Paderborn, 27. März 1945: Akte des Terrors und der mutwilligen Zerstörung – Vor 70 Jahren (3)

Zerstörte Pfarrkirche von Erkelenz im Rheinland
Zer­stör­te Pfarr­kir­che von Erkel­enz im Rhein­land

Kön­nen bar­ba­ri­sche Mit­tel einer Krieg­füh­rung die Wer­tung eines anfäng­lich ‚gerecht­fer­tig­ten Krie­ges’ in sein Gegen­teil ver­keh­ren?

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker

In Pader­born war die 1.200jährige Geschich­te von Kai­ser, Reich und Kir­che in Stein, Schrift und Bild prä­sent. Am 27. März 1945 starb die Kul­tur­stadt den Feu­er­tod – abge­fackelt von 276 bri­ti­schen Bom­bern.

Die Jesui­ten­kir­che wur­de bis auf die Haupt­mau­er zer­stört. Die Fran­zis­ka­ner­kir­che und das Jesui­ten­kol­leg brann­ten aus. Der Dom erhielt einen Bom­ben­voll­tref­fer. Alle Dächer und Turm­hel­me ver­brann­ten wie auch die Bücher der erz­bi­schöf­li­chen Aka­de­mie.

In dem Schei­ter­hau­fen der ehe­ma­li­gen Stadt Karls des Gro­ßen ver­brann­ten 330 Zivi­li­sten, davon im Alters­heim ‚West­pha­len­hof’ 21 Insas­sen und sie­ben Ordens­schwe­stern.

Churchills Heimzahlung für Coventry – und noch eine Draufgabe

Angeb­lich muss­te die Stadt an den Pader­quel­len dem Brand geop­fert wer­den, weil sich hier die letz­te offe­ne Stel­le vom Ruhr­kes­sel der US-Trup­pen befand. Doch in Wahr­heit lagen sol­che boden­stra­te­gi­sche Über­le­gun­gen dem bri­ti­schen ‚Bom­ber Com­mand’ eher fern.

Im Früh­sta­di­um des Bom­ben­kriegs recht­fer­tig­te Win­s­ton Chur­chill, der ver­ant­wort­li­che Pre­mier­mi­ni­ster der bri­ti­schen Kriegs­re­gie­rung, die Flä­chen­bom­bar­die­rung von Wohn­städ­ten mit fol­gen­der Begrün­dung:

Deutsch­land hät­te mit der Bom­bar­die­rung von Rot­ter­dam und War­schau, Coven­try und Lon­don eine bar­ba­ri­sche Kriegs­füh­rung mit abscheu­li­chen Kriegs­ver­bre­chen an den Tag gelegt. „Wir wer­den es den Deut­schen mit glei­cher Mün­ze und noch einer Drauf­ga­be heim­zah­len“, pfleg­te Chur­chill zu sagen. Das belegt der eng­li­sche Schrift­stel­ler A. C. Gray­ling.

Mit die­sem Muster einer Rache-Argu­men­ta­ti­on, die auf­ge­zeig­ten Kriegs­ver­bre­chen der Faschi­sten zu wie­der­ho­len und sogar noch zu über­tref­fen, schoss der bri­ti­sche Pre­mier frei­lich ein mora­li­sches Eigen­tor. Gleich­wohl schlach­te­te die eng­li­sche Pres­se das Rache-Motiv in maß­lo­ser Eska­la­ti­on wei­ter aus: „Ham­burg bekam das Äqui­va­lent von min­de­stens 60 ‘Coven­trys’ zu spü­ren, Köln 17, Düs­sel­dorf 12, Essen 10.“

Die Recht­fer­ti­gung der bri­ti­schen Städ­te­bom­bar­die­rung nach dem jus talio­nis – Auge um Auge, Zahn um Zahn – ist auch in Deutsch­land noch gele­gent­lich zu hören, ins­be­son­de­re aus lin­ken Krei­sen:
Weil die natio­nal­so­zia­li­sti­sche Kriegs­füh­rung Coven­try und Lon­don bom­bar­diert hät­te, des­halb wäre die gleich­ar­ti­ge Zer­stö­rung von Ham­burg, Dres­den und 160 wei­te­ren deut­schen Städ­ten gerecht­fer­tigt, erklä­ren sie.

