„Papst verunsichert viele, weil er sich häufig selbst widerspricht“ — Interview mit Sandro Magister

Sandro Magister
San­dro Magister

(Rom) Der Papst ver­un­si­chert vie­le Bischö­fe. Die­sen Schluß zieht der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster in einem aus­führ­li­chen Inter­view der Tages­zei­tung Ita­lia Oggi. Der Grund dafür? „Weil er auf meh­re­ren Ebe­nen gleich­zei­tig spielt und sich häu­fig sogar selbst widerspricht.“

San­dro Magi­ster ist seit 40 Jah­ren Chro­nist der Ereig­nis­se im Vati­kan. 1974 ver­öf­fent­lich­te er sei­ne ersten Arti­kel im ita­lie­ni­schen „Spie­gel“, dem Wochen­ma­ga­zin L’Espresso. Noch immer berich­tet er wöchent­lich auf den Spal­ten die­ser Zeit­schrift über alles, was wich­tig war jen­seits des Tibers und in der Welt­kir­che. Sein Hin­ter­grund­wis­sen ist enorm und den­noch behielt er sich in den Jah­ren eine freie Meinung.

Gebo­ren 1943 in Busto Arsi­zio bei Mai­land, stu­dier­te er Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie an der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät in der lom­bar­di­schen Metro­po­le und beglei­tet beruf­lich nun schon das fünf­te Pontifikat.

Ita­lia Oggi: Papst Ber­go­glio hat in die­sen Mona­ten einen pla­ne­ta­ri­schen Erfolg genos­sen. Er hat aber auch eini­ge Ent­schei­dun­gen getrof­fen, die nach­denk­lich stim­men. Zum Bei­spiel hat aus­ge­rech­net er, der sich als Bischof von Rom vor­stell­te, bei der Bischofs­syn­ode über die Fami­lie sogar das Kir­chen­recht her­aus­ge­zo­gen, um fest­zu­hal­ten, daß er über Petri­ni­sche Macht verfügt.

San­dro Magi­ster: Ja, das stimmt, und zwar in sei­ner Abschlußrede.

Ita­lia Oggi: Er hat eine ein­ver­nehm­li­che und offe­ne Sicht der Kir­chen­re­gie­rung skiz­ziert, dann aber die Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta unter kom­mis­sa­ri­sche Ver­wal­tung gestellt und das sogar mit recht har­ten Metho­den und hat fak­tisch den Bischofs­kon­fe­ren­zen einen Maul­korb umgehängt.

San­dro Magi­ster: Eini­ge, dar­un­ter auch die ita­lie­ni­sche, sind fak­tisch vernichtet.

Ita­lia Oggi: Und in sei­ner Anspra­che vor den Volks­be­we­gun­gen schien es eher, als wür­de man bestimm­te Ana­ly­sen von Toni Negri ((mar­xi­sti­scher Staats­theo­re­ti­ker, 1969 Mit­grün­der der links­ex­tre­men Grup­pe „Arbei­ter­macht“ (Pote­re Ope­raio), 1973 Grün­der der links­ex­tre­men Grup­pe „Orga­ni­sier­te Selbst­ver­wal­tung“ (Auto­no­mia orga­niz­za­ta), 1979 wegen Ter­ro­ris­mus und Anschlag auf die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung ver­haf­tet, gegen Negri wur­de als „Kopf“ der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Rote Bri­ga­den (BR) Ankla­ge erho­ben, 1984 wur­de er in einem umstrit­te­nen Pro­zeß zu 34 Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt, für die Radi­ka­le Par­tei von Mar­co Pan­nella 1983 in das Ita­lie­ni­sche Par­la­ment gewählt, konn­te er sich noch vor Auf­he­bung sei­ner Immu­ni­tät nach Frank­reich abset­zen, wo er unter dem Schutz von Staats­prä­si­dent Mit­te­rand sei­ne poli­ti­sche Arbeit fort­setz­te. Als in Ita­li­en die Links­re­gie­rung unter Mini­ster­prä­si­dent Roma­no Pro­di regier­te, han­del­te Negri eine weit­ge­hen­de Amne­stie­rung aus und kehr­te 1997 nach Ita­li­en zurück, ver­brach­te nur ein Jahr im Gefäng­nis und wei­te­re fünf Jah­re als Frei­gän­ger, 2003 ende­te sei­ne Stra­fe, 2002 ver­öf­fent­lich­te er mit Micha­el Hardt das Buch Impe­ri­um – Die neue Glo­ba­li­sie­rungs­ord­nung, das zu einem poli­ti­schen Mani­fest der links­ra­di­ka­len Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner wur­de.)) hören. Gleich­zei­tig akzep­tier­te er aber die „Ent­las­sung“ von 500 Kal­li­gra­phen, Malern und Druckern, weil der neue vati­ka­ni­sche Almo­se­ni­er ent­schie­den hat, sie nicht mehr zu brauchen.

