Einwanderung, Gender-Ideologie und Bischofssynode: Wenn Bischöfe Klartext reden

Rat der europäischen Bischofskonferenzen1
Rat der euro­päi­schen Bischofskonferenzen1

(Rom) Der Rat der euro­päi­schen Bischofs­kon­fe­ren­zen (CCEE) hat am 16. Sep­tem­ber unter dem Vor­sitz des unga­ri­schen Pri­mas, Peter Kar­di­nal Erdö, in Jeru­sa­lem ein Doku­ment zur Flücht­lings- und Ein­wan­de­rungs­fra­ge, zur Gen­der-Ideo­lo­gie und zur Lage im Nahen Osten ver­ab­schie­det, das sich wohl­tu­end von der Viel­zahl sen­ti­men­ta­ler oder zwei­deu­ti­ger Stel­lung­nah­men von Bischö­fen unter­schei­det, die all­ge­mein dazu zu hören sind. Dar­in ist wohl auch der Grund zu suchen, wes­halb die­ses Doku­ment von katho­li­schen Medi­en bis­her ver­schwie­gen wird.

Am ver­gan­ge­nen 11.–16. Sep­tem­ber tag­te der Rat der euro­päi­schen Bischofs­kon­fe­ren­zen (CCEE) im Hei­li­gen Land. Ihm gehö­ren die Vor­sit­zen­den der Bischofs­kon­fe­ren­zen Euro­pas an. Vor­sit­zen­der des Rats ist der Pri­mas von Ungarn, Peter Kar­di­nal Erdö. Kar­di­nal Erdö wird auch bei der in weni­gen Tagen in Rom begin­nen­den Bischofs­syn­ode über die Fami­lie den Vor­sitz füh­ren, wie bereits bei der Syn­oden­ses­si­on des Vorjahres.

Behan­delt wur­den im Hei­li­gen Land zen­tra­le aktu­el­le The­men: die Lage im Nahen Osten, die Flücht­lings- und Ein­wan­de­rer­fra­ge, die Reli­gi­ons­frei­heit, die Gen­der-Theo­rie. Bis­her wur­de nur eine Pres­se­er­klä­rung zum ver­ab­schie­de­ten Schluß­do­ku­ment, nicht aber das Schluß­do­ku­ment selbst ver­öf­fent­licht. Wäh­rend sich die mei­sten katho­li­schen Medi­en über die Kon­fe­renz aus­schwei­gen, läßt ein kur­zer Bericht der Pres­se­agen­tur SIR der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz erah­nen, daß die Bischö­fe nicht nur wich­ti­ge The­men bespro­chen, son­dern dazu vor allem erstaun­li­chen Mut und Rea­li­täts­sinn bewie­sen haben. Aller­dings muß man dazu zwi­schen den Zei­len lesen, was zumin­dest dar­auf hin­deu­tet, daß der CCEE-Rea­lis­mus inner­kirch­lich nicht auf all­ge­mei­ne Gegen­lie­be stößt. So liest sich etwa die jüng­ste Erklä­rung der Par­al­lel­ein­rich­tung der euro­päi­schen Bischofs­kon­fe­ren­zen, die von Kar­di­nal Rein­hard Marx geführ­te Kom­mis­si­on der euro­päi­schen Bischofs­kon­fe­ren­zen (COMECE) als das genaue Gegenteil.

Den ein­zi­gen aus­führ­li­chen Bericht über die CCEE-Tagung im Hei­li­gen Land leg­te bis­her Ste­fa­no Fon­ta­na bei Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na (NBQ) vor. Hier sein Bericht (die Zwi­schen­ti­tel stam­men von Katho​li​sches​.info):

Migration und Synode: Wenn die Bischöfe Klartext reden

Mir scheint, daß das Schluß­do­ku­ment, mit dem die Ver­samm­lung des Rats der euro­päi­schen Bischofs­kon­fe­ren­zen (CCEE) in Jeru­sa­lem am ver­gan­ge­nen 16. Sep­tem­ber abge­schlos­sen wur­de, völ­lig unbe­ach­tet blieb. Das ist beson­ders bedau­er­lich, weil die Bischö­fe bei die­ser Gele­gen­heit auf ein­fa­che und kla­re Wei­se, nüch­tern in der Form und stark im Inhalt, einen Beweis für wei­sen (und damit muti­gen) christ­li­chen Rea­li­täts­sinn erbracht haben.

