Die kleine Lily stellt britisches Abtreibungsgesetz in Frage — Nur halbes Kilo bei Geburt

Die fünfjährige Lily Burrows 2014 auf dem Weg zur Einschulung
Die fünf­jäh­ri­ge Lily Bur­rows 2014 auf dem Weg zur Ein­schu­lung

(Lon­don) Ein heu­te fünf­jäh­ri­ges Kind hat es durch sei­ne blo­ße Exi­stenz geschafft, in Groß­bri­tan­ni­en die Abtrei­bungs-Dis­kus­si­on neu auf­bre­chen zu las­sen. Das Mäd­chen heißt Lily Bur­rows und kam in der 23. Schwan­ger­schafts­wo­che zur Welt. Dadurch ver­setz­te sie die Ärz­te in Stau­nen und zer­trüm­mert gra­ni­t­har­te Vor­stel­lun­gen.

Bei ihrer Geburt wog Lily kaum mehr als ein hal­bes Kilo­gramm. Für die Ärz­te und das übri­ge Kran­ken­haus­per­so­nal war sie ein hoff­nungs­lo­ser Fall. Der Mut­ter wur­de der mini­ma­le Hoff­nungs­schim­mer einer Über­le­bens­chan­ce von fünf Pro­zent genannt. Eine „aka­de­mi­sche“ Höf­lich­keit, um die Här­te eines sicher erwar­te­ten Todes etwas abzu­mil­dern.

Doch Lily woll­te nicht ster­ben. Nicht in den näch­sten Stun­den und auch nicht in den näch­sten Tagen. Mit ihrem hart­näcki­gen Lebens­wil­len zer­trüm­mer­te sie Stun­de um Stun­de, den sicher pro­gno­sti­zier­ten Tod. Die klei­ne Lily demon­strier­te jedoch allen, daß die das fata­le Urteil „wis­sen­schaft­li­cher Sta­ti­stik“ nicht zu akzep­tie­ren gedach­te. Die Ärz­te hat­ten der Mut­ter pro­phe­zeit, um selbst die­se uner­war­te­te Situa­ti­on „wis­sen­schaft­lich“ zu erklä­ren, mit­ge­teilt, daß ihre Toch­ter, selbst wenn sie nicht sofort ster­ben wür­de, Zeit ihres Lebens – das auf jeden Fall nur von kur­zer Dau­er ver­an­schlagt wur­de – auf ärzt­li­che Hil­fe ange­wie­sen sein wer­de.

Lily ist heute fünf Jahre alt und Schulanfängerin

Lily Burrows nach ihrer Geburt in den Armen ihrer Mutter
Lily Bur­rows nach ihrer Geburt in den Armen ihrer Mut­ter

Doch die Fak­ten haben die ärzt­li­che Dia­gno­se als blo­ße Mei­nung wider­legt. Der Dai­ly Mail ver­öf­fent­lich­te ein Bild von Lily. Es zeigt das Mäd­chen, das in einer adret­ten Schul­uni­form und net­ten Zöpf­chen in ihrem schul­ter­lan­gen Haar an der Hand ihrer Mut­ter durch die Stra­ße Edin­burghs spa­ziert. In Groß­bri­tan­ni­en gilt Schul­pflicht ab dem fünf­ten Lebens­jahr.

Lily ist ein leb­haf­tes Kind und bei bester Gesund­heit. „Wenn man Lily so auf­ge­regt sieht, weil sie bald zur Schu­le gehen darf, kann man sich kaum vor­stel­len, wie zer­brech­lich und klein sie bei ihrer Geburt war und den Kampf, den sie bestehen muß­te, um zu über­le­ben“, so die Mut­ter, die gleich­zei­tig betont, wie­viel sie den Heb­am­men, Ärz­ten und Kran­ken­schwe­stern ver­dankt, die trotz ihrer Dia­gno­se ihre Toch­ter im März 2009 nicht auf­ga­ben, son­dern sich in den ersten ent­schei­den­den Lebens­ta­gen ver­blüfft, aber inten­siv um das Mäd­chen küm­mer­ten.

Die Lebens­ge­schich­te der klei­nen Lily ist nur die Spit­ze des Eis­ber­ges zahl­rei­cher Geschich­ten von Kin­dern, die es trotz gegen­tei­li­ger „Spezialisten“-Meinungen schaf­fen. In die­sen Tagen erbrach­te die bri­ti­sche Stu­die EPI­Cu­re den Nach­weis, daß im Insel­reich eine wach­sen­de Zahl von bereits in der 23. Schwan­ger­schafts­wo­che gebo­re­nen Kin­dern über­lebt.

Die Stu­die wird von Ngo­zi Elai­ne Edi-Osa­gie, der medi­zi­ni­schen Lei­te­rin der Geburts­ab­tei­lung der Uni­ver­si­täts­kli­nik der Cen­tral Man­che­ster Uni­ver­si­ty bestä­tigt. Die Ärz­tin sag­te der Sunday Times, daß die Über­le­bens­chan­cen von Kin­dern, die zu einem so frü­hen Zeit­punkt der Schwan­ger­schaft zur Welt kom­men, „sich sehr ver­bes­sern“. Grund dafür sei eine Kom­pe­tenz­stei­ge­rung sowohl bei den Ärz­ten als auch bei den Kran­ken­pfle­gern.

