„Das Spiel wird gefährlich“ — Wachsender Druck auf die Kirche vor Bischofssynode zum Thema Familie

Unauflöslichkeit der Ehe. Die Vermählung, Fresko von Giotto in der Capella degli Scrovegni in Padua(Rom) Im Okto­ber tritt auf Wunsch von Papst Fran­zis­kus die außer­or­dent­li­che Bischofs­syn­ode zum The­ma Fami­lie zusam­men. Seit­her wächst in- und außer­halb der Kir­che der Druck ver­schie­den­ster Kräf­te, die eine Ände­rung der kirch­li­chen Leh­re zum Ehe­sa­kra­ment, zur Sexua­li­tät, zur Fami­lie oder gleich ihres gan­zen Men­schen­bil­des for­dern. „Das Spiel wird gefähr­lich“, kom­men­tier­te der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster und mein­te das nicht nur auf das UNO-Kin­der­rechts­ko­mi­tee bezo­gen, son­dern eben­so auf die „Mei­nungs­um­fra­ge“, in die im deut­schen Sprach­raum der Fra­ge­bo­gen der Bischofs­syn­ode umfunk­tio­niert wur­de, mit bereits vor­ab fest­ste­hen­dem „pro­gres­si­ven“ Ergeb­nis. Auch mit Blick auf Papst Fran­zis­kus, der die Syn­ode ein­be­ru­fen und den Fra­ge­bo­gen mit abseh­ba­ren Fol­gen des Papst-Ver­trau­ten Neo-Kar­di­nal Bal­dis­se­ri gebil­ligt hat, und eben­so auf die aus­ge­rech­net in Deutsch­land getä­tig­ten Aus­sa­gen des Papst-Ver­trau­ten Kar­di­nal Mara­dia­ga. Wird das Spiel gefährlich?

„Ideologisch motivierter“ UNO-Angriff auf Kirche vor Bischofssynode

Der „ideo­lo­gisch moti­vier­te“ Bericht des UNO-Kin­der­rechts­ko­mi­tees, wie der Stän­di­ge Beob­ach­ter des Hei­li­gen Stuhl bei der UNO in Genf, Erz­bi­schof Toma­si kom­men­tier­te, ist auch unter die­sem Blick­win­kel zu lesen. Die Katho­li­sche Kir­che wird „über­ra­schend“ (Erz­bi­schof Toma­si) unter Ankla­ge gestellt, ob berech­tigt oder nicht, spielt dabei für vie­le Mas­sen­me­di­en nicht wirk­lich eine Rol­le. Der Grund ist in den „Emp­feh­lun­gen“ zu suchen, die der Ankla­ge nach­ge­scho­ben wur­den. Dar­in ist minu­ti­ös auf­ge­li­stet, was sich das Komi­tee von der Kir­che erwar­tet: eine Ände­rung ihrer Hal­tung zu Abtrei­bung, Ver­hü­tung, Homo­se­xua­li­tät, Gen­der-Ideo­lo­gie und Sexu­al­auf­klä­rung. Es scheint wenig glaub­haft, daß das Komi­tee nur im Namen der acht­zehn „Exper­ten“ sprach und in völ­li­ger Eigen­re­gie handelte.

Dem UNO-Kin­der­rechts­ko­mi­tee ste­hen neben der Nor­we­ge­rin Kir­sten Sand­berg vier Vize­prä­si­den­ten aus Sau­di-Ara­bi­en, Bah­rein, Äthio­pi­en und Sri Lan­ka zur Sei­te. Ins­ge­samt kom­men fünf von 18 Ver­tre­tern aus isla­mi­schen Staa­ten. Alles Län­der, die nicht gera­de mit ihrer Ein­hal­tung der Men­schen­rech­te bril­lie­ren. Doch die 18 Komi­tee-Mit­glie­der nah­men sich kein Blatt vor den Mund, als es gegen die Katho­li­sche Kir­che ging. Die Durch­sicht der Mit­glie­der ist durch­aus auf­schluß­reich: Unter den west­li­chen Mit­glie­dern fin­den sich bekann­te Befür­wor­ter der Homo-Agen­da, wie die Ita­lie­ne­rin Maria Rita Par­si. Die Beru­fung der Öster­rei­che­rin Rena­te Win­ter wur­de von der Sozia­li­sti­schen Par­tei Öster­reichs mit Ein­satz geför­dert und unter­stützt. Eini­ge Mit­glie­der sind gewis­ser­ma­ßen Mar­ke Eigen­bau der UNO, da sich ihre Kar­rie­re weit­ge­hend in bestimm­ten UNO-Gre­mi­en abspiel­te, deren Geist nur schwer als christ­lich bezeich­net wer­den könn­te. Mehr­hei­ten gegen die Katho­li­sche Kir­che sind unter sol­chen Vor­aus­set­zun­gen nicht schwie­rig zustan­de­zu­brin­gen. Die arro­gan­te Art aller­dings, mit der die 18 „Exper­ten“ den kirch­li­chen Ein­satz gegen Pädo­phi­lie igno­rier­ten und die Zustän­dig­keit des Kin­der­rechts­ko­mi­tees über­schrit­ten, haben etwas Bedenkliches.

