Patriarch Albino Luciani (1977) über Kardinal Ratzinger: ein „wahrer Prophet“

Papst Johannes Paul I. und Joseph Kardinal Ratzinger
Papst Johan­nes Paul I. und Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger

(Rom) Es war der 16. August 1977, fast genau ein Jahr bevor er als Johan­nes Paul I. zum Papst gewählt wer­den soll­te. Am Gedenk­tag des hei­li­gen Rochus hielt Patri­arch Albi­no Kar­di­nal Lucia­ni von Vene­dig eine Pre­digt und bezeich­ne­te den damals gera­de erst in sein Amt als Erz­bi­schof von Mün­chen-Frei­sing ein­ge­führ­ten und zum Kar­di­nal erho­be­nen Joseph Ratz­in­ger als „wah­ren Pro­phe­ten“. Er nann­te den spä­te­ren Papst Bene­dikt XVI. sogar als ein­zi­ges Bei­spiel für einen wirk­li­chen Pro­phe­ten, das er den „fal­schen Pro­phe­ten“ ent­ge­gen­setz­te.

Zunächst sprach der Patri­arch über den Pro­phe­ten Eli­ja und den Wunsch von Katho­li­ken, auch heu­te, nach kraft­vol­len Pro­phe­ten. Lucia­ni zitier­te den Apo­stel Pau­lus, Pro­phe­ti­en nicht zu ver­ach­ten (1 Tes 5,20), sich aber vor jenen „Pro­phe­ten“ zu hüten, die das Evan­ge­li­um Jesu Chri­sti umstür­zen wol­len: „Doch es gibt kein ande­res Evan­ge­li­um, es gibt nur eini­ge Leu­te, die euch ver­wir­ren und die das Evan­ge­li­um Chri­sti ver­fäl­schen wol­len. Wer euch aber ein ande­res Evan­ge­li­um ver­kün­digt, als wir euch ver­kün­digt haben, der sei ver­flucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Him­mel.“ (Gal 1,7–8).

Wörtlich sagte Kardinal Luciani weiter:

„Noch vor dem hei­li­gen Pau­lus hat­te schon der Herr selbst gewarnt: ‚Vie­le fal­sche Pro­phe­ten wer­den auf­tre­ten und sie wer­den vie­le irre­füh­ren‘ (Mt 24,11). Schon im Alten Testa­ment beklag­te Gott: ‚Ich habe die­se Pro­phe­ten nicht aus­ge­sandt, den­noch lau­fen sie; ich habe nicht zu ihnen gespro­chen, den­noch weis­sa­gen sie‘ (Jer 23,21). Die Bibel erin­nert auch an die Pro­phe­ten von Baal zur gott­lo­sen Zeit von Ise­bel und Jehu (vgl. 1 Kön 18; 2 Kön 10,19–25); sie erin­nert auch an die Haus- und Hof­pro­phe­ten, die vor allem besorgt waren, so zu pro­phe­zei­en, daß sie den Köni­gen und den Gro­ßen gefal­len anstatt Gott (1 Kön 22).

Ich glaub, dar­aus schlie­ßen zu kön­nen, daß es Pro­phe­tie gibt; daß man von man­chen Pro­phe­ten viel ler­nen kann; daß man aber, wenn man nicht zu unter­schei­den weiß, auch gro­ße Rein­fäl­le erle­ben kann.

Vor weni­gen Tagen habe ich Kar­di­nal Ratz­in­ger, den neu­en Erz­bi­schof von Mün­chen, beglück­wünscht: in einem katho­li­schen Deutsch­land, das er selbst als zum Teil von einem anti­rö­mi­schen und anti­päpst­li­chen Kom­plex befal­len bedau­ert, hat­te er den Mut, öffent­lich zu ver­kün­den, daß ‚der Herr dort zu suchen ist, wo Petrus ist‘.