Tötung bis 24. Schwangerschaftswoche erlaubt, da Kinder „nicht lebensfähig“ seien

Der­zeit erlaubt das bri­ti­sche Gesetz die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der durch Abtrei­bung bis ein­schließ­lich der 24. Schwan­ger­schafts­wo­che. Begrün­det wird die­se Frist vom Gesetz­ge­ber damit, daß die Kin­der vor­her nicht selb­stän­dig lebens­fä­hig sei­en. Zudem sind die Ärz­te vom Gesetz auch nach Ablauf der 24. Schwan­ger­schafts­wo­che nur ver­pflich­tet, einen ein­zi­gen Wie­der­be­le­gungs­ver­such zu unter­neh­men. Der bri­ti­sche Gesetz­ge­ber legt kei­nen Wert dar­auf, medi­zi­ni­sche Res­sour­cen für Klein­kin­der aus­zu­ge­ben, die als nicht oder kaum lebens­fä­hig ein­ge­schätzt wer­den.

Genau die­se Ein­schät­zung aber wird durch die Fak­ten wider­legt. Die jüng­sten Erhe­bun­gen, nicht zuletzt die Geschich­te der klei­nen Lily, haben in der bri­ti­schen Öffent­lich­keit und Poli­tik eine neue Dis­kus­si­on über das gel­ten­de Gesetz ent­facht, das als schäd­lich für das Lebens­recht der Unge­bo­re­nen kri­ti­siert wird.

Im Par­la­ment bil­det sich eine par­tei­über­grei­fen­de Alli­anz, die eine Ver­schär­fung des Abtrei­bungs­ge­set­zes for­dert. Fio­na Bruce, Abge­ord­ne­te der regie­ren­den Kon­ser­va­ti­ven Par­tei ist bereits Vor­sit­zen­de eines par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schus­ses der gegen ille­ga­le Abtrei­bun­gen von Kin­dern mit Down Syn­drom ermit­telt. „Ich ver­ste­he nicht, war­um es kei­nen Auf­schrei gibt, wenn wir es zulas­sen, daß lebens­fä­hi­ge Kin­der abge­trie­ben wer­den“, so Bruce. Nun aber soll­te es einen Auf­schrei geben, so die Abge­ord­ne­te, denn die neu­en Stu­di­en sei­en ein trif­ti­ger Grund, die Bestim­mun­gen des gel­ten­den Geset­zes zu ändern.

Neue Diskussion für Einschränkung der Abtreibung

In Groß­bri­tan­ni­en wird in immer neu­en Abstän­den das Abtrei­bungs­ge­setz zur Dis­kus­si­on gestellt. Die Debat­ten dazu schaf­fen es regel­mä­ßig auf die Titel­sei­ten der Tages­zei­tun­gen. Den­noch wur­de das Gesetz seit 1990 nicht mehr geän­dert. Damals wur­de die Frist, inner­halb der ein unge­bo­re­nes Kind legal getö­tet wer­den kann, von der 28. auf die 24. Schwan­ger­schafts­wo­che her­ab­ge­setzt. Zwi­schen 2008 und 2012 dis­ku­tier­te das bri­ti­sche Par­la­ment zwei Ände­rungs­an­trä­ge der Abge­ord­ne­ten Nadi­ne Dor­ries zur wei­te­ren Ein­schrän­kung der Abtrei­bung. Im ersten Antrag hat­te Dor­ries die Her­ab­set­zung der Tötungs­frist auf die 20. Schwan­ger­schafts­wo­che gefor­dert. Als er abge­lehnt wur­de, for­der­te sie mit dem zwei­ten Antrag zumin­dest eine Sen­kung auf die 22. Schwan­ger­schafts­wo­che. Doch auch die­ser Antrag wur­de von einer abtrei­bungs­freund­li­chen Mehr­heit abge­wie­sen, die sich auf einen „gesell­schaft­li­chen Kon­sens“ berief, der nicht in Fra­ge gestellt wer­den dür­fe.

Der amtie­ren­de Pre­mier­mi­ni­ster David Came­ron stimm­te damals als Abge­ord­ne­ter in bei­den Fäl­len für die Anträ­ge. Viel­leicht ist inzwi­schen die Zeit reif, daß das Abtrei­bungs­ge­setz einer Revi­si­on unter­zo­gen wird. Die klei­ne Lily Bur­rows, die bald die Schul­bank drücken wird, könn­te viel­leicht ent­schei­dend für einen Stim­mungs­um­schwung sein.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Dai­ly Mail (Screen­shots)

1 Kommentar

  1. Nun, die Umfra­gen zei­gen, das immer noch über 70% der Bri­ten für die Mög­lich­keit einer Abtrei­bung sind, da hat sich die Stim­mung in der Bevöl­ke­rung nicht geän­dert.

    Die Dis­kus­si­on um den Zeit­punkt bis zu dem ein Abbruch statt­fin­den darf ist aber eine Nebel­ker­ze, da (2004) 87% aller Abtrei­bun­gen in der 12. Woche oder frü­her und nur 1.6% nach der 20. Woche durch­ge­führt wur­den.

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