Die Zeit vor dem Konklave — Der Konflikt Bergoglios mit Nuntius Bernardini

Nuntius Bernardini beim Antrittsbesuch 2012 bei Italiens Staatspräsident Napolitano(Bue­nos Aires) Über das Den­ken und Han­deln von Papst Fran­zis­kus vor sei­ner Wahl zum katho­li­schen Kir­chen­ober­haupt ist wenig bekannt. Ab und zu ist die Rede von Kon­flik­ten, die er mit der Römi­schen Kurie aus­zu­tra­gen hat­te. Vor allem die argen­ti­ni­sche Vati­ka­ni­stin Eli­sa­bet­ta Piqué macht in ihrem Buch über Jor­ge Mario Ber­go­glio „Fran­zis­kus. Leben und Revo­lu­ti­on“ (2013), die als „glaub­wür­dig­ste Bio­gra­phie“ her­um­ge­reicht wird, wenig schmei­chel­haf­te Anspie­lun­gen auf den Apo­sto­li­schen Nun­ti­us Adria­no Ber­nar­di­ni, Titu­lar­erz­bi­schof von Fale­ri. Ber­nar­di­ni ist der­zeit Nun­ti­us des Hei­li­gen Stuhls in Ita­li­en und San Mari­no. Von 2003 bis Ende 2011 und damit bis mei­ste Zeit, die Ber­go­glio Erz­bi­schof on Bue­nos Aires war (1998–2013) war er Nun­ti­us in Argen­ti­ni­en. Daß das Ver­hält­nis zwi­schen Erz­bi­schof und Nun­ti­us nicht gera­de das Beste war, ist in Argen­ti­ni­en all­ge­mein bekannt.

Papst-Biographin reitet Anschuldigungen gegen Nuntius

Weil die Autorin bestimm­te Infor­ma­tio­nen in ihrem Buch ver­öf­fent­licht, heißt dies aber noch nicht, daß es sich dabei um die objek­ti­ve Wahr­heit han­delt. Die­se könn­te auch ganz anders sein. Zwei der Haupt­an­schul­di­gun­gen gegen Nun­ti­us Ber­nar­di­ni sol­len daher näher unter die Lupe genom­men wer­den. Die erste hat auf irgend­ei­ne Wei­se mit dem zu tun, was man einen gewis­sen Hang zur Armuts­hul­di­gung nen­nen könn­te. Die Anschul­di­gung lau­tet, „gewal­ti­ge Sum­men“ für die Reno­vie­rung des „luxu­riö­sen Sit­zes“ der Apo­sto­li­schen Nun­tia­tur von Bue­nos Aires aus­ge­ge­ben zu haben.

Eine so hin­ge­wor­fe­ne Mel­dung läßt zwangs­läu­fig an einen Fürst­bi­schof zur Zeit des Abso­lu­tis­mus den­ken. In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wur­den dafür in jüng­ster Zeit Wort­schöp­fun­gen wie „Protz-Bischof“ erfun­den und jeder weiß, zumin­dest laut mora­li­schem Zei­ge­fin­ger der Medi­en, was er davon zu hal­ten hat. Im kon­kre­ten argen­ti­ni­schen Fall stellt man sich also vor, daß ein kirch­li­cher Barock­fürst im Gewand eines Bot­schaf­ters des Hei­li­gen Stuhls für sei­nen Palast mit vol­len Hän­den Kir­chen­gel­der aus­ge­ge­ben hat. Wäh­rend man in Deutsch­land zum Fall Lim­burg noch immer auf den Abschluß­be­richt der Unter­su­chungs­kom­mis­si­on war­tet, obwohl laut ankla­gen­den Medi­en­be­rich­ten die Din­ge doch so ein­deu­tig sei­en, weiß man zu Argen­ti­ni­en schon, daß die Din­ge in Wirk­lich­keit etwas anders lagen. Um genau zu sein, wis­sen es zumin­dest jene, die es noch wis­sen wol­len. Die Mehr­zahl der Medi­en­kon­su­men­ten wird wahr­schein­lich mit der gespei­cher­ten Ankla­ge im Kopf zur Tages­ord­nung über­gan­gen sein. So ist das eben mit dem, „was in der Zei­tung steht“.