San­dro Magi­ster: In der Tat schreit die­se Sache etwas…

Ita­lia Oggi: … so wie die har­ten super­ga­ran­ti­sti­schen Posi­tio­nen zu Justiz und Straf­voll­zug schrei­en, wäh­rend er selbst den ehe­ma­li­gen Nun­ti­us für die Domi­ni­ka­ni­sche Repu­blik, dem ein Ver­fah­ren wegen Pädo­phi­lie bevor­steht, in Sicher­heits­ge­wahr­sam neh­men ließ.

San­dro Magi­ster: So hat es sich zugetragen.

Widersprüche sind Teil der Persönlichkeit von Jorge Bergoglio

Ita­lia Oggi: Sie sind schon lan­ge Vati­ka­nist. Was für einen Ein­druck haben Sie gewonnen?

San­dro Magi­ster: Daß es Wider­sprü­che gibt und daß sie ein Teil der Per­sön­lich­keit von Jor­ge Ber­go­glio sind. Das ist ein begrün­de­tes Urteil, das auf den Beob­ach­tun­gen von nun doch schon etli­chen Mona­ten beruht.

Ita­lia Oggi: Wel­che Schluß­fol­ge­run­gen zie­hen Sie daraus?

San­dro Magi­ster: Er ist eine Per­son, die im Lauf ihres Lebens und nun auch als Papst, auf ver­schie­de­nen Regi­stern gleich­zei­tig spielt, Bau­stel­len offen­läßt und vie­le Wider­sprü­che. Aller­dings sind die von Ihnen genann­ten nicht die einzigen.

Ita­lia Oggi: Nen­nen wir andere …

San­dro Magi­ster: Der eines äußerst gesprä­chi­gen Pap­stes, der tele­fo­niert, der sich den ver­schie­den­sten Per­so­nen nähert, auch den fern­sten, aber zum Fall Asia Bibi schweigt.

Ita­lia Oggi: Die wegen Belei­di­gung des Islam zum Tode ver­ur­teil­te Paki­sta­ne­rin, die seit Jah­ren im Gefäng­nis sitzt.

San­dro Magi­ster: Genau. Zu ihrem Fall hat Papst Fran­zis­kus kein Wort ver­lo­ren. Genau­so­we­nig zu den in Nige­ria ent­führ­ten christ­li­chen Mäd­chen, oder zur unfaß­ba­ren, vor weni­gen Tagen in Paki­stan ver­üb­ten Tat, bei der ein christ­li­ches Ehe­paar bei leben­di­gem Leib in einem Ofen ver­brannt wurde.

Ita­lia Oggi: Es han­delt sich um Geschich­ten, die das Ver­hält­nis zum Islam betref­fen, auf den wir noch zurück­kom­men. Die­se Wider­sprü­che nen­nen man­che bereits „jesui­tisch“, im Sin­ne von schillernd.

San­dro Magi­ster: Ein sol­cher Zusam­men­hang wäre abwer­tend und nicht akzep­ta­bel, auch wenn es wahr ist, daß die Spi­ri­tua­li­tät der Jesui­ten histo­risch bewie­sen hat, sich den ver­schie­den­sten Situa­tio­nen anpas­sen zu kön­nen, manch­mal auch sol­chen, die im Wider­spruch zuein­an­der stehen.

