Wird es ein nachsynodales Schreiben geben? Offenbar schon

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin
Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin

(Rom) Die Fra­ge, ob es nach der am ver­gan­ge­nen Sonn­tag nach zwei Jah­ren abge­schlos­se­nen Fami­li­en­syn­ode ein nach­syon­da­les Schrei­ben des Pap­stes geben wer­de, bleibt wei­ter­hin unbe­ant­wor­tet. Ein sol­ches Schrei­ben wur­de bis zum Beginn der Syn­ode 2015 als selbst­ver­ständ­lich vor­aus­ge­setzt. Seit sich jedoch gleich am ersten Tag der Syn­oden­ar­bei­ten, am 5. Okto­ber, durch ein Beschwer­de­schrei­ben von drei­zehn hoch­ran­gi­gen Kar­di­nä­len-Syn­oda­len hef­ti­ger Wider­stand gegen die Linie von Papst Fran­zis­kus zeig­te, ist nichts mehr sicher.

Noch bevor das Pro­test­schrei­ben der Kar­di­nä­le bekannt wur­de, trat der Papst-Ver­trau­te Kar­di­nal Luis Tag­le an die Öffent­lich­keit und ließ rund­weg alles offen, ob es ein nach­syn­oda­les Schrei­ben, und sogar, ob es über­haupt einen Schluß­be­richt der Syn­ode geben wer­de. Vati­kan­spre­cher Fede­r­i­co Lom­bar­di wie­der­hol­te die­se Aus­sa­ge am 10. Okto­ber und löste unter den Syn­oda­len Ver­wun­de­rung und mehr noch Unsi­cher­heit dar­über aus, wozu man über­haupt zusam­men­ge­kom­men sei. Seit­her fol­gen wider­sprüch­li­che Aus­sa­gen ob es nun doch wie gewohnt oder doch erst­mals kein nach­syn­oda­les Schrei­ben des Pap­stes geben wer­de. Der Papst und sei­ne eng­sten Mit­ar­bei­ter impro­vi­sie­ren, seit dem Brief der Drei­zehn und sie haben ziem­lich schlecht impro­vi­siert, indem sie das Instru­men­tum labo­ris fak­tisch unver­än­dert den Syn­oda­len als Schluß­be­richt auf­drän­gen woll­ten. An die­sem Punkt wäre die Syn­ode fast geschei­tert und damit wahr­schein­lich nicht nur für auf­merk­sa­me Beob­ach­ter, son­dern für die Öffent­lich­keit sicht­bar auch das Pon­ti­fi­kat wie noch kei­nes zuvor in der jün­ge­ren Kir­chen­ge­schich­te.

Vom Ratzingerianer zum Bergoglianer

Dazu ist es nicht gekom­men, weil es kei­ner der Wort­füh­rer, weder Kar­di­nal Kas­per noch Kar­di­nal Mül­ler dazu kom­men las­sen woll­te und man fre­ne­tisch nach einer Kom­pro­miß­for­mel such­te, die irgend­wie doch akzep­ta­bel war. Kar­di­nal Schön­born ver­mit­tel­te mit Geschick. Das diplo­ma­ti­sche Ein­mal­eins wur­de ihm in die Wie­ge mit­ge­ge­ben. Erstaun­li­cher ist, daß den­noch ein Drit­tel der Syn­oda­len sich dem ent­schei­den­den Kom­pro­miß zu den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen ver­wei­gert hat, was auf orga­ni­sier­ten Wider­stand hin­weist. So orga­ni­siert, daß er sich dem euro­päi­schen Diplo­ma­ten­par­kett ent­zog. Das gro­ße Enga­ge­ment der Kas­pe­ria­ner bei der Kom­pro­miß­su­che zeigt, wer beim Schei­tern der Syn­ode mehr zu befürch­ten hat­te oder ein sol­ches jeden­falls mehr fürch­te­te. Es zeigt auch, daß ein maß­geb­li­cher Teil der Kas­pe­ria­ner Pro­gres­si­ve im Schutz des Papst­tums sind, aber nicht wirk­li­che moder­ni­sti­sche Hard­li­ner. Sie haben ihre Hal­tung in vor­her­ge­hen­den Pon­ti­fi­ka­ten säu­ber­lich ver­bor­gen und wagen erst jetzt, mit dem Wis­sen oder der Hoff­nung, den Papst an ihrer Sei­te zu haben, den hoch­of­fi­zi­el­len Aus­ritt. In die­se Grup­pe gehört Wiens Erz­bi­schof Chri­stoph Schön­born, der nach einem kur­zen Augen­blick der Irri­ta­ti­on nach dem Kon­kla­ve mit wehen­den Fah­nen vom Ratz­in­ge­ria­ner zum Ber­go­glia­ner wur­de. Und das gleich so sehr, daß er nicht mehr von den Neo­kon­ser­va­ti­ven auf den Schild der Papa­bi­li geho­ben wird, son­dern von jenen, die noch vor kur­zem als Links­au­ßen gal­ten.