„Das Spiel wird gefähr­lich“, kom­men­tier­te der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster und merk­te an, daß Papst Fran­zis­kus auch in die­sem Rund­um­schlag gegen die Kir­che geschont wur­de. Die „Emp­feh­lun­gen“ des UN-Komi­tees zie­len durch­wegs auf The­men ab, die Gegen­stand der von Papst Fran­zis­kus ein­be­ru­fe­nen Bischofs­syn­ode im Herbst sind. „Das Spiel wird gefähr­lich“, so Magister.

Deutsche Bischöfe geben bizarr irritierendes Bild

Im deut­schen Sprach­raum ver­geht kei­ne Woche, in der nicht ein Bischof oder hoher Kir­chen­ver­tre­ter mehr oder weni­ger dreist eine Ände­rung der kirch­li­chen Moral­leh­re for­dert. Das Sze­na­rio hat etwas bizarr Irri­tie­ren­des, denn schließ­lich soll­te ja ein Bischof sich als erster unter den Gläu­bi­gen mit der kirch­li­chen Leh­re iden­ti­fi­zie­ren und sei­ne Her­de dar­in unter­wei­sen und stär­ken. Stel­lung­nah­men, wie die jüng­ste vom Trie­rer Bischof Ste­phan Acker­mann, hören sich nach einem Fern­ste­hen­den an, der mit Unver­ständ­nis von außen etwas von der Kir­che for­dert. Acker­mann, 2009 von Papst Bene­dikt XVI. ernannt, scheint zum Kreis der zahl­rei­chen Fehl­be­set­zun­gen auf deut­schen Bischofs­stüh­len zu gehö­ren. Vor weni­gen Tagen schrieb ein Leser, daß er über die „Treff­si­cher­heit der Nun­tien“ stau­ne, „unge­eig­ne­te Kan­di­da­ten vor­zu­schla­gen“. Dar­über stau­nen darf man zurecht. Die Wahr­heit dürf­te jedoch dar­in lie­gen, daß die­se Bischofs­er­nen­nun­gen ein „gutes Mit­tel­maß“ des jewei­li­gen diö­ze­sa­nen Kle­rus dar­stel­len, was die Sache zuge­be­ner­ma­ßen noch weit dra­ma­ti­scher erschei­nen läßt.

„Wür­den die Bischö­fe die Zeit dafür ein­set­zen, den Glau­ben der Kir­che gera­de auch zu den ‚hei­ßen‘ The­men zu ver­kün­den, die sie dar­auf ver­wen­den ihn zu kri­ti­sie­ren, sich von ihm zu distan­zie­ren und zeit­gei­sti­ge Ände­run­gen anzu­re­gen, wür­de es um das reli­giö­se Leben wesent­lich bes­ser bestellt sein“, schrieb Ris­cos­sa Cri­stia­na zur deut­schen Dis­kus­si­on um die Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­ner zu den Sakra­men­ten. Bischof Acker­mann mein­te jüngst, die Men­schen von heu­te wür­den die kirch­li­che Leh­re nicht mehr ver­ste­hen. Viel­leicht soll­te man sie ihnen ein­fach und end­lich wie­der erklären.

Jagdstimmung in der Schweiz: Bischof Vitus Huonder scherte mit seiner Antwort aus

In der Schweiz lie­gen die Angrif­fe gegen den Chu­rer Bischof Vitus Huon­der auf der­sel­ben Linie. Huon­der ver­öf­fent­lich­te sei­ne exzel­len­te Ant­wort zum Fra­ge­bo­gen der Bischofs­syn­ode im Inter­net. Seit­her steht der Bischof bru­tal oder sub­til von ver­schie­de­nen Sei­ten unter Dau­er­be­schuß, ein­schließ­lich eini­ger bischöf­li­cher Mit­brü­der, denen der streit­ba­re Chu­rer Ober­hir­te lästig ist. Ein Ver­gleich sei­ner Ant­wort mit jenen ande­rer Diö­ze­sen legt die Glau­bens­de­fi­zi­te gna­den­los offen. Eini­ge woll­ten, daß die Schwei­zer Bischö­fe eine gemein­sa­me Ant­wort nach Rom schicken, die mit­tels Mehr­heits­be­schluß in eine bestimm­te Rich­tung gehen soll­te. Bischof Huon­der durch­schau­te das Spiel und woll­te nicht durch eine „Mehr­heit“ unsicht­bar gemacht wer­den. Dem kam er durch die eigen­stän­di­ge Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Ant­wort zuvor. Seit­her herrscht Jagdstimmung.

