Sandro Magister: Wende und Bruch von Papst Franziskus – Distanz zu Johannes Paul II. und Benedikt XVI.

Papst Franziskus und der Atheist Eugenio Scalfari: revolutionärer Paradigmenwechsel im neuen Pontifikat. Die Distanzierung von Johannes Paul II. und Benedikt XVI.(Rom) Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster sieht in den Inter­views mit der Civil­tà  Cat­to­li­ca und dem Frei­mau­rer und Athe­isten Euge­nio Scal­fa­ri die Umris­se des Regie­rungs­pro­gramms für das neue Pon­ti­fi­kat. Ein Pro­gramm der „Distan­zie­rung“ von den Vor­gän­ger­päp­sten. Papst Fran­zis­kus pro­gram­ma­ti­sche Aus­sa­gen könn­ten, wie Scal­fa­ris Begei­ste­rung bewei­se, von jedem Lai­zi­sten, Athe­isten und Frei­mau­rer ange­nom­men wer­den. Ist das aber gut so? Oder wirft es nicht Zwei­fel auf, ob der Kurs des Pap­stes wirk­lich der rich­ti­ge ist? Joseph Ratz­in­ger sag­te 1978 zum Tode von Papst Paul VI., ein Papst, der kei­ne Kri­tik pro­vo­zie­re, hät­te sei­ne Auf­ga­be ver­fehlt. Fran­zis­kus gehe in Wor­ten und Taten bewußt auf Distanz zu sei­nen Vor­gän­gern und mei­de alles, was Wider­spruch von Sei­ten der vor­herr­schen­den kir­chen­fer­nen öffent­li­chen Mei­nung pro­vo­zie­re. Was Papst Fran­zis­kus über das auto­no­me Gewis­sen als letzt­lich ein­zi­ge Ent­schei­dungs­in­stanz sag­te, müs­se jedes Frei­mau­rer­herz höher­schla­gen las­sen, denn das ent­spre­che genau dem, was die Frei­mau­re­rei seit bald 300 Jah­ren durch­zu­set­zen ver­su­che. Der Papst lei­ste kei­nen Wider­stand gegen ein sich aus­brei­ten­des Men­schen­bild ohne Gott, das in offe­nem Wider­spruch zum von Gott nach Sei­nem Eben­bild erschaf­fe­nen Men­schen steht. Auf die­ser Linie der vor­herr­schen­den Mei­nung zu gefal­len, sei auch das Vor­ge­hen von Papst Fran­zis­kus gegen die Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta zu sehen. Ein Schritt, den Bene­dikt XVI. als „Wun­de“ bezeich­net habe, die von Papst Fran­zis­kus sei­nem Motu pro­prio Summorum Pon­ti­fi­cum zuge­fügt wor­den sei. Dazu gehört vor weni­gen Tagen auch die  Ent­las­sung aller Con­sul­to­ren des Amtes für die lit­ur­gi­schen Fei­ern des Pap­stes, die Bene­dikt XVI. zur Unter­stüt­zung sei­ner lit­ur­gi­schen Erneue­rung beru­fen hat­te. Statt Pater Uwe Micha­el Lang und Don Nico­la Bux berief Fran­zis­kus Lit­ur­gi­ker, die sei­nem neu­en Zele­bra­ti­ons­stil nahe­ste­hen. Katho​li​sches​.info erlaubt sich noch die Fra­ge anzu­fü­gen, wie und wes­halb es über­haupt zu dem „neu­en Dia­log“ zwi­schen Papst Fran­zis­kus und dem Athe­isten Euge­nio Scal­fa­ri kam, der so pro­gram­ma­ti­sche Züge annahm?

