Welche Rolle spielte geheimes Netzwerk „Sankt Gallen“ bei Rücktritt Benedikts XVI. und der Wahl Bergoglios?

Enthüllende Biographie über Kardinal Danneels
Enthüllende Biographie über Kardinal Danneels

(Brüs­sel) Bel­gi­ens ehe­ma­li­ger Pri­mas und Erz­bi­schof von Mecheln-Brüs­sel, God­fried Kar­di­nal Dan­neels stand auf der Mit­tel­log­gia der präch­ti­gen Fas­sa­de des Peters­doms, als am Abend des 13. März 2013 Fran­zis­kus der Welt als neu­er Papst vor­ge­stellt wur­de. Wie kam er zu die­sem Ehren­platz? Die Fra­ge ist nicht neu, son­dern gab bereits in jenem histo­ri­schen Moment Rät­sel auf. Nun haben die Histo­ri­ker Karim Schel­kens und Jür­gen Met­te­pen­nin­gen eine Bio­gra­phie über Kar­di­nal Dan­neels vor­ge­legt, in der sie die Mit­glied­schaft des Kar­di­nals in einem gehei­men Netz­werk von Bischö­fen und Kar­di­nä­len ent­hül­len. Das Netz­werk namens „Grup­pe Sankt Gal­len“ setz­te sich zum Ziel, den Ein­fluß des dama­li­gen Glau­bens­prä­fek­ten Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger zurück­zu­drän­gen und des­sen Wahl zum Papst zu ver­hin­dern. Als dies schei­ter­te, galt es, das Pon­ti­fi­kat Bene­dikts XVI. zu boy­kot­tie­ren und schließ­lich die Wahl des Argen­ti­ni­ers Jor­ge Mario Ber­go­glio zu erwir­ken. Die Buch­vor­stel­lung fand am ver­gan­ge­nen Diens­tag auf dem Koekel­berg bei Brüs­sel statt.

Danneels wurde 2013 schnell als „Papstmacher“ genannt

Neben dem bra­si­lia­ni­schen Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes wur­de Dan­neels unmit­tel­bar nach der Papst­wahl als einer der För­de­rer von Jor­ge Mario Ber­go­glio genannt. Der Platz an der Sei­te des neu­en Pap­stes nach dem Habe­mus Papam war nur ein Indiz dafür. Ein ande­res war die aus­ge­las­se­ne Genug­tu­ung, mit der Dan­neels die Wahl des argen­ti­ni­schen Erz­bi­schofs begrüßte.

Noch gewich­ti­ger war die Tat­sa­che, daß der ehe­ma­li­ge bel­gi­sche Pri­mas seit­her im Vati­kan aus und ein geht und direk­ten Zugang zu Papst Fran­zis­kus hat. Daß der ehe­ma­li­ge Erz­bi­schof von Mecheln-Brüs­sel mit Fran­zis­kus-Vor­gän­ger Bene­dikt XVI. nicht gut konn­te, war ein offe­nes Geheim­nis. Als bedenk­lich wur­de es regi­striert, daß Papst Fran­zis­kus aus­ge­rech­net Kar­di­nal Dan­neels unter die 16 vom Papst per­sön­lich ernann­ten Syn­oda­len der Bischofs­syn­ode über die Fami­lie 2014 reih­te. Glei­ches geschah 2015. Wenn in weni­gen Tagen die Bischofs­syn­ode im Vati­kan beginnt, wird Kar­di­nal Dan­neels wie­der durch aus­drück­li­che Beru­fung von Papst Fran­zis­kus dabei sein und über Ehe, Fami­lie und Homo­se­xua­li­tät mit­ent­schei­den, obwohl sei­ne Rol­le im Homo- und Pädo­phi­lie-Skan­dal der bel­gi­schen Kir­che höchst unklar ist.

