Das Zweite Vatikanum und das Liebesgebot — Eine ganz knappe Replik auf John Lamont

sacred_heart460von Klaus Obenau­er*

Wenn man im Kon­text des Dis­puts über die Lie­be schrei­ben will, ris­kiert man viel. Gera­de hier darf die Art der Rede den Inhalt nicht dis­kre­di­tie­ren. – Von da­her sind fol­gen­de Zei­len ein Wag­nis.

Näher­hin geht es um das Lie­bes­ge­bot. John Lamont hat auf dem Blog Rora­te-Cae­li gegen Vati­ka­num II, Gau­di­um et Spes Nr. 24 den Vor­wurf erho­ben, hier wür­de mit der kon­kre­ten Kenn­zeich­nung des Lie­bes­ge­bo­tes bzw. der Liebesge­bote (und hier beginnt schon das Pro­blem) gera­de­wegs gegen die Treue zum Her­ren­wort im Neu­en Testa­ment gesün­digt.

Die fak­ti­sche Bedeu­tung die­ser Notiz für das Gespräch mit „den Traditiona­li­sten“ (wobei sich Lamont gera­de nicht der FSSPX oder deren Umkreis zu­rech­net) ist wohl eher gering zu ver­an­schla­gen. De jure han­delt es sich jedoch um ei­nen Vor­wurf von enor­mem Gewicht. – Und ich möch­te die Gele­gen­heit ergrei­fen, auf die­sem Blog den Vor­wurf wenig­stens ent­schie­den zu ent­kräf­ten.

Denn: Wenn­gleich ich – vor dem Hin­ter­grund der Cau­sa FSSPX – stets für eine grö­ße­re Offen­heit in Sachen Vati­ka­num II plä­diert habe, aller­dings unter ent­schiedener Wah­rung bestimm­ter „Unter­gren­zen“, so liegt mir im Gegen­zug dar­an, nach Mög­lich­keit die tat­säch­li­che Ver­trau­ens­wür­dig­keit der Konzilsaus­sagen (eben auch anhand inhalt­li­cher Kri­te­ri­en) her­aus­zu­ar­bei­ten. Und so erfüllt es mich auch mit einem gewis­sen Unwil­len, wenn immer wie­der und dabei über­­flüssigerweise neue Hür­den errich­tet wer­den.

Und so eine Hür­de sehe ich mit Lamonts Ein­spruch denn auch errich­tet. – Wie lau­tet nun aber sein Ein­spruch? Das Kon­zil hat­te an besag­ter Stel­le (GS 24) so for­mu­liert: „Des­halb ist die Lie­be zu Gott und zum Näch­sten das erste und größ­te Gebot.“ – Im Neu­en Testa­ment lesen wir aber (unter ande­rem) bei Mat­thäus (22,37–39): „Du sollst den Herrn, dei­nen Gott lie­ben … Dies ist das gro­ße [/ größ­te] und erste Gebot. Ein zwei­tes aber ist die­sem ähn­lich: Du sollst dei­nen Näch­sten lie­ben wie dich selbst.“ – Hat somit nicht das Kon­zil die vom göttli­chen Mei­ster selbst vor­ge­nom­me­ne Hier­ar­chi­sie­rung ver­ra­ten, indem es (schon schier blas­phe­misch) die Lie­be zu Gott und zum Näch­sten unter das „erste und größ­te Gebot“ sub­su­mier­te? Wird damit nicht dem säku­la­ren Huma­nis­mus ge­huldigt?

Ein Vor­bild oder wenig­stens einen Vor­gän­ger für die for­mel­haft-gedräng­te Aus­drucks­weise des Kon­zils weiß ich nun, zumal in der Kür­ze der Zeit, nicht zu be­nennen. Aber, im Sin­ne eines metho­disch viel­leicht etwas ein­sil­bi­gen, aber eben­so bewähr­ten wie ergie­bi­gen „Geht zu Tho­mas!“ („Ite ad Tho­mam!“) läßt sich nach mei­nem Dafür­hal­ten das Recht der Aus­drucks­wei­se des Kon­zils mas­siv erhär­ten, ohne daß dies Ver­rat bedeu­tet an jener Hier­ar­chi­sie­rung, wie sie das Her­ren­wort deut­lich ein­for­dert.