Gegen die Instrumentalisierung der Zivilopfer zu Rachezwecken

Ein­woh­ner von Coven­try – 150 Kilo­me­ter nord­west­lich von Lon­don – und ande­rer zer­bomb­ten eng­li­schen Städ­te wehr­ten sich in Leser­brie­fen gegen die mör­de­ri­sche Instru­men­ta­li­sie­rung ihrer Lei­den zu Rache­zwecken:

„Nach dem gna­den­lo­sen Bom­ben­an­griff auf unse­re Stadt Hull, bei dem Zivil­per­so­nen die Haupt­leid­tra­gen­den waren, ver­ur­tei­len wir glei­cher­ma­ßen sol­che Metho­den der bar­ba­ri­schen Krieg­füh­rung von unse­rer Sei­te gegen deut­sche Städ­te und Zivi­li­sten.“

Chur­chill und sein Luft­kriegs-Mar­schall Artur Har­ris lie­ßen sich aber durch Vol­kes Stim­me nicht von ihrem Bom­ben­pfad abbrin­gen und führ­ten die Mas­sen­tö­tun­gen durch den Ver­bren­nungs­krieg fort.

Den Sadismus Hitlers übertreffen

Zerstörte Martinikirche in Braunschweig
Zer­stör­te Mar­ti­ni­kir­che in Braun­schweig

Eine ande­re Recht­fer­ti­gung Chur­chills in den ersten Kriegs­jah­ren bestand in dem bedin­gungs­lo­sen Kampf gegen die NS-Dik­ta­tur, die er als Kräf­te der „Fin­ster­nis und des dunk­len Zeit­al­ters“ brand­mark­te. Des­we­gen sei­en alle Ter­ror­mit­tel sei­ner Bom­ber­ge­schwa­der gerecht­fer­tigt. Als sei­ne Zie­le stell­te er her­aus, die „christ­li­che Kul­tur“ zu ver­tei­di­gen: „Wir kämp­fen für den Erhalt der Zivi­li­sa­ti­on, der Feind nicht“.

Doch wie kann ein Staats­mann die Zivi­li­sa­ti­ons­ethik für sich bean­spru­chen, wenn er gleich­zei­tig Befeh­le gibt, in einem Nach­bar­land die Stät­ten und Denk­mä­ler einer tau­send­jäh­ri­gen (christ­li­chen) Zivi­li­sa­ti­on und Kul­tur aus­zu­lö­schen?

Ver­rä­te­risch war auch, dass Chur­chill sich in Rache-Argu­men­ta­tio­nen mehr­fach auf die faschi­sti­schen Mit­tel eines Ver­nich­tungs­krie­ges bezog: Ein Leit­ar­tik­ler der eng­li­schen Zei­tung ‘Sunday Express’ zeig­te die Zuspit­zung von Chur­chills Rache-Phi­lo­so­phie, wenn er den Deut­schen einen „Bom­ben­ter­ror mit einer Wucht“ ver­sprach, „die selbst Hit­ler in sei­nen sadi­stisch­sten Träu­men nicht für mög­lich gehal­ten hät­te“.

Damit hat­te sich der bri­ti­sche Pre­mier mora­lisch selbst dis­kre­di­tiert, wenn er den Kampf für die lich­te Zivi­li­sa­ti­on mit den Ter­ror­mit­teln der dunk­len Kräf­te der Fin­ster­nis füh­ren woll­te. Letzt­lich sprach er ein Urteil über sein mora­li­sches Ver­sa­gen in der Kriegs­füh­rung selbst aus:

Kurz vor Beginn sei­ner Regie­rungs­zeit beton­te er in einer Rede, die bri­ti­sche Regie­rung wer­de nie­mals dem Bei­spiel der Natio­nal­so­zia­li­sten fol­gen und die „neue, abscheu­li­che Form des Bom­ben­an­griffs“ auf Städ­te und Zivi­li­sten über­neh­men.