Ablauf der Bischofssynode von Papst Franziskus penibel kalkuliert

Ita­lia Oggi: Wider­sprüch­lich schien auch die Hand­ha­bung der jüng­sten Synode.

San­dro Magi­ster: Eine Hand­ha­bung, die vom Papst peni­bel kal­ku­liert war und bei der er nichts dem Zufall über­las­sen woll­te, wie man hin­ge­gen glau­ben machen woll­te, und die zahl­rei­che wei­te­re wider­sprüch­li­che Ele­men­te enthält.

Ita­lia Oggi: Zum Beispiel?

San­dro Magi­ster: Ber­go­glio sag­te, und zwar wie­der­holt, die Leh­re nicht anzu­rüh­ren, son­dern an der Sei­te der Tra­di­ti­on der Kir­che zu ste­hen. Dann aber hat er Dis­kus­sio­nen ange­sto­ßen, wie die über die wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­nen, die in Wirk­lich­keit sogar Angel­punk­te der Leh­re berühren.

Ita­lia Oggi: Warum?

San­dro Magi­ster: Weil es unab­wend­bar ist, daß die Kom­mu­ni­on für die wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­nen zur Aner­ken­nung der Zweit­ehe und damit zur Auf­he­bung des sakra­men­ta­len Ehe­ban­des führt.

Verunsicherung reicht bis in die höchsten Kirchenkreise

Ita­lia Oggi: Ich bin kein Vati­ka­nist, aber von außen hat man den Ein­druck, daß sich eine gewis­se Ver­un­si­che­rung aus­brei­tet und das nicht nur in der kirch­li­chen Hier­ar­chie. Und das übri­gens nicht nur in Berei­chen, die man als tra­di­tio­na­li­stisch bezeich­nen könnte …

San­dro Magi­ster: Das steht außer Zwei­fel. Es gibt Kir­chen­ver­tre­ter von beacht­li­chem Rang, die gewiß kei­ne Lef­eb­vria­ner sind, die das zu ver­ste­hen geben, auch wenn sie es nicht mit dra­sti­schen Wor­ten und kri­ti­sie­ren­dem Ton sagen. Nicht ein­mal Kar­di­nal Ray­mond Leo Bur­ke, der kürz­lich abge­setz­te ehe­ma­li­ge Prä­fekt der Apo­sto­li­schen Signa­tur hat es getan, weil es gar kei­ne Rich­tung gibt, die dem Papst vor­ur­teils­be­la­den feind­lich gesinnt ist. Aller­dings gibt es offen­sicht­li­che Zei­chen eines sich aus­brei­ten­den Unbehagens.

Ita­lia Oggi: Viel­leicht eini­ge Beispiele?

San­dro Magi­ster: Neh­men wir den US-ame­ri­ka­ni­schen Epi­sko­pat und damit die Bischö­fe eines der zah­len­mä­ßig stärk­sten katho­li­schen Völ­ker der Erde. Die­se Bischofs­kon­fe­renz ver­folg­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine kon­se­quen­te und kämp­fe­ri­sche Linie auf öffent­li­chem Ter­rain, auch gegen bestimm­te Ent­schei­dun­gen von Prä­si­dent Barack Oba­ma zu ethi­schen Fra­gen. Eine Linie, die von zahl­rei­chen füh­ren­den Prä­la­ten geteilt wur­de. Ein Füh­rungs­kern in der Kir­che, könn­te man sagen.

Ita­lia Oggi: Und heu­te erle­ben die Amerikaner …?

San­dro Magi­ster: Ein gro­ßes Unbe­ha­gen. Das gilt für die Kar­di­nä­le und Erz­bi­schö­fe wie Timo­thy Dolan von New York, Patrick O’Malley von Bos­ton, José Gomez von Los Ange­les oder Charles Cha­put von Phil­adel­phia. Ein Epi­sko­pat aus dem auch Bur­ke stammt, der sicher nicht auf tra­di­tio­na­li­sti­sche Krei­se mar­gi­na­li­siert ist, son­dern fester Bestand­teil einer der soli­de­sten Lan­des­kir­chen ist.