Die Bot­schaft berührt drei Punk­te, vor allem das Migra­ti­ons­the­ma. Unter Ver­zicht auf eine sen­ti­men­ta­le und rhe­to­ri­sche Spra­che, die zwar die Her­zen anrührt, aber die Ver­nunft belei­digt, haben die euro­päi­schen Bischö­fe die Pflicht der Staa­ten bekräf­tigt, „recht­zei­tig auf die Not­wen­dig­keit, ver­zwei­fel­ten Men­schen Hil­fe zu lei­sten, sofort und ent­ge­gen­kom­mend zu ant­wor­ten“. Sie belie­ßen es aber nicht bei die­ser iso­lier­ten Fest­stel­lung, wie es häu­fig geschieht. Sie füg­ten hin­zu, daß die Staa­ten auch ver­pflich­tet sind, „die öffent­li­che Ord­nung auf­recht­zu­er­hal­ten“. Daher kön­ne es kei­ne schran­ken­lo­se und undif­fe­ren­zier­te Öff­nung geben. Die Staa­ten sei­en ver­pflich­tet, „die Sicher­heit aller zu garan­tie­ren“, vor allem auch der Bür­ger des Gast­lan­des. Die Erklä­rung setzt wei­te­re, der­zeit sel­ten zu hören­de Akzen­te, wenn sie for­dert, daß die Staa­ten das Nöti­ge zur Ver­fü­gung zu stel­len haben „für jene, die wirk­li­che Not“ lei­den. Damit sagen die Bischö­fe, daß viel­leicht nicht alle, die um Hil­fe bit­ten, wirk­lich hilfs­be­dürf­tig sind. Die Staa­ten müs­sen, so die CCEE, ihre Poli­tik auf eine „Inte­gra­ti­on durch Respekt und Mit­ar­beit“ aus­rich­ten, was besa­gen will, daß Ein­wan­de­rer gewis­se Rech­te, vor allem aber auch Pflich­ten haben. Die Bischö­fe erin­nern zudem dar­an, daß die Staa­ten „die Erst­ver­ant­wort­li­chen für das sozia­le und wirt­schaft­li­che Leben ihrer Völ­ker sind“, was wohl besa­gen will, daß die Ver­ant­wor­tungs­trä­ger in den Staa­ten zual­ler­erst dem All­ge­mein­wohl ihres Vol­kes ver­pflich­tet sind. Wenn sie also jenen hel­fen, die in der Not sind, müs­sen sie auch beden­ken, daß sie nicht um jeden Preis gesche­hen hat. Sie haben auch die sich dar­aus erge­ben­den direk­ten und indi­rek­ten Fol­gen für das Leben ihres Vol­kes zu berück­sich­ti­gen und abzuwägen.

Aussagen von Kirchenvertretern mit Realitätssinn sind selten geworden

Es ist in jüng­ster Zeit ziem­lich sel­ten gewor­den, daß sich Kir­chen­ver­tre­ter mit sol­chem Rea­li­täts­sinn zu Wort mel­den und sich nicht nur dar­auf beschrän­ken, gro­ße Erklä­run­gen einer abstrak­ten Näch­sten­lie­be abzu­ge­ben, deren Fol­gen weder bedacht schei­nen, noch für die Kir­chen­ver­tre­ter irgend­ei­ne Rol­le zu spie­len schei­nen. Auch zur Ein­wan­de­rungs­fra­ge bewei­sen die Bischö­fe der CCEE Mut, indem sie beto­nen, daß es zumin­dest wider­sprüch­lich ist, gan­ze Regio­nen Afri­kas und des Nahen Ostens zu desta­bi­li­sie­ren, um dann zu bekla­gen, daß die Men­schen aus die­sen Gegen­den flüch­ten, die chao­ti­scher Gewalt aus­ge­lie­fert wur­den. Des­halb for­dert das CCEE-Schluß­do­ku­ment dazu auf, „ange­mes­se­ne Maß­nah­me zu ergrei­fen, um die Gewalt zu stop­pen und Frie­den zu schaf­fen und die Ent­wick­lung aller Völ­ker zu för­dern“. Wört­lich heißt es, und auch dar­in bewei­sen die Bischö­fe Rea­li­täts­sinn im Gegen­satz zu einer nai­ven und undif­fe­ren­zier­ten „Will­kom­mens­kul­tur“: „Der Frie­den im Nahen Osten und in Nord­afri­ka ist von vita­ler Bedeu­tung für Europa“.

