Das Heerlager der Heiligen — Heute die Kirche von morgen sehen (zu dürfen) — Pfingstwallfahrt Paris–Chartres

Pfingstereignis Internationale Fußwallfahrt der Tradition (Paris Chartres) 2014: Heute die Kirche von morgen sehen(Char­tres) Das Pfingst­fest bedeu­tet all­jähr­lich einen pro­phe­ti­schen Ruf für die Kir­che. Pfing­sten ist der Grün­dungs­tag der von Chri­stus gestif­te­ten Kir­che durch die Her­ab­kunft des Hei­li­gen Gei­stes im Stur­mes­brau­sen. Das Fest wird von der Welt­kir­che auf dem gan­zen Erden­rund began­gen, doch kaum woan­ders wird der pro­phe­ti­sche Ruf hör­ba­rer als bei der Inter­na­tio­na­len Fuß­wall­fahrt der Tra­di­ti­on durch die àŽle-de-Fran­ce. Um genau zu sein, ist im Plu­ral zu spre­chen, denn es sind gleich zwei Wall­fahr­ten, die zur glei­chen Zeit den­sel­ben Weg zurück­le­gen nur in ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung.

Der 32. Pà¨lerinage de Pentecà´te führ­te 2014 von der Kathe­dra­le Not­re-Dame de Paris zur Kathe­dra­le Not­re-Dame de Char­tres. Die Inter­na­tio­na­le Fuß­wall­fahrt der Pius­bru­der­schaft den umge­kehr­ten Weg von Char­tres nach Paris. An die­ser Stel­le soll nicht auf die­se Dop­pe­lung ein­ge­gan­gen wer­den. Es soll auch nicht auf die schmerz­li­che Tat­sa­che ein­ge­gan­gen wer­den, daß die Wall­fah­rer der Pius­bru­der­schaft außer­halb der groß­ar­ti­gen goti­schen Kathe­dra­len blei­ben und daher auch 2014 immer Feld­mes­sen zele­brie­ren muß­ten. Es soll viel­mehr ins­ge­samt, wenn auch besten­falls ansatz­wei­se auf die Bedeu­tung die­ses Pfingst­er­eig­nis­ses in der Kir­che ein­ge­gan­gen wer­den. Die Wall­fah­rer von Char­tres nach Paris mögen das Gesag­te umge­kehrt mit­den­ken.

Jugend, Jugend, Jugend

Jugend bei der Fußwallfahrt Paris Chartres 2014Sowohl an der einen Wall­fahrt als auch an der ande­ren nah­men mehr als 15.000 Wall­fah­rer teil, und das mit einem grob geschätz­ten Alters­durch­schnitt von 21 Jah­ren. Gan­ze Fami­li­en, klei­ne Kin­der bis hin zu eini­gen älte­ren Katho­li­ken, vor allem aber Jugend, Jugend, Jugend. Hun­dert­schaf­ten von jun­gen, schö­nen Gesich­tern mit oder ohne Pfad­fin­der­kluft, vor allem aus Frank­reich, aber auch aus vie­len ande­ren Län­dern, sogar aus Mexi­ko, den USA, dem Irak und dem Liba­non sowie aus allen deutsch­spra­chi­gen Län­dern, wie die mit­ge­führ­ten Fah­nen bezeug­ten. Kei­ne Jugend, deren kirch­li­che Ver­eins­vor­sit­zen­de und Jugend­seel­sor­ger Kir­chen­kri­ti­ker und Prie­ster­re­bel­len sind oder der Mei­nung sind, mit „demo­kra­ti­schen“ Abstim­mun­gen über die Glau­bens­leh­re, Enter­tain­ment und Rock- und Pop­mu­sik neben dem Anbe­tungs­zelt bei Lau­ne hal­ten zu müs­sen, wie beim Besuch von Papst Bene­dikt XVI. 2011 in Frei­burg gesche­hen.

