„Papst verunsichert viele, weil er sich häufig selbst widerspricht“ — Interview mit Sandro Magister

Sandro Magister
San­dro Magi­ster

(Rom) Der Papst ver­un­si­chert vie­le Bischö­fe. Die­sen Schluß zieht der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster in einem aus­führ­li­chen Inter­view der Tages­zei­tung Ita­lia Oggi. Der Grund dafür? „Weil er auf meh­re­ren Ebe­nen gleich­zei­tig spielt und sich häu­fig sogar selbst wider­spricht.“

San­dro Magi­ster ist seit 40 Jah­ren Chro­nist der Ereig­nis­se im Vati­kan. 1974 ver­öf­fent­lich­te er sei­ne ersten Arti­kel im ita­lie­ni­schen „Spie­gel“, dem Wochen­ma­ga­zin L’Espresso. Noch immer berich­tet er wöchent­lich auf den Spal­ten die­ser Zeit­schrift über alles, was wich­tig war jen­seits des Tibers und in der Welt­kir­che. Sein Hin­ter­grund­wis­sen ist enorm und den­noch behielt er sich in den Jah­ren eine freie Mei­nung.

Gebo­ren 1943 in Busto Arsi­zio bei Mai­land, stu­dier­te er Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie an der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät in der lom­bar­di­schen Metro­po­le und beglei­tet beruf­lich nun schon das fünf­te Pon­ti­fi­kat.

Ita­lia Oggi: Papst Ber­go­glio hat in die­sen Mona­ten einen pla­ne­ta­ri­schen Erfolg genos­sen. Er hat aber auch eini­ge Ent­schei­dun­gen getrof­fen, die nach­denk­lich stim­men. Zum Bei­spiel hat aus­ge­rech­net er, der sich als Bischof von Rom vor­stell­te, bei der Bischofs­syn­ode über die Fami­lie sogar das Kir­chen­recht her­aus­ge­zo­gen, um fest­zu­hal­ten, daß er über Petri­ni­sche Macht ver­fügt.

San­dro Magi­ster: Ja, das stimmt, und zwar in sei­ner Abschluß­re­de.

Ita­lia Oggi: Er hat eine ein­ver­nehm­li­che und offe­ne Sicht der Kir­chen­re­gie­rung skiz­ziert, dann aber die Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta unter kom­mis­sa­ri­sche Ver­wal­tung gestellt und das sogar mit recht har­ten Metho­den und hat fak­tisch den Bischofs­kon­fe­ren­zen einen Maul­korb umge­hängt.

San­dro Magi­ster: Eini­ge, dar­un­ter auch die ita­lie­ni­sche, sind fak­tisch ver­nich­tet.

Ita­lia Oggi: Und in sei­ner Anspra­che vor den Volks­be­we­gun­gen schien es eher, als wür­de man bestimm­te Ana­ly­sen von Toni Negri ((mar­xi­sti­scher Staats­theo­re­ti­ker, 1969 Mit­grün­der der links­ex­tre­men Grup­pe „Arbei­ter­macht“ (Pote­re Ope­raio), 1973 Grün­der der links­ex­tre­men Grup­pe „Orga­ni­sier­te Selbst­ver­wal­tung“ (Auto­no­mia orga­niz­za­ta), 1979 wegen Ter­ro­ris­mus und Anschlag auf die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung ver­haf­tet, gegen Negri wur­de als „Kopf“ der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Rote Bri­ga­den (BR) Ankla­ge erho­ben, 1984 wur­de er in einem umstrit­te­nen Pro­zeß zu 34 Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt, für die Radi­ka­le Par­tei von Mar­co Pan­nella 1983 in das Ita­lie­ni­sche Par­la­ment gewählt, konn­te er sich noch vor Auf­he­bung sei­ner Immu­ni­tät nach Frank­reich abset­zen, wo er unter dem Schutz von Staats­prä­si­dent Mit­te­rand sei­ne poli­ti­sche Arbeit fort­setz­te. Als in Ita­li­en die Links­re­gie­rung unter Mini­ster­prä­si­dent Roma­no Pro­di regier­te, han­del­te Negri eine weit­ge­hen­de Amne­stie­rung aus und kehr­te 1997 nach Ita­li­en zurück, ver­brach­te nur ein Jahr im Gefäng­nis und wei­te­re fünf Jah­re als Frei­gän­ger, 2003 ende­te sei­ne Stra­fe, 2002 ver­öf­fent­lich­te er mit Micha­el Hardt das Buch Impe­ri­um – Die neue Glo­ba­li­sie­rungs­ord­nung, das zu einem poli­ti­schen Mani­fest der links­ra­di­ka­len Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner wur­de.)) hören. Gleich­zei­tig akzep­tier­te er aber die „Ent­las­sung“ von 500 Kal­li­gra­phen, Malern und Druckern, weil der neue vati­ka­ni­sche Almo­se­ni­er ent­schie­den hat, sie nicht mehr zu brau­chen.

San­dro Magi­ster: In der Tat schreit die­se Sache etwas…

Ita­lia Oggi: … so wie die har­ten super­ga­ran­ti­sti­schen Posi­tio­nen zu Justiz und Straf­voll­zug schrei­en, wäh­rend er selbst den ehe­ma­li­gen Nun­ti­us für die Domi­ni­ka­ni­sche Repu­blik, dem ein Ver­fah­ren wegen Pädo­phi­lie bevor­steht, in Sicher­heits­ge­wahr­sam neh­men ließ.

San­dro Magi­ster: So hat es sich zuge­tra­gen.

Widersprüche sind Teil der Persönlichkeit von Jorge Bergoglio

Ita­lia Oggi: Sie sind schon lan­ge Vati­ka­nist. Was für einen Ein­druck haben Sie gewon­nen?

San­dro Magi­ster: Daß es Wider­sprü­che gibt und daß sie ein Teil der Per­sön­lich­keit von Jor­ge Ber­go­glio sind. Das ist ein begrün­de­tes Urteil, das auf den Beob­ach­tun­gen von nun doch schon etli­chen Mona­ten beruht.

Ita­lia Oggi: Wel­che Schluß­fol­ge­run­gen zie­hen Sie dar­aus?

