Zweites Vatikanisches Konzil — kein abgeschlossenes Kapitel

Zweites Vaticanum: ein nicht abgeschlossenes Kapitel
Zwei­tes Vati­ca­num: ein nicht abge­schlos­se­nes Kapi­tel

(Rom) Alber­to Mel­lo­ni, der Lei­ter der Schu­le von Bolo­gna und Msgr. Agosti­no Mar­chet­to, der „beste Her­me­neut des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils“ lie­fer­ten sich in die­sen Tagen einen schrift­li­chen Dis­put zur Kon­zils­ge­schich­te mit aktu­el­lem Bezug zur Bischofs­syn­ode. Wenn Ereig­nis­se eine Bedeu­tung haben, dann ist es auch ein Signal, daß Mel­lo­ni sei­ne Ansich­ten im Cor­rie­re del­la Sera ver­öf­fent­li­chen konn­te, Mar­chet­tos Ant­wort hin­ge­gen nicht dort ver­öf­fent­licht wur­de. Ein Signal, daß die histo­ri­sche Auf­ar­bei­tung des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils noch längst nicht abge­schlos­sen ist.

Gilt die Maxi­me auch für die Kir­che, daß der Sie­ger die Geschich­te dik­tiert, wür­de das die Tabui­sie­rung der Dis­kus­si­on über das Zwei­te Vati­ka­num erklä­ren. In der Kir­che scheint sich aber auch eine zuneh­men­de Scheu vor inhalt­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung aus­zu­brei­ten. Wie­viel erst auf­zu­ar­bei­ten ist, mach­te 2011 die vom Histo­ri­ker Rober­to de Mattei vor­ge­leg­te Kon­zils­ge­schich­te eben­so deut­lich wie immer neu auf­tre­ten­de Fra­gen. Statt­des­sen wur­de dem Kon­zil in der Nach­kon­zils­zeit ein Deu­tungs­kor­sett über­ge­stülpt, das bis heu­te weit­ge­hend eine kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung ver­hin­dert. Das Kor­sett trägt den Stem­pel einer bestimm­ten Rich­tung, der„Rheinischen Alli­anz“ (sie­he zur Gesamt­fra­ge Rober­to de Mattei: „Ent­dog­ma­ti­sie­rung“ oder „Wer hat das Kon­zil ver­ra­ten?“ und Das Kon­zil: Opfer gegen­sätz­li­cher Frak­tio­nen? – Fra­gen zum Kon­zil klä­ren, da es nicht zwei Kir­chen geben kann).

Der Schu­le von Bolo­gna fiel die Auf­ga­be zu, die­ses Kor­sett mit ihrer Kon­zils­ge­schich­te fest­zu­schrei­ben, die auch im deut­schen Sprach­raum als offi­zi­el­le Kon­zils­deu­tung gilt. Die deut­sche Über­set­zung des fünf­bän­di­gen Werks wur­de von der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz finan­ziert. Zu den Gegen­spie­lern die­ser Schu­le gehört der Kir­chen­hi­sto­ri­ker Agosti­no Mar­chet­to. Zur all­ge­mei­nen Ver­blüf­fung bezeich­ne­te ihn Papst Fran­zis­kus im ver­gan­ge­nen Jahr in einem Schrei­ben als den „besten Her­me­neu­ten des Kon­zils“. Eine „Nobi­li­tie­rung“, die eigent­lich sei­ne Kon­zils­in­ter­pre­ta­ti­on zum Deu­tungs­maß­stab erhebt (sie­he „Schu­le von Bolo­gna“ von „ihrem“ Papst ver­ra­ten? – Papst Fran­zis­kus lobt „besten Her­me­neu­ti­ker des Kon­zils“) und zu jenen wider­sprüch­li­chen Signa­len des der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kats gehört, deren Inter­pre­ta­ti­on vor­erst offen­blei­ben muß.