Ivereighs Enthüllung des „Team Bergoglio“

Kardinal Danneels bei der Buchvorstellung am Dienstag auf dem Koekelberg
Kar­di­nal Dan­neels bei der Buch­vor­stel­lung am Diens­tag auf dem Koekelberg

Was Karim Schel­kens und Jür­gen Met­te­pen­nin­gen nun vor­leg­ten, wur­de in abge­schwäch­ter Form bereits Ende Novem­ber 2014 von Austen Ive­r­eigh, dem ehe­ma­li­gen Pres­se­spre­cher von Kar­di­nal Murphy‑O’Connor in sei­nem Papst-Fran­zis­kus-Buch „Der gro­ße Refor­mer“ berich­tet. Ive­r­eigh schrieb, daß es ein Team Ber­go­glio, bestehend aus vier Kar­di­nä­len, gab, die gezielt eine Kam­pa­gne zur Wahl Ber­go­gli­os orga­ni­siert hat­ten. Dabei han­del­te es sich um die deut­schen Kar­di­nä­le Wal­ter Kas­per und Karl Leh­mann sowie Murphy‑O’Connor und Kar­di­nal Dan­neels (sie­he Orga­ni­sier­ten Kas­per, Leh­mann, Dan­neels, Murphy‑O‘Connor eine ver­bo­te­ne Kam­pa­gne zur Wahl Ber­go­gli­os?).

Ive­r­eigh schreibt in sei­nem Buch: „Sie hat­ten ihre Lek­ti­on von 2005 gelernt. Zuerst sicher­ten sie sich die Zustim­mung von Ber­go­glio“. Ein zwei­tes Mal woll­ten sie nicht erle­ben, wie der Argen­ti­ni­er, wenn es dar­auf ankommt, ein­knickt und sei­ne Kan­di­da­tur zurück­zieht, wie 2005. „Auf die Fra­ge, ob er bereit sei, sag­te er, er glau­be, daß in die­ser Zeit der Kri­se für die Kir­che sich kein Kar­di­nal ver­wei­gern könn­te, wenn er gefragt wird.“ Murphy‑O’Connor habe Ber­go­glio dar­auf auf­merk­sam gemacht, nun beson­ders vor­sich­tig zu sein, doch nun sei „er an der Rei­he“. Ber­go­glio ant­wor­te­te: „capis­co“, ich verstehe.

Mit Ive­r­eighs Buch wur­de die Fra­ge laut, ob das Team Ber­go­glio ganz unei­gen­nüt­zig gehan­delt oder ob es Wahl­ka­pi­tu­la­tio­nen gege­ben hat­te. Mit ande­ren Wor­ten: Haben sie von Kar­di­nal Jor­ge Mario Ber­go­glio Zusi­che­run­gen gefor­dert, gewis­se Per­so­nal­ent­schei­dun­gen zu tref­fen oder die Kir­che auf einen bestimm­ten Kurs umzu­len­ken, etwa in Fra­gen der katho­li­schen Ehe- und Moral­leh­re, wie sie die Bischofs­syn­ode behan­delt? Und hat Kar­di­nal Ber­go­glio ent­spre­chen­de Zusi­che­run­gen gege­ben? Die Fra­gen haben bis­her kei­ne Ant­wort gefun­den und blei­ben daher Spekulation.

Informelles Team Bergoglio in Wirklichkeit organisierter Geheimzirkel Sankt Gallen

Karim Schel­kens und Jür­gen Met­te­pen­nin­gen wer­den in ihrer Dan­neels-Bio­gra­phie noch deut­li­cher als Ive­r­eigh. Sie berich­ten nicht nur von vier Kar­di­nä­len, die Ive­r­eigh „Team Ber­go­glio“ nann­te, son­dern von einem gan­zen Netz­werk von Bischö­fen und Kar­di­nä­len, die sich selbst einen Namen gaben: „Grup­pe Sankt Gal­len“. Mit ande­ren Wor­ten: die sub­ver­si­ven Tätig­kei­ten einer geheim orga­ni­sier­ten Grup­pe in der Kir­che, um sie auf einen bestimm­ten Kurs zu brin­gen, waren weit umfang­rei­cher als Ive­r­eigh enthüllte.