„Armutshuldigung“ und Vorwürfe: Die Fakten

Nuntiatur in Buenos AiresDie Fak­ten: Die Nun­tia­tur von Bue­nos Aires ist ein Geschenk von Ade­lia Maria Hari­la­os de Olmos (1865–1849). Ade­lia Maria Hari­la­os stamm­te aus einer alten, aller­dings ver­arm­ten Dyna­stie argen­ti­ni­scher Groß­grund­be­sit­zer. 1902 hei­ra­te­te sie den wohl­ha­ben­den Unter­neh­mer, Groß­grund­be­sit­zer und Gou­ver­neur der Pro­vinz Cor­do­ba Ambro­sio Olmos (1839–1906). Der Tod ihrer ein­zi­gen Toch­ter (1904) und der frü­he Tod ihres Man­nes (1906) stürz­ten Ade­lia in eine so gro­ße Depres­si­on.  Sie muß­te ent­mün­digt und ihr Bru­der die Ver­wal­tung des Ver­mö­gens über­neh­men, das ihr ver­stor­be­ner Mann hin­ter­las­sen hat­te. 1911 wur­de sie wegen ihres pre­kä­ren Gesund­heits­zu­stan­des von ihrer Fami­lie in ein Insti­tut in Paris ein­ge­wie­sen. Inner­halb weni­ger Mona­te erhol­te sie sich jedoch auf wun­der­ba­re Wei­se. Eine Gene­sung, die sie einem gött­li­chen Gna­den­er­weis zuschrieb.

Nach Argen­ti­ni­en zurück­ge­kehrt, trat sie die Hin­ter­las­sen­schaft ihres Man­nes an, eines der größ­ten Ver­mö­gen Latein­ame­ri­kas. Die from­me Katho­li­kin bemüh­te sich auf vor­bild­li­che Wei­se, ihre Unter­neh­men, vor allem eine rie­si­ge Land­wirt­schaft, sozi­al gerecht zu füh­ren. Per­sön­lich küm­mer­te sie sich vor allem um die Armen­für­sor­ge und stell­te der Katho­li­schen Kir­che groß­zü­gig ihr Ver­mö­gen für die Not­lei­den­den und Befürf­ti­gen zur Verfügung.

1934 über­ließ sie ihr Stadt­pa­lais in Bue­nos Aires dem Hei­li­gen Stuhl als Sitz der Apo­sto­li­schen Nun­tia­tur. In Argen­ti­ni­en gab es star­ke anti­ka­tho­li­sche Strö­mun­gen, frei­mau­re­ri­scher, libe­ra­ler und mar­xi­sti­scher Pro­ve­ni­enz, die immer wie­der zum offe­nen Kul­tur­kampf her­aus­for­der­ten. Hari­la­os de Olmos woll­te daher der Ver­tre­tung des Pap­stes eine ihrer Wür­de ent­spre­chen­de Sicht­bar­keit in der argen­ti­ni­schen Haupt­stadt verschaffen.

Stadtpalais als zweckgebundene Schenkung

Harilaos de Olmos, Wohltäterin der ArmenImmer wie­der hat­te Ade­lia Maria Hari­la­os de Olmos, die als Mar­che­sa (Mark­grä­fin) dem päpst­li­chen Adel ange­hör­te, hohe Gäste in ihrem Palast. Die­ser beher­berg­te noch im sel­ben Jahr, als er Nun­tia­tur wur­de, Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Euge­nio Pacel­li, den künf­ti­gen Papst Pius XII., der zum XXIII. Inter­na­tio­na­len Eucha­ri­sti­schen Kon­greß nach Argen­ti­ni­en gekom­men war.

In ihrem Testa­ment, das 1949 geöff­net wur­de, schenk­te sie das Stadt­pa­lais dem Hei­li­gen Stuhl. Ein Geschenk, das die Gön­ne­rin aller­dings an die Bedin­gung knüpf­te, daß es auch wei­ter­hin als Sitz der Nun­tia­tur dien­te. Sie habe, wie sie begrün­de­te, ihr Ver­mö­gen für die Armen gege­ben, doch die­ses Palais soll der Kir­che eine wür­di­ge Ver­tre­tung sichern. Des­halb schloß sie eine Ver­wen­dung für einen ande­ren Zweck oder gar eine Ver­äu­ße­rung aus.

Das Palais, an sich schon ein archi­tek­to­ni­sches Kunst­werk, birgt in sei­nem Inne­ren kost­ba­re Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de, Möbel, Boden- und Wand­tep­pi­che, eine Biblio­thek und vor allem eine voll­stän­di­ge Pina­ko­thek mit Wer­ken von gro­ßem künst­le­ri­schem Wert.

Wäh­rend sei­ner diplo­ma­ti­schen Mis­si­on in Argen­ti­ni­en fiel es Nun­ti­us Ber­nar­di­ni zu, eine grund­le­gen­de Reno­vie­rung des Palais durch­zu­füh­ren. Glei­ches galt für die Siche­rung der Kunst­wer­ke. Seit das Gebäu­de ab 1934 als Nun­tia­tur genützt wur­de, war nichts dafür getan wor­den. Ein­grif­fe waren not­wen­dig gewor­den. Hät­te Nun­ti­us Ber­nar­di­ni sich nicht dar­um geküm­mert, hät­ten sie sei­nen Nach­fol­ger umso drän­gen­der belastet.

Die ohne Zwei­fel kost­spie­li­ge Reno­vie­rung des Palais und die Restau­rie­rung eini­ger Kunst­wer­ke wur­den jedoch durch eine groß­zü­gi­ge Zuwen­dung einer katho­li­schen Stif­tung der USA mög­lich, um die sich der Nun­ti­us bemüht hat­te. Die Dritt­mit­tel­fi­nan­zie­rung bela­ste­te die argen­ti­ni­sche Kir­che finan­zi­ell nicht.

