EKD schneidert sich ein Toleranz-Mäntelchen (II)

Luther-Botschafterin Käßmann: EKD-Themenjahr "Toleranz"
Luther-Bot­schaf­te­rin Käß­mann: EKD-The­men­jahr „Tole­ranz“

Die EKD setzt den Begriff Tole­ranz an die zen­tra­le Stel­le ihrer Luther-Dekade. Die dadurch erhoff­te poli­tisch-kor­rek­te Signal­wir­kung war ihr anschei­nend so wich­tig, dass sie die am Tole­ranz-Maß auf­schei­nen­de kras­se Into­le­ranz von Mar­tin Luther in Kauf nimmt. Es stellt sich aber die Fra­ge, was unter Tole­ranz als christ­li­cher Tugend zu ver­ste­hen ist und was – davon unter­schie­den – die Tole­ranz-Kate­go­rie der Moder­ne her­gibt. Oder soll­te Tole­ranz nur ein Mode­be­griff sein, der die zeit­gei­sti­ge Belie­big­keits­leh­re der EKD bemän­telt?

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker.

Die Liebe erträgt und erduldet alles

Im Neu­en Testa­ment ist ‚tole­ran­tia’ eine christ­li­che Sekun­där­tu­gend. Für den Apo­stel Pau­lus sind die pri­mä­ren Tugen­den eines Chri­sten Glau­be, Hoff­nung, Lie­be – „am größ­ten aber ist die Lie­be“ (1 Kor 13,13). Erst die Lie­be adelt die ande­ren Kar­di­nal­tu­gen­den wie Weis­heit, Mut, Gerech­tig­keit und Mäßi­gung. Aus der Lie­be (Got­tes­lie­be und Näch­sten­lie­be) fol­gen wei­te­re Sekun­där­tu­gen­den wie Nach­sicht, Güte und Freu­de an der Wahr­heit. Gleich­zei­tig ver­mei­det die Lie­be – so Pau­lus — eifern­des Ver­hal­ten, sie bläht sich nicht auf, sie sucht nicht das Ihre, sie hat nicht Freu­de am Unrecht. „Die Lie­be erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie dul­det alles“ (1 Kor 13,7). Die Lie­be also erzeugt tole­ran­tia. Aus der Lie­be der Chri­sten­ge­mein­de unter­ein­an­der folgt, dass „einer des ande­ren Last tra­ge“ (Gal 6,2).

Vor­bild für die­ses christ­li­che Ertra­gen und Erdul­den aus Lie­be ist der lei­den­de Got­tes­knecht nach Jesa­ia – ein Vor­läu­fer des Chri­stus-Mes­si­as, der mit sei­nem Lei­den die Sün­den der Men­schen trägt und dadurch auf­hebt.

Wenn die christ­li­che tole­ran­tia ein Aus­fluss der Lie­be ist, dann ist damit auch die Gren­ze der Tole­ranz ange­deu­tet: Die Lie­be erträgt zwar den Sün­der, aber sie dul­det nicht die Sün­de und die Unwahr­heit. Für die Unzucht in der Gemein­de von Korinth hat Pau­lus kein Ver­ständ­nis, zeigt er kei­ner­lei Tole­ranz. Er rügt die Hab­sucht und Raff­gier ein­zel­ner. Und: „Nicht gut sind euer Rüh­men, eure Streit­sucht und Par­tei­un­gen!“

Anschau­lich kommt die lie­ben­de tole­ran­tia in der Gat­ten­lie­be zum Aus­druck: Die Lie­be erträgt die schlech­ten wie die guten Tage der Ehe, trägt die Treue in Krank­heit und Gesund­heit durch, steht zum ande­ren in Kri­sen und Bela­stun­gen.