Ite ad Thomam
Ite ad Tho­mam

Nahe­zu vor­ex­er­ziert bekom­men wir die Ant­wort vom Aqui­na­ten in des­sen Sum­me, und zwar unter II/II, 44,2. Ich kann nur die gründ­lich-medi­tie­ren­de Lek­tü­re emp­feh­len! Knapp läßt sich die Erläu­te­rung des hei­li­gen Tho­mas so zu­sammenfassen: Wie im Theo­re­ti­schen die Reich­wei­te („Kraft“) der Prin­zi­pi­en mit­um­faßt die Fol­ge­run­gen, derer wir uns wegen unse­rer Begrenzt­heit eigens ver­ge­wis­sern müs­sen, so ist im Prak­ti­schen im Ja zum Ziel eo ipso mit­ge­ge­ben das Ja zu dem, was auf das Ziel hin­ge­ord­net ist (wenn näm­lich das Ja zum Ziel mit dem Nicht-Ja zu dem auf das Ziel Hin­ge­ord­ne­ten unver­ein­bar ist); entspre­chend ist im Gebot zur Beja­hung oder Rea­li­sie­rung des Ziels das Gebot zur Be­jahung oder Rea­li­sie­rung des dar­auf Hin­ge­ord­ne­ten ein­ge­schlos­sen, noch bevor letz­te­res aus­drück­lich gemacht wird, und zwar mit Not­wen­dig­keit aus­drück­lich gemacht wird. Von daher Tho­mas‘ Resü­mee: „Und des­halb muß­te nicht nur das Gebot über die Lie­be zu Gott gege­ben wer­den, son­dern auch über die Lie­be zum Näch­sten, [und zwar] wegen den­je­ni­gen mit gerin­ge­rer Fassungs­kraft, die nicht mit Leich­tig­keit in Be­tracht zie­hen wür­den, daß das eine die­ser Gebo­te im ande­ren ent­hal­ten ist.“ – Ich zitie­re noch das Ad-secund­um und das Ad-quar­tum: „Gott wird im Näch­sten geliebt wie das Ziel in dem, was auf das Ziel hin ist. Und den­noch muß­ten be­treffs bei­der­lei [näm­lich Lie­be zu Gott und Lie­be zum Näch­sten] Gebo­te gege­ben wer­den, aus bereits besag­tem Grund.“ – „In der Lie­be zum Näch­sten ist ein­geschlossen die Lie­be zu Gott wie das Ziel in dem, was auf das Ziel hin ist, und umge­kehrt. Und den­noch muß­te jedes Gebot expli­zit gege­ben wer­den, aus be­reits besag­tem Grund.“

Also: Mit Blick auf das Ein­schluß­ver­hält­nis (wonach Got­tes­lie­be und Nächsten­liebe – auf je ande­re Wei­se – ein­an­der ein­schlie­ßen) ist „das Lie­bes­ge­bot“ ein ein­zi­ges Gebot; hin­sicht­lich der Expli­ka­ti­on sind es zwei Gebo­te. – Von daher: Wenn bezie­hungs­wei­se inso­weit die Lie­be zu Gott und die Lie­be zum Näch­sten unter ein ein­zi­ges Gebot fal­len, ist die­ses eine, bei­des umfas­sen­de Gebot auch das „erste und größ­te“; nicht wegen der gebo­te­nen Näch­sten­lie­be, son­dern we­gen der gebo­te­nen Lie­be zu Gott (in der ja jene fina­li­siert ist). – Wenn bezie­hungsweise inso­weit es (hin­sicht­lich der Expli­ka­ti­on) zwei Gebo­te sind, besteht ein hier­ar­chi­sches Gefäl­le zwi­schen die­sen Gebo­ten, und dies gemäß dem uner­meßlichen Hiat von Schöp­fer und Geschöpf, höch­stem Gut und dar­an bloß Teil­habendem: der Inhalt des Gebo­tes der Lie­be zu Gott ist Ziel des Inhal­tes des Ge­botes der Näch­sten­lie­be (so wie Summum-Bonum und das des­sen Gleich­nis Par­tizipierende ((Kon­kret: Got­tes seli­ger Selbst­be­sitz und die in der Gna­de dar­an (aktu­ell oder poten­ti­ell) Teil­neh­men­den.)) sich zuein­an­der als Ziel und Hin-auf-das-Ziel ver­hal­ten). Entspre­chend steht der Inhalt des Gebo­tes der Nächsten­liebe, inso­fern er prä­zis gegen den Inhalt des Gebo­tes der Lie­be zu Gott abgeho­ben wird, und so die­ses Gebot sel­ber ge­mäß dem Wort unse­res Herrn erst an zwei­ter Stel­le, um dem ersten und größ­ten Gebot (der Lie­be zu Gott) nur ähn­lich zu sein. – Ergo: Die sehr knap­pe Fas­sung in Vati­ka­num II GS 24 läuft in gar kei­ner Wei­se auf eine ver­messene Verfäl­schung der Her­ren­wor­te zu den Grund­geboten der Lie­be hin­aus!