Papst Fran­zis­kus selbst ermög­lich­te mit dem Fra­ge­bo­gen des Sekre­ta­ri­ats der Bischofs­syn­ode, daß der Druck auf die Kir­che erhöht wer­den kann. Der Fra­ge­bo­gen stammt von einem der eng­sten Mit­ar­bei­ter des Pap­stes, Erz­bi­schof Loren­zo Bal­dis­se­ri. Fran­zis­kus mach­te ihn zum Sekre­tär der Bischofs­syn­ode und wird ihn am 22. Febru­ar zum Kar­di­nal erheben.

Antworten glaubenstreuer Katholiken einfach verschwunden

Die Diö­ze­sen des deut­schen Sprach­raums mach­ten die Erhe­bung, die sich eigent­lich an die Bischö­fe rich­te­te, mehr oder weni­ger zu einer Art „Mei­nungs­um­fra­ge“. Im Inter­net konn­te jeder ohne Zugangs­kri­te­ri­en dar­auf ant­wor­ten. Seit die Ergeb­nis­se bekannt sind, stau­nen vor allem recht­gläu­bi­ge Katho­li­ken. Die Ant­wor­ten sei­en ein Ple­bis­zit für nicht­ka­tho­li­sche Posi­tio­nen wie die Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner zu den Sakra­men­ten und die Aner­ken­nung der Homo­se­xua­li­tät gewor­den. Das Ergeb­nis fiel damit exakt so aus, wie bestimm­te pro­gres­si­ve kirch­li­che Ämter bekann­ter­ma­ßen den­ken. Der Redak­ti­on lie­gen zahl­rei­che Ant­wor­ten und Bele­ge von glau­bens­treu­en Katho­li­ken vor, die sich schrift­lich an ihre Bischö­fe wand­ten oder im Inter­net den Fra­ge­bo­gen aus­füll­ten, die katho­li­sche Leh­re ver­tei­dig­ten und teils har­sche Kri­tik an teil häre­ti­schen Prak­ti­ken in den Diö­ze­sen und Pfar­rei­en übten. Doch in den offi­zi­el­len Ergeb­nis­sen fin­det sich davon kei­ne Spur. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

So ver­wun­dert es nicht, daß selbst die Bischö­fe bei der Vor­stel­lung der „Ergeb­nis­se“ die­se kir­chen­kri­ti­sche „Mono­pol­m­ei­nung“ ver­tra­ten. Kar­di­nal Mara­dia­ga, ein ande­rer Papst-Ver­trau­ter, gab in sei­nem Inter­view vom 20. Janu­ar die Linie vor, die von nicht weni­gen Bischö­fen im deut­schen Sprach­raum freu­dig auf­ge­grif­fen wur­de: Die alte Fami­lie gebe es nicht mehr. Alles sei neu. Auch die Kir­che müs­se daher neue Ant­wor­ten auf der „Höhe der Zeit“ geben.

Ist heutige Situation für die Kirche wirklich etwas ganz Neues?

„Stimmt es aber wirk­lich, daß die Kir­che heu­te einer nie gekann­ten, neu­en Situa­ti­on gegen­über­steht?“, fragt der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster. „Kei­nes­wegs“ sei­ne Ant­wort. Als die von Chri­stus gestif­te­te Kir­che ihren Weg durch die  Geschich­te begann, stand sie einer Viel­zahl ganz unter­schied­lich­ster For­men im Ver­hält­nis zwi­schen den Geschlech­tern gegen­über, ein­schließ­lich der Homo­se­xua­li­tät, der Schei­dung und des Kin­der­mor­des. In die­se „Diver­si­tät“ hin­ein tru­gen die Chri­sten das von Chri­stus ihnen offen­bar­te Modell der unauf­lös­li­chen Ehe. „Und das war kei­nes­wegs ein ‚altes‘ Modell, son­dern ein ganz neu­es und zudem von hohem Anspruch, damals wie heu­te“, so Magister.