Feindseligkeiten von Kardinal Kasper losgetreten — Papst machte es möglich

Ita­lia Oggi: Und auch die Ita­lie­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz, wie schon vor­hin ange­deu­tet, scheint etwas in Schwie­rig­keit zu sein.

San­dro Magi­ster: Es berei­tet Schwie­rig­kei­ten, mit die­sem Papst Schritt zu hal­ten mit einem Vor­sit­zen­den Ange­lo Kar­di­nal Bag­nas­co, der am mei­sten Schwie­rig­kei­ten von allen zu haben scheint.

Ita­lia Oggi: Auch weil schon offen Erz­bi­schof von Perugia, Gual­tie­ro Bas­set­ti, den Ber­go­glio zum Kar­di­nal kre­ierte, als Nach­fol­ger genannt wurde.

San­dro Magi­ster: Mei­nes Wis­sens gehört auch Bas­set­ti zu den ita­lie­ni­schen Bischö­fen, die ein Unbe­ha­gen empfinden.

Ita­lia Oggi: Unter den Ita­lie­nern sind viel­leicht der Mai­län­der Erz­bi­schof Ange­lo Kar­di­nal Sco­la und der Erz­bi­schof von Bolo­gna, Car­lo Kar­di­nal Caf­farra zu denen, die die größ­ten Schwie­rig­kei­ten mit Fran­zis­kus haben, zu zählen .

San­dro Magi­ster: Das waren sie mit ihren Wort­mel­dun­gen vor und auf der Syn­ode. Das war jedoch unver­meid­lich, nach­dem der Papst die Ent­schei­dung getrof­fen hat­te, Kar­di­nal Wal­ter Kas­per die Dis­kus­si­on eröff­nen und damit die Feind­se­lig­kei­ten los­tre­ten zu lassen.

Ita­lia Oggi: Warum?

San­dro Magi­ster: Weil Kas­per heu­te genau die­sel­ben The­sen wie­der auf­legt, die 1993 an Johan­nes Paul II. und Joseph Ratz­in­ger, damals im Amt des Glau­bens­prä­fek­ten, geschei­tert waren.

Stockhiebe gegen Traditionalisten viel häufiger und gezielter ausgeführt

Ita­lia Oggi: Ja, der Papst hat Kas­per geför­dert, er hat Msgr. Bru­no For­te zum Son­der­se­kre­tär der Syn­ode gemacht, der die Arbei­ten so bela­ste­te, daß er Reak­tio­nen von Syn­oden­vä­tern pro­vo­zier­te, aber dann am Ende ermahn­te Fran­zis­kus die einen wie die ande­ren, fast wie ein alter DCler (ita­lie­ni­scher Christ­de­mo­krat) gegen die ent­ge­gen­ge­setz­ten Extreme.

San­dro Magi­ster: Das ist ein wei­te­res, sich wie­der­ho­len­des Modul, in dem sich die­ses Pon­ti­fi­kat aus­drückt: Sei­ten­hie­be gegen die einen und die ande­ren. Wenn man aber die Sum­me macht, wird deut­lich, daß die Stock­hie­be gegen die Tra­di­tio­na­li­sten, die Lega­li­sten, die Ver­tei­di­ger der Glau­bens­leh­re, sehr viel häu­fi­ger und geziel­ter aus­ge­führt wer­den. Wenn er sich hin­ge­gen gegen die Gut­men­schen wen­det, ver­steht man nie genau, wen er kon­kret damit meint.

Civiltá Cattolica-Leiter Sprecher des Papstes — Manuel Fernandez sein Ghostwriter

Ita­lia Oggi: Mit der Syn­ode trat der Chef­re­dak­teur der Civil­tà  Cat­to­li­ca, Pater Anto­nio Spa­daro immer mehr in den Vordergrund.