Da mei­ne Notiz auf Knapp­heit ange­legt ist, darf ich nicht über­bor­dend wer­den. Aber man ver­zei­he mir, daß ich kaum wider­ste­hen kann, noch aus dem Matthä­uskommentar des hl. Tho­mas zu zitie­ren; just zur Stel­le (22,38) hat er fol­gen­des zu sagen:

„Nach­dem Er dies [näm­lich: ‚Du sollst den Herrn, Dei­nen Gott etc.‘] gesetzt hat, fügt Er bei: ‚Das ist das erste und größ­te Gebot.‘ Das größ­te dem Umfang nach: die­ses näm­lich ist es, in dem alle [Gebo­te] ent­hal­ten sind, da in die­sem die Lie­be zum Näch­sten ent­hal­ten ist, dem­ge­mäß es in 1 Joh 4,21 heißt: ‚Wer Gott liebt, liebt auch sei­nen Bru­der.‘ Und des­halb ist es das größ­te. Außer­dem das erste dem Ursprung nach und das größ­te der Wür­de und dem Umfang nach …“

Selbst­re­dend hin­dert dies den hei­li­gen Tho­mas nicht, nach­fol­gend im Kommen­tar eigens auf die „Set­zung“ des zwei­ten (Liebes-)Gebotes, des der Lie­be zum Näch­sten, ein­zu­ge­hen. Den theo­re­ti­schen Unter­bau bie­ten die Erläu­te­run­gen der Sum­me.

Einen Kom­men­tar des Kon­zils­tex­tes muß ich mir nun voll­ends erspa­ren: Nach Text­col­la­ge und Kon­tex­tie­rung mag man pro­ble­ma­ti­sche Anknüp­fun­gen an das Flu­idum der sech­zi­ger Jah­re des letz­ten Jahr­hun­derts aus­fin­dig machen, Ten­den­zen und Akzen­tu­ie­run­gen, die sich längst nicht nur als frucht­bar, viel­leicht sogar als ver­häng­nis­voll erwie­sen haben. Das mag so sein, und ich sage nicht, daß der Kon­zils­text „toll“ ist (wie ich ihn noch weni­ger vor­schnell und vermes­sen dis­qualifizieren will). Ich will nur doku­men­tiert haben: Eine Apo­lo­gie des Tex­tes zugun­sten sei­ner Treue zur Tra­di­ti­on und zumal zum Her­ren­wort ist mög­lich; mög­lich hin­sicht­lich des­sen, was die­se Wor­te strikt an ihnen sel­ber be­sagen.

Damit endet denn auch mein knap­per Debat­ten­ein­wurf. – Den Lesern des Fo­rums möch­te ich nun noch die Gele­gen­heit geben, sich zum Gebot der Lie­be, wie der Scho­la­sti­ker sagt, nicht nur in actu signa­to, son­dern auch in actu exer­cito zu beken­nen.

*Dr. theol. Klaus Obenau­er ist Pri­vat­do­zent für Dog­ma­ti­sche Theo­lo­gie an der katho­lisch-theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn.

Bild: sspx.org/Iteadthoman

5 Kommentare

  1. „Hat somit nicht das Kon­zil die vom göttli­chen Mei­ster selbst vor­ge­nom­me­ne Hier­ar­chi­sie­rung ver­ra­ten, indem es (schon schier blas­phe­misch) die Lie­be zu Gott und zum Näch­sten unter das „erste und größ­te Gebot“ sub­su­mier­te? Wird damit nicht dem säku­la­ren Huma­nis­mus ge­huldigt?“

    Das Kon­zil ist an sich dazu nicht in der Lage zu sol­chen Spiel­chen. Aber sein Geist die­ser raf­fi­nier­te Iltis war und ist ruhe­los.
    Ich habe so ein ähn­li­ches Pro­blem. Was ist rich­tig?
    „Ehre sei Gott in der Höhe und Frie­de den Men­schen auf Erden“ oder heisst es viel­leicht so „Ehre sei Gott in der Höhe und Frie­de den Men­schen auf Erden sei­ner Gna­de“. Ich sehe schon einen Unter­schied.
    Per Mari­am ad Chri­stum.

  2. Die Sum­ma Theo­lo­gi­ca des hei­li­gen Tho­mas von Aquin wür­de ich ger­ne medi­tie­rend lesen. Kön­nen Sie eine gute deut­sche Über­se­tung emp­feh­len, wenn mög­lich Latein-Deutsch?

  3. 37 Ait autem illi: “ Dili­ges Domi­num Deum tuum in toto cor­de tuo et in tota ani­ma tua et in tota men­te tua:
    38 hoc est magnum et pri­mum man­da­tum.
    39 Secund­um autem simi­le est huic: Dili­ges pro­xi­mum tuum sicut tei­p­sum.
    40 In his duo­bus man­da­tis uni­ver­sa Lex pen­det et Pro­phe­tae.“
    ____

    Dar­in ist eine Hier­ar­chie erkenn­bar: „Hoc est magnum et pri­mum man­da­tum.“
    Es ist aller­dings die Fra­ge, wie man das „simi­lie est“ kor­rekt über­setzt. Ich kann das nicht als ein „nur ähn­lich“ (also „nied­ri­ger“) sehen! Denn das ent­spricht nicht der bibli­schen Dik­ti­on!