Ande­re schei­nen nicht Pro­phe­ten, son­dern Schmugg­ler zu sein: sie nüt­zen den Posten aus, den sie beset­zen, um das als Leh­re der Kir­che aus­zu­ge­ben, was in Wirk­lich­keit ihre per­sön­li­che Mei­nung ist oder eine von abwei­chen­den und vom Lehr­amt der Kir­che miß­bil­lig­ten Ideo­lo­gien ent­stell­te Leh­re. Laut ihrem Reden und Schrei­ben ist die Auf­er­ste­hung Jesu eine rei­ne Erfin­dung sei­ner Jün­ger, die, nach­dem sie nach der Kreu­zi­gung ihre erste Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit über­wun­den hat­ten, sich gesagt hät­ten: ‚Er ist tot? Macht nichts, wir füh­ren ein­fach sein Werk fort, als wür­de er noch unter uns leben‘. Also Auf­er­ste­hung ja, aber nur im Geist und im Wil­len der Jün­ger. Sie schrei­ben auch: die Ohren- oder Ein­zel­beich­te ist nicht not­wen­dig: es genügt das all­ge­mei­ne, gemein­sa­me Schuld­be­kennt­nis; man bereut, emp­fängt die Gene­ral­ab­so­lu­ti­on und alles ist in Ord­nung; der Rest sei erst von mit­tel­al­ter­li­chen Mön­chen ein­ge­führt wor­den. Die Gele­gen­heit zur Sün­de zu mei­den und die vor­ehe­li­che Keusch­heit der Ver­lob­ten sei­en – laut ihnen – Über­trei­bun­gen, denn in Wirk­lich­keit sei jeder sexu­el­le Wunsch und jede sexu­el­le Lust – inner­halb oder außer­halb der Ehe – gut; die Kir­che aber wir beschul­digt, neben vie­lem ande­ren, auch ‚sexu­el­le Repres­si­on‘ aus­zu­üben. Arme Kir­che!

Wie das alles mit einem Chri­stus in Ein­klang zu brin­gen sein soll, der die Sei­nen dazu führ­te, gegen den Strom zu leben, sie zu gro­ßen Anstren­gun­gen auf­for­der­te, zu Ver­zicht, Aske­se und Kreuz, ist ein Rät­sel. Eben­falls ist es ein Rät­sel, wie sie die Wor­te Jesu erklä­ren wol­len: „Kei­ner kann der Die­ner zwei­er Her­ren sein“ (Mt 6.24) und „jeder, der eine Frau lüstern anschaut, hat im Her­zen bereits Ehe­bruch mit ihr getrie­ben“ (Mt 5,27). Eine ande­re rät­sel­haf­te Sache ist, daß sie in der Schu­le und in der Kate­che­se alles unter­drücken, was zum Nach­ei­fern anspornt, was her­aus­for­dert, was anfeu­ert und ermu­tigt. Alle sol­len gleich sein, kein jun­ger Mensch soll sich ande­ren über­le­gen füh­len. Nun, den Hoch­mut zu brem­sen, ist eine gute und schö­ne Sache. Es hat aber nichts mit Hoch­mut zu tun, wenn jemand ver­sucht, zu rei­fen, vor­an­zu­kom­men; Hoch­mut ist, wenn jemand maß­los ist und ande­re mit Füßen tritt. […]

Ein ande­res „Rät­sel“ ist es, daß die­se Pro­phe­ten so den­ken, ent­schei­den und pro­gram­mie­ren, als wären alle Men­schen von Natur aus gut, alle nur gut und alle ehr­lich, flei­ßi­ge Arbei­ter, die die Anstren­gung lie­ben und alle unfä­hig zu Hin­ter­list und Betrug. Das ist der Opti­mis­mus von Rous­se­au und Vic­tor Hugo. Letz­te­rer schrieb: ‚Jede Schu­le, die öff­net, bedeu­tet ein Gefäng­nis, das geschlos­sen wird‘. Wenn er heu­te leben wür­de, könn­te Vic­tor Hugo ein Viel­fa­ches an Schu­len sehen, aber auch an Gefäng­nis­sen. […] Die Stra­ße, die täg­li­che Erfah­rung und die Bibel sagen: Sei­en wir Opti­mi­sten, der Mensch bewahrt einen güti­gen Grund­stock, aber ver­schlie­ßen wir nicht die Augen, leug­nen wir nicht, daß auf ihm auch das Erbe der Erb­sün­de lastet: die Schu­le nützt, aber nur unter der Vor­aus­set­zung, daß sie mit der Ehr­furcht vor Gott gekop­pelt ist.

