„Liebe Laura, auch ich habe das durchgemacht, aber Euthanasie ist nicht die Antwort auf Deine Depression“

Euthanasie: wenn der Arzt tötet
Eutha­na­sie: wenn der Arzt tötet

(Brüs­sel) Die Geschich­te von Lau­ra (Name von der Redak­ti­on geän­dert) hat vie­le Leser bewegt. Die jun­ge Frau aus Flan­dern will sich in die­sem Som­mer eutha­na­sie­ren las­sen (sie­he den Bericht Lau­ra, 24, wird in die­sem Som­mer ster­ben, weil sie es so will – Bel­gi­ens Eutha­na­sie). Meh­re­re Leser haben in ihren Kom­men­ta­ren zum Gebet für Lau­ra auf­ge­ru­fen, in der Hoff­nung, daß ihr Vor­ha­ben, den Tod zu suchen, nicht gelingt. Noch mehr Leser beten tat­säch­lich für die 24jähriges Lau­ra, die von Depres­sio­nen geplagt ist. Mil­ly Gual­te­ro­ni schrieb Lau­ra sogar einen offe­nen Brief. „Lie­be Lau­ra, auch ich habe das durch­ge­macht, aber Eutha­na­sie ist nicht die Ant­wort auf Dei­ne Depres­si­on“.

„Ich habe ein dra­ma­ti­sches Leben gehabt, das von gewalt­sa­men Trau­ma­ta gezeich­net war, wur­de aber durch das plötz­li­che Ein­tre­ten des gött­li­chen Geheim­nis­ses in mein Leben geret­tet“, schrieb Mil­ly Gual­te­ro­ni dem Wochen­ma­ga­zin Tem­pi. „Auch ich war wie Lau­ra. Des­halb kann mich ihre Geschich­te nicht gleich­gül­tig las­sen. Wenn es damals, als ich so alt war wie Lau­ra, ein Gesetz geben hät­te, wie es heu­te in Bel­gi­en in Kraft ist, einer zumin­dest auf dem Papier katho­li­schen Mon­ar­chie, dann wäre ich heu­te nicht hier und könn­te mei­ne Erfah­rung nicht erzäh­len.“

Destruktiver Kontext

Lau­ra ist in einem „sehr destruk­ti­ven fami­liä­ren Kon­text“ auf­ge­wach­sen. Ein Alko­ho­li­ker zum Vater, der mehr unglück­lich als lei­dend war und des­halb cho­le­risch, aggres­siv und gewalt­tä­tig reagiert. Eine zer­brech­li­che und eben­so unglück­li­che Mut­ter, die an die­ser zer­stö­re­ri­schen Bezie­hung zugrun­de geht. Die Toch­ter, zer­rie­ben zwi­schen die­sem elter­li­chen Unglück­lich­sein und der Gewalt, sehnt sich nach Lie­be, die sie gleich­zei­tig für unmög­lich hält, weil sie die elter­li­che Lie­be nur als ver­wei­ger­te Lie­be erlebt. Dar­aus erge­ben sich ein gebro­che­nes Selbst­wert­ge­fühl und die Unfä­hig­keit mit jenen Men­schen zu leben, die ihr am näch­sten ste­hen soll­ten und damit eine gene­rel­le Bezie­hungs- und Bin­dungs­un­fä­hig­keit. In die­sem destruk­ti­ven Kli­ma sucht Lau­ra die Schuld bei sich selbst, um das Bild der Eltern zu schö­nen, nach deren Lie­be sie sich trotz allem und immer noch sehnt.

Jah­re­lang schrie Lau­ra ihr Leid hin­aus, indem sie selbst­ver­letz­ten­de Hand­lun­gen setz­te. Die ein­zi­ge Freu­de ist ihr das Thea­ter, das unech­te Spiel hin­ter Mas­ken und in frem­den Klei­dern. Die Sehn­sucht nach Lie­be einer­seits und die destruk­ti­ve Aus­rich­tung ande­rer­seits las­sen sie die ersehn­te Lie­be in einer homo­se­xu­el­len Bezie­hung suchen. Doch damit baut sie auf sump­fi­gem Boden und ihre schwan­ken­de, schwer ange­schla­ge­ne Iden­ti­tät erlebt zusätz­li­che Erschüt­te­run­gen. In das Leben von Lau­ra dringt mit Wucht die Depres­si­on ein.

