me­nen, der die Pflicht hat, die Wer­te, Tra­di­tio­nen und Geset­ze der gast­ge­ben­den Gemein­schaft zu respek­tie­ren, als auch für die­se Letz­te­re, die auf­ge­for­dert ist, alles zum Tra­gen kom­men zu las­sen, was jeder Ein­wan­de­rer zum Nut­zen der gesam­ten Gemein­schaft bei­steu­ern kann. Auf die­sem Gebiet erneu­ert der Hei­li­ge Stuhl sei­nen Ein­satz im öku­me­ni­schen und inter­re­li­giö­sen Bereich, um einen auf­rich­ti­gen und fai­ren Dia­log ein­zu­lei­ten, der dadurch, dass er die Beson­der­hei­ten und die per­sön­li­che Iden­ti­tät eines jeden zur Gel­tung bringt, ein har­mo­ni­sches Zusam­men­le­ben aller sozia­len Kom­po­nen­ten fördert.

Sehr geehr­te Mit­glie­der des diplo­ma­ti­schen Corps,

das Jahr 2015 kann den Abschluss bedeu­ten­der inter­na­tio­na­ler Ver­ein­ba­run­gen ver­zeich­nen, die auf eine gute Zukunft hof­fen las­sen. Ich den­ke vor allem an das soge­nann­te Atom­ab­kom­men mit dem Iran, das – wie ich hof­fe – dazu bei­tra­gen möge, ein Kli­ma der Ent­span­nung in der Regi­on zu för­dern, wie auch an die Erzie­lung des erwar­te­ten Kli­ma­ver­trags im Lau­fe der Kon­fe­renz von Paris. Es han­delt sich um eine bedeu­tungs­vol­le Ver­ein­ba­rung, die ein wich­ti­ges Ergeb­nis für die gesam­te inter­na­tio­na­le Gemein­schaft dar­stellt und eine star­ke kol­lek­ti­ve Bewusst­wer­dung der gro­ßen Ver­ant­wor­tung deut­lich wer­den lässt, die jeder – Ein­zel­ne wie Natio­nen – dafür hat, die Schöp­fung zu bewah­ren und „eine Kul­tur der Acht­sam­keit [zu] för­dern, die die gesam­te Gesell­schaft erfüllt“. ((Lau­da­to si’, 231.)) Nun ist es grund­le­gend, dass die über­nom­me­nen Enga­ge­ments nicht nur ein guter Vor­satz blei­ben, son­dern für alle Staa­ten eine wirk­li­che Ver­pflich­tung dar­stel­len, die not­wen­di­gen kon­kre­ten Schrit­te zu unter­neh­men, um unse­re gelieb­te Erde zu erhal­ten, zum Wohl der gesam­ten Mensch­heit, vor allem der kom­men­den Generationen.

