Papst Franziskus und die verschwundenen Wörter „Ablaß“, „Strafe“, „Fegefeuer“ und „Gericht“

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(Rom) „Ablaß und Fege­feu­er waren kon­sti­tu­ti­ve Ele­men­te aller Jubel­jah­re, nicht aber von die­sem. Der Papst spricht nicht mehr davon, so als wür­den sie einen Schat­ten auf den abso­lu­ten Vor­rang der Barm­her­zig­keit wer­fen“, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster.

Untrenn­bar ver­bun­den mit einem Hei­li­gen Jahr ist sein Cha­rak­ter als Zeit der Gna­de. Die katho­li­sche Kir­che spricht von Indul­genz und meint damit den Nach­laß der Sün­den­stra­fen. Als Gna­den­mit­tel stellt sie daher Teil­ab­läs­se und voll­kom­me­ne Abläs­se zur Ver­fü­gung, die von den Leben­den genützt, aber auch Ver­stor­be­nen zuge­wen­det wer­den kön­nen. Zur Gewin­nung eines Ablas­ses sind meh­re­re Bedin­gun­gen zu erfül­len. Eine zen­tra­le Rol­le kommt dabei der Beich­te zu, in der die Sün­den ver­ge­ben wer­den kön­nen. Die Gefahr der ewi­gen Ver­damm­nis ist damit abge­wen­det, doch kön­nen die mit einer Sün­de ver­bun­de­nen zeit­li­chen Sün­den­stra­fen blei­ben. Um sich von ihnen zu rei­ni­gen, kommt ein Betrof­fe­nen in das Fege­feu­er, eben den Ort der Rei­ni­gung. Die Abläs­se ver­kür­zen die­se Zeit, indem Sün­den­stra­fen nach­ge­las­sen wer­den.

Papst Franziskus hat es „bisher penibel vermieden, das Wort ‚Ablaß‘ auszusprechen

Doch Papst Fran­zis­kus habe es bis­her peni­bel ver­mie­den, das Wort „Indul­gen­tia“ oder „Ablaß“ aus­zu­spre­chen, so Magi­ster. Weder bei der Öff­nung der Hei­li­gen Pfor­te im zen­tral­afri­ka­ni­schen Ban­gui noch bei der Öff­nung der Hei­li­gen Pfor­te am 8. Dezem­ber im Peters­dom oder jener der Late­ran­ba­si­li­ka erwähn­te der Papst die Sün­den­stra­fen und die Mög­lich­keit ihres Nach­las­ses durch einen Gna­den­akt. „Auch in den bei­den Mitt­wochs-Kate­che­sen, die er bis­her dem Hei­li­gen Jahr wid­me­te, erwähn­te er nichts davon.“

Um das Wort „Ablaß“ zu fin­den, muß man in der Ankün­di­gungs­bul­le Miser­i­cor­diae vul­tus für das Jahr suchen, die am 11. April 2015 ver­öf­fent­licht wur­de. Auch im erläu­tern­den Schrei­ben vom 1. Sep­tem­ber fin­det sich ein Hin­weis, wo der Papst Anwei­sun­gen gibt, daß der Jubi­lä­ums­ab­laß welt­weit gewon­nen wer­den kann, auch für Ver­stor­be­ne und auch von Gefan­ge­nen.

Auch die Ankündigungsbulle sagt nur vage, was ein Ablaß ist

„Doch nicht ein­mal hier wird gesagt, was genau ein Ablaß ist. Das Wort wird viel­mehr als Syn­onym für die ‚Got­tes Ver­ge­bung für unse­re Sün­den‘ gebraucht“, so Magi­ster. Genau das aber ist der Ablaß nicht. Die Ver­ge­bung der Sün­den und der Nach­laß der Sün­den­stra­fen sind unter­schied­li­che Ebe­nen.