Die Wende von Papst Franziskus

Wer ver­ste­hen wol­le, in wel­che Rich­tung Papst Fran­zis­kus gehe und wor­in sei­ne Distan­zie­rung von Bene­dikt XVI. und aller Vor­gän­ger­päp­ste bestehe, brau­che nur vier Tex­te zu lesen, die im Sep­tem­ber für Medi­en­auf­se­hen sorg­ten, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster. Magi­ster ana­ly­siert die jüng­ste Kor­re­spon­denz zwi­schen Papst Fran­zis­kus und Bene­dikt XVI. mit den Athe­isten Euge­nio Scal­fa­ri und Pier­gi­or­gio Odi­fred­di und die erste Sit­zung des C8-Kar­di­nal­s­rats zur Kuri­en­re­form. Der Vati­ka­nist meint dar­in eine „Wen­de“ des regie­ren­den Pap­stes, zu erken­nen, die einem Bruch und einer Distan­zie­rung von sei­nen bei­den Vor­gän­ger­päp­sten Bene­dikt XVI. und Johan­nes Paul II. ent­spricht. „In Wort und Tat“, so Magi­ster. Papst Fran­zis­kus besucht am heu­ti­gen Frei­tag Assi­si, die Stadt sei­nes Namens­pa­trons, des Hei­li­gen Franz von Assisi.

Mehr noch als die­ser Besuch in Mit­tel­ita­li­en sei­en vier Medi­en­er­eig­nis­se im Sep­tem­ber bezeich­nend für das neue Pon­ti­fi­kat, so Magister.

  • Das Inter­view von Papst Fran­zis­kus in der Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà  Cattolica
  • Das Schrei­ben von Papst Fran­zis­kus an Euge­nio Scal­fa­ri, mit dem er auf des­sen öffent­lich gestell­te Fra­gen antwortete.
  • Das dar­auf fol­gen­de Gesprächs­in­ter­view zwi­schen Papst Fran­zis­kus und Euge­nio Scalfari.
  • Die Ant­wort von Bene­dikt XVI. auf Pier­gi­or­gio Odi­fred­di, einen ande­ren Ver­tre­ter eines mili­tan­ten Atheismus.

Wer Richtung und Distanzierung von Franziskus verstehen will, muß vier Texte lesen

„Wer ver­ste­hen will, in wel­che Rich­tung Fran­zis­kus gehen will und wor­in sei­ne Distan­zie­rung von Bene­dikt XVI. und den ande­ren Vor­gän­ger­päp­sten besteht, braucht nur die­se vier Tex­te zu lesen und zu ver­glei­chen“, so Magister.

Im Civil­tà  Cat­to­li­ca-Inter­view gibt es eine Stel­le, die welt­weit gera­de­zu als radi­ka­ler Bruch nicht nur gegen­über Bene­dikt XVI., son­dern auch gegen­über Johan­nes Paul II. ver­stan­den wurde.

„Wir kön­nen uns nicht nur mit der Fra­ge um die Abtrei­bung befas­sen, mit homo­se­xu­el­len Ehen, mit den Ver­hü­tungs­me­tho­den. Das geht nicht. Ich habe nicht viel über die­se Sachen gespro­chen. Das wur­de mir vor­ge­wor­fen. Aber wenn man davon spricht, muss man den Kon­text beach­ten. Man kennt ja übri­gens die Ansich­ten der Kir­che, und ich bin ein Sohn der Kir­che. Aber man muss nicht end­los davon spre­chen. Die Leh­ren, sowohl die dog­ma­ti­schen als auch die mora­li­schen, sind nicht alle gleich­wer­tig. Eine mis­sio­na­ri­sche Seel­sor­ge ist nicht beses­sen von der los­ge­lö­sten Ver­mitt­lung einer Viel­zahl von Leh­ren, die mit Nach­druck durch­zu­set­zen sind. Die Ver­kün­di­gung mis­sio­na­ri­scher Art kon­zen­triert sich auf das Wesent­li­che, auf das Not­wen­di­ge, was auch das ist, was begei­stert und am mei­sten anzieht, das, was das Herz ent­flammt, wie bei den Jün­gern von Emma­us. Wir müs­sen daher ein neu­es Gleich­ge­wicht fin­den, andern­falls läuft auch das mora­li­sche Gebäu­de der Kir­che Gefahr, wie ein Kar­ten­haus ein­zu­stür­zen, sei­ne Fri­sche und den Geruch des Evan­ge­li­ums zu verlieren.“