Obwohl die­se Auf­wer­tung von Msgr. Mar­chet­to einen ver­nich­ten­den Schlag ins Gesicht für die Schu­le von Bolo­gna bedeu­te­te, hält die­se — zumin­dest nach außen — unbe­ein­druckt an ihrer Begei­ste­rung für Papst Fran­zis­kus fest, den sie als „neu­en Johan­nes XXIII.“ bezeich­net und in direk­ten Gegen­satz zu den „rück­wärts­ge­wand­ten“ Pon­ti­fi­ka­ten von Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. stellt, wäh­rend man sich vom aktu­el­len Pon­ti­fex einen ent­schei­den­den Schritt in einen pro­gres­si­ven „Früh­ling“ erwar­tet (sie­he bei­spiels­wei­se Pro­gres­si­ver Kon­zils­hi­sto­ri­ker: Lam­pe­du­sa-Pre­digt wie Eröff­nungs­re­de des Kon­zils).

In die­sen Kon­text fällt ein schrift­li­cher Dis­put zwi­schen Alber­to Mel­lo­ni, den Lei­ter der Schu­le von Bolo­gna und Msgr. Mar­chet­to. Vor­der­grün­dig geht es dabei um das Zwei­te Vati­ca­num und Papst Paul VI., in Wirk­lich­keit aber mehr um die Bischofs­syn­ode und das Jetzt und Heu­te. Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster faß­te den jüng­sten Deu­tungs­kon­flikt zusam­men.

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Melloni zieht Paul VI. auf seine Seite, doch Marchetto ertappt ihn auf frischer Tat

Alberto Melloni, derzeitiger Leiter der "Schule von Bologna"
Alber­to Mel­lo­ni, Lei­ter der „Schu­le von Bolo­gna“

von San­dro Magi­ster

Wenn Pro­fes­sor Alber­to Mel­lo­ni bei der Dar­stel­lung des Zwei­ten Vati­ca­num ver­sucht, zuviel Was­ser auf sei­ne eige­nen Müh­len zu lei­ten, klopft ihm Mon­si­gno­re Agosti­no Mar­chet­to pünkt­lich auf die Fin­ger, der Mel­lo­nis Rezen­sent ist, seit die „Bolo­gne­ser“ ihre berühm­te Inter­pre­ta­ti­on des Kon­zils als ver­paß­te Revo­lu­ti­on in den Ring gewor­fen haben.

Die­ses Mal gab Mel­lo­ni das sei­ne im Cor­rie­re del­la Sera vom 21. Okto­ber zum Besten. Er jubel­te dar­über, wie sehr auf der soeben zu Ende gegan­ge­nen Syn­ode das Spiel der Mehr­hei­ten und Min­der­hei­ten eine Neu­auf­la­ge der Kon­zils­schlach­ten bis zur letz­ten Stim­me gewe­sen sei und damit „die Zukunft der katho­li­schen Syn­oda­li­tät“ eröff­net wor­den sei, mit der Nie­der­la­ge jener, „die davon geträumt haben“, den sieg­rei­chen Papst Fran­zis­kus „unter­zu­krie­gen“.

Mar­chet­to nahm es aber nicht mit dem auf, was Mel­lo­ni zum der­zei­ti­gen Papst sag­te. Ihm stieß viel­mehr auf, Papst Paul VI. in eine Rei­he mit Don Giu­sep­pe Dos­set­ti ((Giu­sep­pe Dos­set­ti, 1913–1996, war Jurist bei­der Rech­te, Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Kir­chen­recht, 1943–1945 Mit­glied des anti­fa­schi­sti­schen Befrei­ungs­ko­mi­tees CLN und füh­ren­der Ver­tre­ter des lin­ken Flü­gels der ita­lie­ni­schen Christ­li­chen Demo­kra­tie, der sich nach Kriegs­en­de für eine lin­ke Alli­anz aus Christ­de­mo­kra­ten und den Volks­front­par­tei­en der Sozia­li­sten und Kom­mu­ni­sten stark mach­te, Gegen­spie­ler von Alci­de De Gas­pe­ri, der sich für die West­bin­dung ein­setz­te und sie durch­setz­te, 1945/46 und 1950/51 stell­ver­tre­ten­der Par­tei­vor­sit­zen­der der Demo­cra­zia Cri­stia­na (DC), Mit­glied der Ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung Ita­li­ens 1946–1948 und Abge­ord­ne­ter des Ita­lie­ni­schen Par­la­ments 1948–1952, Ver­fech­ter der Repu­blik gegen die Mon­ar­chie, 1958 Rück­tritt von allen poli­ti­schen Ämtern und Wunsch an den Erz­bi­schof von Bolo­gna, Kar­di­nal Ler­ca­ro, Prie­ster wer­den zu wol­len, im sel­ben Jahr Prie­ster­wei­he, Teil­nah­me als Peri­tus von Kar­di­nal Ler­ca­ro am Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil, maß­geb­li­cher Autor der neu­ge­faß­ten Geschäfts­ord­nung des Kon­zils, orga­ni­sier­te das Vor­ge­hen der pro­gres­si­ven Alli­anz stra­te­gisch wie in einem poli­ti­schen Par­la­ment.)) gestellt zu sehen mit einem „also haben wir gewon­nen“, das er den Papst nach einer Kon­zils­ab­stim­mung sagen läßt, die vom dama­li­gen Sekre­tär von Kar­di­nal Gia­co­mo Ler­ca­ro und Stra­te­gen der vier Mode­ra­to­ren-Kar­di­nä­le orga­ni­siert wor­den war.