San­dro Magi­ster: Er ist eine Per­son, die im Lauf ihres Lebens und nun auch als Papst, auf ver­schie­de­nen Regi­stern gleich­zei­tig spielt, Bau­stel­len offen­läßt und vie­le Wider­sprü­che. Aller­dings sind die von Ihnen genann­ten nicht die ein­zi­gen.

Ita­lia Oggi: Nen­nen wir ande­re …

San­dro Magi­ster: Der eines äußerst gesprä­chi­gen Pap­stes, der tele­fo­niert, der sich den ver­schie­den­sten Per­so­nen nähert, auch den fern­sten, aber zum Fall Asia Bibi schweigt.

Ita­lia Oggi: Die wegen Belei­di­gung des Islam zum Tode ver­ur­teil­te Paki­sta­ne­rin, die seit Jah­ren im Gefäng­nis sitzt.

San­dro Magi­ster: Genau. Zu ihrem Fall hat Papst Fran­zis­kus kein Wort ver­lo­ren. Genau­so­we­nig zu den in Nige­ria ent­führ­ten christ­li­chen Mäd­chen, oder zur unfaß­ba­ren, vor weni­gen Tagen in Paki­stan ver­üb­ten Tat, bei der ein christ­li­ches Ehe­paar bei leben­di­gem Leib in einem Ofen ver­brannt wur­de.

Ita­lia Oggi: Es han­delt sich um Geschich­ten, die das Ver­hält­nis zum Islam betref­fen, auf den wir noch zurück­kom­men. Die­se Wider­sprü­che nen­nen man­che bereits „jesui­tisch“, im Sin­ne von schil­lernd.

San­dro Magi­ster: Ein sol­cher Zusam­men­hang wäre abwer­tend und nicht akzep­ta­bel, auch wenn es wahr ist, daß die Spi­ri­tua­li­tät der Jesui­ten histo­risch bewie­sen hat, sich den ver­schie­den­sten Situa­tio­nen anpas­sen zu kön­nen, manch­mal auch sol­chen, die im Wider­spruch zuein­an­der ste­hen.

Ablauf der Bischofssynode von Papst Franziskus penibel kalkuliert

Ita­lia Oggi: Wider­sprüch­lich schien auch die Hand­ha­bung der jüng­sten Syn­ode.

San­dro Magi­ster: Eine Hand­ha­bung, die vom Papst peni­bel kal­ku­liert war und bei der er nichts dem Zufall über­las­sen woll­te, wie man hin­ge­gen glau­ben machen woll­te, und die zahl­rei­che wei­te­re wider­sprüch­li­che Ele­men­te ent­hält.

Ita­lia Oggi: Zum Bei­spiel?

San­dro Magi­ster: Ber­go­glio sag­te, und zwar wie­der­holt, die Leh­re nicht anzu­rüh­ren, son­dern an der Sei­te der Tra­di­ti­on der Kir­che zu ste­hen. Dann aber hat er Dis­kus­sio­nen ange­sto­ßen, wie die über die wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­nen, die in Wirk­lich­keit sogar Angel­punk­te der Leh­re berüh­ren.

Ita­lia Oggi: War­um?

San­dro Magi­ster: Weil es unab­wend­bar ist, daß die Kom­mu­ni­on für die wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­nen zur Aner­ken­nung der Zweit­ehe und damit zur Auf­he­bung des sakra­men­ta­len Ehe­ban­des führt.

Verunsicherung reicht bis in die höchsten Kirchenkreise

Ita­lia Oggi: Ich bin kein Vati­ka­nist, aber von außen hat man den Ein­druck, daß sich eine gewis­se Ver­un­si­che­rung aus­brei­tet und das nicht nur in der kirch­li­chen Hier­ar­chie. Und das übri­gens nicht nur in Berei­chen, die man als tra­di­tio­na­li­stisch bezeich­nen könn­te …

San­dro Magi­ster: Das steht außer Zwei­fel. Es gibt Kir­chen­ver­tre­ter von beacht­li­chem Rang, die gewiß kei­ne Lef­eb­vria­ner sind, die das zu ver­ste­hen geben, auch wenn sie es nicht mit dra­sti­schen Wor­ten und kri­ti­sie­ren­dem Ton sagen. Nicht ein­mal Kar­di­nal Ray­mond Leo Bur­ke, der kürz­lich abge­setz­te ehe­ma­li­ge Prä­fekt der Apo­sto­li­schen Signa­tur hat es getan, weil es gar kei­ne Rich­tung gibt, die dem Papst vor­ur­teils­be­la­den feind­lich gesinnt ist. Aller­dings gibt es offen­sicht­li­che Zei­chen eines sich aus­brei­ten­den Unbe­ha­gens.

Ita­lia Oggi: Viel­leicht eini­ge Bei­spie­le?

San­dro Magi­ster: Neh­men wir den US-ame­ri­ka­ni­schen Epi­sko­pat und damit die Bischö­fe eines der zah­len­mä­ßig stärk­sten katho­li­schen Völ­ker der Erde. Die­se Bischofs­kon­fe­renz ver­folg­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine kon­se­quen­te und kämp­fe­ri­sche Linie auf öffent­li­chem Ter­rain, auch gegen bestimm­te Ent­schei­dun­gen von Prä­si­dent Barack Oba­ma zu ethi­schen Fra­gen. Eine Linie, die von zahl­rei­chen füh­ren­den Prä­la­ten geteilt wur­de. Ein Füh­rungs­kern in der Kir­che, könn­te man sagen.

Ita­lia Oggi: Und heu­te erle­ben die Ame­ri­ka­ner …?

San­dro Magi­ster: Ein gro­ßes Unbe­ha­gen. Das gilt für die Kar­di­nä­le und Erz­bi­schö­fe wie Timo­thy Dolan von New York, Patrick O’Malley von Bos­ton, José Gomez von Los Ange­les oder Charles Cha­put von Phil­adel­phia. Ein Epi­sko­pat aus dem auch Bur­ke stammt, der sicher nicht auf tra­di­tio­na­li­sti­sche Krei­se mar­gi­na­li­siert ist, son­dern fester Bestand­teil einer der soli­de­sten Lan­des­kir­chen ist.

Feindseligkeiten von Kardinal Kasper losgetreten — Papst machte es möglich

Ita­lia Oggi: Und auch die Ita­lie­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz, wie schon vor­hin ange­deu­tet, scheint etwas in Schwie­rig­keit zu sein.