Magi­ster dazu: „Natür­lich ist sich Papst Fran­zis­kus bewußt, daß auch für die bei­den Päp­ste, die ihm vor­an­gin­gen, die Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums die höch­ste Prio­ri­tät war; daß für Johan­nes Paul II. die Barm­her­zig­keit Got­tes so zen­tral war, daß er ihr einen Sonn­tag im Kir­chen­jahr wid­me­te; daß Bene­dikt XVI. gera­de über Jesus wah­rer Gott und wah­rer Mensch sein Lebens­werk als Theo­lo­ge und Hir­te ver­faß­te; daß kurz­um nichts von alle­dem ihn dar­in von sei­nen Vor­gän­gern unterscheidet.“

Der Papst wis­se, daß das­sel­be auch für jene Bischö­fe gilt, die am klar­sten in Über­ein­stim­mung dar­in den bei­den Vor­gän­ger­päp­sten folg­ten. In Ita­li­en zum Bei­spiel Camil­lo Kar­di­nal Rui­ni, der frü­he­re Vor­sit­zen­de der ita­lie­ni­schen Bischofskonferenz.

„Fransziskus scheint epochalen Ernst der Zivilisationsentwicklung nicht verstanden zu haben“

Sowohl Karol Woj­ty­la als auch Joseph Ratz­in­ger, wie die Kar­di­nä­le Rui­ni oder um auf die USA zu blicken, Fran­cis Geor­ge und Timo­thy Dolan waren sich bewußt, daß die Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums heu­te nicht ohne eine kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem neu­en Men­schen­bild mög­lich ist, das in radi­ka­lem Wider­spruch zum von Gott nach sei­nem Eben­bild geschaf­fe­nen Men­schen steht.

„Und genau in die­sem Punkt geht Papst Fran­zis­kus auf Distanz zu sei­nen bei­den Vor­gän­gern“, so Magi­ster. Im Civil­tà  Cat­to­li­ca-Inter­view fin­de sich eine wei­te­re Schlüs­sel­stel­le. Pater Anto­nio Spa­daro frag­te den Papst zur aktu­el­len „anthro­po­lo­gi­schen Her­aus­for­de­rung“. Doch Papst Fran­zis­kus ant­wor­tet ihm nur aus­wei­chend. Mit sei­ner Ant­wort „zeigt er, den epo­cha­len Ernst der Lage der Ent­wick­lung der Zivi­li­sa­ti­on nicht erkannt zu haben, die von Bene­dikt XVI. mit sol­chem intel­lek­tu­el­lem Nach­druck ana­ly­siert und kri­ti­siert wur­de und vor­her bereits von Johan­nes Paul II.“ Papst Fran­zis­kus gibt sich über­zeugt davon, daß es hin­ge­gen genü­ge, auf die Her­aus­for­de­rung der Gegen­wart mit der simp­len Ver­kün­di­gung eines barm­her­zi­gen Got­tes zu ant­wor­ten, jenes Got­tes, „der die Son­ne über Schlech­ten und Guten auf­ge­hen läßt und es auf die Gerech­ten und die Unge­rech­ten reg­nen lasse“.

Bis zu sei­nem Tod 2012 war es vor allem Car­lo Maria Kar­di­nal Mar­ti­ni, der die­se alter­na­ti­ve Rich­tung zu Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. ver­tre­ten hat­te. In den USA war es Joseph Kar­di­nal Ber­nar­din, bevor ein ver­än­der­ter Epi­sko­pat die Kar­di­nä­le Geor­ge und dann Dolan an die Spit­ze der Bischofs­kon­fe­renz setz­te, die treue Gefolgs­män­ner Woj­ty­las und Ratz­in­gers sind.