Msgr. Agostino Marchetto
Msgr. Agosti­no Mar­chet­to

Paul VI. war alles ande­re als Dos­set­tia­ner, wider­spricht Mar­chet­to Mel­lo­ni. Tat­sa­che sei viel­mehr, daß der Papst nach jenen Ereig­nis­sen „kate­go­risch erklär­te, daß er Doset­ti nicht auf jenem Platz haben woll­te; und die­ser viel­mehr nach Bolo­gna zurück­ge­hen sol­le“. Und so geschah es auch.

Die Reak­ti­on Mar­chet­tos ging beim Cor­rie­re del­la Sera schon am Tag nach der Ver­öf­fent­li­chung von Mel­lo­nis Arti­kel ein und umfaß­te einen aus­führ­li­chen, erklä­ren­den Anhang zu den dama­li­gen Kon­zil­s­er­eig­nis­sen.

Doch die Tages­zei­tung mit Sitz in der Via Sol­fe­ri­no in Mai­land ver­öf­fent­lich­te nichts, weder am näch­sten Tag noch spä­ter. Es war die Tages­zei­tung Il Foglio, die Mar­chet­tos Gegen­dar­stel­lung auf Ver­an­las­sung des Vati­ka­ni­sten Matteo Mat­zuz­zi abdruck­te.

Der Cor­rie­re del­la Sera erklär­te dar­auf, Mar­chet­tos Text nur als „pri­va­te“ Ant­wort ver­stan­den zu haben. Aber auch Mel­lo­ni scheint das sei­ne dazu getan zu haben, daß sie nicht ver­öf­fent­licht wur­de, beson­ders seit Mar­chet­to die offi­zi­el­le Stel­lung des „besten Her­me­neu­ten des Zwei­ten Vati­can­ums“ inne­hat, die ihm kein Gerin­ge­rer als Papst Fran­zis­kus per­sön­lich im Novem­ber 2013 in einem Schrei­ben ver­lie­hen hat­te.

Nach­fol­gend die Ant­wort Mar­chet­tos auf den Arti­kel Mel­lo­nis:

Der Brief Marchettos an den Corriere della Sera

Sehr geehr­ter Herr Chef­re­dak­teur,

in die­sen Tagen der Selig­spre­chung von Paul VI. erle­be ich die „Rück­ge­win­nung“ vie­ler, die sei­ner­zeit gegen ihn geschrie­ben und gespro­chen haben und dabei soweit gin­gen, in ihm sogar jenen zu benen­nen, der das Öku­me­ni­sche Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil ver­sen­ken wür­de. Es wür­de genü­gen, sich die fünf Bän­de der Geschich­te jenes Kon­zils anzu­schau­en, die von der soge­nann­ten Schu­le von Bolo­gna her­aus­ge­ge­ben wur­den.

Wür­de es sich um eine „histo­ri­sche Con­ver­sio“ han­deln, könn­te ich mich dar­über freu­en, doch der gestern in Ihrer Zei­tung ver­öf­fent­li­che Arti­kel von Alber­to Mel­lo­ni zeigt mir, daß dem nicht so ist.