San­dro Magi­ster: Es berei­tet Schwie­rig­kei­ten, mit die­sem Papst Schritt zu hal­ten mit einem Vor­sit­zen­den Ange­lo Kar­di­nal Bag­nas­co, der am mei­sten Schwie­rig­kei­ten von allen zu haben scheint.

Ita­lia Oggi: Auch weil schon offen Erz­bi­schof von Perugia, Gual­tie­ro Bas­set­ti, den Ber­go­glio zum Kar­di­nal kre­ierte, als Nach­fol­ger genannt wur­de.

San­dro Magi­ster: Mei­nes Wis­sens gehört auch Bas­set­ti zu den ita­lie­ni­schen Bischö­fen, die ein Unbe­ha­gen emp­fin­den.

Ita­lia Oggi: Unter den Ita­lie­nern sind viel­leicht der Mai­län­der Erz­bi­schof Ange­lo Kar­di­nal Sco­la und der Erz­bi­schof von Bolo­gna, Car­lo Kar­di­nal Caf­farra zu denen, die die größ­ten Schwie­rig­kei­ten mit Fran­zis­kus haben, zu zäh­len .

San­dro Magi­ster: Das waren sie mit ihren Wort­mel­dun­gen vor und auf der Syn­ode. Das war jedoch unver­meid­lich, nach­dem der Papst die Ent­schei­dung getrof­fen hat­te, Kar­di­nal Wal­ter Kas­per die Dis­kus­si­on eröff­nen und damit die Feind­se­lig­kei­ten los­tre­ten zu las­sen.

Ita­lia Oggi: War­um?

San­dro Magi­ster: Weil Kas­per heu­te genau die­sel­ben The­sen wie­der auf­legt, die 1993 an Johan­nes Paul II. und Joseph Ratz­in­ger, damals im Amt des Glau­bens­prä­fek­ten, geschei­tert waren.

Stockhiebe gegen Traditionalisten viel häufiger und gezielter ausgeführt

Ita­lia Oggi: Ja, der Papst hat Kas­per geför­dert, er hat Msgr. Bru­no For­te zum Son­der­se­kre­tär der Syn­ode gemacht, der die Arbei­ten so bela­ste­te, daß er Reak­tio­nen von Syn­oden­vä­tern pro­vo­zier­te, aber dann am Ende ermahn­te Fran­zis­kus die einen wie die ande­ren, fast wie ein alter DCler (ita­lie­ni­scher Christ­de­mo­krat) gegen die ent­ge­gen­ge­setz­ten Extre­me.

San­dro Magi­ster: Das ist ein wei­te­res, sich wie­der­ho­len­des Modul, in dem sich die­ses Pon­ti­fi­kat aus­drückt: Sei­ten­hie­be gegen die einen und die ande­ren. Wenn man aber die Sum­me macht, wird deut­lich, daß die Stock­hie­be gegen die Tra­di­tio­na­li­sten, die Lega­li­sten, die Ver­tei­di­ger der Glau­bens­leh­re, sehr viel häu­fi­ger und geziel­ter aus­ge­führt wer­den. Wenn er sich hin­ge­gen gegen die Gut­men­schen wen­det, ver­steht man nie genau, wen er kon­kret damit meint.

Civiltá Cattolica-Leiter Sprecher des Papstes — Manuel Fernandez sein Ghostwriter

Ita­lia Oggi: Mit der Syn­ode trat der Chef­re­dak­teur der Civil­tà  Cat­to­li­ca, Pater Anto­nio Spa­daro immer mehr in den Vor­der­grund.

San­dro Magi­ster: Er gebär­det sich inzwi­schen als Spre­cher des Pap­stes und die Zeit­schrift der Jesui­ten, die sich im schritt­wei­sen Nie­der­gang befand (schon mit ihm als Chef­re­dak­teur, der sich viel mit Inter­net und Social Net­work befaß­te), ist mit einem Schlag zum Sprach­rohr der höch­sten Spit­ze des Vati­kans gewor­den. Vor allem seit dem ersten gro­ßen Inter­view mit dem Jesui­ten­papst. Wäh­rend der Ghost­wri­ter von Fran­zis­kus Manu­el Fer­nan­dez ist, der Rek­tor der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Bue­nos Aires, den der Papst zum Erz­bi­schof mach­te. Mit Fer­nan­dez hat Fran­zis­kus Evan­ge­lii Gau­di­um geschrie­ben, so wie er schon vor­her mit ihm das Doku­ment von Apa­re­ci­da in Bra­si­li­en von 2007 ver­faßt hat, als der dama­li­ge Erz­bi­schof von Bue­nos Aires die Kon­fe­renz der latein­ame­ri­ka­ni­schen Bischö­fe lei­te­te, ein Doku­ment das für Vie­le die Vor­weg­nah­me die­ses Pon­ti­fi­kats war.

Ita­lia Oggi: Im Wider­spruch zum gro­ßen Zuspruch gibt es auch ande­re, wie den Publi­zi­sten Anto­nio Soc­ci, der sogar die Gül­tig­keit der Papst­wahl in Fra­ge stellt. Haben Sie sein Buch: Non é Fran­ces­co (Er ist nicht Fran­zis­kus, Ver­lag Mond­ado­ri) gele­sen?

San­dro Magi­ster: Ich habe es an einem Abend gele­sen, in einem Atem­zug, trotz sei­ner 300 Sei­ten. Und das nicht wegen der Ungül­tig­keits­the­se, weil ein Wahl­gang im Kon­kla­ve wegen eines wei­ßen Stimm­zet­tels zuviel annul­liert wur­de. Eine The­se, die mei­nes Erach­tens halt­los ist.

Antonio Soccis Buch rekonstruiert die Widersprüche dieses Pontifikats

Ita­lia Oggi: War­um war die Lek­tü­re den­noch inter­es­sant?

San­dro Magi­ster: Wegen dem, was den Erfolg des Buches aus­macht, sodaß es heu­te die Best­sel­ler­li­sten anführt und alle ande­ren Bücher von und über Ber­go­glio über­run­det hat: Es rekon­stru­iert mit unwi­der­leg­ba­ren Fak­ten die Wider­sprü­che, von denen wir bereits gespro­chen haben.