Jubel für Franziskus derselbe Jubel, der Kardinal Martini galt

„Die Anhän­ger und Bewun­de­rer Mar­ti­nis und Ber­nardins sehen heu­te hin­ge­gen in Fran­zis­kus den Papst, der ihren Vor­stel­lun­gen einer Revan­che Gestalt ver­leiht“, so Magi­ster. Und so wie Kar­di­nal Mar­ti­ni Zeit sei­nes Lebens und auch heu­te noch in der ver­öf­fent­li­chen Mei­nung äußerst popu­lär war, so gilt das­sel­be nun für Papst Fran­zis­kus. Zie­he man dazu einen Ver­gleich mit den media­len Keu­len­schlä­gen gegen Johan­nes Paul II. und weit mehr noch gegen Bene­dikt XVI., dann wer­de die Medi­en­stoß­rich­tung ganz deutlich.

Der Brief­wech­sel zuerst und das Gespräch danach zwi­schen Fran­zis­kus und dem beken­nen­den Athe­isten Scal­fa­ri „hel­fen, die­se Popu­la­ri­tät des Pap­stes auch in par­ti­bus infi­de­li­um zu erklä­ren“, so der Vatikanist.

Bereits am 7. August, als Scal­fa­ri öffent­lich sei­ne Fra­gen an den Papst rich­te­te, ließ der Athe­ist und erklär­te Kir­chen­geg­ner deut­lich Sym­pa­thien für das neue Kir­chen­ober­haupt durchblicken:

„Sei­ne Mis­si­on ent­hält zwei skan­da­lö­se Neu­ig­kei­ten: die arme Kir­che von Fran­zis­kus und die hori­zon­ta­le Kir­che von Mar­ti­ni. Und eine drit­te: ein Gott, der nicht urteilt, son­dern ver­gibt. Es gibt kei­ne Ver­damm­nis, es gibt kei­ne Hölle.“

„Es gibt keine Verdammnis, es gibt keine Hölle“, der Jubel Scalfaris

Hat­te Scal­fa­ri da etwas gründ­lich miß­ver­stan­den? Oder hat der Athe­ist etwas bes­ser ver­stan­den, als vie­le Katho­li­ken wahr­ha­ben wol­len? Der Papst ant­wor­te dem Athe­isten, ein nie dage­we­se­ner Akt eines Pap­stes. Was aber füg­te Scal­fa­ri noch hin­zu, als er das Ant­wort­schrei­ben von Papst Fran­zis­kus ver­öf­fent­lich­te und kommentierte?

„Eine Öff­nung gegen­über einer moder­nen und lai­zi­sti­schen Kul­tur die­sen Aus­ma­ßes, eine so tie­fe Visi­on zwi­schen dem Gewis­sen und sei­ner Auto­no­mie, hat man bis­her nie vom Stuhl des Hei­li­gen Petrus gehört.“

Mit die­ser Fest­stel­lung mein­te Scal­fa­ri ganz beson­ders eine Stel­le im Ant­wort­schrei­ben des Pap­stes, die das Herz eines jeden Frei­mau­rers vor Begei­ste­rung höher schla­gen läßt, näm­lich den behaup­te­ten Pri­mat des Gewissens.

„Die Fra­ge für den nicht an Gott Glau­ben­den dar­in, dem eige­nen Gewis­sen zu gehor­chen. Sün­de ist auch beim Nicht­glau­ben­den, wenn man gegen das Gewis­sen han­delt. Auf das Gewis­sen zu hören und ihm zu gehor­chen bedeu­tet näm­lich, sich ange­sichts des als gut oder böse Erkann­ten zu ent­schei­den. Und von die­ser Ent­schei­dung hängt ab, ob unser Han­deln gut oder schlecht ist.“

Das war alles. Papst Fran­zis­kus sag­te nur das zur Fra­ge des Gewis­sens. Nicht weni­ge Leser, so Magi­ster, frag­ten sich, wie sich eine so sub­jek­ti­vi­sti­sche Defi­ni­ti­on des Gewis­sens, in der das Indi­vi­du­um als allei­ni­ge Ent­schei­dungs­in­stanz erscheint, mit der christ­li­chen Idee vom Gewis­sen als Weg des Men­schen hin zur Wahr­heit ver­ein­ba­ren läßt, wie sie seit Jahr­hun­der­ten im theo­lo­gi­schen Den­ken von Augu­sti­nus bis New­man ver­tieft wird, und von Papst Bene­dikt XVI. mit Nach­druck betont wurde.