Staatliche Duldungsakte von autokratischen Herrschern

Etwas ande­res als die­se christ­li­che tole­ran­tia im mensch­li­chen Mit­ein­an­der ist die Dul­dungs­to­le­ranz als staat­li­cher Akt – etwa die Tole­ranz-Ver­ein­ba­rung von Mai­land aus dem Jah­re 313. Damals ver­ein­bar­ten der römi­sche West-Kai­ser Kon­stan­tin und der Ost-Kai­ser Lici­ni­us, „sowohl den Chri­sten als auch allen Men­schen freie Voll­macht zu gewäh­ren, ihre Reli­gi­on zu wäh­len, damit die himm­li­sche Gott­heit uns und allen gnä­dig und gewo­gen blei­ben kann. (…) Es soll jeder­mann erlaubt sein, sei­nen eige­nen Glau­ben zu haben und zu prak­ti­zie­ren, wie er will.“

Die­ser Tole­ranz­akt aus staat­li­cher Voll­macht gewährt einen bestimm­ten Sta­tus – in die­sem Fall der frei­en Reli­gi­ons­aus­übung. Er wird nicht aus Lie­be, Respekt oder Ach­tung vor den Bür­gern gesetzt, son­dern aus staats­po­li­ti­schem Kal­kül oder zu einem ent­spre­chen­den Zweck – in die­sem Fall, „damit die himm­li­schen Gott­hei­ten uns gewo­gen blei­ben“. Auch gesell­schaft­li­che Befrie­dung oder Nut­zung der Reli­gio­nen als poli­ti­sche Res­sour­cen kön­nen wei­te­re Grün­de für Reli­gi­ons­to­le­ranz sein. Beim Preu­ßen­kö­nig Fried­rich II. war die Dul­dung der ver­schie­de­nen Reli­gio­nen – ‚Jeder soll nach sei­ner Facon selig wer­den!’ – von einer aus­ge­spro­che­nen Gleich­gül­tig­keit beglei­tet: Den abso­lu­ti­sti­schen Herr­scher inter­es­sier­te aus­schließ­lich die Steu­er­fä­hig­keit sei­ner Unter­ta­nen. Schließ­lich liegt es im Cha­rak­ter eines staat­li­chen Dul­dungs­ak­tes, dass er jeder­zeit wider­ru­fen wer­den kann. So wur­de das Tole­ranz-Edikt von Nan­tes (1598) von Lud­wig XIV. 1685 wie­der auf­ge­ho­ben.

Rechte und Freiheiten von Natur aus, nicht aus staatlicher Toleranz

Von dem herr­schaft­li­chen Dul­dungs- oder Tole­ranz­akt als gnä­di­ge Gewäh­rung von frei­er Reli­gi­ons­aus­übung durch einen auto­kra­ti­schen Herr­scher ist der natur­recht­li­che Anspruch auf Frei­heit zu unter­schei­den. Nach John Locke schlie­ßen sich die Men­schen in einem staat­li­chen Gesell­schafts­ver­trag zusam­men, damit ihre ursprüng­li­chen Rech­te und Frei­hei­ten bes­ser zur Gel­tung kom­men sol­len. Auf­trag und Zweck des Staa­tes ist es dem­nach, die vor­staat­li­chen Rech­te der Ein­zel­nen – auch die zur frei­en reli­giö­sen Betä­ti­gung – zu gewähr­lei­sten. Ver­fehlt wäre es, das Ver­hält­nis vom Staat zu Bür­gern mit Tole­ranz zu kenn­zeich­nen, wie es Kanz­ler Wil­ly Brandt in sei­ner Regie­rungs­er­klä­rung von 1969 tat. Die Bür­ger­rech­te sind nicht vom Staat gewährt, erlas­sen, gedul­det oder erlaubt, son­dern die­se Rech­te und Frei­hei­ten bestehen von Geburt an oder von Natur aus. Der Staat hat sie zu ach­ten. Wenn die Rech­te von ande­ren Bür­gern ver­letzt wer­den, darf der Staat das nicht tole­rie­ren, son­dern muss ein­grei­fen, weh­ren und schüt­zen. Das Ver­hal­ten der Bür­ger zum Staat ist eben­falls nicht von Tole­ranz geprägt, son­dern von staats­bür­ger­li­chen Rech­ten und Pflich­ten.

Französische Aufklärung und Revolution – Alptraum der Intoleranz

Lessing, Rousseau, Voltaire (v.l.)
Les­sing, Rous­se­au, Vol­taire (v.l.)