Apro­pos Gott: vie­le heu­ti­ge „Pro­phe­ten“ schrei­ben und reden sehr häu­fig vom „Wort Got­tes“, mit dem man sich beschäf­ti­gen sol­le. Sehr gut, doch mehr noch muß man vom „Gesetz Got­tes“ spre­chen, bzw. von den zu hal­ten­den Zehn Gebo­ten (Ex 20.147).
Vie­le hal­ten den Deka­log, obwohl sie die Bibel lesen, für über­holt, obwohl gera­de er – wür­den ihn alle beach­ten – allein imstan­de wäre, sowohl die Indi­vi­du­en als auch die Gesell­schaft gut zu machen. Vom Deka­log hat Jesus gesagt: ‚Amen, das sage ich euch: Bis Him­mel und Erde ver­ge­hen, wird auch nicht ein Buch­sta­be des Geset­zes ver­ge­hen‘ (Mt 5,18). Das ist wirk­lich ein Leicht­sinn, die Bibel zu lesen, indem man streicht oder über­geht, was Jesus fei­er­lich bekräf­tigt hat.

Abschlie­ßend kann gesagt wer­den: Haben wir ruhig Ver­trau­en in die Pro­phe­ten, aber den ech­ten. Und soll­te der Herr auch uns die­se Beru­fung schen­ken, erin­nern wir uns dar­an, daß der Beruf des Pro­phe­ten schwer ist. Beson­ders für den Fall, daß wir im Namen Got­tes ande­re ankla­gen woll­ten oder soll­ten, müs­sen wir zwei­er Din­ge sicher sein: erstens, daß wir wirk­lich einen Auf­trag von Gott haben; zwei­tens, daß wir selbst aus­rei­chend in Ord­nung sind. Jesus hat gesagt: ‚War­um siehst du den Split­ter im Auge dei­nes Bru­ders, aber den Bal­ken in dei­nem Auge bemerkst du nicht?‘ (Mt 7,3). Der hei­li­ge Jako­bus hat geschrie­ben: ‚Nur einer ist der Gesetz­ge­ber und Rich­ter: er, der die Macht hat, zu ret­ten und zu ver­der­ben. Wer aber bist du, dass du über dei­nen Näch­sten rich­test?‘ (Jak 4,12). Sich an die eige­ne Brust zu klop­fen ist ein gutes Zei­chen der Reue. Auf die Brust ande­rer zu klop­fen, ist eine viel heik­le­re Sache: Es kann ein Zei­chen von Pro­phe­tie sein, von Lie­be, Barm­her­zig­keit und Eifer, aber auch von Anma­ßung. […]
An die­ser Stel­le ist es gut, dar­an zu erin­nern, daß der hei­li­ge Pau­lus gesagt hat: die Pro­phe­tie ist gut, gut sind auch die ande­ren Cha­ris­men, doch über allen die­sen Din­gen steht die Got­tes- und die Näch­sten­lie­be (1 Kor 13). Das ist vor allem das, was die Hei­li­gen Rochus und Pius X. getan haben.