    „Simi­lis“ bedeu­tet viel mehr als „nur“ ein „ähn­lich“!
    Es bedeu­tet stets ein „von glei­cher Art“. „Simi­lis“ ist ein Kind sei­nen Eltern. „Simi­lis“ sind in der Schrift Mann und Frau („Fleisch von mei­nem Fleisch etc.). Und in „simi­li­tu­do“ steht der Mensch — unfass­bar! — als Mann und Frau zu Gott nach der Gene­sis.

    Wenn man „simi­lis“ sagt, meint man nicht, das dass weni­ger sei oder „rang­nie­de­rer“, son­dern im Gegen­teil: es ist v.a. gleich­ar­tig, unab­hän­gig von einer mög­li­chen Hier­ar­chie!

    Das Kind ist dem Vater und der Mut­ter „simi­lis“, mag ihrer Auto­ri­tät anver­traut sein, aber es ist nicht i.S. einer wert­lo­se­ren Sub­stanz von ihnen abge­setzt. In die­sem Sin­ne ist jeg­li­che Hier­achie im christ­li­chen Den­ken zu sehen: wer Auto­ri­tät hat, hat sie gera­de weil er von glei­cher Art ist wie der, der ihm anver­traut ist — nicht weil er onto­lo­gisch „höher“ stün­de als er.

    Dass Gott den Men­schen so hoch ange­sie­delt hat, dass Er ihn ursprüng­lich als sei­ne Simi­li­tu­do sehen woll­te und Sei­ne Ima­go, führt uns mit Bestür­zung vor Augen, was wir ver­lo­ren haben… aber Er hat uns wie­der zurück­er­wor­ben als „Adoptiv„kinder und Erben aus Gna­de.

    Doch zurück zum „Simi­lis“ der Näch­sten­lie­be.
    Da Jesus sagt „In his duo­bus man­da­tis uni­ver­sa Lex pen­det et Pro­phe­tae“ sie­delt Er selbst sie auf einer gleich­ar­ti­gen und nicht von­ein­an­der zu tren­nen­den Ebe­ne an.

    Viel­leicht spielt hier das „Unge­trennt“ und „unver­mischt“ eine Rol­le — so wie Chri­stus der Gott­mensch ist, ja, WEIL Er als Gott Mensch wur­de, muss zwin­gend jede Got­tes­lie­be auch Men­schen­lie­be sein und jede ech­te Men­schen­lie­be auch Got­tes­lie­be sein. Und so wie der Gott­mensch von sei­ner gött­li­chen Per­sön­lich­keit her gedeu­tet wer­den muss, so muss auch die Näch­sten­lie­be von ihrer Got­tes­lie­be her gedeu­tet wer­den.

    Das Ärger­nis nach dem Kon­zil ist nicht, dass das nicht so rich­tig zitiert wor­den wäre, son­dern dass man auf­ge­hört hat, die Ein­heit bei­der „Lie­ben“ zu beken­nen und nun die Men­schen­lie­be aus­spielt gegen die Got­tes­lie­be, wobei auch die Got­tes­lie­be all zu oft aus­ge­spielt wur­de gegen den Men­schen.

  4. Wenn man die Ver­se Text-imma­nent inter­pre­tiert, heißt es:
    Das Gebot der Got­tes­lie­be ist das erste und höch­ste Gebot, aber das Gebot der Näch­sten­lie­be ist gleich wich­tig.
    Die­ses Ver­ständ­nis passt auch zu Mar­kus­ver­si­on:
    „Das erste ist: Höre, Isra­el, der Herr, unser Gott, ist der ein­zi­ge Herr. Dar­um sollst du den Herrn, dei­nen Gott, lie­ben mit gan­zem Her­zen und gan­zer See­le, mit all dei­nen Gedan­ken und all dei­ner Kraft. Als zwei­tes kommt hin­zu: Du sollst dei­nen Näch­sten lie­ben wie dich selbst. Kein ande­res Gebot ist grö­ßer als die­se bei­den“.
    Im wei­te­ren Zusam­men­hang betrach­tet:
    Aus Lie­be zu Gott sol­len die Men­schen (auch die Fein­de) geliebt wer­den — die Hier­ar­chie ist evi­dent — trotz­dem ist Got­tes­lie­be ohne Näch­sten­lie­be nicht denk­bar.

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