Es ist ein weit ver­brei­te­tes histo­ri­sches Vor­ur­teil, dass die kon­ti­nen­ta­le Auf­klä­rung und als Fol­ge davon die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on die Men­schen­rech­te und ‑frei­hei­ten ein­schließ­lich der Reli­gi­ons­frei­heit begrün­det, erkämpft und eta­bliert hät­ten. Der fran­zö­si­sche Auf­klä­rungs­phi­lo­soph Vol­taire ist ein offen­kun­di­ges Bei­spiel für die­ses Fehl­ur­teil: Über Moham­med und den Islam schrieb er ein übles Schmäh-Stück. Die Juden als Volk und Reli­gi­on über­goss er mit anti­se­mi­ti­schem Hass und Häme. Auf die Zer­trüm­me­rung der „ruch­lo­sen“ Kir­che insi­stier­te er genau­so ste­tig wie Cato auf die Zer­stö­rung Kar­tha­gos. Die­se Saat von Hass und Gewalt gegen Kir­che und Katho­li­ken ging dann in der Revo­lu­ti­on auf, als die Jako­bi­ner tau­sen­de Kir­chen zer­stö­ren lie­ßen, zehn­tau­sen­de Prie­ster, Non­nen und Lai­en-Katho­li­ken ihres Glau­bens wegen drang­sa­lier­ten, depor­tier­ten oder töte­ten.

Auch der poli­tisch maß­geb­li­che Auf­klä­rer Jean Jac­ques Rous­se­au hat­te alles ande­re als Men­schen­rech­te und Reli­gi­ons­frei­heit im Sinn. Er bekämpf­te jede auto­nom ver­fass­te Reli­gi­on, ins­be­son­de­re die katho­li­sche Kir­che mit Papst und Prie­stern, Dog­men und Riten. Rous­se­au woll­te nur eine abstrak­te Ver­nunft­re­li­gi­on dul­den, wie sie spä­ter von sei­nem Schü­ler Robes­pierre staat­lich ver­ord­net wur­de. Die angeb­li­che Tole­ranz-Leh­re des Phi­lo­so­phen aus Genf erwies sich in der Pra­xis als System der Into­le­ranz, die gefor­der­te Ver­nunft­po­li­tik ent­wickel­te sich in der Revo­lu­ti­on zum Alb­traum von Tugend-Ter­ror.
Auch das staats­kirch­li­che Kon­strukt in der ersten Pha­se der Revo­lu­ti­on war nicht ein Ergeb­nis von Tole­ranz oder Reli­gi­ons­frei­heit. Die Kir­che soll­te völ­lig der Staats­rai­son ein­ge­ord­net und in den beam­te­ten Staats­ap­pa­rat inte­griert wer­den. Die Prie­ster muss­ten bei Stra­fe von Depor­ta­ti­on oder Guil­lo­ti­ne den Eid auf die staat­li­che Revo­lu­ti­ons­ver­fas­sung able­gen.

Immanuel Kant duldete nur eine verschwindende Vernunft-Kirche

Wie sieht es bei den deut­schen Auf­klä­rern zu Tole­ranz und Reli­gi­ons­frei­heit aus? In der grund­le­gen­den Schrift „Die Reli­gi­on inner­halb der Gren­zen der blo­ßen Ver­nunft“ ent­wickel­te Imma­nu­el Kant sei­ne Leh­re zu Reli­gio­nen und Kir­chen. Bekannt­lich lehn­te der Agno­sti­ker Kant reli­giö­se Grund­la­gen wie das Sein, die Erkennt­nis und Offen­ba­rung Got­tes ab. Dar­aus folgt dann in sei­ner Argu­men­ta­ti­on die Ableh­nung der Offen­ba­rungs­schrif­ten, deren histo­ri­sche Aus­for­mun­gen in Dog­men und die dar­auf gegrün­de­te „sicht­ba­re, sta­tua­ri­sche“ Kir­che mit ihren Ämtern, Lit­ur­gien, Gebe­ten etc. Gemes­sen an der ein­zig zuläs­si­gen Ver­nunft­re­li­gi­on sei­en alle bis­he­ri­gen Reli­gio­nen Selbst­täu­schun­gen, Unmün­dig­kei­ten, Reli­gi­ons­wahn und After­dienst Got­tes. Vor dem Gerichts­hof sei­ner Ver­nunft dul­de­te der Königs­ber­ger Auf­klä­rer nur eine „unsicht­ba­re Kir­che“ der Ver­nunft­gläu­big­keit, deren prak­ti­sche Prin­zi­pi­en allein durch die rei­ne Ver­nunft, wie Kant sie sah, als not­wen­dig „geof­fen­bart“, erkannt und nach­voll­zo­gen wer­den könn­ten. Ziel eines sol­chen Ver­nunft-Glau­bens sei die mora­li­sche Ver­voll­komm­nung der Mensch­heit, also die Reli­gi­on des Huma­nis­mus. Kants grund­sätz­li­che Kri­tik an allen bestehen­den Reli­gio­nen und sei­ne Pro­pa­gie­rung der ein­zig wah­ren Ver­nunft­re­li­gi­on las­sen kei­nen Raum für Tole­ranz gegen­über den rea­len Welt­re­li­gio­nen und damit auch die Ableh­nung von Reli­gi­ons­frei­heit. Aus die­sem Grund galt der Königs­ber­ger Reli­gi­ons­kri­ti­ker für alle kom­mu­ni­sti­schen Chri­sten­ver­fol­gungs­re­gime als Vor­den­ker, bis heu­te wird in Chi­na Kants Reli­gi­ons­kri­tik nach­ge­plap­pert und Reli­gi­ons­un­ter­drückung prak­ti­ziert.