Zwei Jah­re spä­ter gab der Pre­mier­mi­ni­ster sei­nem Luft­waf­fen­chef Artur Har­ris freie Hand, die Zivil­be­völ­ke­rung deut­scher Städ­te gezielt mit Ter­ror zu über­zie­hen und zu töten.

Kampf gegen das deutsche Volk

Zerstörte Marienkirche in Lübeck
Zer­stör­te Mari­en­kir­che in Lübeck

Im Ver­lauf des bri­ti­schen Bom­ben­kriegs änder­ten sich die Begrün­dun­gen und Zie­le mehr­fach. Schon Ende 1943 ver­kün­de­te der bri­ti­sche Infor­ma­ti­ons­mi­ni­ster Bren­dan Bracken: Wir beab­sich­ti­gen, „das deut­sche Volk, das für die­sen Krieg ver­ant­wort­lich ist, in jeder mög­li­chen Wei­se zu bom­bar­die­ren, in Flam­men auf­ge­hen zu las­sen und erbar­mungs­los zu ver­nich­ten.“

Vor die­ser End­lö­sungs­phan­ta­sie ver­blass­te das anfäng­li­che Argu­ment, die Städ­te­bom­bar­die­rung wür­de die Durch­hal­tem­oral der Deut­schen bre­chen wol­len und damit den Krieg ver­kür­zen.

Bemer­kens­wert ist auch, dass sich mit der bri­ti­schen Stra­te­gie­än­de­rung auf Flä­chen­bom­bar­de­ments ab 1942 im Lau­fe des Krie­ges die Defi­ni­ti­on des Kriegs­geg­ners änder­te: Nicht mehr die „fin­ste­re“ Nazi-Füh­rung, die Kriegs­in­du­strie und die deut­schen Mili­tärs soll­ten als Fein­de bekämpft wer­den wie zu Kriegs­an­fang, son­dern das deut­sche Volk mit damals 80 Mil­lio­nen Men­schen sei „ver­ant­wort­lich für die­sen Krieg“ und damit der Kriegs­geg­ner.

Die­se Beob­ach­tung wür­de auch erklä­ren, war­um die Alli­ier­ten in den letz­ten vier Kriegs­mo­na­ten, als der Krieg­aus­gang längst ent­schie­den war, mit ihrer mili­tä­risch sinn­lo­sen, aber tötungs­ef­fi­zi­en­ten Städ­te­bom­bar­die­rung fort­fuh­ren.

Für die Ein­schät­zung des deut­schen Vol­kes als Kriegs­geg­ner spricht eben­falls, dass auch in ame­ri­ka­ni­schen Besat­zungs­do­ku­men­ten die­se Ansicht durch­scheint. Die Direk­ti­ve JCS 1067 vom April 1945 leg­te die Grund­zü­ge der ame­ri­ka­ni­schen Besat­zungs­po­li­tik nach dem Krie­ge fest. Dar­in heißt es unter Punkt 4), dass „die Deut­schen“ mit ihrer „rück­sichts­lo­sen Kriegs­füh­rung“ nicht der „Ver­ant­wor­tung für das ent­ge­hen, was sie selbst auf sich gela­den“ hät­ten. Das Doku­ment fährt fort: „Deutsch­land wird nicht besetzt zum Zwecke sei­ner Befrei­ung (von den Nazis), son­dern als ein besieg­ter Feind­staat. (…) Die Ver­brü­de­rung mit deut­schen Beam­ten und der Bevöl­ke­rung muss streng unter­bun­den wer­den.“

Städtebombardierung als Akte des Terrors und der mutwilligen Zerstörung

Münster nach mehr als 100 Luftangriffen
Mün­ster nach mehr als 100 Luft­an­grif­fen