Die Revanche von Familiaris Consortio

Die Nie­der­la­ge für Papst Fran­zis­kus läßt die Fra­ge nach einem nach­syn­oda­len Schrei­ben wie­der völ­lig offen. Die vor­letz­te Fami­li­en­syn­ode hat­te Johan­nes Paul II. 1980 ein­be­ru­fen. Sie tag­te und 1981 folg­te dar­aus das nach­syn­oda­le Schrei­ben Fami­lia­ris Con­sor­tio, das noch heu­te als soli­der Eck­stein zu Ehe und Fami­lie gese­hen wird.
Den­noch war Papst Fran­zis­kus der Mei­nung, es brau­che schon wie­der eine Fami­li­en­syn­ode, weil sich die Zei­ten geän­dert hät­ten und die Syn­ode von 1980 nicht auf alle heu­te bewe­gen­den Fra­gen Ant­wort gege­ben haben. Bereits dar­in war ange­deu­tet, daß es um die The­men Schei­dung und Zweit­ehe, Homo­se­xua­li­tät und um Huma­nae Vitae geht. Es gab objek­tiv kei­ne Not­wen­dig­keit zu einer neu­en Fami­li­en­syn­ode. Viel­mehr, um die Din­ge beim Namen zu nen­nen, waren es eini­ge Ergeb­nis­se der Syn­ode von 1980, die einem Teil der Kir­che nicht zusag­ten, jenem Teil, der bereits 1968 der Enzy­kli­ka Huma­nae vitae die Gefolg­schaft ver­wei­gert hat­te, jenem Teil, der sich durch die „restau­ra­ti­ve Pha­se“ der Pon­ti­fi­ka­te des pol­ni­schen und des deut­schen Pap­stes (1978–2013) von den Ent­schei­dungs­he­beln der Kir­che fern­ge­hal­ten sah, und nach sei­ner Stun­de giert.

Die Tat­sa­che, daß nun aus­ge­rech­net Fami­lia­ris Con­sor­tio im ent­schei­den­den Para­graph des Syn­oden­schluß­be­rich­tes 2015 zitiert und als Richt­schnur genannt wird, offen­bart die gan­ze Bla­ma­ge der neu­en Syn­ode, die zudem mit zwei Jah­ren die läng­ste und umfang­reich­ste über­haupt war. Gilt hier ein römi­sches Sprich­wort: „Viel Rauch, aber wenig Bra­ten“?

Die Fra­ge, ob es nun doch oder trotz dem aus der Sicht des Pap­stes ziem­lich miß­glück­ten Syn­oden­ab­schluß ein nach­syn­oda­les Schrei­ben geben wer­de, mit dem Fami­lia­ris Con­sor­tio ergänzt oder über­wun­den wer­den soll, ist wei­ter­hin offen. Den Ver­such einer impro­vi­sier­ten Umkeh­rung der Ergeb­nis­se mit Hil­fe sym­pa­thi­sie­ren­der Mas­sen­me­di­en, hat­te der Papst-Kri­ti­ker Anto­nio Soc­ci bereits unmit­tel­bar nach Syn­oden­en­de kri­ti­siert.

Kardinalstaatssekretär: „Ich denke“, daß es auch dieses Mal“ ein nachsynodales Schreiben geben wird

Gestern nun gab Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin der Ita­lie­ni­schen Sek­ti­on von Radio Vati­kan ein Inter­view. Liest man sei­ne Wor­te genau, erhält man letzt­lich auch kei­ne siche­re Ant­wort. Nur soviel: Es scheint, daß es doch ein nach­syn­oda­les Schrei­ben geben wird.

Die Ver­öf­fent­li­chung des Syn­oden­schluß­be­richts hat­ten die drei­zehn Kar­di­nä­le-Syn­oda­len aus­drück­lich in ihrem Beschwer­de­brief gefor­dert. Sie woll­ten damit, nach den schlech­ten Erfah­run­gen der Syn­ode 2014, der Gefahr ent­ge­gen­wir­ken, durch eine mani­pu­la­ti­ve Infor­ma­ti­ons­po­li­tik völ­lig instru­men­ta­li­siert zu wer­den.
Das Inter­view wur­de am Ran­de einer Tagung an der Gre­go­ria­na über das Kon­zils­do­ku­ment Nostra Aeta­te geführt.