Das Gewissen als subjektive letzte Entscheidungsinstanz – Die Logen könnten es nicht besser sagen

Papst Fran­zis­kus ging aber noch wei­ter. Nach dem unge­wöhn­li­chen Brief­wech­sel gewähr­te er Scal­fa­ri ein Gespräch, das eben­falls ver­öf­fent­licht wur­de. Dar­in ergänz­te oder kor­ri­gier­te er etwa nicht sei­ne ver­kürz­te Dar­stel­lung des Gewis­sens in sei­nem Brief, son­dern bekräf­tig­te sei­ne Aus­sa­ge, indem er das Gewis­sen noch dra­sti­scher auf einen sub­jek­ti­ven Akt reduzierte:

„Jeder von uns hat eine Sicht von Gut und Böse und muß sich ent­schei­den, dem Guten zu fol­gen und das Böse zu bekämp­fen, so wie er es ver­steht. Das wür­de genü­gen, um die Welt zu verändern.“

Es erstaunt daher nicht, daß der athe­isti­sche Illu­mi­nist Scal­fa­ri bei­pflich­tend hin­zu­füg­te, die Wor­te Ber­go­gli­os über das Gewis­sen „völ­lig zu teilen“.

Papst Franziskus: „Unser Ziel ist nicht Proselytenmacherei“ – Revolutionärer Paradigmenwechsel

Eben­so­we­nig ver­wun­dert Scal­fa­ris Begei­ste­rung für fol­gen­de Wor­te des Pap­stes, die er wie ein Pro­gramm für sein Pon­ti­fi­kat prä­sen­tier­te oder in sei­nen Wor­ten: „das drin­gend­ste Pro­blem, das die Kir­che vor sich hat“:

„Unser Ziel ist nicht Pro­se­ly­ten­ma­che­rei, son­dern das Hören der Nöte, der Wün­sche, der Ent­täu­schun­gen, der Ver­zweif­lung, der Hoff­nung. Wir müs­sen den Jun­gen Hoff­nung zurück­ge­ben, den Alten hel­fen, uns der Zukunft öff­nen, die Lie­be ver­brei­ten. Arme unter Armen. Wir müs­sen die Aus­ge­schlos­se­nen ein­schlie­ßen und den Frie­den pre­di­gen. Das Zwei­te Vati­ka­num, von Papst Johan­nes und Paul VI. inspi­riert, ent­schied mit moder­nem Geist in die Zukunft zu schau­en und sich der moder­nen Kul­tur zu öff­nen. Die Kon­zils­vä­ter wuß­ten, daß die Öff­nung zur moder­nen Kul­tur reli­giö­ser Öku­me­nis­mus und Dia­log mit den Nicht-Gläu­bi­gen bedeu­te­te. Danach aber wur­de sehr wenig in die­se Rich­tung getan. Ich habe die Demut und die Ambi­ti­on, es zu tun.“

In die­sem Pro­gramm von Papst Fran­zis­kus fin­de sich nichts, was nicht von der vor­herr­schen­den lai­zi­sti­schen Mei­nung akzep­tiert wer­den könn­te, so Magi­ster. Auch die Behaup­tung, Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. hät­ten „sehr wenig“ getan, um das Zwei­te Vati­ka­num umzu­set­zen und die Kir­che der moder­nen Kul­tur zu öff­nen, ent­spricht ganz die­ser Linie. „Das Geheim­nis der Popu­la­ri­tät von Fran­zis­kus liegt in der Groß­zü­gig­keit, mit der er den Erwar­tun­gen der ‚moder­nen Kul­tur‘ ent­spricht und der Sorg­falt, mit der er alles mei­det, was Wider­spruch aus­lö­sen könn­te“, so Magister.