Das zeigt bereits die Art, wie er die „qua­li­fi­zier­te“ Min­der­heit zum künf­ti­gen Dei Ver­bum behan­delt, die am Ende rich­ti­ger­wei­se Hei­li­ge Schrift, Tra­di­ti­on und Lehr­amt zusam­men­führ­te, aber mehr noch der Hin­weis auf den Vor­schlag von Dos­set­ti über die Vor­ab­stim­mun­gen zur Ekkle­sio­lo­gie, deren Stimm­zet­tel Paul VI. zer­stö­ren ließ.

Man ging dann anders vor, was die For­mu­lie­rung der Fra­gen betraf, so daß die Ant­wor­ten nicht die fol­gen­de Kon­zils­dis­kus­si­on blockier­ten.

Der Ein­druck, den der Text [Mel­lo­nis] ver­mit­telt, Paul VI. habe sich nach der Abstim­mung mit einem „also haben wir gewon­nen“ gefreut und sich mit Dos­set­ti iden­ti­fi­ziert, ent­spricht nicht den Tat­sa­chen (sie­he mein Buch „Il Con­ci­lio Ecu­me­ni­co Vati­ca­no II. Con­trapp­un­to per la sua sto­ria“, S. 122–125).

Schließ­lich klingt es nicht min­der schlecht, die Nach­kon­zils­zeit durch Paul VI. bela­stet zu sehen, gera­de so, als müs­se sich ein Papst nicht um eine kor­rek­te Her­me­neu­tik und eine rich­ti­ge Rezep­ti­on eines Kon­zils, groß „in casu“, sor­gen.

Für Ihre Auf­merk­sam­keit dan­kend wün­sche ich alles Gute und ver­blei­be mit freund­li­chen Grü­ßen

Msgr. Agosti­no Mar­chet­to

Die historischen Hintergründe oder: Wie lenke ich ein Konzil?

Don Giuseppe Dossetti
Don Giu­sep­pe Dos­set­ti

Um die Epi­so­de der Zer­stö­rung der Stimm­zet­tel, mit der man sehen woll­te, wel­che Rich­tung das Kon­zil neh­men soll­te, bes­ser zu ver­ste­hen, ist dar­an zu erin­nern, daß die Mode­ra­to­ren begon­nen hat­ten, eigen­mäch­tig zu han­deln und das Gene­ral­se­kre­ta­ri­at zu umge­hen, indem sie sich Don Dos­set­tis bedien­ten, den Kar­di­nal Ler­ca­ro als Sekre­tär der Mode­ra­to­ren vor­stell­te. [Mode­ra­to­ren des Kon­zils waren die vier Kar­di­nä­le Juli­us Döpf­ner von Mün­chen-Frei­sing, Gia­co­mo Ler­ca­ro von Bolo­gna, Léon-Joseph Sue­n­ens von Mecheln-Brüs­sel und Gre­go­i­re-Pierre Aga­gia­ni­an, eme­ri­tier­ter Patri­arch der Arme­ni­er.]

Kuri­en­erz­bi­schof Peri­cle Feli­ci, der Gene­ral­se­kre­tär des Kon­zils, ließ anfangs gewäh­ren, solan­ge das Faß nicht über­ging, was mit dem Abstim­mungs­an­trag über die fünf berühm­ten Punk­te zum Epi­sko­pat und dem Dia­ko­nat der Fall war. Dage­gen pro­te­stier­te Msgr. Feli­ci gegen­über Kar­di­nal Aga­gia­ni­an mit der Fest­stel­lung, daß der Sekre­tär der Mode­ra­to­ren laut Geschäfts­ord­nung der Gene­ral­se­kre­tär ist [und nicht Don Dos­set­ti]. Er erklär­te zudem, daß er alles für null und nich­tig hielt, was Don Dos­set­ti gemacht hat­te. Das­sel­be wie­der­hol­te Feli­ci auch gegen­über Kar­di­nal Döpf­ner.