Albi­no Kar­di­nal Lucia­ni, Pre­digt am Gedenk­tag des hei­li­gen Rochus, 16. August 1977, abge­druckt in Ope­ra Omnia – Albi­no Lucia­ni, Gio­van­ni Pao­lo I, Bd. 8, S. 193ff

Text/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Il Timo­ne

16 Kommentare

  1. Patri­arch Albi­no Lucia­ni der spä­te­re Papst Johan­nes Paul I. dem lei­der eine sehr kur­ze Amts-
    zeit beschie­den war, gera­de­mal 33 Tage, hat damals sinn­ge­mäß das gesagt, was auch auf heu-
    te über­tra­gen wer­den könn­te. Schon damals gab es star­ke Strö­mun­gen die sich als anti­rö­misch
    und frei von Papst und Lehr­amt sein woll­ten. Schon damals gab es eine soge­nann­te Alli­anz von
    Bischö­fen unter Kar­di­nal Leh­mann die in der König­stei­ner Erklä­rung eige­ne Wege beschrit­ten,
    und eigen­mäch­tig gegen Rom agier­ten. Des­halb war für den dama­li­gen Patri­arch von Vene­dig,
    Kar­di­nal Ratz­in­ger eine Art Pro­phet der sich die­sen destruk­ti­ven Ansich­ten ent­ge­gen­stell­te.

  2. Eine wun­der­ba­re Pre­digt von Papst Johan­nes Paul. I. Der von ihm beschrie­be­ne Ver­lust des Bewußt­seins der Keusch­heit in unse­rer Gesell­schaft, der Glau­bens­ver­lust und der mora­li­sche Ver­fall haben seit damals lei­der noch mehr zuge­nom­men. Wun­der­bar, dass er S.E. Josef Kar­di­nal Ratz­in­ger als Papst- und Glau­bens­treu beschreibt. Die­ser hat sich ja vor allem mit sei­ner immensen Arbeit für den Katho­li­schen Kate­chis­mus für Papst Johan­nes Paul II. her­vor­ge­tan. Für mich als Kon­ver­ti­tin war die­ser eine wah­re Offen­ba­rung und ein Lern­buch. Als Papst hat sich dann S.H. Bene­dikt XVI. immer an der von Gott gege­ben Moral des Evan­ge­li­ums ori­en­tiert und das Vor­bild Jesu Chri­sti ein­ge­for­dert.

    • @ Jean­ne dArc
      Das haben Sie sehr schön beschrie­ben, vie­len Dank! Ich wür­de sogar noch einen Schritt wei­ter gehen und sagen, dass gera­de Kar­di­nal Ratz­in­ger eine tie­fe Prä­gung von den gro­ßen hei­li­gen Päp­sten Johan­nes XXIII. und Johan­nes Paul II. erfah­ren hat. Ohne die­se bei­den Päp­ste wäre eine Her­an­rei­fung zum Pon­ti­fex nicht mög­lich gewe­sen.

  3. Es ist eine sehr ein­fa­che und moral­schwan­ge­re Pre­digt, schön und gut, aber war­um ist Ratz­in­ger ein Pro­phet, ein ech­ter Pro­phet?
    Nur weil er gesagt hat, der Herr sei da, wo Petrus ist?

    Das fin­de ich ziem­lich dop­pel­bö­dig — sehen wir uns Paul VI. an: Wie­so hat­ten auch vie­le Kon­ser­va­ti­ve den quä­len­den Ein­druck, dass der Herr bei Mon­ti­ni ein­fach kei­nen Platz mehr fin­den konn­te?

    Die Zuspit­zung des Sat­zes „Ubi epi­scopus ibi eccle­sia“ hin zu dem viel­leicht frag­wür­di­gen „Ubi Petrus ibi eccle­sia“ kennt man ja allent­hal­ben.

    Also im Klar­text: Inzwi­schen ist nach Lucia­ni also nicht mehr die Kir­che da, wo der Papst ist, son­dern sogar der Herr selbst kann nicht anders als beim „Papst“ zu sein, und sei der Papst ein Häre­ti­ker… aaaah ja! Nach­ti­gall!
    Fällt die­se Erwei­te­rung und Ver­for­mung des alten Sat­zes denn nie­man­dem hier auf?