Nur in der Ankün­di­gungs­bul­le wird der Ablaß etwas kon­kre­ter benannt, wenn es heißt:

„Im Sakra­ment der Ver­söh­nung ver­gibt Gott die Sün­den, die damit wirk­lich aus­ge­löscht sind. Und trotz­dem blei­ben die nega­ti­ven Spu­ren, die die­se in unse­rem Ver­hal­ten und in unse­rem Den­ken hin­ter­las­sen haben. Die Barm­her­zig­keit Got­tes ist aber auch stär­ker als die­se. Sie wird zum Ablass, den der Vater durch die Kir­che, die Braut Chri­sti, dem Sün­der, dem ver­ge­ben wur­de, schenkt und der ihn von allen Kon­se­quen­zen der Sün­de befreit, so dass er wie­der neu aus Lie­be han­deln kann und viel­mehr in der Lie­be wächst, als erneut in die Sün­de zu fal­len.“

Die zeit­li­chen Sün­den­stra­fen, für die man ins Fege­feu­er kommt, bezeich­net Papst Fran­zis­kus als „nega­ti­ve Spu­ren“. Ob die Gläu­bi­gen damit den eigent­li­chen Zusam­men­hang ver­ste­hen und die Bedeu­tung des dafür zur Ver­fü­gung ste­hen­den Gna­den­mit­tels bleibt dahin­ge­stellt. Die For­mu­lie­rung bleibt „sehr vage“, so Magi­ster. Wer mehr erfah­ren will, muß im Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che unter Num­mer 1471 und fol­gen­de nach­schla­gen. Ein Hin­weis oder eine Emp­feh­lung dies zu tun, fin­det sich in der Bul­le nicht.

Was sagt der Katechismus?

1471 Die Leh­re über die Abläs­se und deren Anwen­dung in der Kir­che hän­gen eng mit den Wir­kun­gen des Buß­sa­kra­men­tes zusam­men.

Was ist der Ablaß?

„Der Ablaß ist Erlaß einer zeit­li­chen Stra­fe vor Gott für Sün­den, die hin­sicht­lich der Schuld schon getilgt sind. Ihn erlangt der Christ­gläu­bi­ge, der recht berei­tet ist, unter genau bestimm­ten Bedin­gun­gen durch die Hil­fe der Kir­che, die als Die­ne­rin der Erlö­sung den Schatz der Genug­tu­un­gen Chri­sti und der Hei­li­gen auto­ri­ta­tiv aus­teilt und zuwen­det.“

„Der Ablaß ist Teil­ab­laß oder voll­kom­me­ner Ablaß, je nach­dem er von der zeit­li­chen Sün­den­stra­fe teil­wei­se oder ganz frei­macht.“ Abläs­se kön­nen den Leben­den und den Ver­stor­be­nen zuge­wen­det wer­den (Paul VI., Ap. Konst. „Indul­gen­tiar­um doc­tri­na“ nor­mঠ1–3).

Der Kate­chis­mus erklärt auch, was „Sün­den­stra­fen“ bedeu­tet:

Die Sün­den­stra­fen

1472 Um die­se Leh­re und Pra­xis der Kir­che zu ver­ste­hen, müs­sen wir wis­sen, daß die Sün­de eine dop­pel­te Fol­ge hat. Die schwe­re Sün­de beraubt uns der Gemein­schaft mit Gott und macht uns dadurch zum ewi­gen Leben unfä­hig. Die­se Berau­bung heißt „die ewi­ge Sün­den­stra­fe“. Ande­rer­seits zieht jede Sün­de, selbst eine gering­fü­gi­ge, eine schäd­li­che Bin­dung an die Geschöp­fe nach sich, was der Läu­te­rung bedarf, sei es hier auf Erden, sei es nach dem Tod im soge­nann­ten Pur­ga­to­ri­um [Läu­te­rungs­zu­stand]. Die­se Läu­te­rung befreit von dem, was man „zeit­li­che Sün­den­stra­fe“ nennt. Die­se bei­den Stra­fen dür­fen nicht als eine Art Rache ver­stan­den wer­den, die Gott von außen her aus­üben wür­de, son­dern als etwas, das sich aus der Natur der Sün­de ergibt. Eine Bekeh­rung, die aus glü­hen­der Lie­be her­vor­geht, kann zur völ­li­gen Läu­te­rung des Sün­ders füh­ren, so daß kei­ne Sün­den­stra­fe mehr zu ver­bü­ßen bleibt [Vgl. K. v. Tri­ent: DS 1712–1713; 1820].