Anstand und Sauberkeit

Gehen bei einer Ver­an­stal­tung kaum zehn belie­bi­ge Men­schen über ein Stück Land, liegt danach Müll her­um. In der àŽle-de-Fran­ce zogen Tau­sen­de Katho­li­ken nach Char­tres und Paris und es fand sich kein Stück Abfall, kein Papier­chen, kei­ne Pla­stik­fla­sche, kein Becher am Weges­rand. Ein per­fekt ein­ge­spiel­tes Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee und eine Viel­zahl eif­ri­ger, arbeit­sa­mer, stil­ler Hän­de ermög­licht den rei­bungs­lo­sen Ablauf eines sol­chen Groß­un­ter­neh­mens vom Zelt­la­ger Auf- und Abbau, Pau­sen, den Mal­te­sern, auf eine Strecke von 100 Kilo­me­tern unzäh­li­ge Stra­ßen­que­run­gen zu sichern, Geträn­ke- und Essens­aus­ga­be.

Tau­sen­de von Wall­fah­rern, die oft bis an die Gren­ze des phy­sisch Ertrag­ba­ren gin­gen, um in zwei­ein­halb Tagen die 100 Kilo­me­ter zu Fuß zu bewäl­ti­gen. Jeder mit sei­nem Ruck­sack vol­ler Anlie­gen. Mit dem gro­ßen Ver­trau­en auf die Erhö­rung von Gebets­an­lie­gen, dem festen Wil­len Buße zu tun oder der Bereit­schaft Süh­ne zu lei­sten. Kaum ein­mal wird die von den Beicht­vä­tern auf­ge­tra­ge­ne Buße so kon­kret, wie im Auf­op­fern der Schmer­zen, die bei jedem Schritt durch die oft bla­sen­rei­chen Zehen, bren­nen­den Fuß­soh­len, Mus­kel- und Gelenk­schmer­zen oder die Erschöp­fung spür­bar wer­den.

Gleichgesinnte

Chapitres auf dem WegJeder Wall­fah­rer rüstet sich in der ihm geeig­net schei­nen­den Form aus. Sie tra­gen Berg­schu­he, Wan­der­schu­he, Mili­tär­stie­fel, Turn­schu­he, Trek­king­schlap­pen, man­che gehen bar­fuß. Der Weg führt über hei­ßen Asphalt, Schot­ter­pi­sten, Feld­we­ge, Acker­land, sanf­te Wald­mat­ten, durch auf­ge­weich­ten Lehm­bo­den, bei jeder Wit­te­rung, ob bei ste­chen­der Mit­tags­hit­ze oder bei Wol­ken­bruch, ob über festen Wald­bo­den oder Schlamm­pi­sten, die zur Rutsch­par­tie wer­den. Der Zug der Tau­sen­den schiebt sich vor­wärts, denn alle sind Gleich­ge­sinn­te, alle ver­bin­det ihr hei­li­ger Glau­be und alle haben ein kla­res Ziel vor Augen. Sie zie­hen zur Gna­den­mut­ter von Char­tres, jener groß­ar­ti­gen Kathe­dra­le auf einem sanf­ten Hügel, jenem Pro­to­ty­pen der pracht­vol­len goti­schen Kathe­dra­len, wo der Über­lie­fe­rung nach der Schlei­er Mari­ens auf­be­wahrt und ver­ehrt wird. Sie tun es als Bekennt­nis für ihren Gott vor der Welt und sie tun es als Akt der Demut, der Unter­wer­fung und der Anbe­tung für die Hoch­hei­lig­ste Drei­fal­tig­keit und sie tun es für die lie­be­voll ver­ehr­te Got­tes­mut­ter und Für­spre­che­rin.