Dabei ste­hen die bei­den Autoren, eben­so­we­nig wie Ive­r­eigh gegen­über Kar­di­nal Mur­phy-O’Con­nor, in einem Gegen­satz zu Kar­di­nal Dan­neels. Kar­di­nal Dan­neels war per­sön­lich bei der Buch­vor­stel­lung in der Basi­li­ka auf dem Koekel­berg anwe­send und schrieb bereit­wil­lig Wid­mun­gen in das soeben vor­ge­stell­te Buch. Schel­kens und Met­te­pen­nin­gen sind bei­de als Kir­chen­hi­sto­ri­ker an der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Löwen tätig. Met­te­pen­nin­gen schaff­te es für kur­ze Zeit zum Pres­se­spre­cher von Erz­bi­schof Leo­nard. Wegen Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten fiel Met­te­pen­nin­gen dem Erz­bi­schof öffent­lich in den Rücken, sprach sich für das Frau­en­prie­ster­tum aus und kri­ti­sier­te die Ent­schei­dung des Erz­bi­schofs, der Petrus­bru­der­schaft in sei­nem Erz­bis­tum ein Apo­sto­lat zu erlau­ben. Die per­sön­li­che Hal­tung von Schel­kens und Met­te­pen­nin­gen ver­lei­hen ihren Aus­füh­run­gen beson­de­re Glaubwürdigkeit.

Grün­der und Initia­tor der gegen den dama­li­gen Glau­bens­prä­fek­ten Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger gerich­te­ten Grup­pe war der ehe­ma­li­ge Erz­bi­schof von Mai­land, der Jesu­it Car­lo Maria Mar­ti­ni, der sich selbst als „Ante­papst“ bezeich­net hat­te. Mar­ti­ni berief gehei­me Tref­fen von Bischö­fen und Kar­di­nä­len in Sankt Gal­len in der Schweiz ein mit dem Ziel, die Kir­che zu moder­ni­sie­ren, sie mit dem Zeit­geist zu ver­söh­nen und die „Rück­stän­dig­keit“, in die sie –laut Mar­ti­ni – durch die Able­hung der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on gera­ten sei, zu überwinden.

Karl Lehmann und Walter Kasper von Anfang an dabei

"Antepapst" Carlo Maria Martini, Initiator des Geheimzirkels "Gruppe Sankt Gallen"
„Ante­papst“ Car­lo Maria Mar­ti­ni, Initia­tor des Geheim­zir­kels „Grup­pe Sankt Gallen“

Das erste Tref­fen soll 1996 statt­ge­fun­den haben. Damals regier­te Ivo Fürer als Bischof in Sankt Gal­len. Die Geheim­tref­fen waren besten­falls weni­gen Exper­ten vage bekannt. Es gab eini­ges Mun­keln, Kon­kre­tes wuß­te aber nie­mand zu berich­ten, wes­halb die Behaup­tung einer sub­ver­si­ven anti­rö­mi­schen Grup­pe in der Kir­che leicht als „Ver­schwö­rungs­theo­rie“ abge­tan wer­den konnte.

1999 schloß sich Kar­di­nal Dan­neels der Grup­pe an, der damals unter ande­ren bereits die Kar­di­nä­le Wal­ter Kas­per und Karl Leh­mann aus Deutsch­land, Kar­di­nal Basil Hume aus Groß­bri­tan­ni­en, Kar­di­nal Achil­le Sil­ve­stri­ni aus Ita­li­en und der nie­der­län­di­sche Bischof Adria­an Van Luyn angehörten.

Die Mit­glie­der des Geheim­zir­kels tarn­ten ihre Tref­fen als „spi­ri­tu­el­len Urlaub“. Der gehei­me Zusam­men­schluß dien­te der gegen­sei­ti­gen Unter­stüt­zung in einer Zeit, die sie als „dun­kel“ empfanden.