Erst am Ende des Krie­ges hat­te der bri­ti­sche Pre­mier­mi­ni­ster Win­s­ton Chur­chill einen lich­ten mora­li­schen Moment. In sei­nem Memo­ran­dum vom 28. März 1945 bezeich­ne­te er die sinn­lo­sen Angrif­fe sei­ner eige­nen Luft­streit­kräf­te als Ter­ro­ris­mus:

„Ich hal­te es für not­wen­dig, dass wir uns stär­ker auf mili­tä­ri­sche Zie­le kon­zen­trie­ren wie etwa Treib­stoff­wer­ke und Nach­schub­li­ni­en hin­ter der Front, statt auf blo­ße Akte des Ter­rors und der mut­wil­li­gen Zer­stö­rung, wie ein­drucks­voll die­se auch sein mögen. Die Zer­stö­rung Dres­dens wirft ern­ste Zwei­fel an der alli­ier­ten Bom­ben­kriegs­füh­rung auf.“

In die­ser Aus­sa­ge steck­te die Ein­sicht, dass die Städ­te­bom­bar­die­run­gen weni­ger eine mili­tä­ri­sche Ziel­ope­ra­ti­on war, son­dern Ter­ror­ak­te und mut­wil­li­ge Zer­stö­rungs­hand­lun­gen – also Kriegs­ver­bre­chen.

Nach Pro­te­sten sei­ner Mili­tärs zog Chur­chill das Memo­ran­dum wie­der zurück. Aber die Ankla­ge blieb im Raum ste­hen.

War Churchills Krieg und Kriegsführung gerechtfertigt?

Kann ein Krieg gerecht­fer­tigt oder gar christ­lich genannt wer­den, des­sen Kriegs­füh­rung den Sadis­mus Adolf Hit­lers über­tref­fen woll­te?

Tho­mas von Aquin lehr­te, dass ein Krieg unter drei Bedin­gun­gen gerecht­fer­tigt ist: ein gerech­ter Kriegs­grund, die recht­mä­ßi­ge Hoheits­ge­walt der Krieg­füh­ren­den und die rech­te Absicht, „das Gute zu beför­dern und das Böse zu ver­hü­ten“. Zu dem erwei­ter­ten Bedin­gun­gen des ‚bel­lum justum’ gehö­ren auch die ange­mes­se­nen For­men der Kriegs­füh­rung.

Dazu stel­len sich die kon­kre­ten Fra­gen: Ste­hen die Mit­tel der Krieg­füh­rung im Ver­hält­nis zu den ange­streb­ten Zie­len? Kön­nen bar­ba­ri­sche Mit­tel einer Krieg­füh­rung die Wer­tung eines gerech­ten Krie­ges umkeh­ren?

Großbritannien verhinderte vor dem Krieg ein Abkommen zur Ächtung von Städtebombardierungen

Rothenburg ob der Tauber ausgebrannt
Rothen­burg ob der Tau­ber aus­ge­brannt

Der Phi­lo­soph Imma­nu­el Kant (+1804) hielt an dem Grund­satz fest, dass beim Stre­ben nach einem mora­li­schen Gut nie­mals unmo­ra­li­sche Hand­lun­gen began­gen wer­den dür­fen, selbst wenn die­se das eige­ne Über­le­ben sichern oder den Sieg über einen gefähr­li­chen Feind bedeu­ten.

Bei den Gen­fer Ver­hand­lun­gen über Rüstungs- und Kriegs­be­schrän­kun­gen in den Jah­ren 1932 bis 1934 ver­trat schon die Mehr­heit der Län­der­ver­tre­tun­gen die Über­zeu­gung, dass Luft­bom­bar­de­ments auf Zivil­be­völ­ke­rung aus­drück­lich als Kriegs­ver­bre­chen zu äch­ten wären.

Groß­bri­tan­ni­en ver­hin­der­te damals mit einem Veto ein inter­na­tio­na­les Abkom­men aus dem durch­sich­ti­gen Grund, sei­ne Bom­ber gegen Auf­stän­de in den Kolo­nien ein­set­zen zu kön­nen.