Das eben begon­ne­ne Jahr kün­digt sich sei­ner­seits an als ein Jahr vol­ler Her­aus­for­de­run­gen, und nicht weni­ge Span­nun­gen haben sich schon am Hori­zont blicken las­sen. Ich den­ke vor allem an die schwe­ren Kon­flik­te, die in der Regi­on des Per­si­schen Golfs auf­ge­kom­men sind, wie auch an das besorg­nis­er­re­gen­de mili­tä­ri­sche Expe­ri­ment, das auf der korea­ni­schen Halb­in­sel durch­ge­führt wur­de. Ich hof­fe, dass die Gegen­sät­ze Raum las­sen für die Stim­me des Frie­dens und für den guten Wil­len, nach Eini­gun­gen zu suchen. Aus die­ser Per­spek­ti­ve kann ich zu mei­ner Zufrie­den­heit fest­stel­len, dass es nicht an bedeu­tungs­vol­len und beson­ders ermu­ti­gen­den Zei­chen fehlt. Ich bezie­he mich spe­zi­ell auf das Kli­ma eines fried­li­chen Zusam­men­le­bens, in dem sich die jüng­sten Wah­len in der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Repu­blik abge­spielt haben – ein posi­ti­ves Zei­chen für den Wil­len, den ein­ge­schla­ge­nen Weg zur voll­kom­me­nen natio­na­len Ver­söh­nung fort­zu­set­zen. Außer­dem den­ke ich an die in Zypern ein­ge­lei­te­ten neu­en Initia­ti­ven, um eine lang andau­ern­de Spal­tung zu hei­len, und auf die vom kolum­bia­ni­schen Volk unter­nom­me­nen Anstren­gun­gen, um die Kon­flik­te der Ver­gan­gen­heit zu über­win­den und den lang ersehn­ten Frie­den zu errei­chen. Alle schau­en wir außer­dem vol­ler Hoff­nung auf die wich­ti­gen Schrit­te, die die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft unter­nom­men hat, um eine poli­ti­sche und diplo­ma­ti­sche Lösung der Kri­se in Syri­en zu erzie­len, die den all­zu lang andau­ern­den Lei­den der Bevöl­ke­rung ein Ende set­zen soll. In glei­cher Wei­se sind die Signa­le aus Liby­en ermu­ti­gend, die auf einen erneu­er­ten Ein­satz hof­fen las­sen, um die Gewalt­tä­tig­kei­ten zu been­den und die Ein­heit des Lan­des wie­der­zu­fin­den. Ande­rer­seits erscheint immer deut­li­cher, dass nur eine gemein­sa­me und abge­stimm­te poli­ti­sche Akti­on dazu bei­tra­gen kann, die Aus­brei­tung des Extre­mis­mus und des Fun­da­men­ta­lis­mus auf­zu­hal­ten, mit ihren Hin­ter­grün­den ter­ro­ri­sti­scher Prä­gung, die sowohl in Syri­en und Liby­en als auch in ande­ren Län­dern wie dem Irak und dem Jemen unzäh­li­ge Opfer fordern.

Möge die­ses Hei­li­ge Jahr der Barm­her­zig­keit auch der Anlass zu Dia­log und Ver­söh­nung im Hin­blick auf den Auf­bau des Gemein­wohls in Burun­di, in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go und im Süd-Sudan sein. Möge es vor allem eine gün­sti­ge Zeit sein, um den Kon­flikt in den öst­li­chen Regio­nen der Ukrai­ne defi­ni­tiv zu been­den. Von grund­le­gen­der Bedeu­tung ist die Unter­stüt­zung, die die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft, die ein­zel­nen Staa­ten und die huma­ni­tä­ren Orga­ni­sa­tio­nen dem Land unter viel­fäl­ti­gen Gesichts­punk­ten bie­ten kön­nen, damit es die aktu­el­le Kri­se überwindet.

Die Her­aus­for­de­rung, die uns mehr als alle ande­ren erwar­tet, ist jedoch die, die Gleich­gül­tig­keit zu über­win­den, um den Frie­den auf­zu­bau­en ((Vgl. Über­win­de die Gleich­gül­tig­keit und errin­ge den Frie­den, Bot­schaft zum Welt­frie­dens­tag 2016 (8. Dezem­ber 2015))), der ein immer anzu­stre­ben­des Gut bleibt. Lei­der befin­det sich unter den vie­len Tei­len unse­rer gelieb­ten Welt, die ihn bren­nend her­bei­seh­nen, das Land, das Gott bevor­zugt und erwählt hat, um allen das Ant­litz sei­ner Barm­her­zig­keit zu zei­gen. Es ist mein Wunsch, dass die­ses neue Jahr die tie­fen Wun­den hei­len möge, die Israe­lis und Palä­sti­nen­ser tren­nen, und das fried­li­che Zusam­men­le­ben zwei­er Völ­ker ermög­li­che, die – des bin ich gewiss – aus tief­stem Her­zen nichts ande­res ver­lan­gen als Frieden!