San­dro Magi­ster: Er gebär­det sich inzwi­schen als Spre­cher des Pap­stes und die Zeit­schrift der Jesui­ten, die sich im schritt­wei­sen Nie­der­gang befand (schon mit ihm als Chef­re­dak­teur, der sich viel mit Inter­net und Social Net­work befaß­te), ist mit einem Schlag zum Sprach­rohr der höch­sten Spit­ze des Vati­kans gewor­den. Vor allem seit dem ersten gro­ßen Inter­view mit dem Jesui­ten­papst. Wäh­rend der Ghost­wri­ter von Fran­zis­kus Manu­el Fer­nan­dez ist, der Rek­tor der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Bue­nos Aires, den der Papst zum Erz­bi­schof mach­te. Mit Fer­nan­dez hat Fran­zis­kus Evan­ge­lii Gau­di­um geschrie­ben, so wie er schon vor­her mit ihm das Doku­ment von Apa­re­ci­da in Bra­si­li­en von 2007 ver­faßt hat, als der dama­li­ge Erz­bi­schof von Bue­nos Aires die Kon­fe­renz der latein­ame­ri­ka­ni­schen Bischö­fe lei­te­te, ein Doku­ment das für Vie­le die Vor­weg­nah­me die­ses Pon­ti­fi­kats war.

Ita­lia Oggi: Im Wider­spruch zum gro­ßen Zuspruch gibt es auch ande­re, wie den Publi­zi­sten Anto­nio Soc­ci, der sogar die Gül­tig­keit der Papst­wahl in Fra­ge stellt. Haben Sie sein Buch: Non é Fran­ces­co (Er ist nicht Fran­zis­kus, Ver­lag Mond­ado­ri) gelesen?

San­dro Magi­ster: Ich habe es an einem Abend gele­sen, in einem Atem­zug, trotz sei­ner 300 Sei­ten. Und das nicht wegen der Ungül­tig­keits­the­se, weil ein Wahl­gang im Kon­kla­ve wegen eines wei­ßen Stimm­zet­tels zuviel annul­liert wur­de. Eine The­se, die mei­nes Erach­tens halt­los ist.

Antonio Soccis Buch rekonstruiert die Widersprüche dieses Pontifikats

Ita­lia Oggi: War­um war die Lek­tü­re den­noch interessant?

San­dro Magi­ster: Wegen dem, was den Erfolg des Buches aus­macht, sodaß es heu­te die Best­sel­ler­li­sten anführt und alle ande­ren Bücher von und über Ber­go­glio über­run­det hat: Es rekon­stru­iert mit unwi­der­leg­ba­ren Fak­ten die Wider­sprü­che, von denen wir bereits gespro­chen haben.

Ita­lia Oggi: Ein Buch, über das nie­mand offi­zi­ell spricht, scheint die enor­me Popu­la­ri­tät von Fran­zis­kus her­aus­zu­for­dern. Dem gro­ßen Zuspruch für Papst Fran­zis­kus zum Trotz nimmt die reli­giö­se Pra­xis aber nicht zu, viel­mehr wächst die Abnei­gung, auch die öffent­li­che, gegen die Katho­li­sche Kir­che. Ber­go­glio Ja, Kir­che Nein?

San­dro Magi­ster: Auch die Popu­la­ri­tät der Vor­gän­ger, das soll­ten wir nicht ver­ges­sen, war sehr groß. Johan­nes Paul II. erleb­te einen Welt­erfolg und das nicht erst in sei­nen letz­ten, durch Krank­heit gezeich­ne­ten Jah­ren. Und auch Bene­dikt XVI. erreich­te 2007 und 2008 in den Umfra­gen die höch­sten Wer­te, auch wenn man das dann schnell in Ver­ges­sen­heit fal­len­ließ. Sei­ne Rei­se in die USA war der Höhe­punkt mit einem gro­ßen und posi­ti­ven Emp­fang auch durch die welt­li­che Öffentlichkeit.

Vorgänger in der Kirche populär — Franziskus außerhalb

Ita­lia Oggi: Wo liegt der Unterschied?