Die Sie­ger- und Bom­ber-Staa­ten Groß­bri­tan­ni­en und USA domi­nier­ten auch nach dem 2. Welt­krieg die Kriegs­schutz­ver­han­de­lun­gen, so dass kei­ne expli­zi­te Rege­lung gegen Städ­te­bom­bar­die­rung zustan­de kam.

Erst 1977 wur­de in einem Zusatz­pro­to­koll zu den Gen­fer Abkom­men die Flä­chen­bom­bar­die­rung von Wohn­städ­ten und Angrif­fe auf ein­zel­ne oder Grup­pen von Zivil­per­so­nen als Kriegs­ver­bre­chen geäch­tet.

Die­ses Doku­ment bedeu­tet eine rück­wir­ken­de mora­li­sche Ver­ur­tei­lung der geziel­ten Bom­ben­an­grif­fe auf die deut­sche Zivil­be­völ­ke­rung durch Chur­chills Bom­ber­flot­te.

Churchill schob seine Verantwortung für die befohlenen Kriegsverbrechen ab

Schwer beschädigter Stephansdom in Wien
Schwer beschä­dig­ter Ste­phans­dom in Wien

Der zu Anfang in sei­nen Grün­den und Zie­len ‘gerech­te Krieg’ von Sei­ten Eng­lands gegen Hit­lers Angriffs­krieg ver­kehr­te sich durch den Mas­sen­ein­satz von Bom­ben­ter­ror gegen die deut­sche Zivil­be­völ­ke­rung zu einem unge­rech­ten Krieg.

Damit wür­de sich das Urteil erge­ben: Chur­chill und die bri­ti­sche Regie­rung hät­ten seit 1942 durch ihre ver­bre­che­ri­sche Kriegs­füh­rung einen Unrechts­krieg geführt.

Die Ver­ant­wor­tung für die­ses mora­li­sche Ver­sa­gen als Staats­mann, das er in sei­nem Memo­ran­dum am Kriegs­en­de offen­sicht­lich gespürt hat­te, über­nahm Chur­chill nach dem Krieg nicht.

Bei sei­ner Radio-Sie­ges­an­spra­che am 13. Mai erwähn­te Chur­chill den Bei­trag der Bom­ber­flot­te zum Sieg mit kei­nem Wort. Sein Luft­waf­fen­mar­schall Artur Har­ris durf­te sei­nen Abschluß­be­richt nicht ver­öf­fent­li­chen. Ihm wur­de die Beför­de­rung ins Ober­haus ver­sperrt. Die Besat­zun­gen der Bom­ber beka­men, anders als die übri­gen Mili­tär­gat­tun­gen, kei­ne Kriegs-Erin­ne­rungs­me­dail­len. Erst 1992 erhielt Bom­ber-Har­ris auf Betrei­ben der queen mother eine Sta­tue in Lon­don.

Mit der Aus­boo­tung sei­nes Luft­mar­schalls bei den Sie­ges­fei­ern schob der bri­ti­sche Pre­mier alle Kri­tik und Ver­ant­wor­tung für den Bom­ben­krieg auf Artur Har­ris ab. Die­se fei­ge Ver­ant­wor­tungs­ab­schie­bung auf einen nach­ge­ord­ne­ten Befehls­ha­ber mag auch ein Grund dafür gewe­sen sein, dass Chur­chill bei den ersten Nach­kriegs­wah­len abge­wählt wur­de.

Karlspreis für einen Politiker, der sich selbst einmal ‚Bestie’ nannte

Zerstörte Kuppel des Salzburger Doms
Zer­stör­te Kup­pel des Salz­bur­ger Doms

Auch in sei­nen Memoi­ren ver­harm­lo­ste Chur­chill sei­ne Rol­le als Befehls­ge­ber für die Ver­nich­tungs­bom­bar­de­ments mit mehr als einer hal­be Mil­li­on Zivilop­fern. Statt­des­sen kram­te er die Pro­pa­gan­da­mu­ster der Kriegs­zeit wie­der her­vor. Wie­der sti­li­sier­te er sich – dies­mal auf hohem lite­ra­ri­schen Niveau — zum Anwalt der Zivi­li­sa­ti­on gegen die Kräf­te der Fin­ster­nis.