1473 Die Sün­den­ver­ge­bung und die Wie­der­her­stel­lung der Gemein­schaft mit Gott brin­gen den Erlaß der ewi­gen Sün­den­stra­fen mit sich. Zeit­li­che Sün­den­stra­fen ver­blei­ben jedoch. Der Christ soll sich bemü­hen, die­se zeit­li­chen Sün­den­stra­fen als eine Gna­de anzu­neh­men, indem er Lei­den und Prü­fun­gen jeder Art gedul­dig erträgt und, wenn die Stun­de da ist, den Tod erge­ben auf sich nimmt. Auch soll er bestrebt sein, durch Wer­ke der Barm­her­zig­keit und der Näch­sten­lie­be sowie durch Gebet und ver­schie­de­ne Buß­übun­gen den „alten Men­schen“ gänz­lich abzu­le­gen und den „neu­en Men­schen“ anzu­zie­hen [Vgl. Eph 4,24].

Jubeljahre waren in der Geschichte Zeiten besonders großzügiger Gnadenakte

Die Hei­li­gen Jah­re waren in der Kir­chen­ge­schich­te die Momen­te, in denen beson­ders groß­zü­gig Gna­den­ak­te gewährt wur­den, um die Men­schen mit Gott zu ver­söh­nen und ihnen Erleich­te­rung für den Ein­tritt in den Him­mel zu ver­schaf­fen. Des­halb kamen den Jubel­jah­ren beson­de­re Bedeu­tung zu, so auch dem zuletzt unter Johan­nes Paul II. began­ge­nen Hei­li­gen Jahr 2000.

In der Ankün­di­gungs­bul­le Incar­na­tio­nis myste­ri­um vom 29. Novem­ber 1998 wur­de die Bedeu­tung des Ablas­ses genau erklärt. Die Apo­sto­li­sche Pöni­ten­tia­rie erließ im Auf­trag des pol­ni­schen Pap­stes prä­zi­se Anwei­sun­gen, unter wel­chen Bedin­gun­gen ein voll­stän­di­ger Jubi­lä­ums­ab­laß gewon­nen wer­den konn­te.

Auch „Strafe“ und „Gericht“ gehören zu den verschwundenen Wörtern

Für das Hei­li­ge Jahr der Barm­her­zig­keit erging kei­ne sol­che Anwei­sung an die Pöni­ten­tia­rie. „In dem von Fran­zis­kus aus­ge­ru­fe­nen Jubel­jahr der Barm­her­zig­keit ist das alles fak­tisch bei­sei­te­ge­legt. Es scheint, als wür­de die Apo­sto­li­sche Pöni­ten­tia­rie nicht ein­mal zu exi­stie­ren“, so Magi­ster. Der Papst ver­brei­te unab­läs­sig eine Bot­schaft von Barm­her­zig­keit, uni­ver­sel­ler Ver­ge­bung, voll­kom­me­ner Sün­den­til­gung, aber alles ohne einen aus­drück­li­chen Hin­weis auf die Sün­den­stra­fen und deren Nach­laß.

„Das Wort ‚Stra­fe‘ ist ein ande­res ver­schwun­de­nes Wort. In der Ankün­di­gungs­bul­le und dem fol­gen­den Schrei­ben fin­det es sich nur drei Mal am Ran­de: in einem Zitat des Pro­phe­ten Hosea und in zwei Hin­wei­sen auf die irdi­sche Gerech­tig­keit und die Lebens­be­din­gun­gen der Gefan­ge­nen“, so Magi­ster.

Mit der „Stra­fe“ ist auch das „Gericht“ ver­schwun­den. Jeden­falls fin­det sich bei Papst Fran­zis­kus kein Hin­weis. Ganz im Gegen­teil, wie sei­ne Pre­digt vom 8. Dezem­ber zur Eröff­nung des Hei­li­gen Jah­res zeigt, wo er sag­te:

„Wie­viel Unrecht wird Gott und sei­ner Gna­de getan, wenn man vor allem behaup­tet, dass die Sün­den durch sein Gericht bestraft wer­den, anstatt allem vor­an­zu­stel­len, dass sie von sei­ner Barm­her­zig­keit ver­ge­ben wer­den (vgl. Augu­sti­nus, De pra­ede­sti­na­tio­ne sanc­torum 12,24)! Ja, genau­so ist es. Wir müs­sen die Barm­her­zig­keit dem Gericht vor­an­stel­len, und in jedem Fall wird das Gericht Got­tes immer im Licht sei­ner Barm­her­zig­keit ste­hen.“