San­dro Magi­ster: Daß die Vor­gän­ger vor allem inner­halb der Kir­che popu­lär waren, auch wenn sie von beacht­li­chen Tei­len der nicht christ­li­chen öffent­li­chen Mei­nung bekämpft wur­den. Die Popu­la­ri­tät von Fran­zis­kus hin­ge­gen steht außer­halb der Kir­che, auch wenn sie kei­ne Wel­len von Kon­ver­ti­ten her­vor­bringt. Im Gegen­teil, die kir­chen­fer­ne, dem Chri­sten­tum feind­lich gesinn­te Kul­tur scheint ihn mit einer gewis­sen Befrie­di­gung zu sehen.

Ita­lia Oggi: In wel­cher Hinsicht?

San­dro Magi­ster: Indem sie sehen, daß das Kir­chen­ober­haupt sich ihren Posi­tio­nen annä­hert, die er zu ver­ste­hen und sogar zu akzep­tie­ren scheint. Die Sache mit den wie­der­hol­ten Gesprä­chen mit Euge­nio Scal­fa­ri steht bei­spiel­haft dafür: der Papst akzep­tiert, daß der Grün­der der Repub­bli­ca, der bis­her einer der här­te­sten Geg­ner der Päp­ste war, von die­sen Gesprä­chen ver­öf­fent­licht, was er will.

Ita­lia Oggi: Mehr noch: Scal­fa­ri selbst hat erklärt, auch ver­öf­fent­licht zu haben, was Ber­go­glio gar nicht gesagt hatte.

San­dro Magi­ster: Genau, in all dem ist kei­ne Annä­he­rung an das Chri­sten­tum zu erken­nen. Das Chri­sten­tum aus dem Mund Ber­go­gli­os ist nicht mehr pro­vo­kant, es macht kei­ne Pro­ble­me mehr, man kann es sogar mit Höf­lich­keit behan­deln, über­le­gen und distan­ziert. Das Chri­sten­tum zählt weni­ger. Es genügt an den ita­lie­ni­schen Mini­ster­prä­si­den­ten Matteo Ren­zi zu den­ken, einen Katho­li­ken. Was die Ita­lie­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz macht, hat kei­ner­lei Bedeu­tung. Kurz­um, aus einer Situa­ti­on der Kon­fron­ta­ti­on und des Kon­flikts, sind wir zum Des­in­ter­es­se übergegangen.

Papst schweigt zum Islam: „Sehe darin keine Hilfe für die Christen in islamischen Staaten“

Ita­lia Oggi: Mit der isla­mi­schen Welt geht Papst Fran­zis­kus sehr lei­se um. Und auch Staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin war bei sei­ner jüng­sten Rede vor der UNO sehr zurück­hal­tend. Eini­ge spre­chen von einer gro­ßen Vor­sicht und ver­wei­sen auf die Regens­bur­ger Rede von Bene­dikt XVI., die gewalt­sa­me Reak­tio­nen mit Toten auslöste.

San­dro Magi­ster: Das ist eine bis zum Extrem getrie­be­ne Vor­sicht. Kon­kret kann ich nicht erken­nen, wel­chen Vor­teil das brin­gen soll. Es scheint mir nicht, daß dar­aus eine Hil­fe, auch nur eine win­zi­ge, für die Chri­sten in den isla­mi­schen Regio­nen wird. Die Vor­sicht könn­te man ver­ste­hen, wenn man sie in Pro­por­ti­on zu den Aus­wir­kun­gen mißt. Sie hät­te Gül­tig­keit, wenn dadurch gerin­ge­rer Scha­den ange­rich­tet wür­de, was an das Schwei­gen von Pius XII. zu den Juden erinnert.

Ita­lia Oggi: Eine histo­ri­sche Pole­mik, die noch immer geführt wird …

San­dro Magi­ster: Papst Pacel­li unter­nahm alles erdenk­lich Mög­li­che, um die Juden auch per­sön­lich im Vati­kan zu ret­ten. Heu­te wis­sen wir das. Er zöger­te aber, die Sache öffent­lich anzu­kla­gen, weil er in grö­ße­rem Maß­stab befürch­te­te, was in den Nie­der­lan­den gesche­hen war, wo es nach einer öffent­li­chen Ankla­ge durch die Bischö­fe zu einer noch bru­ta­le­ren Juden­ver­fol­gung gekom­men ist.