    Der Geist jeden­falls, den Jesus sen­det, weht wo er will. Und er haf­tet nicht auto­ma­ti­siert Päp­sten an, die gera­de machen, was sie wol­len. Sor­ry — aber noch ist der Herr der Kir­che der Herr und nicht anma­ßen­de Päp­ste.
    Fak­tum ist aber, dass wenn der Herr da gewe­sen sein soll, wo Paul VI war, er voehr wohl bei den aller­mei­sten Päp­sten nicht gewe­sen sein kann.

    Ob da nicht der „Pro­phet“ eher ein fal­scher und ten­den­ziö­ser Pro­phet war?
    Und ob fal­sche Hir­ten nicht ger­ne die Hul­di­gung des fal­schen Petrus ger­ne annah­men? Was juckt unsder wirk­li­che Herr der Kir­che, wenn die Ver­wal­ter sich breit­ma­chen und gegen­sei­tig pro­phe­tisch bestä­ti­gen und den Herrn hin­aus­wer­fen, weil ja sie an sei­ner Stel­le die Chefs sind — ganz papo­la­trisch, wie es die reak­tio­nä­ren Papst-Maxi­ma­li­sten in ihrem Wahn woll­ten?! Gräu­lich!!!

    Haben die Revo­lu­tio­nä­re in der Kir­che nicht scham­los die Papo­la­trie der dar­auf seit 1870 durch ein­zel­ne Bischö­fe, danach durch Pius X. fälsch­lich ein­ge­stimm­ten Gläu­bi­gen instru­men­ta­li­siert, um ihre neu­en Leh­ren durch­zu­bo­xen?

    Nein, das alles hebt mich nicht vom Hocker — eher das Gegen­teil.
    Es ist gräu­lich!

    • Wie­der ein Kom­men­tar von Innen, wel­chem ich nur zustim­men kann.
      Beson­ders Ihrer Bemer­kung:
      „Fak­tum ist aber, dass wenn der Herr da gewe­sen sein soll, wo Paul VI war, er voehr wohl bei den aller­mei­sten Päp­sten nicht gewe­sen sein kann.“

      Die Kano­ni­sie­run­gen der kon­zi­lia­ren und nach­kon­zi­lia­ren Päste (auch Lucia­ni soll ja bald bea­ti­fi­ziert wer­den) hat eben die Inten­ti­on, die­sen Wider­spruch im Sin­ne der Kon­zils­kir­che, zu Gun­sten ihrer Päp­ste und deren Neue­run­gen und Neu­leh­ren defi­ni­tiv zu lösen. Jeden­falls sind vom Triden­ti­num bis Ende19. /Anfang 20. Jhdts. eine Viel­zahl an Päp­sten im Ruf der Hei­lig­keit gestor­ben, trotz­dem wur­de bloß einer kano­ni­siert. Die­se absur­de Hagio­gra­phie, die man um die Päp­ste seit Joh. XXIII. bis eben Ratz­in­ger oder die­se bana­la Fran­ces­co-Begei­ste­rung als Prä­li­mi­na­ri­um dazu betreibt hat sicher­lich eine Grund­la­ge in dem was Sie als Papa­la­trie bezeich­nen. Man kann aber davon aus­ge­hen, daß Pius IX. die­se Ent­wick­lung nicht vor­aus­ah­nen konn­te. Zu Gute hal­ten kann man ihm, daß er ange­sichts eines für Papst­tum und Kir­che äußerst wid­ri­gen Kon­text wir­ken und schaf­fen muß­te mit dem sämt­li­che sei­ner Vor­gän­ger in die­ser Wei­se und Vehe­menz noch nicht kon­fron­tiert waren. bzw. ihm das trau­ri­ge und tra­gi­sche Schick­sal des gro­ßen Erdul­ders Pius VI. zu gro­ßer Besorg­nis ver­an­lass­te selbst so zu enden.