Intoleranz hinter der Maske der Gleichgültigkeit

Aber Les­sings Stück „Nathan der Wei­se“? Ist das nicht der Inbe­griff von auf­ge­klär­ter Tole­ranz?

Les­sing geht ähn­lich wie Rous­se­au und Kant davon aus, dass die bis­he­ri­gen Reli­gio­nen mit ihren unter­schied­li­chen Iden­ti­tä­ten durch die wah­re Ver­nunft­re­li­gi­on der rei­nen Mensch­lich­keit über­wun­den wer­den müss­ten. Im Eifern um „Wohl­tun, Sanft­mut und Ver­träg­lich­keit“ wür­de sich der ein­heit­lich-wah­re Kern aller bis­he­ri­gen Welt­re­li­gio­nen in einer neu­en Huma­nis­mus-Reli­gi­on erwei­sen.

Obwohl Les­sing eine Welt­sicht „frei von Vor­ur­tei­len“ pre­digt, malt er die Prot­ago­ni­sten der Reli­gio­nen höchst vor­ur­teils­be­haf­tet in kras­ser (un)moralischer Schwarz-weiß-Zeich­nung aus: Dem Chri­sten­tum wer­den in der Figur des Jeru­sa­le­mer Patri­ar­chen alle nega­ti­ven Eigen­schaf­ten auf­ge­la­den wie Hin­ter­list, Fana­tis­mus, Bor­niert­heit, pom­pö­ses Auf­tre­ten, Ver­schla­gen­heit, Ver­fol­gungs­ei­fer und was sich die Auf­klä­rer sonst noch an unmo­ra­li­schen Hal­tun­gen aus­dach­ten.

In der Per­son des auf­ge­klär­ten Juden Nathan dage­gen nimmt die Mensch­heits­vi­si­on Les­sings Gestalt an: Alles Reli­giö­se ist von ihm abge­streift, auch alle Dog­men und „ver­nunft­wid­ri­ger Wun­der­glau­ben“. Erst nach­dem aus ihm „das Juden­tum eutha­na­siert“ wur­de – so eine For­de­rung Kants -, kann die rei­ne Mensch­lich­keit des „blo­ßen Men­schen“ in dem Juden auf­schei­nen. (Selbst­ver­ständ­lich ver­leiht der Jude Nathan auch kein Geld gegen Zin­sen, son­dern ver­schenkt es ein­fach an Sala­din – ein Modell für das heu­ti­ge Ver­hält­nis von jüdi­schen Israe­lis zu mus­li­mi­schen Ara­bern?)

Les­sing sagt über sei­nen Pro­to­typ des neu­en Men­schen: „Jud’ und Christ und Musel­mann und Par­si – alles ist ihm eins.“ Was vor­der­grün­dig als Tole­ranz erscheint in der Form von Gleich­gül­tig­keit und Des­in­ter­es­se an den Reli­gio­nen und ihren Unter­schie­den, erweist sich als Basis für eine gleich-gül­ti­ge Ableh­nung aller Reli­gio­nen. Die­ser Art Tole­ranz mün­det in die into­le­ran­te Wei­sung, die ortho­do­xen Reli­gio­nen hät­ten ihre reli­giö­sen Iden­ti­tä­ten auf­zu­ge­ben, um in der neu­en Mensch­heits­re­li­gi­on des Huma­nis­mus auf­zu­ge­hen.