Ita­lia Oggi: Heu­te dau­ert die­ses Schwei­gen aber an.

San­dro Magi­ster: Aus­ge­nom­men Kar­di­nal Jean-Lou­is Tau­ran, Prä­fekt für den inter­re­li­giö­sen Dia­log, der auch mit har­ten Urtei­len nicht spart.

Ita­lia Oggi: Der sprin­gen­de Punkt ist also?

San­dro Magi­ster: Daß es Mäch­ti­ge wie den Isla­mi­schen Staat (IS) gibt, bei dem man sich zu sehr beeilt, zu sagen, daß er nichts mit dem Islam zu tun hät­te, son­dern von einem radi­ka­len Isla­mis­mus genährt wür­de, der für sich die Fra­ge der Ver­nunft noch nicht geklärt habe und damit das Ver­hält­nis zwi­schen Glau­ben und Gewalt. Genau das hat­te Papst Bene­dikt XVI. in Regens­burg beklagt. Der bis­her ein­zi­ge wirk­li­che Dia­log zwi­schen Chri­sten­tum und Islam wur­de durch eben jene Rede aus­ge­löst, indem 138 Mos­lem­ver­tre­ter mit einem Brief reagierten.

Ita­lia Oggi: Auch wenn der Besuch von Bene­dikt XVI. in der Blau­en Moschee in Istan­bul im Jahr dar­auf als Wie­der­gut­ma­chung gese­hen wurde.

San­dro Magi­ster: Ratz­in­ger konn­te sich die­se Geste erlau­ben, gera­de weil er in Regens­burg gesagt hat, was er gesagt hat. Sein Urteil war nicht unklar und rät­sel­haft. Man hat es sehr gut ver­stan­den, weil er es kri­stall­klar aus­ge­spro­chen hatte.

Franziskus „läßt häufig Worte und Gesten absichtlich im Unklaren“

Ita­lia Oggi: Und Fran­zis­kus redet klar?

San­dro Magi­ster: Nicht immer. Als er in Bet­le­hem an der Mau­er ste­hen­bleibt, die die Palä­sti­nen­ser­ge­bie­te von Isra­el tren­nen und in völ­li­ger Stil­le ver­harrt, weiß man nicht recht, was er damit sagen will. Und wenn er auf Lam­pe­du­sa „Schan­de“ ruft, ist nicht klar, wer wes­halb sich schä­men soll­te. Ita­li­en, das Tau­sen­de und Aber­tau­sen­de Leben geret­tet hat? War­um sagt er es nicht? Häu­fig wer­den Wor­te und Gesten absicht­lich im Unkla­ren gelassen.

Ita­lia Oggi: Es fehlt die Zeit, um über vati­ka­ni­sche Ange­le­gen­hei­ten zu spre­chen, wie jener von Etto­re Got­ti-Tede­schi, der aus der Vati­kan­bank IOR unter Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Tar­ci­sio Ber­to­ne ent­fernt wur­de, des­sen Anstän­dig­keit seit­her aber mehr­fach bestä­tigt wur­de. Auch durch die Archi­vie­rung des Ermitt­lungs­ver­fah­rens durch die ita­lie­ni­sche Justiz.

San­dro Magi­ster: Den­noch wird ihm die Reha­bi­li­tie­rung ver­wei­gert. Er bat Papst Fran­zis­kus um ein Gespräch, das ihm jedoch ver­wei­gert wurde.

Ita­lia Oggi: Die Kir­che als „Feld­la­za­rett“, das aber manch­mal die Türen ver­schlos­sen hält?

San­dro Magi­ster. So ist es.

Erst­ver­öf­fent­li­chung: Ita­lia Oggi, vom 13.11.2014
Über­set­zung: Giu­sep­pe Nardi
Bild: InfoVaticana

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