Religionsfreiheit nicht nur durch „Kalifate“, sondern auch im Westen bedroht

Neu sind auch die Aus­sa­gen zur Reli­gi­ons­frei­heit, von der meist so getan wird, als sei sie nur außer­halb Euro­pas bedroht. Die Bischö­fe des CCEE wis­sen hin­ge­gen (und sagen es auch), daß die Reli­gi­ons­krie­ge häu­fig Krie­ge gegen die Reli­gi­on sind und nicht nur durch irgend­wel­che Kali­fa­te geführt wer­den, son­dern auch im Westen statt­fin­den. Im Doku­ment heißt es: „Die in den euro­päi­schen Staa­ten statt­fin­den­de Säku­la­ri­sie­rung ten­diert dazu, die Reli­gi­on in die Pri­vat­sphä­re und an den Rand der Gesell­schaft zu ver­ban­nen. In die­sen Bereich fällt das grund­le­gen­de Recht der Eltern, ihre Kin­der nach ihren Über­zeu­gun­gen zu erzie­hen. Damit die­se Frei­heit mög­lich wird, ist es not­wen­dig, daß die katho­li­schen Schu­len ihren Erzie­hungs- und Bil­dungs­auf­trag zugun­sten der Gesell­schaft mit jeder dafür geeig­ne­ten Unter­stüt­zung erfül­len können.“

Familie eine „universale Realität“ und nicht irgendein soziales Konstrukt

Schließ­lich nah­men die Bischö­fe bei ihrer Tagung in Jeru­sa­lem auch zur Fami­lie Stel­lung. Ihre Bot­schaft zu die­sem The­ma ist auch mit Blick auf die bevor­ste­hen­de Bischofs­syn­ode zu lesen. Auch hier fällt auf, daß es in ihren Wor­ten weder Zwei­deu­tig­kei­ten noch Zuge­ständ­nis­se noch ein Lavie­ren gibt. „Die mensch­li­che und christ­li­che Schön­heit“ der Fami­lie wird als „uni­ver­sa­le Rea­li­tät“, bestehend aus „Vater, Mut­ter und Kin­dern“ dar­ge­stellt und nicht als irgend­ein sozia­les Kon­strukt. Doch nicht genug damit: „Die Kir­che glaubt fest an die auf die Ehe zwi­schen einem Mann und einer Frau gegrün­de­te Fami­lie: Sie ist die ent­schei­den­de Grund­zel­le der Gesell­schaft und auch der christ­li­chen Gemein­schaft. Man kann nicht erken­nen, wes­halb unter­schied­li­che For­men des Zusam­men­le­bens gleich behan­delt wer­den sol­len.“ Weder Zustim­mung noch Ver­ständ­nis für die For­de­rung nach Aner­ken­nung einer „Homo-Ehe“ oder ein­ge­tra­ge­ner Part­ner­schaf­ten oder der­glei­chen mehr.

Klare Worte: „Die Kirche akzeptiert die ‚Gender-Theorie nicht“

„Beson­de­re Sor­ge“, so die Bischö­fe zudem, „berei­tet der Ver­such, die ‚Gen­der-Theo­rie‘ durch­zu­set­zen.“ Die CCEE hat auch zum The­ma Gen­der-Ideo­lo­gie kla­re Vor­stel­lun­gen: „Die Kir­che akzep­tiert die ‚Gen­der-Theo­rie‘ nicht, weil sie Aus­druck einer Anthro­po­lo­gie ist, die der wah­ren und authen­ti­schen Bedeu­tung der mensch­li­chen Per­son widerspricht.“

„Die Kir­che akzep­tiert die ‚Gen­der-Theo­rie‘ nicht.“ Das sind kla­re Worte.

Doku­men­te wie die­ses CCEE-Schluß­do­ku­ment bestär­ken. Hier haben sich die Hir­ten tat­säch­lich als Hir­ten benom­men. Die Bischö­fe der CCEE schlie­ßen mit einer Bekräf­ti­gung, von der ein Hir­te der katho­li­schen Kir­che nie abrücken soll­te: „im Bewußt­sein, daß allein in Jesus Chri­stus die grund­le­gen­den Fra­gen des Her­zens Ant­wort fin­den und sich der euro­päi­sche Huma­nis­mus voll­stän­dig entfaltet“.

Einleitung/​Übersetzung: Giu­sep­pe Nardi
Bild: CCEE

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