Kar­di­nal Paro­lin: „Mit der Über­ga­be der Bot­schaft an den Papst hat die Syn­ode ihm auch die Mög­lich­keit unter­brei­tet, sie in ein päpst­li­ches Doku­ment zu über­set­zen. Wie das nor­ma­ler­wei­se für alle Syn­oden gesche­hen ist, bie­ten die Syn­oden­vä­ter dem Papst eine Rei­he von Über­le­gun­gen und Schluß­fol­ge­run­gen an. Dann macht sie sich der Papst durch ein Doku­ment zu eigen. Ich den­ke, daß es auch die­ses Mal so gesche­hen wird. Es ist der Papst, der das ent­schei­den muß. Der Papst hat bereits eine Ent­schei­dung getrof­fen, näm­lich jene, den Schluß­be­richt der Syn­ode, der an ihn gerich­tet war, zu ver­öf­fent­li­chen. Er woll­te, daß er bekannt wird.

Radio Vati­kan: Wer­den die Zei­ten lan­ge oder kurz sein?

Kar­di­nal Paro­lin: Das weiß ich nicht, die Zei­ten ken­ne ich nicht. Zual­ler­erst ist zu sehen, was der Papst zu tun gedenkt. Ich neh­me an, daß sie nicht sehr lang sein wer­den, weil man nor­ma­ler­wei­se sol­che Din­ge in rela­tiv kur­zen Zei­ten machen muß, sonst ver­lie­ren sie etwas ihre Kraft und ihre Wir­kung. Wenn der Papst ent­schei­det, es zu tun, so den­ke ich, wird er es in rela­tiv kur­zer Zeit tun.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Radio Vati­ca­na

7 Kommentare

  1. Kar­di­nal Schön­born ist mit dem Image eines Kon­ser­va­ti­ven Erz­bi­schof von Wien gewor­den. Er ist aller­dings schon als Weih­bi­schof beim Wie­ner Diö­ze­san­fo­rum damit auf­ge­fal­len, dass er sehr an der Lebens­rea­li­tät inter­es­siert war. Ein State­ment eines Reli­gi­ons­leh­rers über die Lebens­rea­li­tä­ten sei­ner Schü­ler an einer Berufs­schu­le hat­te ihn damals fas­zi­niert. Durch sein Wir­ken als Bischof hat er die prak­ti­sche Pasto­ral genau ken­nen­ge­lernt. Ich mei­ne, dass ihn das sehr geprägt und wahr­schein­lich auch sei­ne Ein­stel­lung geän­dert hat. Und genau dar­aus resul­tiert mei­ner Mei­nung nach auch das Han­deln bei der Bischofs­syn­ode. Kein Schwarz-Weiß-Den­ken son­dern eine dif­fe­ren­zier­te Betrach­tungs­wei­se jeder ein­zel­nen Lebens­si­tua­ti­on ist not­wen­dig. Nicht die erho­be­ne beleh­ren­de Hand, son­dern die Zuwen­dung ist der Bot­schaft Jesu adäquat. Wenn man das sieht, dann weiß man, dass die Behaup­tung, er sei „mit wehen­den Fah­nen vom Ratz­in­ge­ria­ner zum Ber­go­glia­ner“ gewor­den, völ­lig falsch ist. Der Wan­del geht viel wei­ter zurück als nur bis zur letz­ten Papst­wahl. Dass er sich jetzt für sei­ne Sicht­wei­se mehr ein­set­zen kann als unter Bene­dikt XVI., ist auch klar. Als Schü­ler Joseph Ratz­in­gers hat er sei­nen Leh­rer immer sehr geschätzt und wäre ihm nie in den Rücken gefal­len.

  2. Soll­te „Papst“ Ber­go­glio ein nach­syn­oda­les Schrei­ben fer­ti­gen, wird es gewiß von Zwie­späl­tig­kei­ten geprägt sein. Er wird, trotz etli­cher Treue­be­kennt­nis­se, der Kas­per/­Schön­born- Linie die Tür auf­ma­chen. Anson­sten hät­te er sich sei­ne! Syn­ode erspa­ren kön­nen. Es war doch der Zweck der gan­zen Übung, die Nor­men und Leh­ren zu ver­än­dern sowie die Sakra­men­te zu ent­lee­ren.