Dafür erhielt Chur­chill im Jah­re 1953 den Lite­ra­tur-Nobel­preis. Das Aus­zeich­nungs-Komi­tee ver­gab den Preis für sei­ne „Mei­ster­schaft der Rede­kunst“, was nach­voll­zieh­bar ist. Aller­dings war die wei­te­re mora­li­sche Begrün­dung, dass er „als Ver­tei­di­ger von höch­sten mensch­li­chen Wer­ten“ her­vor­ge­tre­ten sei, ein Hohn auf die­se Wer­te ange­sichts sei­ner Ver­ant­wor­tung für offen­sicht­li­che Kriegs­ver­bre­chen.

Emp­fäng­lich für Pro­pa­gan­da waren anschei­nend auch die Reprä­sen­tan­ten der Stadt Aachen. Sie kür­ten Chur­chill zum sieb­ten Emp­fän­ger des Karls­prei­ses für Ver­dien­ste um Euro­pa. Der am Chri­sti-Him­mel­fahrts­fest 1956 Geehr­te hat­te mit den von ihm befoh­le­nen Flä­chen­bom­bar­de­ments ein­hun­dert­ein­und­sech­zig deut­sche Städ­te zer­trüm­mern las­sen. Dabei gin­gen 600.000 getö­te­te Zivi­li­sten sowie Brand und Zer­stö­rung uner­setz­li­cher Kul­tur­gü­ter auf sein Kon­to. War das ein kon­struk­ti­ver Bei­trag für die Wer­te Euro­pas?

Ein Heldendenkmal für Kriegsverbrecher?

US-Luftangriff auf Koblenz am 19.09.1944
US-Luft­an­griff auf Koblenz am 19.09.1944

Erst Ende der 70er Jah­re reflek­tier­ten bri­ti­sche Autoren die mora­li­sche Ambi­va­lenz des „moral bom­bing“. Max Hastings resü­mier­te in sei­nem Buch „Bom­ber Com­mand“: „Die Aus­lö­schung deut­schen Städ­te noch im Früh­jahr 1945 ist ein blei­ben­der Schand­fleck“ für Groß­bri­tan­ni­en. Eini­ge Jah­re spä­ter pflich­te­te ihm der Autor John Grigg in sei­nem Buch bei: Die Aus­ra­die­rung deut­scher Städ­te durch Flä­chen­bom­bar­de­ments „war eben­so nutz­los wie bestia­lisch“. 2006 publi­zier­te A. C. Gray­ling das Buch: „Die toten Städ­te“, auf das sich mei­ne Berich­te und Wer­tun­gen stüt­zen. Sein Urteil: „Das Vor­ge­hen der Alli­ier­ten in Deutsch­land ver­stößt ein­deu­tig gegen alle huma­ni­tä­re Grund­sät­ze“ – so im Klap­pen­text des Buches. Bei ihrem Staats­be­such in Deutsch­land 2004 sprach die Queen immer­hin „vom ent­setz­li­chen Leid des Krie­ges auf bei­den Sei­ten“.

Umso befremd­li­cher war im Som­mer 2012 die Ein­wei­hung eines rie­si­gen Hel­den-Denk­mals für die umge­kom­me­nen bri­ti­schen Bom­ber­pi­lo­ten, das jeg­li­che Ambi­va­lenz ver­mis­sen lässt: Kein Hin­weis auf das Leid der Opfer mil­dert den dar­ge­stell­ten Hero­is­mus zu einem erbar­mungs­los asym­me­tri­schen Krieg, kei­ne Andeu­tung des Bedau­erns oder Ein­la­dung zum Nach­den­ken. Der ein­ge­mei­ßel­te Satz: „… allein die Bom­ber lie­fern uns das Instru­ment zum Sieg“ ist eine Ver­fäl­schung der histo­ri­schen Wahr­heit ins Gegen­teil. Das Denk­mal scheint ein letz­tes Auf­bäu­men der abster­ben­den Kriegs­ge­nera­ti­on zu sein gegen die Wer­tung eines Krie­ges, der eben durch die kriegs­ver­bre­che­ri­schen Städ­te­bom­bar­die­run­gen zu einem unmo­ra­li­schen und unge­rech­ten Krieg für Groß­bri­tan­ni­en wur­de.