Priester und Ordensleute unter denselben Strapazen

Wie die Gläu­bi­gen tun es auch die Semi­na­ri­sten, Mön­che und Ordens­schwe­stern. Selbst die Prie­ster genie­ßen nicht etwa Pri­vi­le­gi­en. Sie alle mar­schie­ren mit ihren Cha­pi­tres (Kapi­tel), mit ihren Grup­pen als geist­li­che Assi­sten­ten, als Vor­be­ter, Vor­tra­gen­de, Unter­wei­sen­de und vor allem als Beicht­vä­ter. Sau­be­re Sou­ta­nen der Prie­ster, blü­ten­wei­ße Ordens­ge­wän­der man­cher Ordens­schwe­stern, aber mit schlamm­be­deck­ten boden­na­hen Enden zeu­gen untrüg­lich, daß sie den­sel­ben Weg zurück­ge­legt haben. In jüng­ster Zeit wur­de das Wort geäu­ßert, die Hir­ten soll­ten den Geruch ihrer Scha­fe anneh­men. Wie auch immer die­se kryp­ti­sche Aus­sa­ge zu ver­ste­hen sein mag, in der àŽle-de-Fran­ce, in die­sem „Klein­fran­ken“, dem Kern­stück des alten Fran­ken­rei­ches, fin­det die­ser Ver­gleich sei­ne best­mög­li­che Umset­zung, indem die Hir­ten mit ihren Scha­fen zie­hen, die­se geist­lich füh­ren, ihnen psy­chisch wie phy­sisch den Weg wei­sen und sie vor der Ziel­an­kunft durch die Beich­te rei­ni­gen.

Ein letz­ter Wol­ken­bruch begrüß­te die 15.000 Wall­fah­rer vor der Kathe­dra­le von Char­tres, in der nur ein Teil Platz fand. Nach weni­gen Minu­ten ver­zog sich das Gewit­ter und strah­lend blau­er Him­mel herrsch­te wäh­rend des Pon­ti­fi­ka­len Hoch­am­tes.

„Kirche auf dem Weg“ ist keine herumirrende Kirche

Pfingstwallfahrt Chartres Alter RitusDie Inter­na­tio­na­le Fuß­wall­fahrt durch die àŽle-de-Fran­ce, durch die Stra­ßen­fluch­ten von Paris, des­sen Vor­städ­te, durch klei­ne länd­li­che Gemein­den und Wei­ler, durch bis zum Hori­zont rei­chen­de Getrei­de­fel­der fin­det nicht nur zu Pfing­sten statt, son­dern ist ein Pfingst­er­eig­nis. Sie bringt die wirk­li­che pil­gern­de Kir­che zum Aus­druck. Sie bringt zum Aus­druck, daß das eigent­li­che Ziel der Him­mel ist, daß das irdi­sche Dasein aber kein ziel­lo­ses Her­um­ir­ren sein muß, kein Wan­dern und Bewegt­sein, um des sich Bewe­gens wil­len, wie ein blo­ßer Aktio­nis­mus vor­täuscht.

Pfingstereignis: Heute die Kirche von morgen sehen zu dürfen

Die Fuß­wall­fahrt ist vor allem aber ein Pfingst­er­eig­nis, weil beim Ein­zug in die Kathe­dra­le von Char­tres wie kaum woan­ders, heu­te, hier 2014 die Gna­de geschenkt wur­de, die Kir­che von mor­gen zu sehen. Die jun­gen Semi­na­ri­sten, Prie­ster, Mön­che, Chor­her­ren, Ordens­leu­te alle nach einer Fuß­wall­fahrt von 100 Kilo­me­tern, alle auf­rech­ten Schrit­tes zum Altar hin­tre­tend, denn mit Beginn der Hei­li­gen Mes­se waren die Schmer­zen an Mus­keln, Füßen und ande­ren Glie­dern nicht ver­schwun­den, aber ein dank­ba­res Got­tes­volk knie­te vor dem All­mäch­ti­gen und bekann­te den wah­ren Glau­ben.