Der Alptraum im Kopf, der von einem Besitz ergreift

„An die­ser Stel­le kreuzt sich mein Leben“ mit dem der jun­gen Flä­min, so Mil­ly Gual­te­ro­ni:

„Als ich 20 war, wur­de mir eine chro­ni­sche Depres­si­on dia­gno­sti­ziert. Ich hat­te ein dra­ma­ti­sches Leben hin­ter mir, das von gewalt­sa­men Trau­ma­ta geprägt war. Als ich 24 Jah­re alt war, beging mein elf Jah­re älte­rer, gelieb­ter Bru­der Selbst­mord. Er schoß sich mit einem Gewehr in den Kopf. Dann folg­te der Ent­schluß mei­nes Vaters, ein Arzt, der krebs­krank war, sich aus dem Fen­ster des Kran­ken­hau­ses zu stür­zen. Die Depres­si­on zog mich im Lau­fe der Jah­re in einen immer tie­fe­ren Abgrund. Drei­mal über­kam mich die Ver­su­chung, mei­nem Leben ein Ende zu set­zen.

Ein Alp­traum, den ich mit mir her­um­schlepp­te und den ich mit eben­so moder­nen wie schäd­li­chen Medi­ka­men­ten unter Kon­trol­le zu hal­ten ver­such­te, ein­schließ­lich lan­ger psy­cho­lo­gi­scher The­ra­pien. Ein Alp­traum, den ich jah­re­lang hin­ter einer makel­lo­sen mon­dä­nen Mas­ke ver­bor­gen habe, einem anschei­nend glück­li­chen Leben, das sogar von Erfol­gen in Beruf und Bezie­hun­gen geprägt war. Als jedoch die Depres­si­on end­gül­tig die Ober­hand zu gewin­nen schien und damit das Schei­tern mei­nes Lebens vor aller Augen sicht­bar mach­te, kam es in mei­nem Leben zu einem eben­so uner­war­te­ten wie alles ver­än­dern­den Ein­tre­ten des Geheim­nis­ses. Jener Gott, der Mensch unter den Men­schen gewor­den ist, den ich für so lan­ge Zeit als Spiel­ver­der­ber ver­drängt hat­te, weil ich Pre­sti­ge und Lust such­te, war plötz­lich mit gan­zer Wucht vor mir und zeig­te sich mir mit einer sol­chen Lie­be, daß er mich aus allen Ver­strickun­gen befrei­te und alle Kno­ten löste, die mei­ne Tage uner­träg­lich gemacht hat­ten.

Entsetzen über die Ärzte, die ein Todesurteil unterschreiben

Heu­te kann ich mit mei­nen 58 Jah­ren mit beweg­ter Soli­da­ri­tät Lau­ras Situa­ti­on ver­ste­hen. Ich blicke aber mit Ent­set­zen auf die drei Ärz­te, die ihr bei­pflich­ten, statt ihr zu hel­fen. Die sie allein­las­sen, wo sie nach Hil­fe schreit. ‚Aus psy­cho­lo­gi­scher Sicht lei­det sie auf uner­träg­li­che Wei­se und daher muß sie ster­ben kön­nen, wenn sie es will‘, so lau­tet das eis­kal­te Urteil der Ärz­te. Denn um ein Urteil han­delt es sich, ein Todes­ur­teil in einem Land, das die Todes­stra­fe offi­zi­ell längst abge­schafft haben will. Der bil­lig­ste und ein­fach­ste Weg wird gegan­gen und zwar nicht von irgend­wem, son­dern von Ärz­ten. Eine erschrecken­de Bar­ba­ri­sie­rung. Ärz­te, die die Grund­la­ge ihres Beru­fes ver­ges­sen, aber um so stär­ker ihre per­sön­li­chen Über­zeu­gun­gen in den Vor­der­grund stel­len. Wer, wenn nicht die­se Ärz­te müß­ten wis­sen, daß Selbst­mord vor allem ein ver­zwei­fel­ter Hil­fe­schrei ist? Ein Schrei nach Hil­fe, der auf die Lee­re auf­merk­sam machen will, in die das eige­ne Leben gefal­len ist. Und der unge­bro­che­ne, letz­te, ver­bor­ge­ne Wunsch, Hil­fe zu bekom­men, die Wun­den zu ver­bin­den. Die zyni­sche Ant­wort, die Lau­ra gege­ben wur­de: ‚Was du willst ster­ben? Dann ist es rich­tig, daß du stirbst!“, treibt die Extrem­si­tua­ti­on der Ein­sam­keit end­gül­tig auf die Spit­ze. Irrever­si­bel. Das sind Ärz­te, die sich mit einer fal­schen Pie­tät mas­kie­ren, in Wirk­lich­keit aber Hen­ker sind, die sich nur ein mensch­li­ches Ant­litz geben.