Wei­ter­füh­ren­de Lite­ra­tur: Jörg Fried­rich: Der Brand. Deutsch­land im Bom­ben­krieg 1940–1945, Mün­chen 2002; A.C. Gray­ling: Die toten Städ­te. Waren die alli­ier­ten Bom­ben­an­grif­fe Kriegs­ver­bre­chen? deutsch 2007; Gerech­ter Krieg (Wiki­pe­dia); Denk­mal für bri­ti­sche Bom­ber­pi­lo­ten in Lon­don, Die Welt, 28. 6. 2012

Text: Hubert Hecker
Bild: Wiki­com­mons und ange­ge­ben Lite­ra­tur

1 Kommentar

  1. Man darf in der Tat die Greu­el­eta­ten der sog. Natio­nal­so­zia­li­sten, die sich aber zuerst und zuletzt an unzäh­li­gen Deut­schen aus­tob­ten, durch­aus gleich­set­zen mit den eben­so bar­ba­ri­schen, mör­de­ri­schen Hand­lun­gen Eng­lands und der USA wie auch der Sowjet­uni­on. Der Unter­schied ist, daß die Nazis zu Recht mora­lisch geäch­tet sind und die ande­ren bis heu­te nicht.
    Chur­chill ist eine ganz zwie­lich­ti­ge Figur und war es immer gewe­sen. Er war ein Frei­mau­rer.
    Genau vor die­sen ent­setz­li­chen Typen, die auch heu­te die Welt regie­ren, warn­te ab 1945 die Mut­ter­got­tes in ein­dring­li­chen Wor­ten an Ida Peer­de­man von Amster­dam.

    Die Macht­er­grei­fung der Nazis mit dem irren, von Dämo­nen beses­se­nen Typen Hit­ler an der Spit­ze war doch Was­ser auf die Müh­len der Groß­lo­gen. Dar­auf­hin hat­ten sie auch abge­zielt mit ihrer Poli­tik seit Beginn des 20. Jh. Nach dem 1. Welt­krieg wur­de Deutsch­land wirt­schaft­lich boy­kot­tiert und syste­ma­tisch ver­leum­det. Aus Not wähl­ten die Men­schen die NSDAP, die sich als Ret­ter gerier­te- ein Fehl­schluß.
    Deutsch­land soll­te aus­ge­schal­tet wer­den- egal wie. Nur und allein dar­um gings den Frei­mau­rern, den Herr­schern im angel­säch­si­schen Bereich, und die Nazis mach­ten es ihnen dann sehr ein­fach.

    Ehr­lich gesagt fin­de ich, daß Papst Bene­dikt XVI., den ich sehr schät­ze, auch mal auf die­se fürch­ter­li­chen Ver­bre­chen der Eng­län­der bei sei­nem Besuch dort im Jah­re 2010 hät­te auf­merk­sam machen kön­nen. Das ist kei­ne Bene­dikt-Schel­te. Er hat­te zu Recht die Nazis ange­klagt ange­sichts der Zer­stö­rung Coven­trys, aber auf das furcht­ba­re Bom­bar­de­ment auf die deut­schen Städ­te (mit Aus­nah­me Hei­del­bergs) ging er lei­der nicht ein. Ich mache mir über die wirk­li­chen Nazis kei­ne Illu­sio­nen- sie waren Besti­en, aber nicht alle Deut­schen waren Hit­ler­gläu­bi­ge.

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