Franziskus schafft nichts ab, ordnet aber Hierarchie der Wahrheit neu

Fran­zis­kus lege nicht Hand an die über­lie­fer­te Leh­re, „er schafft nichts ab“, so Magi­ster. „Er ord­net aber die Hier­ar­chie der Wahr­heit neu“ und habe kei­ne Pro­ble­me, Tei­le der Leh­re der Ver­ges­sen­heit anheim­zu­stel­len, „die er für mar­gi­nal hält“.

Doch jeder Ein­griff in die Leh­re, auch neue Gewich­tun­gen, haben Aus­wir­kun­gen. Indem der Ablaß und die Sün­den­stra­fen in die Abstell­kam­mer wan­dern, ver­schwin­det auch das Fege­feu­er. Kön­nen sie Katho­li­ken über­haupt noch etwas dar­un­ter vor­stel­len? Wer dazu etwas wis­sen will, muß zumin­dest in das Pon­ti­fi­kat von Bene­dikt XVI. zurück­ge­hen, der in einer Kate­che­se vom 12. Janu­ar 2011 dar­über sprach und in sei­ner denk­wür­di­gen Enzy­kli­ka Spe sal­vi vom 30. Novem­ber 2007.

Text: Set­ti­mo Cielo/Giuseppe Nar­di
Bild: MiL

23 Kommentare

  1. Die Aller­lö­sungs­vor­stel­lun­gen des amtie­ren­den Pap­stes kön­nen nur mit der Leh­re der Kir­che kol­li­die­ren.
    Sei­ne offen­kun­di­ge Lösung: ein Körn­chen Wahr­heit, viel ver­ba­les Über­tün­chen und Ver­ne­beln.
    Über Scal­fa­ri ließ er die Welt übri­gens wis­sen, dass sich eine geschei­ter­te See­le ins Nichts auf­lö­se, alle ande­ren, die gute Wer­ke ver­rich­ten mit oder ohne Glau­be an unse­ren Hei­land Jesus Chri­stus kom­men in den Him­mel.

    Ohne die zu beach­ten­den Bedin­gun­gen für einen Ablaß, ent­spre­chen die zahl­lo­sen Hei­li­gen Pfor­ten eher bud­dhi­sti­schen Gebets­müh­len.

    • Stimmt genau, schö­ne Hül­len ohne Inhalt.
      So könn­te man das Vat 2 und sei­ne Fol­gen gut cha­rak­te­ri­sie­ren.
      Das neue Dog­ma der Vat 2 Hei­den ist, abschaf­fen durch tot­schwei­gen.
      Hat ja auch gut geklappt, nur was haben die­se Herr­schaf­ten dafür bekom­men?
      Sieht nach einer bra­chia­len Bauch­lan­dung aus.

  2. Zitat: „Als Gna­den­mit­tel stellt sie daher Teil­ab­läs­se und voll­kom­me­ne Abläs­se zur Ver­fü­gung, die von den Leben­den genützt, aber auch Ver­stor­be­nen zuge­wen­det wer­den kön­nen.“
    Sehr inter­es­sant, die­ser Gedan­ke. Gibt es ein For­mu­lar, mit dem ich einen Teil­ab­lass einem Ver­stor­be­nen zuwen­den kann? Und wenn ja, wo schicke ich das hin? Und kann ich mir das auch tei­len mit einem Ver­stor­be­nen?
    Schön das in die­sem Forum die wirk­lich wich­ti­gen Din­ge behan­delt wer­den :-).

    • Bedau­er­lich, dass sie sich über die Letz­ten Din­ge und das Fege­feu­er lustig machen. Wenn Ihnen das See­len­heil nicht wich­tig ist, ist Ihnen gar nichts wich­tig. Scha­de…

    • Es läuft mir kalt den Rücken her­un­ter, wie Sie spot­ten! Und ich begrei­fe all­mäh­lich bes­ser, aus wel­chem Geist Sie auch sonst oft so fin­ster auf mich ein­dre­schen.
      Bit­te — weh­ren Sie sich doch gegen die­sen Geist! Das ist gefähr­lich, was Sie da sagen!