      • Pius IX. hat­te ich an sich gar nicht „im Visier“. Er hat ja letzt­end­lich der sehr mode­ra­ten For­mel in Pastor aeter­nus — ent­ge­gen der dama­li­gen Majo­ri­tät — zuge­stimmt und das auch spä­ter in sei­ner aus­drück­li­chen Begren­zung bestä­tigt…

        Inso­fern sind wir uns einig.

        Was aller­dings Pius VI. betrifft — auch klar, dass er den Haupt­ramm­bock abweh­ren muss­te, der durch die Vor­gän­ge um die Franz. Revo­lu­ti­on geschah — kön­nen wir uns auch einig sein.

        Ein Pro­blem hät­te für die Syn­ode 1869/70 aller­dings Pius VII. sein müs­sen — er hat erheb­lich dane­ben­ge­rif­fen mit sei­ner Assi­stenz zur Selbst­krö­nung Napoléons zum Kai­ser, mit sei­nem unsäg­li­chen Kon­kor­dat mit die­sem Anti­chri­sten. Um sei­net­wil­len spal­te­ten sich schon damals gan­ze Tei­le der franz. Kir­che von Rom ab („Petite‑église“) und sahen den Stuhl Petri als vakant an.

        Soweit ich weiß, wur­de die­se Pro­blem­ta­ik auch auf dem Vati­ca­num I ein­ge­bracht, aber ein­fach unbe­ant­wor­tet gelas­sen. Man kann den Ver­dacht haben, dass die Vor­an­trei­ber einer mög­lichst schnel­len Papst­un­fehl­bar­keits­de­fi­ni­ti­on, die die Mehr­heit stell­ten, unan­ge­neh­me, noch dazu zeit­ge­nös­si­sche Rea­li­tä­ten ein­fach durch Igno­rie­ren unter den Tisch fal­len las­sen woll­ten.
        M.E. ein schwe­rer Feh­ler sei­tens der Papa­li­sten, die wie­der­um gewarnt wur­den dar­in, sich ein­zu­bil­den, durch die ana­chro­ni­sti­sche Ein­füh­rung eines mon­ar­chi­schen Abso­lu­tis­mus kön­ne man die Kir­che ret­ten (wie schon a.a.O. gesagt: New­man, Ket­te­ler u.a.)!

        Der Fall Pius VII. warf bereits Schat­ten auf eine Situa­ti­on vor­aus, in der es der Papst sein wird, der dem Anti­chri­sten bei der Krö­nung assi­stie­ren wird.

        Dass die Majo­ri­täts-Kon­zils­vä­ter die­se Gefahr über­haupt nicht ernst­neh­men woll­ten, jeden­falls die mei­sten von ihnen, kann man nicht ein­fach mit Unwis­sen­heit ent­schul­di­gen.

        Immer­hin gab es auch die Weis­sa­gung von La Salet­te, die die­sen Gedan­ken laut auge­spro­chen hat­te: Rom wird Sitz des Anti­chri­sten wer­den.

        Man hät­te zumin­dest rein theo­re­tisch und in der ver­nünf­ti­gen Abwä­gung mit­ein­be­zie­hen müs­sen, dass bei einer Ver­ab­so­lu­tie­rung der Macht einer ein­zi­gen Funk­ti­on in der Kir­che, die an eine kon­kre­te Per­son gebun­den wird, die Kir­che in größ­te Gefahr gebracht wer­den kann: wer die­se Per­son usur­piert, wird die gan­ze Kir­che, die durch die­se Kon­struk­ti­on hand­lungs­un­fähg gemacht wur­de, kas­sie­ren kön­nen: Schla­ge den Hir­ten…

        Die­se Gefahr sahen eini­ge Bischö­fe sehr deut­lich, aber auch in den Visio­nen spielt sie eben eine Rol­le lan­ge vor dem Vati­ca­num in der Mit­te des 19. Jh.