Der Papst, dar­über infor­miert, erklär­te kate­go­risch, „daß er Doset­ti nicht auf jenem Platz [als Mode­ra­to­ren-Sekre­tär] haben woll­te; und die­ser viel­mehr nach Bolo­gna zurück­ge­hen sol­le“.

Als die Mode­ra­to­ren dar­auf­hin Feli­ci anwie­sen, die Fra­gen drucken zu las­sen, gehorch­te die­ser, infor­mier­te gleich­zei­tig aber den Kar­di­nal­staats­se­kre­tär (15. Okto­ber), der wie­der­um den Hei­li­gen Vater infor­mier­te, der den Vor­schlag für unan­ge­bracht hielt. Bereits am näch­sten Tag waren die Mode­ra­to­ren gezwun­gen, die Abstim­mung zu ver­schie­ben. Inner­halb von zwei Stun­den wur­den die bereits gedruck­ten Fra­ge­stel­lun­gen ver­nich­tet.

Da die Mode­ra­to­ren wei­ter­hin auf einer Abstim­mung beharr­ten, wur­de die Fra­ge an den Vor­sitz und die Koor­di­nie­rungs­stel­le wei­ter­ge­lei­tet. Die Mode­ra­to­ren woll­ten, daß nur die Koor­di­nie­rungs­stel­le damit befaßt wer­den soll­te. Was die Fra­ge der Kol­le­gia­li­tät anbe­lang­te, wur­den die Kar­di­nä­le Sue­n­ens und Siri beauf­tragt, eine For­mu­lie­rung zu fin­den und der gemein­sa­men Kom­mis­si­on zu unter­brei­ten.

In Wirk­lich­keit wur­de die gemein­sa­me Kom­mis­si­on erst wie­der nach Vor­le­gung der Fra­ge­stel­lun­gen ein­be­ru­fen. Bis dahin mach­ten die Mode­ra­to­ren eigen­mäch­tig wei­ter und so muß­te auch Kar­di­nal Siri getrennt han­deln.

Die Mode­ra­to­ren erhiel­ten eine Audi­enz beim Papst, wo sie behaup­te­ten, daß der Vor­schlag von Kar­di­nal Siri mit ihrem über­ein­stim­men wür­de — „quod ver­um non erat“. Die Mode­ra­to­ren behaup­te­ten spä­ter, der Papst hät­te ihren Vor­schlag mit den Anmer­kun­gen appro­biert.

Einleitung/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/Chiesa Cattolica/RomeReports (Screen­shot)

6 Kommentare

  1. Einer der Mode­ra­to­ren war Kar­di­nal Sue­n­ens; des­sen nach­fol­gend zitier­te ange­dach­te gei­sti­ge „Vor­an­trei­bung von Tun­neln“ dürf­te heu­te weit fort­ge­schrit­ten sein:
    -
    „Das zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil been­det das Zeit­al­ter der Gegen­re­for­ma­ti­on. Natür­lich hat die Kli­ma­ver­än­de­rung nicht die wirk­li­chen Lehr­un­ter­schie­de bei­sei­te geräumt, und man­che mögen sagen ‚die Glet­scher mögen schmel­zen, doch die Alpen blei­ben bestehen‘. Die­se pes­si­mi­sti­sche Sicht kön­nen wir nicht tei­len. Schon heu­te gibt es Men­schen, die in die Sel­ten der Ber­ge hin­ein­gra­ben, ihre Wider­stands­kraft her­aus­for­dern und Tun­nel vor­an­trei­ben“
    -
    Und war­um fällt mir zu fol­gen­dem Zitat des Kar­di­nals bloss die beab­sich­tig­te „huma­ne Welt­re­li­gi­on“ ein?!
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    „Nichts wird das Papst­tum von jed­we­den Ver­dacht des Abso­lu­tis­mus frei­spre­chen als der täg­li­che geüb­te Vor­rang des Die­nens, der mehr Wir­kung haben wird als alle Lehrstreitigkeiten….ohne zeit­li­che Macht zu besit­zen, hat die Kir­che des II. Vati­ca­num nur das eine Ziel; der Welt zu hel­fen, indem sie die Men­schen von Unwis­sen­heit, Miss­trau­en und bru­der­mör­de­ri­schen Hass befreit, und ihr behilf­lich zu sein gemein­sam mit allen Mäch­ten des Frie­dens den Huma­nis­mus von mor­gen zu bau­en“
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    Die­ser Kar­di­nal Sue­n­ens schrieb im Jah­re 1968 in „Die Mit­ver­ant­wor­tung der Kir­che“ offen­bar gleich­sam das „Pro­gramm“ der aktu­el­len Syn­ode !?:
    -
    „Je mehr das kirch­li­che Aggior­na­men­to, das eigent­li­che Ziel des Kon­zils,
    an Gestalt und Festig­keit gewann, umso leuch­ten­der wur­de 
    sein uni­ver­sa­ler mensch­li­cher Wert sicht­bar.
    [.…], 
    Auf die Welt hören bedeu­tet, sich 
    auf die mensch­li­che Ver­fas­sung von heu­te ein­zu­las­sen 
    oder wie der Kon­zils­text sagt ‚die Zei­chen der Zeit erfor­schen‘ “