      Ich fin­de es tröst­lich, dass ich mei­nen lie­ben Ver­stor­be­nen etwas zuwen­den kann … oder eben den eben­so gelieb­ten Leben­den oder Unbe­kann­ten — wie Gott will und wie er sei­ne Gna­den­schät­ze ver­tei­len will.

      Die Adres­se, an die man sich dabei wen­det ist immer Jesus. Direkt oder indi­rekt. Man kann Maria bit­ten, ihre Für­spra­che für den und den lie­ben Men­schen ein­zu­le­gen. man kann auch einen leben­den Bru­der oder eine leben­de Schwe­ster um ihre Für­bit­te bit­ten und um Gebe­te oder Ablässe(Teilablässe, die er oder sie einem zuwen­det. Und man kann Mes­sen lesen las­sen für Leben­de und Ver­stor­be­ne. Dazu wen­det man sich an den Prie­ster. Er nennt den, für den man bit­tet, im Mess­ka­non.

      • Sie ver­wech­seln Leo­ne mit „Leo­nie“.
        Ich den­ke nicht, daß Leo­ne jemals sich über das Ablaß­pro­ce­de­re sich der­art äußern wür­de.

      • Hier liegt in der Tat eine Ver­wechs­lung vor, ich habe sicher noch nie auf Sie ein­ge­dro­schen. Und ich ver­si­che­re Ihnen, dass auch ich mei­ner lie­ben Ver­stor­be­nen im Gebet geden­ke. Aber der Gedan­ke, ich kön­ne mich ent­schei­den, einen sol­chen Teil­ab­lass für mich oder einen Ver­stor­be­nen zu ver­wen­den erscheint mir doch sehr welt­lich und buch­hal­te­risch.

      • @ J.G. Rat­kaj

        O — stimmt! Es ist eine Namens­ver­wechs­lung. Also bit­te ich um Ver­zei­hung für die Zuord­nung der Unver­schämt­hei­ten „Leo­nes“ zu „Leo­nie“, bestehe aber auf mei­nem Ent­set­zen über den Spott.

      • @ Leo­nie

        Natür­lich kann man sich fra­gen, war­um man z.B. den Gläu­bi­gen sagt, die und die Gebe­te an dem und dem Tag, wenn ihr im Stand der Gna­de seid, las­sen euch einen Ablass in dem und dem Umfang gewin­nen, den ihr für euch oder einen andern ver­wen­den könnt.

        Viel­leicht ist es ja ein­fach auch eine päd­ago­gi­sche Maß­nah­me der Kir­che, um den Gläu­bi­gen zu zei­gen, mit wie wenig Mühe man rie­si­ge Schät­ze gewin­nen könn­te. Eine freund­li­che Geste für uns, die uns in unse­rer Träg­heit abholt, die für so vie­les Zeit hat und für das Gebet meint, kei­nen Raum frei­hal­ten zu kön­nen.

        Mir per­sön­lich wider­strebt es auch, Gott womög­lich vor­zu­rech­nen, wie oft ich was gebe­tet und wel­chen „Lohn“ die Kir­che dafür ver­spro­chen hat („buch­hal­te­risch“). Ich möch­te es mir weder mer­ken noch je noch mal dran den­ken, was ich „gewon­nen“ haben könn­te. Inzwi­schen möch­te ich nicht ein­mal mehr so genau fest­le­gen, wem was zuge­wandt wird — Gott wird schon alles rich­tig ver­tei­len und der Apo­stel Pau­lus schrieb, eine Hand sol­le nicht wis­sen, was die ande­re tut, wenn es ums Ver­schen­ken geht.

        Aber wenn man sich ande­rer­seits auch über die eige­nen Taten Rechen­schaft geben muss, wenn man sich prü­fen soll, und immer eine Unge­wiss­heit ste­hen bleibt, wie man vor Gott aus­sieht, auch für einen selbst (das war die Lesung vor­ge­stern im alten Ritus), auch dann, wenn man sich nichts bewusst ist, dann geht es eben doch um die Ein­zel­hei­ten.