        Man muss es viel­leicht zuge­ste­hen, dass die Hier­ar­chie nicht begrei­fen woll­te, dass die Kir­che nicht mit admi­ni­stra­ti­ven und poli­ti­schen Mitt­teln „zu ret­ten“ ist.

        Es ist ohne­hin die Fra­ge, was Per­so­nen, die glau­ben, die Kir­che gehe unter, wenn das Anci­en Régime unter­geht, eigent­lich für ein Kir­chen­bild haben! Wenn es die Kir­che nur mit­tels eines poli­tisch-welt­li­chen Stütz­kor­setts geben kann, dann kann die­ses gebil­de nicht die Braut Chri­sti sein! das wäre ein Wider­spruch in sich!

      • Ich sehe, daß wir in die­sem Bereich sehr nahe lie­gen. Bes. Ihren Hin­weis auf Pius VII. erach­te ich für sehr merk-wür­dig. da lohnt es sich wirk­lich sehr viel dar­über zu lesen.

  4. Zeit­schnur @ Mich hebt ihr Bei­trag schon wie­der vom Hocker. In Ihrer ach so gebil­de­ten Art,
    wol­len Sie wie­der, wie mei­stens, ihre Abnei­gung gegen Päp­ste, Bischö­fe der Ver­gan­gen­heit zei-
    gen,wie in jedem zwei­ten Bei­trag. Es wäre schön wenn heu­te Bischö­fe, wie Sie es sagen, mehr
    “ moral­schwan­ge­re “ Pre­dig­ten hal­ten wür­den, dann könn­te es in der Kir­che viel­leicht anders aus-
    sehen. Zurück zu Ratz­in­ger als Pro­phet. Ihnen ist ent­gan­gen wel­cher Geist zu der dama­li­gen Zeit
    in Deutsch­land vor­herrsch­te. Unter dem dama­li­gen Vor­sit­zen­den Kar­di­nal Leh­mann, ent­wickel­te
    sich eine Stim­mung “ weg von Rom „, die in der Rhei­ni­schen-Alli­anz und der König­stei­ner Erklä-
    rung mani­fe­stiert wur­de. Dass damals Ratz­in­ger sich dage­gen stemm­te, war also pro­phe­tisch zu
    nen­nen, in Bezug eines Rufen­den in der Wüste. Dann Ihre Bemer­kung „…scham­los die Papo­la-
    trie…danach Pius X. Was wol­len Sie denn eigent­lich ? Was Sie da machen ist wirk­lich “ gräu­lich. “
    Las­sen Sie es doch ein­fach sein, soviel Wis­sen wie Sie mei­nen, haben Sie doch nicht. Sonst
    wür­den Sie sol­che Kom­men­ta­re nicht abge­ben !

    • Fre­di­us kann ich mich nur anschlie­ßen. „Moral­schwan­ger“ ist so rich­tig bil­lig und pri­mi­tiv.
      Zeit­schnur ist eine ein­zi­ge Het­ze gegen die Kir­che und sonst gar nichts.

    • zeit­schnur erin­nert mich immer an Mephi­sto. Feh­len­de Logik ersetzt sie durch Über­län­gen im Text und durch die gehäuf­te Ver­wen­dung von Fremd­wör­tern.

  5. @J.G.Ratkaj. Ich kann Ihren Aus­füh­run­gen nur zustim­men. Was die Bea­ti­fi­zie­rung der Kon­zil­späp­ste betrifft, so ist dies eine absur­de Sache, denn die Päp­ste von Johan­nes XXIII. bis Johan­nes Paul II. hat­ten viel­leicht mensch­li­che oder intel­lek­tu­el­le Qua­li­tä­ten, aber Hei­li­ge waren die­se Päp­ste gewiß nicht. Wie hat man sich doch schwer getan, den wahr­haft gro­ßen Papst Pius IX. selig zu spre­chen. Ein wahr­haft hei­lig­mä­ßi­ger Papst, der den furcht­ba­ren Ver­lust des Kir­chen­staa­tes und sei­nes Papst­kö­nig­tums schmerz­lich erlei­den muß­te. Lei­der konn­te Pius IX. das Desa­ster der Kir­che im XX. Sae­cu­lum nicht vor­her­se­hen. Er hät­te gewiß wirk­sa­me Instru­men­te geschaf­fen um die­se Ent­wick­lun­gen zu ver­hin­dern. Was er in sei­nem Syl­labus an Irr­tü­mern beschrie­ben hat­te, war schon mehr als pro­phe­tisch. Was für ein grau­en­haf­ter Ver­fall der Kir­che begann nur 84 Jah­re nach dem Tode des gro­ßen Pius IX., den ich seit frü­her Jugend tief ver­eh­re.