Ita­lia Oggi: Ein Buch, über das nie­mand offi­zi­ell spricht, scheint die enor­me Popu­la­ri­tät von Fran­zis­kus her­aus­zu­for­dern. Dem gro­ßen Zuspruch für Papst Fran­zis­kus zum Trotz nimmt die reli­giö­se Pra­xis aber nicht zu, viel­mehr wächst die Abnei­gung, auch die öffent­li­che, gegen die Katho­li­sche Kir­che. Ber­go­glio Ja, Kir­che Nein?

San­dro Magi­ster: Auch die Popu­la­ri­tät der Vor­gän­ger, das soll­ten wir nicht ver­ges­sen, war sehr groß. Johan­nes Paul II. erleb­te einen Welt­erfolg und das nicht erst in sei­nen letz­ten, durch Krank­heit gezeich­ne­ten Jah­ren. Und auch Bene­dikt XVI. erreich­te 2007 und 2008 in den Umfra­gen die höch­sten Wer­te, auch wenn man das dann schnell in Ver­ges­sen­heit fal­len­ließ. Sei­ne Rei­se in die USA war der Höhe­punkt mit einem gro­ßen und posi­ti­ven Emp­fang auch durch die welt­li­che Öffent­lich­keit.

Vorgänger in der Kirche populär — Franziskus außerhalb

Ita­lia Oggi: Wo liegt der Unter­schied?

San­dro Magi­ster: Daß die Vor­gän­ger vor allem inner­halb der Kir­che popu­lär waren, auch wenn sie von beacht­li­chen Tei­len der nicht christ­li­chen öffent­li­chen Mei­nung bekämpft wur­den. Die Popu­la­ri­tät von Fran­zis­kus hin­ge­gen steht außer­halb der Kir­che, auch wenn sie kei­ne Wel­len von Kon­ver­ti­ten her­vor­bringt. Im Gegen­teil, die kir­chen­fer­ne, dem Chri­sten­tum feind­lich gesinn­te Kul­tur scheint ihn mit einer gewis­sen Befrie­di­gung zu sehen.

Ita­lia Oggi: In wel­cher Hin­sicht?

San­dro Magi­ster: Indem sie sehen, daß das Kir­chen­ober­haupt sich ihren Posi­tio­nen annä­hert, die er zu ver­ste­hen und sogar zu akzep­tie­ren scheint. Die Sache mit den wie­der­hol­ten Gesprä­chen mit Euge­nio Scal­fa­ri steht bei­spiel­haft dafür: der Papst akzep­tiert, daß der Grün­der der Repub­bli­ca, der bis­her einer der här­te­sten Geg­ner der Päp­ste war, von die­sen Gesprä­chen ver­öf­fent­licht, was er will.

Ita­lia Oggi: Mehr noch: Scal­fa­ri selbst hat erklärt, auch ver­öf­fent­licht zu haben, was Ber­go­glio gar nicht gesagt hat­te.

San­dro Magi­ster: Genau, in all dem ist kei­ne Annä­he­rung an das Chri­sten­tum zu erken­nen. Das Chri­sten­tum aus dem Mund Ber­go­gli­os ist nicht mehr pro­vo­kant, es macht kei­ne Pro­ble­me mehr, man kann es sogar mit Höf­lich­keit behan­deln, über­le­gen und distan­ziert. Das Chri­sten­tum zählt weni­ger. Es genügt an den ita­lie­ni­schen Mini­ster­prä­si­den­ten Matteo Ren­zi zu den­ken, einen Katho­li­ken. Was die Ita­lie­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz macht, hat kei­ner­lei Bedeu­tung. Kurz­um, aus einer Situa­ti­on der Kon­fron­ta­ti­on und des Kon­flikts, sind wir zum Des­in­ter­es­se über­ge­gan­gen.

Papst schweigt zum Islam: „Sehe darin keine Hilfe für die Christen in islamischen Staaten“

Ita­lia Oggi: Mit der isla­mi­schen Welt geht Papst Fran­zis­kus sehr lei­se um. Und auch Staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin war bei sei­ner jüng­sten Rede vor der UNO sehr zurück­hal­tend. Eini­ge spre­chen von einer gro­ßen Vor­sicht und ver­wei­sen auf die Regens­bur­ger Rede von Bene­dikt XVI., die gewalt­sa­me Reak­tio­nen mit Toten aus­lö­ste.

San­dro Magi­ster: Das ist eine bis zum Extrem getrie­be­ne Vor­sicht. Kon­kret kann ich nicht erken­nen, wel­chen Vor­teil das brin­gen soll. Es scheint mir nicht, daß dar­aus eine Hil­fe, auch nur eine win­zi­ge, für die Chri­sten in den isla­mi­schen Regio­nen wird. Die Vor­sicht könn­te man ver­ste­hen, wenn man sie in Pro­por­ti­on zu den Aus­wir­kun­gen mißt. Sie hät­te Gül­tig­keit, wenn dadurch gerin­ge­rer Scha­den ange­rich­tet wür­de, was an das Schwei­gen von Pius XII. zu den Juden erin­nert.

Ita­lia Oggi: Eine histo­ri­sche Pole­mik, die noch immer geführt wird …

San­dro Magi­ster: Papst Pacel­li unter­nahm alles erdenk­lich Mög­li­che, um die Juden auch per­sön­lich im Vati­kan zu ret­ten. Heu­te wis­sen wir das. Er zöger­te aber, die Sache öffent­lich anzu­kla­gen, weil er in grö­ße­rem Maß­stab befürch­te­te, was in den Nie­der­lan­den gesche­hen war, wo es nach einer öffent­li­chen Ankla­ge durch die Bischö­fe zu einer noch bru­ta­le­ren Juden­ver­fol­gung gekom­men ist.

Ita­lia Oggi: Heu­te dau­ert die­ses Schwei­gen aber an.

San­dro Magi­ster: Aus­ge­nom­men Kar­di­nal Jean-Lou­is Tau­ran, Prä­fekt für den inter­re­li­giö­sen Dia­log, der auch mit har­ten Urtei­len nicht spart.

Ita­lia Oggi: Der sprin­gen­de Punkt ist also?