        Man kann die­se Din­ge auf zwei­er­lei Arten ver­ste­hen. Ich den­ke immer wie­der, der Mensch „ver­zweckt“ per­spek­ti­visch alles, wenn der Glau­be lehrt, dies oder jenes sei für dies und das geschaf­fen, gedacht, vor­ge­se­hen. Bei­spie­le: Wenn Gott das All durch und mit und für sei­nen lie­ben Sohn geschaf­fen hat, dann nicht des­halb, weil Gott etwas bräuch­te für den oder jenen Zweck. Er schuf und han­delt immer aus rei­ner und über­quel­len­der Lie­be — ohne „Zweck“. Oder ande­res Bei­spiel: Wenn Gott am Anfang die Frau für den Mann schuf und aus ihm her­aus gene­rier­te, dann ver­steht der Mann das im Sin­ne des „Zweckes“, und die Frau bil­det sich ein, der Mann „bräuch­te“ sie, weil er sonst defi­zi­tär wäre und des­halb hät­te Gott sie ihm abso­lut not­wen­dig gemacht. Davon steht aber nichts in der Schrift! Weder ist der Zweck der Frau der, dem Mann zu die­nen, noch ist der Mann defi­zi­tär und bräuch­te eine „Gehil­fin“ (inter­es­sant hier auch die ten­den­ziö­se Über­set­zung im Sin­ne des zweck­haf­ten „Hand­lan­gers“). Es heißt, dass Gott ihm eine „Hil­fe“ schafft — das ent­hebt die Situa­ti­on jeder Zweck­ge­bun­den­heit. Adiuto­ri­um nennt Gott die Frau — so wie er selbst sich nen­nen lässt für den Men­schen! Das ist eine lie­ben­de Zuwen­dung und kei­ne Ver­zweckung! Die Lie­be will Gemein­schaft. Ein Du.
        Oder noch ein Bei­spiel: die Erde ist für den Men­schen geschaf­fen, aber auch dies nicht in dem Sinn, dass der Mensch der „Chef“ ist, der sich die Erde ver­wert­bar macht und deren Güter zur Befrie­di­gung sei­ner Zwecke als Mit­tel miss­braucht. Der Mensch tut das aber, und rui­niert damit die Schöp­fung. Die Erde ist dem Men­schen als räum­li­che Gren­ze gesetzt wor­den, inner­halb derer er sich frei bewe­gen darf, dies aber in der Lie­be, mit der der Schöp­fer all das so fein und köst­lich geschaf­fen hat.
        Das bri­san­te­ste Bei­spiel ist aber das Opfer Jesu: Es wäre selt­sam flach und kalt zu sagen, er sei zu einem „Zweck“ für uns gestor­ben. Er ist auf­grund der Lie­be gestor­ben, auf­grund der hei­li­gen und voll­kom­me­nen, gerech­ten und barm­her­zi­gen Lie­be Got­tes gestor­ben für uns, aber nicht im irdi­schen Sin­ne eines „Zwecks“, für das er als „Mit­tel“ her­hielt. Als Gott kann er ja ohne­hin nie „Mit­tel“ für etwas sein. Die Ver­zweckung des hei­li­gen Opfers Chri­sti ist das Grau­sam­ste, was der Mensch her­vor­ge­bracht hat. Von Anfang an aber tut der Mensch auch das unge­niert oder aus geist­li­cher Blind­heit und Hoch­mut.
        Man kann die Barm­her­zig­keit Got­tes auch nicht ver­zwecken. Wenn man aber ein­fach sün­digt und sagt „Ach, Gott hat ein viel wei­te­res Herz als wir es uns je den­ken könn­ten“, dann ver­zwecken wir sei­ne Hei­lig­keit, die wir schein­bar dabei noch prei­sen, um unse­rer Unvoll­kom­men­heit einen Per­sil­schein aus­zu­stel­len.

        Ein Gebet, das die­se „Zweck­frei­heit“, die bei Gott herr­schen muss, weil er ja nicht ein Mensch ist und wie ein Mensch etwas „bräuch­te“, zudem ja nicht dem mensch­li­chen defec­tus mate­riae unter­steht, der immer Wider­stän­de über­win­den muss, wenn er etwas schaf­fen will, wohin­ge­gen Gott sagt „Es wer­de“ und es wird sogleich, beant­wor­tet, dürf­te tat­säch­lich nicht rech­nen und buch­hal­te­risch sich selbst ver­zwecken.