Die EKD verheddert sich im Bedeutungsgestrüpp der „Toleranz“

Nach dem Durch­gang durch die Begriffs­ge­schich­te der Tole­ranz ist auf die Aus­gangs­fra­ge zurück­zu­kom­men. Die EKD hat den Begriff Tole­ranz zur zen­tra­len Kate­go­rie ihrer Luther-Deka­de hoch­sti­li­siert. Anschei­nend woll­ten die Ver­ant­wort­li­chen damit einen Gegen­pol zur poli­tisch unkor­rek­ten Into­le­ranz set­zen – mit der Neben­wir­kung, dass die viel­fäl­ti­gen Into­le­ran­zen Luthers scho­nungs­los auf­ge­deckt wer­den. Es stellt sich aber die Fra­ge, wel­chen Begriff von Tole­ranz die Pro­te­stan­ten dabei im Sinn haben.

Die Dul­dungs­po­li­tik von auto­kra­ti­schen Herr­schern dürf­te nicht in der Prä­fe­renz heu­ti­ger Pro­te­stan­ten ste­hen. Auch vie­le ver­meint­li­che Tole­ranz­ak­te von Auf­klä­rung und Fran­zö­si­scher Revo­lu­ti­on ent­pup­pen sich beim nähe­ren Hin­se­hen als kras­se Into­le­ran­zen. Soweit bei auf­ge­klär­ten Mon­ar­chen und Schrift­stel­lern Tole­ranz ver­mit­telt wur­de, han­del­te es sich um Hal­tun­gen von Gleich­gül­tig­keit, Indif­fe­renz, Des­in­ter­es­se und Ableh­nung, von denen sich Ex-Prä­ses Niko­laus Schnei­der aus­drück­lich distan­ziert.

Wenn die EKD-Ver­ant­wort­li­chen mit dem Wort Tole­ranz die Ver­hält­nis­se im moder­nen Staat auf der Basis von Men­schen­rech­ten und Frei­hei­ten cha­rak­te­ri­sie­ren woll­ten, so wären sie auch damit auf dem Holz­weg. Denn Rech­te und Frei­hei­ten sind weder Ergeb­nis von (staat­li­cher) Tole­ranz noch sind die pflicht­mä­ßi­ge Ach­tung und Respek­tie­rung die­ser Rech­te von Sei­ten des Staa­tes wie der Bür­ger unter­ein­an­der mit Tole­ranz zu cha­rak­te­ri­sie­ren.

Pathetische Wort-Flickerei

Wie schon bei den neu­en Klei­dern des Luther­tums (vgl. den Arti­kel Käsmann’s Erzäh­lun­gen) so ver­su­chen sich die EKD-Ver­ant­wort­li­chen die Bedeu­tung von Tole­ranz so zurecht­zu­schnei­dern, dass sie das zeit­geistan­ge­pass­te Selbst­ver­ständ­nis und die ent­spre­chen­de Pra­xis des heu­ti­gen Pro­te­stan­tis­mus wider­spie­geln sol­len.

Doch das Kleid der Tole­ranz wird tat­säch­lich dünn und durch­sich­tig, wenn man die klas­si­schen Bedeu­tungs­ele­men­te her­aus­schnei­dert – wie etwa Indif­fe­renz und Gleich-Gül­tig­keit.
Daher ver­sucht man, die Bedeu­tungs­blö­ße mit pathe­ti­schen Wort-Flicken zuzu­decken: „Wah­re Tole­ranz wird ihre Gren­ze an der Into­le­ranz fin­den“ – so Frau Käß­mann in tau­to­lo­gi­scher Nichts­sa­gig­keit.

Im Strahlenkranz des Zeitgeistes

Die amt­li­che Bot­schaf­te­rin für Tole­ranz im all­ge­mei­nen und des Luther­jahrs im beson­de­ren strahlt wie nie­mand sonst die Aura des Zeit­gei­stes aus. Ihre gut­mensch­lich geäu­ßer­ten Main­stream-Mei­nun­gen sind so authen­tisch wie die kie­sel­stein­po­lier­ten Kom­men­ta­re im Haupt­strom der ver­öf­fent­lich­ten Medi­en-Mel­dun­gen. Unnach­ahm­lich ist allein die Form ihrer öffent­li­chen Dar­le­gun­gen, mit der es ihr oft­mals gelingt, ethi­sche Wider­sprü­che so wort­ga­lant zu ver­packen, dass sie im all­sei­ti­gen Wohl­ge­fal­len des Sowohl-als-auch wie weg­ge­zau­bert erschei­nen.