    -

    Und in „Die Welt als Auf­ga­be“ (!?) beton­te er gar:
    -
    „Den Men­schen von sei­ner Ver­ant­wor­tung vor der Geschich­te aus defi­nie­ren,
    heisst die Umris­se des Men­schen unse­rer Zeit bestim­men,
    des Men­schen, den wir in uns und um uns her­an bil­den müs­sen, 
    damit er zur Wür­de eines Lebens in pla­ne­ta­ri­schen Dimen­sio­nen gelangt.
    Einen Huma­nis­mus der Ver­ant­wort­lich­keit ent­wickeln , 
    ist letz­ten Endes die gro­sse Auf­ga­be unse­res Jahr­hun­derts, 
    eine gei­sti­ge und ethi­sche Aufgabe,und nie­mand hat das Recht sich ihr zu ent­zie­hen; 
    am aller­we­nig­sten die Kir­che“
    -

  2. „Das zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil been­det das Zeit­al­ter der Gegen­re­for­ma­ti­on. Natür­lich hat die Kli­ma­ver­än­de­rung nicht die wirk­li­chen Lehr­un­ter­schie­de bei­sei­te geräumt, und man­che mögen sagen ‚die Glet­scher mögen schmel­zen, doch die Alpen blei­ben bestehen‘. Die­se pes­si­mi­sti­sche Sicht kön­nen wir nicht tei­len. Schon heu­te gibt es Men­schen, die in die Sel­ten der Ber­ge hin­ein­gra­ben, ihre Wider­stands­kraft her­aus­for­dern und Tun­nel vor­an­trei­ben“
    Ja wie ich schon­mal geschrie­ben habe. „Maul­wür­fe“ die in der Kir­che ihre Gän­ge gra­ben und alles unter­höh­len. Scha­de das sie so wenig die Son­ne sehen.
    Per Mari­am ad Chri­stum.