        Jedes Gebet soll­te doch aus Lie­be zu Gott und bei Für­bit­ten zu den andern Men­schen gesche­hen. Das genügt an sich ja schon.

        Nur: Sind wir so reif, dass wir in die­ser Hal­tung beten?

        Ich oft nicht, daher kann man dank­bar sein, wenn die Kir­che „nie­der­schwel­li­ge Ange­bo­te“ macht wie etwa das Gewin­nen eines Ablas­ses…

      • „Es gibt drei Sachen, die man im Leben nicht zurück­be­kommt:
        — einen ver­schos­se­nen Pfeil;
        — eine ver­paß­te Chan­ce;
        — ein unge­paßt aus­ge­spro­che­nes Wort“.
        Immer sach­lich und ver­nünf­tig blei­ben!

      • @ Adri­en A.

        ???
        …Ihr letz­ter Satz — ist der auch Maxi­me des eige­nen Schrei­bens?
        Wol­len Sie etwas Ver­nünf­ti­ges sagen oder ein­fach nur Spit­zen aus­tei­len — ganz im Weih­nachts­frie­den?

    • @Leonie: Ja, das hat etwas Buch­hal­te­ri­sches, Und ja, man kann mit Gott Geschäf­te machen. Dabei braucht es kei­ne For­mu­la­re (sie­he zeit­schnurs Ant­wort), denn Gott ist kei­ne Büro­kra­tie, son­dern ein per­sön­li­cher Gott, auch Ihnen Leo­nie ein Du.

  3. Ja leider,traurig aber wahr,so wür­de JEDER aus mei­nem Umfeld sprechen,denn so redet die Welt.
    Sei­en wir froh,wenn uns die Gna­de der Umkehr geschenkt wur­de!

  4. Es ist ein Jam­mer, dass das Glau­bens­volk, beson­der die Jun­gen, wenig oder gar nichts
    über den Ablass als sol­chen wis­sen. Die mei­sten den­ken hier­bei an Luther, der ja gegen
    den Ablass gewe­sen sein soll, dabei ging es Luther wie bei den Moder­ni­sten, um eine neue
    und ande­re Kir­che. Die feh­len­de kla­re Leh­re von Fran­zis­kus und sein Weg­las­sen und Ver-
    schwei­gen und Nicht­er­klä­ren von Ablass,Fegefeuer,Sünde,Strafe und Gericht, beinhal­ten
    in sich schon eine Unter­las­sungs-Sün­de. Dadurch neh­men vie­le den Glau­ben nicht mehr
    ernst und gera­ten dadurch in die Gleich­gül­tig­keit.

    • Luther hat ja das Ablass­we­sen vor allem als Geld­ein­trei­be­rei inter­pre­tiert, indem er mein­te, durch Geld­spen­den allei­ne wür­den Sün­den ver­ge­ben. Blö­der­wei­se warf er damit nach­träg­lich ein schlech­tes Licht auf Geld­spen­den als sol­che und nahm der Beich­te ihren Stel­len­wert. Im Grun­de war Luther damals das, was Papst Fran­zis­kus heu­te ist, näm­lich ein Kir­chen­spal­ter.

  5. Es wäre lächer­lich und ama­teur­haft, groß ein Jubel­jahr der Barm­her­zig­keit aus­zu­ru­fen ohne bestimm­te Abläs­se zu ver­ord­nen, denn damit hät­te die­ses Gna­den­jahr erst sei­nen Sinn. Noch dazu fal­len Wör­ter wie Beich­te, Ablass, Fege­feu­er, Sün­den­stra­fen und der­glei­chen so gut wie weg. Aber es ist ja noch fast ein Jahr Zeit, um besag­te Abläs­se zu rea­li­sie­ren, auch wenn man das nor­ma­ler­wei­se gleich zu Beginn eines sol­chen Jah­res tun müss­te. Anson­sten blie­be die Fra­ge offen, was an die­sem Jahr der Barm­her­zig­keit denn wirk­lich barm­her­zig war…

  6. Ja es ver­schwin­det alles, die Got­tes­furcht, die Sün­den­stra­fen, das Fege­feu­er, die Höl­le; und es scheint so, als kön­ne die­sen Papst nie­mand mehr auf­hal­ten.