San­dro Magi­ster: Daß es Mäch­ti­ge wie den Isla­mi­schen Staat (IS) gibt, bei dem man sich zu sehr beeilt, zu sagen, daß er nichts mit dem Islam zu tun hät­te, son­dern von einem radi­ka­len Isla­mis­mus genährt wür­de, der für sich die Fra­ge der Ver­nunft noch nicht geklärt habe und damit das Ver­hält­nis zwi­schen Glau­ben und Gewalt. Genau das hat­te Papst Bene­dikt XVI. in Regens­burg beklagt. Der bis­her ein­zi­ge wirk­li­che Dia­log zwi­schen Chri­sten­tum und Islam wur­de durch eben jene Rede aus­ge­löst, indem 138 Mos­lem­ver­tre­ter mit einem Brief reagier­ten.

Ita­lia Oggi: Auch wenn der Besuch von Bene­dikt XVI. in der Blau­en Moschee in Istan­bul im Jahr dar­auf als Wie­der­gut­ma­chung gese­hen wur­de.

San­dro Magi­ster: Ratz­in­ger konn­te sich die­se Geste erlau­ben, gera­de weil er in Regens­burg gesagt hat, was er gesagt hat. Sein Urteil war nicht unklar und rät­sel­haft. Man hat es sehr gut ver­stan­den, weil er es kri­stall­klar aus­ge­spro­chen hat­te.

Franziskus „läßt häufig Worte und Gesten absichtlich im Unklaren“

Ita­lia Oggi: Und Fran­zis­kus redet klar?

San­dro Magi­ster: Nicht immer. Als er in Bet­le­hem an der Mau­er ste­hen­bleibt, die die Palä­sti­nen­ser­ge­bie­te von Isra­el tren­nen und in völ­li­ger Stil­le ver­harrt, weiß man nicht recht, was er damit sagen will. Und wenn er auf Lam­pe­du­sa „Schan­de“ ruft, ist nicht klar, wer wes­halb sich schä­men soll­te. Ita­li­en, das Tau­sen­de und Aber­tau­sen­de Leben geret­tet hat? War­um sagt er es nicht? Häu­fig wer­den Wor­te und Gesten absicht­lich im Unkla­ren gelas­sen.

Ita­lia Oggi: Es fehlt die Zeit, um über vati­ka­ni­sche Ange­le­gen­hei­ten zu spre­chen, wie jener von Etto­re Got­ti-Tede­schi, der aus der Vati­kan­bank IOR unter Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Tar­ci­sio Ber­to­ne ent­fernt wur­de, des­sen Anstän­dig­keit seit­her aber mehr­fach bestä­tigt wur­de. Auch durch die Archi­vie­rung des Ermitt­lungs­ver­fah­rens durch die ita­lie­ni­sche Justiz.

San­dro Magi­ster: Den­noch wird ihm die Reha­bi­li­tie­rung ver­wei­gert. Er bat Papst Fran­zis­kus um ein Gespräch, das ihm jedoch ver­wei­gert wur­de.

Ita­lia Oggi: Die Kir­che als „Feld­la­za­rett“, das aber manch­mal die Türen ver­schlos­sen hält?

San­dro Magi­ster. So ist es.

Erst­ver­öf­fent­li­chung: Ita­lia Oggi, vom 13.11.2014
Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Info­Va­ti­ca­na

24 Kommentare

    • Und wenn er bemerkt, dass alle- oder die mei­sten- es tra­di­tio­nell und from­mer haben wol­len, so wird er dann doch noch die Tra­di­ti­on will­kom­men hei­ßen und die triden­ti­ni­sche Mes­se nicht nur gestat­ten son­dern sogar sel­ber lesen und schon lässt er die Her­zen aller höher schla­gen. Aber was wirk­lich dahin­ter stecken wird? Alles ist ein Test. Alles wird geprüft um für die zukünf­ti­gen Genera­tio­nen die Wei­chen zu stel­len…
      Ver­ges­sen wir nicht, wenn der Anti­christ kommt, wird er sich auch ger­ne hin­ter der Tra­di­ti­on als Fas­sa­de ver­ber­gen. Dann lie­ber kei­ne Tra­di­ti­on als eine die alle See­len ver­führt und mit sich in den Abgrund zieht. Aber zu schwei­gen bei all den ver­folg­ten Chri­sten ist wirk­lich hart und als Katho­lik muss ich sagen, kann man sich fast schä­men katho­lisch zu sein,wenn die eige­ne Kir­che den Ver­folg­ten nicht wirk­lich hilft und auch nicht die Stim­me für die­se und zum Schutz die­ser armen erhebt. Der eine Bischof der vor lau­fen­der Kame­ra wein­te ist allein, ganz allein. Irgend­wo stand geschrie­ben, dass er um einen Brief oder eine Rei­se des Hl.Vaters bat, er aber nicht dar­auf reagiert hat. Einen der ver­folg­ten Bischö­fe sag­te, wie sehr sie jezt einen Vater bräuch­ten, einen Hl.Vater, ein paar

    • Nein, geehr­ter Georg, er „testet“ nicht die Katho­li­ken — er regiert im Auf­trag einer gro­ßen Macht.
      Nicht ohne Grund jedoch wur­de durch BXVI sein Auf­satz aus dem Jah­re 1972 gera­de jetzt redi­giert, auch wenn (zu) vie­le hier auf die­ser Site ledig­lich den „lan­gen Weg“ einer Lek­tio­nars­ar­beit gel­ten las­sen wol­len…

  1. (Fort­set­zung) Wor­te zur Stär­kung, aber die­se habe es nicht gege­ben. Jetzt müs­sen die Chri­sten sich sel­ber schüt­zen und ver­tei­di­gen, auch ohne Segen des Pap­stes, sag­te der Bischof und der Bischof sand­te sie jetzt in den Krieg gegen die IS. Ich weiß nicht ob es die­ser Bischof war, aber sieht ganz danach aus> https://www.youtube.com/watch?v=ljA08GZ615g#t=193

    Es ist wirk­lich alles ganz trau­rig und unfair. Beten wir für die bedräng­te, ver­folg­te und lei­den­de Chri­sten­heit und die Kir­che.

  2. Herr­lich, das Inter­view! Bleibt nur die Fra­ge: Wenn alles schon so in Bue­nos Aires lief, wenn bekannt war, um wel­chen Mann es sich bei Ber­go­glio han­del­te, wie konn­ten dann die Kar­di­nä­le aus­ge­rech­net einen sol­chen extrem Unge­eig­ne­ten zum Papst wäh­len? Was ist da pas­siert!? Wie hat man das geschafft!?