    80 Syn­oden­teil­neh­mer hat­ten kei­ne Angst vor mög­li­chen unüber­schau­ba­ren Fol­gen.
    Man kann des­we­gen davon aus­ge­hen, daß es eine Tren­nung geben wird. Eine Tren­nung inner­halb der Kir­che über das The­ma Scheidung/Trennung von Ehe­leu­ten. Auch das motu pro­prio ist ein Spreng­satz und ohne Gesichst­ver­lust kann „Papst“ Ber­go­glio die­ses nicht zurück­neh­men. Es kann aber auch nicht akzep­tiert wer­den.
    Wahr­schein­lich lau­fen jetzt über­all die Dräh­te heiß, weil man die Ent-Schei­dung über den Weg der Kir­che nicht mehr wird län­ger hin­zö­gern kön­nen.

  3. „Kar­di­nal Schön­born ver­mit­tel­te mit Geschick.“

    Bit­te!?! Wenn es sich so ver­hiel­te, dann müss­te es sich bei dem Syn­oden­pa­pier um einen trag­fä­hi­gen und die Leh­re der Kir­che ohne Abstri­che beinhal­ten­den Text han­deln. Die­ser „Tri­umph der Zwei­deu­tig­keit“, „„irgend­wo im Nie­mands­land zwi­schen einer Ver­kün­di­gung der Gebo­te und einer Anpas­sung an den Zeit­geist“ (Frey) ange­sie­delt, ist eine ein­zi­ge Bla­ma­ge, eine bil­li­ge Trick­se­rei, deren Raf­fi­nes­se dar­in besteht, dem Papst einen Frei­brief für die suk­zes­si­ve Ein­füh­rung kas­pe­ria­ni­scher Refor­men aus­zu­stel­len, und das alles mit gera­de ein­mal einer Stim­me Mehr­heit.

    • Die „eine Stim­me — Mehr­heit“ war sicher­lich nicht dem eigent­li­chen Inhalt zu ver­dan­ken. Es ging um die Kir­che, dar­um, ein mög­li­ches Schis­ma zu ver­hin­dern.
      Aber auch so sind 80 Nein-Stim­men ein star­kes Miß­trau­ens­vo­tum gegen „Papst“ Ber­go­glio. Die­se Nein-Stim­men sind eine schwe­re Bla­ma­ge für die­sen „Papst“.

  4. Mit die­ser „einen Stim­me“ mehr hat der Papst allei­ne die Ver­ant­wor­tung, ob er sei­nen ange­sto­ße­nen Weg — den immer­hin fast 2/3 Drit­tel all­ter tagen­den Bischö­fe für „gang­bar“ hal­ten- fort­set­zen will. Er kann sich weder auf Zustim­mung durch die Syn­ode beru­fen, noch sich hin­ter „der Leh­re“ ver­stecken, die ja gera­de durch den omi­nö­sen Schluss­be­richt als nicht mehr prä­gend (vgl. den Arti­kel zum Ver­lie­rer der Syn­ode: die katho­li­sche Moral!) ange­se­hen wird. Egal wie der Papst agiert in Zukunft: die brei­te Öffent­lich­keit wird wis­sen, dass dies letzt­lich sei­ne eige­ne, aus mei­ner Sicht recht pri­vat sub­jek­te Ansicht über „die Kir­che“ ist und nicht getra­gen wird von der zu bezeu­gen­den Wahr­heit, die Chri­stus Sei­ner Kir­che als Auf­trag durch die Zeit hin­durch über­tra­gen hat. Deut­li­cher hat sich wohl noch kein „Pon­ti­fex“ von der Kir­che iso­liert!

  5. Ein nach­syn­oda­les Schrei­ben könn­te es auch von Papst Bene­dikt geben.
    Er ist ja wei­ter­hin Papst und nicht nur zum Gebet für die Kir­che da, wie das Tref­fen mit Kar­di­nal Schön­born zum Aus­druck bringt.
    Wäre er nicht Papst, also ober­ster Hir­te, hät­te ihn Kar­di­nal Schön­born kaum auf­zu­su­chen brau­chen in die­ser schwie­ri­gen Situa­ti­on.
    Die­se Begeg­nung, ob mit oder ohne Wis­sen und ob mit oder ohne Zustim­mung von „Papst“ Ber­go­glio, läßt doch erken­nen, daß Papst Bene­dikt eigent­li­cher Hir­te der Kir­che ist.

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