Kardinal Ruini ermittelte wegen Gerüchten über Geheimbund

Die Gerüch­te über die Exi­stenz des Geheim­bun­des gelang­ten bis in den Vati­kan. Die­ser beauf­trag­te Kar­di­nal Camil­lo Rui­ni, den Vor­sit­zen­den der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz und Kar­di­nal­vi­kar von Rom, einen der eng­sten Ver­trau­ten von Papst Johan­nes Paul II. und Papst Bene­dikt XVI., Ermitt­lun­gen anzu­stel­len. Der Zir­kel der Ein­ge­weih­ten wuß­te jedoch so geschickt die eige­nen Akti­vi­tä­ten zu ver­ber­gen, daß Rui­ni ohne kon­kre­te Ergeb­nis­se zurück­kehr­te. Gleich­zei­tig, so Schel­kens und Met­te­pen­nin­gen, habe die Grup­pe Sankt Gal­len damit begon­nen, Ver­su­che zu unter­neh­men, den Kurs des Vati­kans zu beeinflussen.

Die zen­tra­le Fra­ge für die Grup­pe lau­te­te: Wer wird Nach­fol­ger von Johan­nes Paul II. Das erklär­te Ziel des Geheim­zir­kels war es, die Wahl von Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger zum Papst zu ver­hin­dern. Kar­di­nal Ber­go­glio wur­de 2005 mit Hil­fe Mar­ti­nis als Gegen­kan­di­dat gegen den deut­schen Kar­di­nal in Stel­lung gebracht. Kar­di­nal Mar­ti­ni hoff­te bis zuletzt mit den Stim­men für sei­nen Ordens­bru­der Ber­go­glio zwar nicht die Wahl des argen­ti­ni­schen Erz­bi­schofs durch­zu­set­zen, aber die Wahl Ratz­in­gers blockie­ren zu können.

Im Kon­kla­ve 2005 erwies sich Kar­di­nal Ratz­in­ger jedoch so stark, daß die Ver­su­che der Grup­pe Sankt Gal­len, sei­ne Wahl zu ver­hin­dern, scheiterten.

Pontifikat Benedikts XVI. boykottieren und unterminieren

Die bei­den Autoren berich­ten, daß die Mit­glie­der der Grup­pe Sankt Gal­len gezielt das Pon­ti­fi­kat von Bene­dikt XVI. behin­der­ten und des­sen Bot­schaft an die Kir­che und an die Welt zu ver­dun­keln such­ten. Schel­kens und Met­te­pen­nin­gen berich­ten nichts dar­über, ob und wel­chen Zusam­men­hang es zwi­schen den Akti­vi­tä­ten der Grup­pe Sankt Gal­len und dem uner­war­te­ten Amts­ver­zicht des deut­schen Pap­stes gab, der sie mit einem Schlag dem Ziel näher­brach­te, die Ära des pol­ni­schen und des deut­schen Pon­ti­fi­kats zu been­den. Der vor kur­zem ver­stor­be­ne Jesu­it Sil­va­no Fausti berich­te­te in sei­nem letz­ten Inter­view, daß Kar­di­nal Mar­ti­ni am 2. Juni 2012 Papst Bene­dikt XVI. kate­go­risch zum Rück­tritt auf­ge­for­dert habe. Acht Mona­te spä­ter gab der deut­sche Papst völ­lig über­ra­schend sei­nen Amts­ver­zicht bekannt (sie­he Als Kar­di­nal Mar­ti­ni zu Bene­dikt XVI. sag­te: Du mußt zurück­tre­ten).

Die Histo­ri­ker schrei­ben aller­dings etwas ande­res: „Die Wahl von Ber­go­glio wur­de ohne Zwei­fel in Sankt Gal­len vor­be­rei­tet. Und die Grund­li­ni­en sei­nes Pro­gramms sind jene, die Dan­neels und sei­ne Kol­le­gen seit mehr als zehn Jah­ren diskutierten“.

Die dunk­len Wol­ken über dem Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus, dem völ­lig unge­wöhn­li­chen Rück­tritt von Papst Bene­dikt XVI. und der Wahl des argen­ti­ni­schen Kar­di­nals lösen sich nicht auf, son­dern schei­nen sich mit fort­schrei­ten­dem Pon­ti­fi­kat zu verdichten.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: MiL/Catho.be

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