    • Ich den­ke Papst Fran­zis­kus ist ein Quo­ten­papst: Ita­lie­ner, aber doch nicht, Ame­ri­ka­ner, aber kein Nord­ame­ri­ka­ner, aus einem drit­ten Welt­land, aber irgend­wie doch kein Lati­no, kein Asia­te und auch kein Afri­ka­ner.
      Er ist ein­fach der opti­ma­le Kan­di­dat gewe­sen, wenn man nicht theo­lo­gi­sche Kri­te­ri­en ange­legt hat.

      • Hin und her. Geo­gra­phisch mag das stim­men. Ber­doglio ist schon der Garant des gefähr­li­chen Kur­ses der Auf­wei­cher und Umkremp­ler weg von den Glau­bens­wahr­hei­ten.

    • Das ist in der Tat die gro­ße Fra­ge.

      Im Übri­gen: das Bestehen der Sün­de, des Bösen, und das Bege­hen von Sün­den durch ande­re war noch nie eine Berech­ti­gung, ein Grund um die­se Sün­den auch selbst zu bege­hen.

    • Ich glau­be, man hat ihn aus Rat­lo­sig­keit gewählt. Nach­dem es mit allem Restau­ra­ti­ons­be­mü­hun­gen seit JP II und B XVI gar nichts gewor­den war, hat man aus Ver­zweif­lung die Revo­lu­ti­on des zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils noch­mals auf­füh­ren und — was die Kas­pe­ria­ner betrifft — radi­ka­li­sie­ren wol­len. Der gau­keln­de Ber­go­glio war dafür der rech­te Mann am rech­ten Platz.

  3. Sehr rich­tig. In der Quint­essenz muss fest­ge­stellt wer­den, dass Ber­doglio sei­ne Zie­le hart­näckig ver­folgt. Die ver­meint­li­che Schnit­zel­jagd dient nur der Ver­un­si­che­rung. Nichts ist dem Zufall über­las­sen. Man täu­sche sich nicht.

  4. Dan­ke, Herr Nar­di, für die­se Über­set­zung. Die­ses Inter­view ist wirk­lich gut. Prä­zi­se Fra­gen, ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten.

    Es ergibt sich ganz klar: Die­ser Papst ist für sein Amt nicht geeig­net. Die Auf­ga­be des Pap­stes ist es, den über­lie­fer­ten 2000jährigen Glau­ben zu ver­tei­di­gen. Und, wenn es ihm gege­ben ist, ihn auch zu ver­tie­fen. Ganz bewusst Ver­wir­rung zu stif­ten, die Glau­bens­wahr­hei­ten ins Dif­fu­se, Nebel­haf­te zu ver­zer­ren, ist genau das Gegen­teil von dem, was das Amt des Pap­stes ver­langt.

    Mir stellt sich auch die Fra­ge: Wie konn­te Ber­go­glio Papst wer­den, wenn sowohl sein Cha­rak­ter als auch sein vor­he­ri­ges Wir­ken bekannt waren?

    Es gibt für mich nur ein paar Hin­wei­se, ein paar Split­ter:

    1) Bene­dikt XVI. ist zu einem Ter­min zurück­ge­tre­ten, der es Kar­di­nal Kas­per gera­de noch erlaubt hat, mit ins Kon­kla­ve ein­zu­zie­hen. Es war ganz knapp, ich weiß nicht mehr, um wie viel Tage es ging, aber für Kas­per reich­te es gera­de noch.

    2) Mäch­ti­ge Kar­di­nä­le, Soda­no z.B., konn­ten aus Alters­grün­den nicht mehr teil­neh­men, sie waren bei der Vor­be­rei­tung des Kon­kla­ves sehr aktiv. Mit Kas­per hat­ten sie einen der ihren unter den Papst­wäh­lern, der wäh­rend des Kon­kla­ves eif­rig Stim­mung machen konn­te. Gemein­sam mit ande­ren, ich den­ke an Kar­di­nal Leh­mann, des­sen Talent als Strip­pen­zie­her all­seits bekannt sein dürf­te.

    3) Bene­dikt XVI. hat sei­nen Rück­tritt zu einem äußerst unpas­sen­den Zeit­punkt voll­zo­gen: Er trat in der Fasten­zeit zurück, in der Vor­be­rei­tung auf das Oster­fest. Kar­di­nä­le zieht es dann zu ihren Auf­ga­ben in der Diö­ze­se.

    4) Ein lan­ges Kon­kla­ve war allein vom Ter­min her völ­lig uner­wünscht: Kar­di­nä­le, die sich nicht eini­gen kön­nen, womög­lich bis in die Kar­wo­che hin­ein, geben ein Ärger­nis.

    5) Eine sehr rasche Ent­schei­dung konn­te nur jenen nut­zen, die einen vor­ge­fass­ten Plan hat­ten: die Wäh­ler Ber­go­gli­os. Eine ent­schlos­se­ne Min­der­heit kann eine Mehr­heit mit­zie­hen, wenn die­se bereits in Gedan­ken die Heim­kehr wünscht aus Grün­den, die im Kir­chen­jahr lie­gen.

    6) Bene­dikt XVI. wirk­te nicht so krank, dass er die Kar­wo­chen- und Oster­lit­ur­gie nicht mehr hät­te lei­ten kön­nen. Er war kei­nes­wegs in der kör­per­lich elen­den Ver­fas­sung, in der sich Johan­nes Paul II. befand bei sei­ner letz­ten Lei­tung der Oster­lit­ur­gie.

    7) Bene­dikt XVI. hat ein so sen­si­bles, ein so hohes oder tie­fes Ver­ständ­nis für das Kir­chen­jahr, für die Lit­ur­gie, so dass sein Rück­tritts­ter­min zu die­sem Zeit­punkt nicht nach­voll­zieh­bar ist. Außer­dem hat er ein sehr aus­ge­präg­tes Pflicht­ge­fühl. Er hat­te sich nicht gescheut, wäh­rend sei­ner Amts­zeit kör­per­li­che Stra­pa­zen auf sich zu neh­men, die weit­aus höher waren als die Lei­tung der Kar­wo­chen- und Oster­lit­ur­gie.