Die Ruferin der Gutmenschlichkeit

In ihrem neu­en Buch zur Ver­tei­di­gung der Gut­mensch­lich­keit schreibt sie: „Abtrei­bun­gen kann ich nicht ein­fach so befür­wor­ten, weil sie Leben zer­stö­ren.“ Die For­mu­lie­rung „nicht ein­fach so zu befür­wor­ten­de Abtrei­bung“ sowie die schwam­mi­ge Begrün­dung „Leben zer­stö­ren“ (statt die Abtrei­bung von unge­bo­re­nen Kin­der zu benen­nen) las­sen erah­nen, dass Frau Käß­manns vor­ge­spiel­te Into­le­ranz gegen­über Abtrei­bun­gen schon im fol­gen­den Satz in Tole­ranz für die hun­dert­tau­send­fa­chen vor­ge­burt­li­chen Tötun­gen umzu­schla­gen scheint: „Aber ich kann mit dem Kom­pro­miss in unse­rem Land sehr gut leben, dass sie bis zum Ende des drit­ten Monats der Schwan­ger­schaft nicht straf­recht­lich ver­folgt wer­den.“ Da stellt sich die Fra­ge, was an der Straf­frei­heit des Fri­sten­tö­tungs­ge­set­zes ein guter Kom­pro­miss sein soll. Noch ver­rä­te­ri­scher ist das Wert­ur­teil „sehr gut“ für die­sen fau­len Kom­pro­miss auf Lebens­ko­sten der Unge­bo­re­nen. Die selbst­er­klär­te Gut­men­schIn Käß­mann glaubt sich ein gutes luthe­ri­sches Gewis­sen machen zu kön­nen, wenn sie damit „sehr gut leben kann“, was „das Leben zer­stört“.

Toleranz ist tödlich – bei täglich 400 Abtreibungen im wohl(an)ständigen Deutschland

Der fau­le ethi­sche Kom­pro­miss, den Frau Käß­mann hier in der Form der per­sön­li­chen Über­zeu­gung dar­legt, ist natür­lich nichts ande­res als die Strö­mungs­mei­nung der brei­ten Medi­en-Öffent­lich­keit. Inso­fern kann der offen­kun­di­ge ethi­sche Wider­spruch auch all­ge­mein for­mu­liert wer­den: Tole­ranz gegen­über der Fri­sten­re­ge­lungs-Abtrei­bung von Sei­ten des Staa­tes (Gewäh­rung von Straf­frei­heit) sowie als Akzep­tanz bei der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung ist zugleich eine töd­li­che Into­le­ranz gegen­über den unge­bo­re­nen Kin­dern in den ersten drei Lebens­mo­na­ten.

Genderismus in der EKD: Zwangsgleichheit (EKD-Kampagne: "Eine Tür genügt")
Gen­de­ris­mus: Zwangs­gleich­heit (EKD-Kam­pa­gne: „Eine Tür ist genug“)

Modernes Wortgeklingel

An ande­rer Stel­le fasst die Neu­sprech-Exper­tin Tole­ranz eben­falls in vor­der­grün­dig zustim­mungs­fä­hi­ges Wort­ge­klin­gel wie: „ein dyna­mi­sches Gesche­hen auf Gegen­sei­tig­keit“. „Dyna­misch“ und „Gegen­sei­tig­keit“ sind zwei posi­tiv besetz­te Mode­wör­ter – wer wür­de es wagen, etwas dage­gen zu sagen? Wenn man aller­dings die schnell dahin­ge­sag­te Phra­se auf ihren sozia­len und ethi­schen Gehalt hin befragt, dann wird zwei­fel­haft, was dar­an christ­lich sein soll:

Toleranz als Tor zur Promiskuität?