Perverse Klarheit

Die Ärz­te dia­gno­sti­zier­ten Lau­ra, daß sie eine „völ­lig aus­ge­gli­che­ne“ Per­son sei. Wis­sen die­se Ärz­te denn nicht, wel­che Fähig­keit depres­si­ve Men­schen ent­wickeln, sich zu tar­nen, ein­schließ­lich einer per­ver­sen Klar­heit, die die Ober­hand gewinnt, wenn das Lei­den die Tole­ranz­gren­ze über­steigt und man mit die­ser per­ver­sen Klar­heit zu allem bereit ist, nur um die­sem Lei­den zu ent­kom­men? Wis­sen die­se Ärz­te nicht, daß es in die­ser per­ver­sen Klar­heit weder Gewis­sens­frei­heit noch Ent­schei­dungs­frei­heit gibt? Vor allem ent­zie­hen sich die­se Ärz­te auch einer Haupt­auf­ga­be des erwach­se­nen Men­schen: zu erzie­hen. Denn ange­sichts des Wun­sches einer 24-Jäh­ri­gen zu ster­ben, kann und muß die Ant­wort des erzie­hen­den Erwach­se­nen nur lau­ten: Nein!

Wer in einer ver­zerr­ten mate­ria­li­sti­schen Wis­sen­schaft­lich­keit gefan­gen ist, kann das aber alles nicht erken­nen. Er redu­ziert die Per­son auf ein Sym­ptom, das der Dimen­si­on des Lei­dens, das selbst nur zu einem Pro­dukt bio­che­mi­scher Wech­sel­wir­kun­gen des Gehirns redu­ziert wird, kei­ner­lei Sinn abge­win­nen kann.

Es gab eine Zeit, da redu­zier­te ich mich selbst auf mei­ne Sym­pto­me und vie­le Male fiel ich in die Fal­le eines fixen selbst­zer­stö­re­ri­schen Den­kens. Ich weiß also, wie sub­til und ver­füh­re­risch der Selbst­mord­ge­dan­ken sich im Kopf fest­setzt, bis er Besitz von einem ergreift. Dabei tarnt er sich als ein­zi­ge, ratio­na­le, end­lich frei­ma­chen­de Lösung.

Der Weg zur Freiheit führt über Golgatha

Des­halb stellt die spi­ri­tu­el­le Dimen­si­on die ein­zi­ge Ret­tung dar und zwar gegen­über allem Schei­tern, das wir in unse­rer welt­li­chen Dimen­si­on erle­ben: wenn uns der Mensch ver­läßt, der uns liebt, wenn der Freund uns ver­rät, wenn wir den Arbeits­platz ver­lie­ren, dann tut sich nie die Lee­re und der Abgrund auf. Nicht ein­mal ein destruk­ti­ver Vater oder eine zer­stö­re­ri­sche Mut­ter kön­nen die Ober­hand gewin­nen, wenn man in der Wahr­neh­mung der gött­li­chen Lie­be und Barm­her­zig­keit lebt. Sie sind der wah­re Bal­sam, der imstan­de ist, auch die schlimm­sten Lei­den zu lin­dern und der jenen Sinn zurück­gibt, der im Leben wirk­lich zählt.

Ich will Zeug­nis geben von mei­ner Erfah­rung. Eine spi­ri­tu­el­le und zugleich ganz kon­kre­te Erfah­rung, die mei­nem Leben die Frei­heit zurück­ge­ge­ben hat. Damit die vie­len, die unter chro­ni­schen Depres­sio­nen lei­den, wie es bei mir der Fall war, aus der Gru­be her­aus­kom­men, in der sie sich befin­den. Die vom Staat erlaub­te und bezahl­te Tötung kann nie die Lösung sein. Sie ver­schlim­mert sie nur. Der Weg der Ret­tung führt über Gol­ga­tha. Er führt auch zum Mor­gen der Auf­er­ste­hung.“

Text: Tempi/Giuseppe Nar­di
Bild: Vita

2 Kommentare

  1. Es könn­te für Lau­ra enorm hilf­reich sein, wenn sie den offe­nen Brief von Mil­ly Gual­te­ro­ni lesen wür­de.
    Er könn­te ihr Mut machen.
    Am schön­sten und aller­hilf­reich­sten frei­lich wäre es, bekä­me Lau­ra dadurch Zugang zu unse­rem lie­ben­den Hei­land.
    „Was Mil­ly geschafft hat, kann ich auch schaf­fen!“, die­se Zuver­sicht möch­te ich Lau­ra so sehr wün­schen.
    Aber die­se Zuver­sicht und Hoff­nung zu ent­wickeln, dazu bräuch­te sie ein lie­be­vol­les Umfeld, das ihr den Rücken stärkt — und kei­ne tötungs­be­rei­ten (Killer-)Ärzte.
    Und sie bräuch­te jemand, der ihr von Jesus Chri­stus erzählt.
    „Wer glaubt, ist nie allein!“ (Papst Bene­dikt XVI.), könn­te so auch zur per­sön­li­chen Erfah­rung Lau­ras wer­den.

    Bei allem fra­ge ich mich: Ist die von Lau­ra öffent­lich bekun­de­te Absicht ster­ben zu wol­len, eine gewoll­te, rein selbst­be­zo­ge­ne Insze­nie­rung oder aber doch ein letz­ter Hil­fe­ruf an ihre Mit­men­schen?

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