    8) Mir drängt sich der Gedan­ke auf: Sein Rück­tritts­ter­min hat pass­ge­nau den­je­ni­gen in die Hän­de gespielt, die Ber­go­glio gut kann­ten und ihn als Papst wünsch­ten.

    9) Der Gedan­ke, Bene­dikt XVI. hät­te womög­lich Ber­go­glio gewollt, wäre absurd. Ber­go­glio war sein Gegen­spie­ler beim letz­ten Kon­kla­ve. Ber­go­glio unter­lag. Damals…

    • Natür­lich war der Rück­tritts­ter­min Bene­dikts genaue­stens orche­striert. Ich kann mir sehr gut vor­stel­len, dass man Bene­dikt sogar vor­ge­gau­kelt hat, es kön­ne, wenn er sich ent­schlös­se, sei­nen Rück­tritt schnell, noch vor dem Oster­fest zu voll­zie­hen, nur ein Ratz­in­ge­ria­ner sein Nach­fol­ger wer­den. Dann hat man die Kar­di­nä­le im Vor­kon­kla­ve — dem Schlüs­sel­er­eig­nis der Ber­go­glio-Insze­nie­rung — auf­ge­wie­gelt und alle gegen­wär­ti­gen Mise­ren der Kir­che (die ja zum Teil nur hoch­ge­kocht wur­den, um Bene­dikt zu scha­den und zu zer­mür­ben: sie­he Miss­brauchs­skan­dal, zumin­dest in Deutsch­land von den Jesui­ten publik gemacht) sei­nem Pon­ti­fi­kat und sei­ner theo­lo­gi­schen Schu­le ange­la­stet (Mari­ni-Wort von der „sump­fig-sticki­gen Luft“) und zugleich Ber­go­glio als Gegen­ent­wurf und neu­en Heils­brin­ger auf­ge­baut (was für Vor­trä­ge waren es, mit denen er die Kar­di­nä­le nach Pres­se­be­rich­ten für sich ein­ge­nom­men haben soll? Im pol­t­ri­gen Stil der Casa-San­ta-Mar­ta-Pre­dig­ten dürf­ten sie ja wohl nicht ver­fasst gewe­sen sein. Gab es einen Ghost-Wri­ter?). Den­noch bleibt die Fra­ge, wie die Kar­di­nä­le es fer­tig brach­ten, sich blen­den zu las­sen, um nach „bestem Wis­sen und Gewis­sen“, offen­sicht­lich ohne nähe­re Prü­fung sei­nes Vor­le­bens (Dos­siers der Bischofs­kon­gre­ga­ti­on!?), die­sen Mann mehr­heit­lich zu wäh­len.

    • Ja, das alles lässt ein böses intri­gan­tes Spiel zumin­dest erah­nen.
      JMBer­go­glio war bereits im Kon­kla­ve 2005 mit über 40 Stim­men in die enge­re Wahl gezo­gen wor­den. Damals war er ein Pro­te­gé von kei­nem ande­ren als K. Mar­ti­ni, den er als Papst in Inter­views als eine für ihn sehr bedeu­ten­de Per­son genannt hat und des­sen Hin­ter­las­sen­schaft er nun demü­tigst umsetzt.

      Wer das letz­te Inter­view liest, das Pater Georg Spor­schill und Fede­ri­ca Radi­ce Fos­sa­ti Con­fa­lo­nie­ri mit K. Mar­ti­ni vor des­sen Tod Ende August 2012 führ­ten und das unmit­tel­bar nach sei­nem Able­ben vom „Cor­rie­re del­la Sera“ ver­öf­fent­licht wur­de, kann das Pro­gramm erken­nen das Papst Ber­go­glio so uner­müd­lich abar­bei­tet.

      http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/1287922/Kardinal-Martini_Hat-die-Kirche-Angst-statt-Mut

      Mar­ti­ni for­dert einen radi­ka­len Weg der Ver­än­de­rung in der Kir­che. Er nennt die Fra­gen zur Sexua­li­tät und zu allen The­men, die den Leib betref­fen, als ein Bei­spiel und fragt ob die Men­schen die Stim­me der Kir­che zur Sexu­al­mo­ral noch hören. Und wei­ter: Ist die Kir­che hier eine glaub­wür­di­ge Gesprächs­part­ne­rin oder nur eine Kari­ka­tur in den Medi­en?
      Er fragt für wen sind die Sakra­men­te da? Die­se Sakra­men­te sei­en kein Instru­ment zur Dis­zi­pli­nie­rung, son­dern eine Hil­fe für die Men­schen an den Wen­de­punk­ten und in den Schwä­chen des Lebens. Er fragt wei­ter:
      „Brin­gen wir Sakra­men­te zu den Men­schen, die neue Kraft brau­chen? Ich den­ke an die vie­len Geschie­de­nen, wie­der Ver­hei­ra­te­ten, an Patch­work-Fami­li­en. Sie brau­chen beson­de­re Unter­stüt­zung. Die Kir­che steht zur Unauf­lös­lich­keit der Ehe. Es ist eine Gna­de, wenn eine Ehe und Fami­lie gelingt. Wenn die Ehe­leu­te zusam­men­hal­ten und ein­an­der tra­gen. Wenn sie Kin­der haben und sie zu selbst­stän­di­gen und muti­gen Chri­sten erzie­hen. Christ­li­che Fami­li­en zeich­nen sich aus durch die Kraft, jenen ent­ge­gen­zu­kom­men, die Not haben in der Bezie­hung oder in der Erzie­hung. Die Art und Wei­se, wie wir mit Patch­work-Fami­li­en umge­hen, bestimmt die Genera­ti­on der Kin­der. Eine Frau wur­de von ihrem Mann ver­las­sen und fin­det einen neu­en Lebens­part­ner, der sich ihrer und der Kin­der annimmt. Die zwei­te Lie­be gelingt. Wenn die­se Fami­lie dis­kri­mi­niert wird, wird nicht nur sie, son­dern wer­den auch ihre Kin­der zurück­ge­sto­ßen. Wenn sich die Eltern in der Kir­che aus­ge­schlos­sen füh­len oder kei­ne Unter­stüt­zung erfah­ren, ver­liert die Kir­che die näch­ste Generation.“…„Die Ein­la­dung, zur Kom­mu­ni­on zu gehen und das Brot des Him­mels zu emp­fan­gen, rich­tet sich an die Suchen­den und Bedürf­ti­gen. Das ist kein Anbie­dern, son­dern ein selbst­be­wuss­tes Ange­bot der Kir­che im Wis­sen dar­um, dass bei Gott nichts unmög­lich ist. Die Fra­ge, ob Geschie­de­ne zur Kom­mu­ni­on gehen dür­fen, soll­te umge­dreht wer­den. Wie kann die Kir­che den Men­schen, deren Bezie­hung schwie­rig oder geschei­tert ist, mit der Kraft der Sakra­men­te zu Hil­fe kom­men?“…

      Womit er per­sön­lich rin­ge sei, dass die
      Kir­che ist zwei­hun­dert Jah­re lang ste­hen geblie­ben sei und sich nicht bewe­ge.