Zum Bei­spiel die Tole­ranz­ver­ein­ba­rung auf Gegen­sei­tig­keit zwi­schen Jean-Paul Sart­re und Simo­ne de Beau­voir. Statt einer ehe­li­chen Bin­dung auf der Basis von frei­wil­lig ver­spro­che­ner und gehal­te­ner Treue schlos­sen die bei­den einen Tole­ranz-Pakt. Neben ihrer Paar­be­zie­hung soll­te jede/r belie­big vie­le Gele­gen­heits­lieb­schaf­ten ein­ge­hen kön­nen. Sart­re pfleg­te ein aus­schwei­fen­des Sexu­al­le­ben mit „Wan­da“, „Olga“ und vie­len ande­ren. De Beau­voir ihrer­seits hat­te sowohl Bezie­hun­gen zu Frau­en – dar­un­ter auch Gelieb­te von Sart­re – als auch zu Män­nern. Man sieht: eine äußerst tole­ran­te Bezie­hung auf Gegen­sei­tig­keit mit dyna­mi­scher Ent­wick­lung.

Die christliche Liebe und tolerantia lehren etwas anderes

Doch wenn Belie­big­keit an die Stel­le der Lie­be tritt, ist das kein Muster für die Aus­ge­stal­tung der christ­li­chen Ehe in Lie­be und Treue. Tole­ranz war zwar für Sarte/de Beau­voir auch nur eine Sekun­där­tu­gend – aber nicht wie bei der tole­ran­tia von Pau­lus eine Kon­se­quenz der durch­drin­gen­den und durch­hal­ten­den Lie­be, die „alles erträgt“, son­dern eine Fol­ge ihrer ego­isti­schen Lebens­zie­le, die vor allem auf nar­ziss­ti­sche Befrie­di­gung ihrer Trieb- und Intel­lekt-Bedürf­nis­se gerich­tet waren. Somit steht die­ses Tole­ranz-Modell „auf Gegen­sei­tig­keit“ von Sart­re & de Beau­voir im kras­sen Gegen­satz zur christ­lich-per­so­na­len Gat­ten- und Näch­sten­lie­be.

Reklametechnische Überhöhung von Toleranz

Die geschick­te­ste Metho­de, einen Begriff wie Tole­ranz seman­tisch zu über­for­men und posi­tiv zu über­hö­hen, ist von der Wer­bung abge­guckt: Man ver­bin­det das rekla­mier­te Wer­be-Wort ein­fach mit einem ande­ren posi­tiv besetz­ten Leit­wort der glo­ba­len Moder­ne – wie etwa Dia­log: „Mit Blick auf den Dia­log der Kon­fes­sio­nen, der Reli­gio­nen und auch der Kul­tu­ren bedeu­tet Tole­ranz die größ­te Her­aus­for­de­rung.“ Frau Käß­mann ver­gaß zu erwäh­nen, dass sich wah­re Tole­ranz nur in herr­schafts­frei­em Dia­log ereig­net.

Modernität um jeden Preis

Der ehe­ma­li­ge EKD-Prä­ses Niko­laus Schnei­der fand end­lich den Sitz im Leben der „all­seits begrüß­ten Tole­ranz­for­de­rung“ — näm­lich in unse­rer moder­nen „Lebens­welt“: Dar­in sei Tole­ranz „für ein fried­li­ches und gemein­schafts­ge­rech­tes Mit­ein­an­der unab­ding­bar“.

Naja, „Lebens­welt“ ist auch so ein Wort, das alles und nichts abdecken kann. Aber in Ver­bin­dung mit „modern“ ahnt man schon, wor­auf Schnei­der hin­aus will. Schließ­lich wird er dann kon­kret: Er möch­te Tole­ranz für Min­der­hei­ten unse­rer Gesell­schaft rekla­mie­ren. Min­der­hei­ten ist eben­falls ein Gut-Wort, das im Zusam­men­gang mit Tole­ranz apo­dik­ti­sche Zustim­mung erheischt. Über die­se Min­der­hei­ten-Schie­ne kriegt dann Schnei­ders Tole­ranz-Zug die Kur­ve zu Les­ben und Schwu­len. (Natür­lich wird er sich hüten, Tole­ranz für poli­tisch inkor­rek­te Min­der­hei­ten zu for­dern wie etwa Neo-Nazis oder Isla­mi­sten. Die sind als nicht „gemein­schafts­ge­recht“ aus dem gesell­schaft­li­che „Mit­ein­an­der“ aus­zu­schlie­ßen.)