Widerstand gegen Bergoglios Vorschläge für Bischofsernennungen

Jorge Mario Bergoglio als Erzbischof in Bueno AiresKom­men wir also zur zwei­ten Anschul­di­gung gegen Nun­ti­us Ber­nar­di­ni. Laut Papst-Bio­gra­phin Piqué habe der Nun­ti­us den dama­li­gen Erz­bi­schof von Bue­nos Aires, Jor­ge Mario Ber­go­glio, „lei­den las­sen“. Der Nun­ti­us habe sich näm­lich wie­der­holt Ber­go­gli­os Vor­schlä­gen für Bischofs­er­nen­nun­gen in den argen­ti­ni­schen Diö­ze­sen wider­setzt und dabei die Eig­nung der von Ber­go­glio genann­ten Kan­di­da­ten gegen­über dem Hei­li­gen Stuhl bestritten.

Auch in die­sem Fall geht der Vor­wurf ins Lee­re. Der 1997, also noch in der Zeit vor Ber­nar­di­ni ernann­te Bischof Fer­nan­do Maria Bar­gal­lò von Mer­lo-More­no, war durch die nach­drück­li­che Emp­feh­lung des damals bereits als Erz­bi­schof-Koad­ju­tor fest­ste­hen­den Weih­bi­schofs Ber­go­glio von Bue­nos Aires in sein Amt gelangt. Bischof Bar­gal­lò war einer jener argen­ti­ni­schen Bischö­fe, die bei Ber­go­glio beson­ders Lieb­kind waren. 2005 mach­te ihn Ber­go­glio zum Prä­si­den­ten der argen­ti­ni­schen Cari­tas und 2007 zum Prä­si­den­ten der Cari­tas von ganz Latein­ame­ri­ka und der Kari­bik. Bar­gal­lò führt andau­ernd zwei Schlüs­sel­be­grif­fe in sei­nem Mund, die ihn offen­sicht­lich für die­se Ämter qua­li­fi­ziert hat­ten: “Arme“ und “Armut“. Von ihm scheint auch der Aus­druck „exi­sten­ti­el­le Rän­der“ zu stam­men, den Papst Fran­zis­kus inzwi­schen in den welt­wei­ten Sprach­ge­brauch nicht nur der Katho­li­schen Kir­che ein­ge­führt hat.

Die Ergeb­nis­se die Msgr. Bar­gal­lò im Dienst der Armen in sei­ner Diö­ze­se, auf natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Ebe­ne erbrach­te, sind auf tri­ste Wei­se bekannt. Auch wenn sie nicht in das Kon­zept der Papst-Bio­gra­phin Piqué zu pas­sen schei­nen und des­halb von die­ser uner­wähnt blei­ben. Nur der letz­te Skan­dal sei genannt, der ihn schließ­lich sein Amt koste­te: Foto- und Film­be­wei­se zeig­ten den Bischof und Cari­tas-Prä­si­den­ten 2012 an kari­bi­schen Traum­strän­den fest um eine Frau geschlun­gen, mit der er in einem nicht gera­de „armen“ Fünf-Ster­ne-Hotel logier­te. Im Luxus­ho­tel begeg­ne­te der Bischof weder „Armen“ noch „exi­sten­ti­el­len Rän­dern“, son­dern genoß sein Dop­pel­le­ben. Papst Bene­dikt XVI. setz­te ihn als Bischof ab und ent­hob ihn aller Ämter. Selbst wenn man davon aus­geht, daß Bar­gal­lò auch sei­nen För­de­rer Ber­go­glio getäuscht hat, kann man es auf­grund sol­cher Per­so­nal­ent­schei­dun­gen Nun­ti­us Ber­nar­di­ni kaum ver­den­ken, daß er sich mehr­fach den Per­so­nal­vor­schlä­gen des Erz­bi­schofs von Bue­nos Aires wider­setz­te. Dabei wur­den hier nur Beden­ken wegen des Lebens­wan­dels, auf­ge­grif­fen. Ein ganz ande­res, ent­schei­den­de­res Kapi­tel wären noch die Beden­ken wegen der Über­zeu­gun­gen man­cher Kandidaten.

Text: Cor­ris­pon­den­za Romana/Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons/Pagina Catolica/Cruzada del San­to Rosario

1 Kommentar

  1. Das ist doch ein offen­sicht­li­cher Fall der Regel, dass Leu­te der glei­chen oder zumin­dest ähn­li­chen Gesin­nung ein­an­der fin­den und gegen­sei­tig för­dern. Ins­be­s­o­de­re wenn es um Dop­pel­mo­ral geht. Die cau­sa der Fran­zis­ka­ner der Imma­cu­la­ta, sowie mil­lio­nen­schwe­re Auf­trä­ge für Finanz­kon­zer­ne sind nur die bekann­te­sten Beweise…

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