    • wenn die Lage der Din­ge so ist, dass 114 anson­sten ganz katho­li­sche Kar­di­nä­le von einem ein­zi­ge Kas­per dahin gehend über­re­det wer­den kön­nen, etwas zu tun, was sie ohne des­sen Rhe­to­rik nie getan hät­ten, dann stimmt da hoch­gra­dig was nicht!

      Im Grun­de ist es die glei­che Argu­men­ta­ti­on wie zur Kön­gi­stei­ner Erklä­rung, man hat den Bischö­fen den klä­ren­den Text Kar­di­nal Bengschts unter­schla­gen, heißt es immer.
      Ich fra­ge mich dann immer „Was waren das nur für Bischö­fe, die nicht sel­ber den­ken kön­nen?“
      AUch hier wie­der, ich kann mir nicht vor­stel­len, dass Kar­di­nal Kas­per der Königs­ma­cher für Kar­di­nal Ber­go­glio gewe­sen ist, oder, wenn es an sei­ner Per­son hing, ja dann wie­der die Fra­ge „Was hat die Kir­che für Kar­di­nä­le, die nicht sel­ber den­ken kön­nen?“

  5. Ich den­ke @Zeitlos, daß Papst Bene­dikt XVI. genau vom Hl. Geist geführt wur­de und sein Rück­tritts­da­tum kei­nes­wegs will­kür­lich war. Es ist doch so, daß es in der Kir­che seit Jahr­zehn­ten zuneh­mend star­ke Kräf­te gab, die ein­fach nicht mehr zu bän­di­gen waren. Nun gebrau­chen sie also geris­sen­los und gewis­sen­los ihre Mög­lich­kei­ten- es sind Macht­ha­ber, Gewalt­tä­ti­ge. Die­se haben jetzt, was sie bekom­men woll­ten.
    Gott aber ließ in die Kup­pel des Peters­do­mes an jenem Abend, dem 11.02.2013, einen gewal­ti­gen Blitz fah­ren: das ist ein Zei­chen. Es ist ein Zei­chen, daß Gott wei­ter­hin Herr der Kir­che ist, auch wenns nach außen hin nicht so aus­sieht, son­dern die Macht­miß­brau­cher tun, was sie wol­len ohne Rück­sicht auf alle und alles.

    Es könn­te sogar gedenkt wer­den, daß Gott den Papst­sitz weg von Rom ver­legt haben will in eine ande­re Stadt, ein ande­res Land- jeden­falls weg vom anti-christ­li­chen Westen.

  6. @zeitlos

    Es han­del­te sich um ledig­lich fünf Tage, die Kar­di­nal Kas­per noch zur Teil­nah­me am Kon­kla­ve reich­ten;

    - Rück­tritt Papst Bene­dikt
    28. Febru­ar 2013

    - Kar­di­nal Kasper’s 80. Geburts­tag
    5. März 2013

    Fünf Tage spä­te­rer Rück­tritt und Kar­di­nal Kas­per wäre aussen vor geblie­ben.

    • trotz­dem ver­mu­te ich, dass Bene­dikt ande­re Sachen im Kopf hat­te, als zu über­le­gen ob da so ein Tübin­ger Aka­de­mi­kerle noch ins Kon­kla­ve kommt oder nicht…

      • Das glau­be ich auch verehrter@Kostadinov, viel­leicht wis­sen Sie, wie sehr ich S.H. Bene­dikt ver­eh­re — in Sachen Theo­lo­gie, beson­ders in actu exer­ci­to Lit­ur­gie, Men­schen­freund­lich­keit, jeden und jede gedul­dig anhö­rend, Beschei­den­heit — ganz ein­sa­me Kory­phäe — aber in Per­so­nal­po­li­tik oft sehr kurz­sich­tig — sagen wir gut­gläu­big und lei­der unbe­darft. Als Mozartliebhaber(ich bin es auch) nicht schril­len Auss­ein­an­der­set­zun­gen zuge­neigt, bevor­zug­te er eher Har­mo­nie und fried­vol­les Ein­ver­neh­men. Sei­ne Schwä­che war — er mein­te, alle sei­ne Leu­te sei­nen edel, hilf­reich und gut (d.h. im Kon­text über­na­tür­lich ein­ge­stellt — proh dolor!) — wie er selbst es durch und durch war — das hat ihn dann in die Flucht — sprich Stu­dier­stu­be gedrängt, wel­che sei­ne herr­li­chen theo­lo­gi­ca hat ent­ste­hen las­sen. Es wäre ein leich­tes gewe­sen, den Rück­tritt zurück­zu­stel­len zu Ungun­sten Kas­pers, Leh­manns etc., aber sei­ne Gut­gläu­big­keit hat lei­der eben­so ent­ge­gen­ge­stan­den wie eine inne­woh­nen­de Star­re wohl­mei­nen­den Bera­tern gegen­über. Er woll­te und konn­te ein­fach nie­man­dem weh tun. Mit wel­chen Fol­gen!

  7. Dan­ke für die Über­set­zung und Bereit­stel­lung die­ses Inter­views! Es faßt gut zusam­men, was sich vie­le in etwa auch so den­ken.

    Was dar­aus folgt, ist klar: Die­sen Kurs kön­nen und wer­den wir nicht mit­tra­gen.

    Am besten wäre es, Papst Fran­zis­kus tut sel­ber, was er bei Papst Bene­dikt so gelobt hat, näm­lich des­sen vor­zei­ti­gen Rück­tritt.

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