  7. @zeitschnur;Ich habe mit­’­Leo­nie‘ nichts zu schaf­fen ‚noch mit Ihren bos­haf­ten Unterstellungen.Im übri­gen habe ich mit Ihrer „Reli­gi­on-inklu­si­ve deren Katho­li­zis­mus“ nichts am Hut. Dar­über­hin­aus soll­ten Sie sich nicht als Moral­apo­stel auf­spie­len, das ist nicht gut für Knie und Gal­le.

  8. Zu Abläs­sen all­ge­mein möch­te ich hin­zu­fü­gen, dass wahr­schein­lich vie­le der dem Anschein nach gewon­ne­nen Voll­ab­läs­se, gar kei­ne sind. Eine der übli­chen Bedin­gun­gen für die Gewin­nung eines vol­len Ablas­ses ist die Abkehr von jeder Sün­de. Es soll mir ein­mal jemand weis­ma­chen, dass er/sie das effek­tiv schaf­fen könn­te.
    Bei­spiels­wei­se wäre es ja ein­fach, wenn jemand gewöhn­lich nicht in die Kir­che gin­ge, son­dern immer nur dann wenn ein Ablass mög­lich wäre, zumin­dest äußer­lich die Bedin­gun­gen dafür erfül­len wür­de, mit dem ins­ge­hei­men Vor­satz, danach wie­der nur hie und da in die Kir­che zu gehen.
    Oder die Gebets­mei­nung des hei­li­gen Vaters. Vie­le wis­sen soet­was nicht aus­wen­dig, trotz­dem wird es als Ablass-Bedin­gung genannt. So gese­hen ist das Gan­ze ein schwie­rig zu ver­wirk­li­chen­des Pro­ze­de­re. Eben­falls schwie­rig fin­de ich es, wenn es Katho­li­ken gibt, die anstatt ent­stan­de­nen Scha­den wie­der­gut­zu­ma­chen, dies lie­ber durch einen Ablass zu kor­ri­gie­ren ver­su­chen. Aus mei­ner Sicht ist das viel zu kurz gedacht, da es ja frü­her oder spä­ter sowie­so wie­der auf einen zurück­kommt, was gesche­hen ist. Wobei Feh­ler und Schwie­rig­kei­ten im Leben oft nur von Gott und nicht von uns selbst gelöst wer­den kön­nen. Die besag­te Ablass-Auto­ma­tik allein, löst sol­che Pro­ble­me hin­ge­gen nicht.

    • Das stimmt schon, was Sie sagen, aber sind die mei­sten nicht irgend­wo in einer mode­ra­te­ren Ver­fas­sung?

      Für mich ist es immer die­ses Pro­blem: Der Ablass gilt nur, wenn man im Stand der Gna­de und in voll­kom­me­ner Abkehr von der Sün­de ist, also auch den läss­li­chen Sün­den. Wer ehr­lich ist, weiß aber, dass man — außer im Schlaf — wohl per­ma­nent klei­ne­re Sün­den begeht.

      Man kann natür­lich im besten Vor­satz beich­ten, kurz bevor man den Ablass gewin­nen will — das könn­te dann hin­au­en.

      Aber ins­ge­samt stim­me ich Ihnen schon zu, dass die „Vor­rech­ne­rei“ vor Gott nicht Sinn der Sache ist. Eigent­lich soll­te uns die Lie­be trei­ben. In der Schrift heißt es:

      „Bekennt also ein­an­der eure Sün­den und betet für­ein­an­der, dass ihr gesund wer­det. Des Gerech­ten Gebet ver­mag viel, wenn es ernst­lich ist.“ (Jak. 5,16)

      Nach die­sem NT-Satz geht es also um das Sün­den­be­ken­nen, bevor man bit­tet. Dass Gott nie­man­dem etwas abver­langt, das der nicht errei­chen kann, soll­te auch klar sein. Der Schwer­punkt liegt auf dem „ernst­lich“. Von Per­fek­tio­nis­mus steht nir­gends was.

      Wir müs­sen ja ohne­hin jedes Gebet ganz Gott anheim­stel­len.
      Ihm über­las­sen, was er damit macht.

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