Des EKD-Pudels Kern: die tolerierte Homo-Ehe

Mit die­ser nicht über­ra­schen­den Wen­dung sind wir auf die Ziel­gra­de der pro­te­stan­ti­schen Tole­ranz-Debat­te ein­ge­bo­gen. Das Ziel vor Augen, wird auch plau­si­bel, wes­halb die EKD Tole­ranz ins Zen­trum der Luther­de­ka­de gestellt hat und im Zen­trum der Tole­ranz die Dul­dung der Homo-Ehe sieht: Sie will damit anschei­nend die Pra­xis der pro­te­stan­ti­schen Lan­des­kir­chen recht­fer­ti­gen, dass schwu­le und les­bi­sche Paa­run­gen von Pasto­rIn­nen den kirch­li­chen Segen erhal­ten, selbst ins Pfarr­haus ein­zie­hen und dort eine tole­ran­te Part­ner­schaft prak­ti­zie­ren – natür­lich mit ver­ord­ne­ter Tole­ranz von der pro­te­stan­ti­schen Gemein­de.

Text: Hubert Hecker
Bild: Una Fides

5 Kommentare

  1. Bemer­kens­wert, wie die ein­sti­gen Fein­de: römi­scher Katho­li­zis­mus und luthera­ni­sche Refor­ma­ti­on, nach 500 Jah­ren beim glei­chen Ergeb­nis her­aus­kom­men: Gleich­gül­tig­keit gegen Jesus Chri­stus und Duld­sam­keit gegen die Sün­de.
    „Mein Volk, geh hin­aus aus Baby­lon…!“

  2. Selt­sam ist, dass gera­de Into­le­ran­te von der Tole­ranz als Allein­stel­lungs­merk­mal pro­fi­tie­ren. Tole­ranz hat im gesamt­ge­fü­ge einen bestimm­ten stel­len­wert, sie darf nicht zur Stand­ort­lo­sig­keit füh­ren. Das ist der Punkt. Um ein bekann­tes Trai­ner­wort zu zitie­ren: Die EKD hat fer­tig.

  3. Tole­rant ist das Wort, dass zur EKD passt und eigent­lich nichts oder wenig besagt. Die­se Par­odie
    von Kir­che die man gern sein will, hat mit ihrem Grün­der Luther die rich­ti­ge Gali­ons­fi­gur, die von
    Anfang an das fal­sche Kir­chen­schiff lenk­te. Bis heu­te hat sich hier nichts geän­dert, denn mit der
    Zustim­mung zur Homo-Ehe und das noch in Pfarr­häu­sern, hat sich die EKD von der Luther-Bibel
    und den Gebo­ten Got­tes ver­ab­schie­det. Wenn sich nichts ändert, kann man davon aus­ge­hen,
    dass man auch gegen­über der Gen­der-Ideo­lo­gie Tole­ranz zei­gen wird. Das Kir­chen­volk, das noch den gesun­den Men­schen­ver­stand hat, wird nicht gefragt. Die EKD-Lei­tung mit ihren Gre­mi­en hat
    das Geba­ren einer Lob­by, die die Auf­ga­be hat ihre Berech­ti­gung nach­zu­wei­sen. Und so wird un-
    ter ande­rem, Luther auf das Kir­chen­schild geho­ben und alle jubeln. Die deut­sche Bischofs­kon­fe-
    renz unter Kar­di­nal Marx, hat schon lan­ge kein Rück­rad mehr, denn sie wird hier laut und unüber-
    hör­bar mit­ju­beln.

    • Tole­ranz hat mit Christ sein über­haupt nichts gemein­sam, im Gegen­teil: Tole­ranz steht für „weder kalt noch heiß sein“ — ein­fach für pure Lau­heit, vor der die Apo­ka­lyp­se, das Buch der Ent­hül­lun­gen, so sehr warnt: „Weil du aber weder kalt noch heiß bist, will ich dich aus­spei­en aus mei­nem Mun­de.“
      Das Ertra­gen der ande­ren in Geduld, von dem oben die Rede ist, hat nichts mit Tole­ranz zu tun, son­dern ist Aus­fluss der Got­tes- und Näch­sten­lie­be. Tole­ranz aber meint das Gegen­teil von Lie­be, weil es den/die ande­ren im Irr­tum belässt. Jemand aber, der mir nicht gleich­gül­tig ist, wer­de ich immer mit der Wahr­heit kon­fron­tie­ren!

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