Exzel­len­zen, mei­ne Damen und Herren,

auf diplo­ma­ti­scher Ebe­ne wird der Hei­li­ge Stuhl nie­mals auf­hö­ren dafür zu arbei­ten, dass die Stim­me des Frie­dens bis an die äußer­sten Enden der Erde gehört wer­den kann. Ich bekräf­ti­ge daher erneut die völ­li­ge Bereit­schaft des Staats­se­kre­ta­ri­ats, mit Ihnen bei der För­de­rung eines stän­di­gen Dia­logs zwi­schen dem Apo­sto­li­schen Stuhl und den von Ihnen ver­tre­te­nen Län­dern zusam­men­zu­ar­bei­ten, zum Wohl der gesam­ten inter­na­tio­na­len Gemein­schaft. Dabei habe ich die inne­re Gewiss­heit, dass die­ses Jubi­lä­ums­jahr die gün­sti­ge Gele­gen­heit sein kann, dass die kal­te Gleich­gül­tig­keit vie­ler Her­zen über­wun­den wird durch die Wär­me der Barm­her­zig­keit, die­ses kost­ba­ren Geschenks Got­tes, das die Furcht in Lie­be ver­wan­delt und uns zu Frie­dens­stif­tern macht. Mit die­sen Emp­fin­dun­gen über­mitt­le ich erneut jedem von Ihnen, Ihren Fami­li­en und Ihren Län­dern mei­ne innig­sten Glück­wün­sche für ein von Segen erfüll­tes Jahr.

Dan­ke.

Ein­lei­tung: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Osser­va­to­re Romano/vatican.va/Secretum Meum Mihi/AFP (Screen­shot)

11 Kommentare

  1. Puh, das war eine lan­ge Anspra­che von Fran­zis­kus. Ja die Migra­ti­on ist eine Heraus-
    for­de­rung für alle, denn sie bringt auch Vor­ei­le, wie auch Regie­rungs­ver­tre­ter es
    wis­sen wol­len. Dabei sol­len Reli­gi­on und kul­tu­rel­le Tra­di­tio­nen beson­ders beachtet
    wer­den. Zudem sol­len Chri­sten und Gut­men­schen ihren Anteil dazu ein­brin­gen. Auf dem
    Foto strei­chelt Fran­zis­kus den Bauch einer wer­den­den Mut­ter, oder seg­net er ihn
    sogar ?

  2. Das Geschwätz Ber­go­gli­os treibt tag­täg­lich neue absur­de Hyd­raköp­fe her­vor. Die­se hyper­mo­ra­li­sti­sche, über­trie­ben erwei­ter­te Mit­leids­ethik der Kon­zils­kir­che und ihrer Reprä­sen­tan­ten hat zur Aus­höh­lung des abend­län­di­schen Selbst­be­haup­tungs­wil­lens maß­geb­lich beigetragen.
    Die Kir­chen­lei­tung ist nicht einen Deut weni­ger ver­ant­wort­lich für die Flut der ori­en­ta­li­schen Wan­de­rer als die Regie­ren­den in Brüs­sel, Ber­lin und Wien.

  3. Wich­ti­ges Inter­view !! Mit Dr. jur. Dr. jur. Hel­mut Roewer (ehe­ma­li­ger Prä­si­dent des Ver­fas­sungs­schut­zes Thü­rin­gen) „Das Ver­schwin­den des Rechts­staats und das Ver­sa­gen der poli­ti­schen Eli­te“: https://www.youtube.com/watch?v=iGbo1gE9sko — das was in unse­rem Land zur Zeit abläuft, das kann’s abso­lut nicht mehr sein !

    • Das sind die Fol­gen des repres­si­ven Arse­nals der sog. „anti­ras­si­sti­schen“ Geset­ze und Kam­pa­gnen, durch wel­che die Kon­di­tio­nie­rung bereits der Klein­sten zur kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen „Bunt­heit“ und Ver­mi­schung über die Zumu­tun­gen eines „plu­ra­li­sti­schen“ Lan­des gesteu­ert wer­den. Die Kir­chen (des­we­gen ist es nur recht, daß sie dies im Zusam­men­hang mit Ber­go­gli­os Geschwätz setzen)bilden eine maß­geb­li­che Auf­ga­be bei die­ser Kon­di­tio­nie­rung. Die­se Frau ist mehr­fa­ches Opfer, zunächst durch die­se Bestie, dann aber auch durch den „plu­ra­li­sti­schen“ Vor­zei­ge-Bunt-Libe­ral-Tole­ranz-Staat Schwe­den und der „offe­nen“ Kir­che Schwedens.

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