  3. We do not have to for­get the address to the curi­al col­la­bo­ra­tors at Christ­mas 2005 [http://www. vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2005/december/documents/hf_ben_xvi_spe_20051222_roman-curia_en.html].
    Here­with Pope Bene­dict XVI con­dem­ned the wide spread ‚her­me­neu­tic of dis­con­ti­nui­ty and rup­tu­re‘ and pla­ced the ‚her­me­neu­tic of rene­wal, of reform in con­ti­nui­ty‘ on the fore­ground. By that Pope Bene­dict XVI show­ed us a cor­rect direc­tion on the inter­pre­ta­ti­ons of Vati­ca­num II while at the same time here­with he initia­ted rene­wed dis­cus­sions.
    Howe­ver, we also have to con­si­der that the con­dem­na­ti­on of the ‚her­me­neu­tic of dis­con­ti­nui­ty and rup­tu­re‘ by Pope Bene­dict XVI was pre­ce­ded over 33 years ear­lier by a speech of Pope Paul VI to the Car­di­nals on June 23th 1972. Pope Paul VI high­ligh­ted in this speech his con­cern with the fol­lo­wing words: „… an emer­gen­cy which We can­not and must not keep hid­den: in the first place a fal­se and erro­ne­ous inter­pre­ta­ti­on of the Coun­cil, who would want to break with the tra­di­ti­on, even as regards the doc­tri­ne, an inter­pre­ta­ti­on which goes so far as the Church is pre-con­ci­li­ar rejec­ted and allo­wed one con­si­ders a ’new‘ church, as it were reinven­ted from the insi­de, as regards the estab­lish­ment of the Church, the dog­ma, the use and the law.“ [Acta Apo­sto­li­cae Sedis (AAS) jaar­gang 64 (1972), p. 498]
    The­se words spo­ken by Pope Paul VI seem to be a clear descrip­ti­on of what Pope Bene­dict XVI has cal­led the ‚her­me­neu­tic of dis­con­ti­nui­ty and rup­tu­re‘. Refer­ring to Pope Paul VI in 1966 [„It would not be the truth for any­bo­dy to ima­gi­ne that the Vati­can Coun­cil II repre­sen­ted any kind of break, inter­rup­ti­on, or ‚libe­ra­ti­on‘ from the tea­ching of the Church, or that it aut­ho­ri­zed or pro­mo­ted any kind of acco­mo­da­ti­on or con­for­mism with the men­ta­li­ty of our times, in its nega­ti­ve or ephe­meral aspects“ (see Ineg­na­men­ti di Pao­lo VI, Volu­me IV, 1966, p699)] we have to con­clu­de that the emer­gen­cy about which Pope Paul VI spo­ke in 1972 had alrea­dy star­ted direct­ly after Vati­ca­num II and had been still pre­sent in 2005, other­wi­se the addres­ses by both Popes, Paul VI and Bene­dict XVI, would be without any actu­al refe­ren­ces.
    Evi­dent­ly, the fal­se and erro­ne­ous inter­pre­ta­ti­on of Vati­ca­num II, fre­quent­ly avai­ling its­elf of the sym­pa­thies of mass media and also being one trend of the modern theo­lo­gy that vitu­per­a­tes as „anti-con­ci­li­ar“, anyo­ne who departs from their „monopoly“-line of the Council’s inter­pre­ta­ti­on, has affec­ted so many inno­cent and good wil­ling faith­ful by mis­lea­ding them during all the­se years, albeit for a peri­od of almost a who­le genera­ti­on.

    • Sie refe­rie­ren hier die neo­kon­ser­va­ti­ve Linie. Aber beden­ken Sie, dass die­se Hal­tung sowohl bei Paul VI. als auch bei Bene­dikt XVI. auch eine stra­te­gi­sche Ver­hin­de­rung sein könn­ten: das Vati­ca­num II ist ein Bruch — das ist evi­dent. Argu­ment: es hät­te sonst die­ser „Bruch“ bzw. Durch­bruch einer Strö­mung, die sich lan­ge ange­bahnt hat, den wir real vor Augen haben, nie­mals voll­zie­hen kön­nen.

      Behaup­te ich nun aber ent­ge­gen allem Augen­schein und ent­ge­gen aller Fak­ti­zi­tät, dass da kein Bruch gesche­hen sei — also: auch theo­lo­gisch nicht! — dann behin­de­re ich eine schar­fe Ana­ly­se des bekla­gens­wer­ten Ist-Zustands hier und heu­te, ver­feh­le damit sogar das kon­zi­lia­re „Aggior­na­men­to“ und sor­ge mit dafür, dass es wei­ter abwärts geht. Und sagen Sie doch selbst: sowohl Paul VI. als auch Bene­dikt XVI. haben bei­de … eben kei­ne guten Früch­te gebracht. Immer soll man „sie“ an „ihren Früch­ten“ erken­nen.

      Nie­der­schmet­tern­de Tat­sa­che aber ist, dass im 20. Jh JEDER Papst hin­sicht­lich der Auf­ga­be, den Glau­ben auch im 20. Jh wirk­sam zu bewah­ren, geschei­tert ist. Kei­ner (!) hat die erwünsch­ten oder erträum­ten Früch­te gebracht. Und dar­an sind nicht die Frei­mau­rer oder sonst ein Sün­den­bock schuld.