    • 84 Jah­re spä­ter?

      Der Ver­fall war schon im 19. Jh im vol­len Gan­ge! Und dies durch­aus nicht nur so ein­di­men­sio­nal, wie Sie es andeu­ten — mul­ti­di­men­sio­nal ist die­ser Ver­fall, und das ist das Gefähr­li­che und Ver­wir­ren­de dar­an!

      • Da muß ich Ihnen voll und ganz zustim­men. Ich habe die Zeit­span­ne bis zum Beginn des II. Vati­can­ums ange­ge­ben, da die­se schon seit Beginn des 19. Jahrh. sich abzeich­nen­den Irr­tü­mer, erst dann unge­hin­dert sich mani­fe­stie­ren konn­ten, und dies mit päpst­li­cher Unter­stüt­zung.

    • Ich dan­ke Ihnen für die­sen Kom­men­tar. Beson­ders ihre Anmer­kun­gen zu Papst Pius IX. tei­le ich voll­kom­men. Ich habe erst kürz­lich im archi­vio di sta­to in Rom Berich­te über sei­nen Gang auf der sca­la san­ta gele­sen, als die Trup­pen des sub­al­pi­nen Usur­pa­tors im Begriff waren Rom zu erobern. Ja, die wird wah­re Demut und Beschei­den­heit eines gro­ßen Pap­stes geschil­dert nicht die­ses affek­tier­te Getue von heu­te.

  6. @Zeitschnur:
    Wie­der mal eine kon­tro­ver­se Reak­ti­on von Ihnen auf einen „kon­ser­va­ti­ven“ erschei­nen­den Arti­kel. Kom­pli­ziert spin­nen sie den Faden ihres Kom­men­tars wie so oft dort­hin, wo die­ser mei­ner Mei­nung nach schon gar nichts mehr mit dem eigent­li­chen The­ma zu tun hat.
    Fin­den sie sich damit ab, es gibt so gut wie kei­ne kon­ser­va­ti­ven hohen Geist­li­chen, die nicht irgend­wo etwas getan, geschrie­ben oder gesagt haben, das pro­gres­si­ven Gegen­spie­lern die Mög­lich­keit bie­ten wür­de, ihnen ein Bein zu stel­len.

    Ich per­sön­lich fin­de es inter­es­sant, die­se Aus­zü­ge aus jener Pre­digt des 33-Tage-Pap­stes gele­sen zu haben, da er mir (sei­ne Ansich­ten betref­fend) wohl auf­grund sei­nes kur­zen Papst­am­tes so gut wie unbe­kannt war.

    Mei­ne Mei­nung zu kon­ser­va­tiv bzw pro­gres­siv ist nach wie vor, dass die katho­li­sche Kir­che von Grund auf kon­ser­va­tiv IST(v.a.die Hl.Schrift), man dar­an nichts ändern kann und darf und daher macht eine pro­gres­si­ve Strö­mung oder son­sti­ge Abspal­tung inner­halb der „wah­ren“ katho­li­schen Kir­che gar kei­nen Sinn!

    Selbst Schnee­schau­feln bei die­sem Wet­ter wäre klü­ger, als sol­che auf­wo­gen­den Kom­men­ta­re.

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