Das Heerlager der Heiligen

Heerlager der HeiligenUnd noch etwas: Jeder Cha­pit­re hat­te einen Hei­li­gen zum Patron, nach dem er benannt ist. Die Ban­ner und Fah­nen mit die­sen hei­li­gen Patro­nen zogen in die Kathe­dra­le ein. Hier in die­sem pracht­vol­len Got­tes­haus, in die­sem Augen­blick wur­de wirk­lich das „Heer­la­ger der Hei­li­gen“ (Jean Raspail) greif­bar. Es fällt dem im Mate­ri­el­len gefan­ge­nen Men­schen schwer, sich die imma­te­ri­el­le Welt vor­zu­stel­len. Es fällt schwer sich den Schutz­en­gel jedes Getauf­ten mit­zu­den­ken, eben­so die Engel, die vor jedem Taber­na­kel und wäh­rend jeder Hei­li­gen Mes­se knien­de Anbe­tung hal­ten. Um so schwe­rer fällt es, die Hei­li­gen mit­zu­den­ken, die den Kern des Got­tes­vol­kes bil­den. In Char­tres beim Vor­bei­zug der unzäh­li­gen Hei­li­gen­ban­ner, ob bedruckt, gemalt, gestickt, groß oder klein, ob der Hei­li­ge Pfar­rer von Ars, der Hei­li­ge Patrick, die Hei­li­ge Johan­na von Orleans, die Hei­li­ge Anna Schäf­fer oder die gro­ße Tere­sa von Avi­la, ob getra­gen von einem stramm dahin­zie­hen­den Pfad­fin­der, einem sich nur mehr hum­pelnd sich fort­schlep­pen­den Jugend­li­chen oder oft — ein beson­ders berüh­ren­der Anblick — von einem klei­nen Kind, hier wur­de das Heer­la­ger der Hei­li­gen sicht­bar. Es dürf­te nicht weni­gen bewußt gewor­den sein, nach den feuch­ten Augen und man­chen Trä­nen, die man bei die­ser Heer­schau rings­um sehen konn­te. Hier wur­de der pro­phe­ti­sche Ruf der Kir­che ver­nehm­bar.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Not­re-Dame de Chré­ti­en­té

3 Kommentare

  1. Jedem ein­zel­nen die­ser Pil­ger ein herz­li­ches Vergelt‚s Gott,

    Lei­der ist eben die­ses kräf­ti­ges Lebens­zei­chen von Sei­ten der Petru­se den Vati­kan ein Bal­ken im Auge und es ist lei­der zu ver­mu­ten das auch mit die­sen und allen ande­ren „Eccle­sia DEI Gemein­schaf­ten“ in kür­ze so ver­fah­ren wird wie mit den „Fran­zis­ka­nern der Imma­cu­la­ta“ und dann ist zu hof­fen das die­se nicht ein­fach in „Kada­ver- Füh­rer­ge­hor­sam“ ver­har­ren wer­den und die ihnen von Gott den Herrn anver­trau­te Her­de ein­fach den Wöl­fen im Schafs­pelz über­las­sen wer­den.

    Got­tes und Mari­ens Segen auf allen Wegen

  2. Ja, so ist es bei die­ser gro­ssen Fuss­wall­fahrt, wie es im Arti­kel beschrie­ben wur­de. Eine sol­che Wall­fahrt sei jedem emp­foh­len, man kommt an phy­si­sche Gren­zen und wird von der Gna­de getra­gen. Letz­tes Jahr war es nach Paris durch­ge­hend nass, ca. 80 km Marsch im Regen und im Matsch, und trotz­dem hiel­ten alle fest am Rosen­kranz­ge­bet, am Gesang, hör­ten den Kate­che­sen der Prie­ster zu. Letz­tes Jahr war das christ­li­che Frank­reich in Auf­ruhr wegen den Geset­zes­än­de­run­gen. Ein unver­gess­li­cher Ein­druck hin­ter­lie­ssen mir die Fran­zo­sen nachts im Lager­platz vor einem Altar­zelt mit dem aus­ge­setz­ten Aller­hei­lig­sten, wie sie in ihren Pele­ri­nen, Regen­män­tel und unter Schir­men auf dem nas­sen Gras kniend im trie­fen­den Regen für Frank­reich und die Welt bete­ten. Ja, das sind wahr­haf­tig die Hei­li­gen, sie erfül­len die Bit­ten der Mut­ter­got­tes Maria: Buße, Buße, Buße.

  3. Sehr schö­ner und ermu­ti­gen­der Bericht! Vie­len Dank!
    Viel­leicht kommt der Tag, in der bei­de gegen­läu­fi­gen Wall­fahr­ten doch zusam­men durch­ge­führt wer­den kön­nen. Nicht in die­sem Pon­ti­fi­kat höchst­wahr­schein­lich, aber doch ein­mal.

    Und nicht so, daß — wie in Raspails „Heer­la­ger der Hei­li­gen“ — am Schluß kei­ner mehr übrig­bleibt (wenn mir die­se Bemer­kung gestat­tet ist).

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