      Nicht umsonst ent­wirft uns die Offen­ba­rung nicht das Bild eines maß­geb­li­chen abtrün­ni­gen „Vol­kes“, son­dern einer abtrün­ni­gen Füh­rungs­schicht und des abtrün­ni­gen Pap­stes. Man soll sich da nichts vor­ma­chen: wirk­lich KEIN 20.Jh-Papst hat wirk­lich wirk­sa­me und genieß­ba­re Früch­te her­vor­ge­bracht. Dar­an ändert auch die Heroi­sie­rung oder Kano­ni­sa­ti­on eines gro­ßen Teils die­ser Päp­ste nichts.
      Man kann hier auch nicht behaup­ten, die­se Früch­te kämen irgend­wann noch (etwa wie bei einer Pro­phe­tie) — wenn nach über 100 Jah­ren immer noch kei­ne guten Früch­te zu sehen sind, dann stimmt hier doch etwas nicht! Man kann sagen, dass sämt­li­che „Reform­an­sät­ze“ (gleich ob „tra­di­ti­ons­treu“ oder „moder­ni­stisch“) dafür gesorgt haben, den Kar­ren in den Kies zu set­zen. Damit will ich die per­sön­li­che Fröm­mig­keit oder sogar Hei­lig­keit des einen oder ande­ren nicht hin­ter­fra­gen. Aber ich sehe auf der amt­li­chen Ebe­ne eben nur Nie­der­gang, Nie­der­gang, eine Ver­frem­dung der bis­he­ri­gen Über­lie­fe­rung oder der gewach­se­nen For­men und eine unse­li­ge, gera­de­zu sata­ni­sche Ver­mi­schung mit heil­lo­sen poli­ti­schen Bewe­gun­gen der Moder­ne. Auch hier ist es gleich, ob rechts oder links — heil­los und vom Glau­ben weg­füh­rend ist sicht­lich bei­des gewe­sen.

      Kon­ti­nui­tät? Bruch? Her­me­neu­tik?

      Es gibt nur eine ech­te Fra­ge, näm­lich die nach der her­me­neu­ti­schen Metho­de. Hier liegt der Schlüs­sel.
      Ich kann immer „Kon­ti­nui­tät“ behaup­ten, solan­ge ich nur eine ent­spre­chen­de Her­me­neu­tik anwen­de.
      Hier liegt der Hund begra­ben — aber eben nicht nur für die Moder­ni­sten!

  4. @ defen­dor

    Die Aus­sa­ge von Kar­di­nal Sue­n­ens, wonach das Zeit­al­ter der Gegen­re­for­ma­ti­on been­det sei, trifft auf mei­ne Ein­schät­zung der Machen­schaf­ten als Fort­set­zung von 1517.

    Aus dem eng­li­schen Text von Jack P. Oost­ve­en kann ich nur ver­mu­ten, daß Paul VI. schon auf der Kon­ti­nui­tät bestand. Mehr gibt mein Eng­lisch nicht her.

  5. Das Kon­zil ist das Dog­ma !

    Der „Lehr­satz“ heisst „Ande­re Kiche, die von unten (vom Poebel)“

    Daher braucht es gar kei­ne phi­lo­so­phi­schen Betrach­tun­gen mehr, es hoert sie eh kei­ner.

    Allein durch die schlim­men Fol­gen muess­te das gesam­te Kon­zil sofort voel­lig ver­wor­fen wer­den und die Kir­che Jesu Chri­sti wie­der neu anfan­gen.
    Die sog. Kon­ser­va­ti­ven haben sich, an der Spit­ze Papst Bene­dikt, tae­u­schen las­sen, das das eine oder ande­re ja doch ganz gut ist und der hl. Geist alles ueber­win­det.
    Das aber, war und bleibt ein fata­ler Trug­schluss, denn die Mehr­heit in Rom geht in die total ande­re Rich­tung, mit einem Papst der katho­li­scher­wei­se von allen guten Gei­stern ver­las­sen zu sein scheint.
    Das hat Bischof Leb­fe­v­re, als einer der ganz weni­gen, damals mes­ser­scharf erkannt und gehan­delt.
    Die Her­de ist apo­ka­lyp­tisch klein !

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