Die christ­li­che Ehe war im Dickicht unge­ord­ne­ter Model­le eine regel­recht revo­lu­tio­nä­re Neu­heit, der star­ker Wider­stand ent­ge­gen­ge­setzt wur­de, die sich jedoch schritt­wei­se durch­setz­te, weil sie der Natur des Men­schen ent­spricht. Heu­te geht die Ent­wick­lung als logi­sche Fol­ge einer all­ge­mei­nen Ent­christ­li­chung in die umge­kehr­te Rich­tung. Es ist fata­ler Rück­schritt in die alte heid­ni­sche Zeit, nicht ein „Fort­schritt“ in etwas angeb­lich noch nie Dage­we­se­nes. Um so mehr erstaunt es, wie bereit­wil­lig selbst Bischö­fe die­sen Rück­schritt zu unter­stüt­zen schei­nen, der nicht der Schlüs­sel zu einer neu­en christ­li­chen Ära ist, wie Kar­di­nal Mara­dia­ga ora­kel­te, son­dern ein Schritt in die Entchristlichung.

Benedikt XVI.: „Ehepastoral muß auf der Wahrheit gründen“

Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger schrieb 1998 im ita­lie­ni­schen Band der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on „Die Seel­sor­ge für wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­ne“ (Docu­men­ti e Stu­di 17): „Die Ehe­pa­sto­ral muß auf der Wahr­heit grün­den“. Sein Vor­wort ließ er am 30. Novem­ber 2011 als Papst Bene­dikt XVI. wegen der Aktua­li­tät im Osser­va­to­re Roma­no erneut ver­öf­fent­li­chen. Dar­in wider­sprach er jener inner­kirch­li­chen Mei­nung, die behaup­tet, die heu­ti­ge Ehe­leh­re der Kir­che stüt­ze sich nur auf einen Teil der Väter­tra­di­ti­on, denn in der Früh­pha­se des Chri­sten­tums habe es neben der Akri­bia, der Treue zur geof­fen­bar­ten Wahr­heit, auch die Oiko­no­mia gege­ben, eine lie­bes­be­ding­te Fle­xi­bi­li­tät, die nach einer gewis­sen Buß­zeit unter Beru­fung auf Mat­thä­us 19,9 „Aus­nah­men“ von der Unauf­lös­lich­keit der Ehe gewährt habe. Dar­auf habe sich spä­ter die ortho­do­xe Pra­xis gestützt.

Bene­dikt XVI. stell­te jedoch klar, daß es eine sol­che Aus­nah­me­pra­xis in Wirk­lich­keit nie gege­ben hat. Die Behaup­tung beru­he viel­mehr auf einem nicht unin­ter­es­sier­ten Lese­feh­ler. Bene­dikt XVI. leug­ne­te dabei nicht, daß in der Kir­chen­ge­schich­te ein­zel­ne Fäl­le in der Spät­an­ti­ke und im Früh­mit­tel­al­ter bekannt sind, wo nach Buß­ak­ten Aus­nah­men gewährt wur­den. Der Weg der Kir­che kön­ne jedoch nie weg, son­dern müs­se immer hin zur Wahr­heit füh­ren. Falsch ver­stan­de­ne Aus­nah­men in einem bestimm­ten histo­ri­schen Moment, dürf­ten für die Kir­che kein Maß­stab sein. Des­halb gebe es kein Zurück hin­ter die erkann­te Wahr­heit der von Chri­stus gestif­te­ten, unauf­lös­li­chen Ehe. Der Ursprung des Ehe­sa­kra­ments, so Bene­dikt XVI., sind die unmiß­ver­ständ­li­chen Wor­te Jesu von der Unauf­lös­lich­keit der Ehe. Wor­te „über die die Kir­che kei­ne Macht hat“ und die Schei­dung und Wie­der­ver­hei­ra­tung ein­deu­tig ausschließen.

Ver­ein­zelt gab es zwar immer wie­der Bischö­fe, die unter Beru­fung auf Mat­thä­us 19,9 „Aus­nah­men“ anreg­ten, doch alle Ver­su­che wur­den zurück­ge­wie­sen, so vom Kon­zil von Tri­ent eben­so wie vom Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil oder der Bischofs­syn­ode von 1980.

Viel­leicht soll­ten auch deut­sche Bischö­fe die Kir­chen­vä­ter, die kirch­li­chen Lehr­aus­sa­gen zum Ehe­sa­kra­ment und auch mehr Bene­dikt XVI. lesen.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Ver­mäh­lung, Fres­ko von Giot­to, Cap­pel­la degli Scro­ve­g­ni, Padua

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