Franziskus meidet akkurat Widerspruch – Ratzinger: „Papst der keine Kritik provoziert, hätte Aufgabe verfehlt“

Auch dar­in unter­schei­det er sich ent­schie­den von sei­nen Vor­gän­gern, sogar Paul VI. mit ein­ge­schlos­sen. Es gibt eine Stel­le in der Pre­digt, die der dama­li­ge Erz­bi­schof von Mün­chen-Frei­sing, Joseph Ratz­in­ger am 10. August 1978 beim Tod von Papst Mon­ti­ni hielt und die „außer­ge­wöhn­lich erhel­lend“ ist, auch wegen sei­nes Ver­wei­ses auf das Gewis­sen, „das sich an der Wahr­heit mißt“:

„Ein Papst, der heu­te nicht kri­ti­siert wür­de, hät­te in die­ser Zeit sei­ne Auf­ga­be verfehlt.“

In die­sem Zusam­men­hang, so Magi­ster, sei das Schrei­ben von Bene­dikt XVI. an den Athe­isten Pier­gi­or­gio Odi­fred­di zu lesen, mit dem er uner­war­tet sein selbst­auf­er­leg­ten Schwei­gen durchbrach.

Bei­de frü­he­re Päp­ste dis­ku­tier­ten mit beken­nen­den Athe­isten und kir­chen­fer­nen Mei­nungs­füh­rern. „Sie taten es jedoch in einer ganz ande­ren Form. Wenn Fran­zis­kus die Stei­ne des Ansto­ßes mei­det, mach­te sie Bene­dikt XVI. beson­ders sicht­bar“, so Magi­ster. Genau so habe es der im Febru­ar zurück­ge­tre­te­ne Papst auch gegen­über Odi­fred­di getan, teils durch einen Fron­tal­an­griff, mit dem er auf Odi­fred­dis Fron­tal­an­griff antwortete.

Es sei­en aber nicht nur die Wor­te und die For­men des Dia­logs, mit denen Papst Fran­zis­kus die Distanz zu sei­nen bei­den Vor­gän­gern sucht. „Es sind vor allem die Fak­ten“, so Magister.

Distanzierung durch Fakten: Verbot für Franziskaner der Immakulata überlieferten Ritus zu zelebrieren

An erster Stel­le nennt der Vati­ka­nist das Ver­bot, mit dem Papst Fran­zis­kus den Fran­zis­ka­nern der Imma­ku­la­ta die Zele­bra­ti­on im über­lie­fer­ten Ritus unter­sag­te. Einem Orden, sel­ten genug in der katho­li­schen Kir­che von heu­te, der eigent­lich genau dem Ide­al­bild des neu­en Pap­stes ent­spre­chen müß­te. Ein fran­zis­ka­ni­scher Orden, der die evan­ge­li­sche Armut strikt lebt und ein mis­sio­na­ri­scher Orden, der „hin­aus­geht“. Einer der weni­gen katho­li­schen Orden, der blüht und kei­ne Nach­wuchs­sor­gen hat. Und den­noch ist aus­ge­rech­net die­ser Orden der ein­zi­ge, den Papst Fran­zis­kus bis­her maß­re­gel­te und unter kom­mis­sa­ri­sche Ver­wal­tung stell­te. Der Grund: die Tra­di­ti­ons­ver­bun­den­heit des Ordens und die Alte Mes­se. Das Zele­bra­ti­ons­ver­bot „ist eine effek­ti­ve Ein­schrän­kung jener Frei­heit, die­sen Ritus zu zele­brie­ren, die Bene­dikt XVI. allen zuge­si­chert hat­te“, so Magister.

Besu­cher, die mit Bene­dikt XVI. zusam­men­tref­fen konn­ten, berich­ten, daß der ehe­ma­li­ge Papst in der Ein­schrän­kung ein „vul­nus“ gegen sein Motu pro­prio Summorum Pon­ti­fi­cum von 2007 sieht, so Magister.

Im Civil­tà  Cat­to­li­ca-Inter­view tat Fran­zis­kus die Frei­ga­be des über­lie­fer­ten Ritus durch Bene­dikt XVI. als Akt der Groß­zü­gig­keit ab, eben als „Hil­fe“ für eini­ge weni­ge, die „die­se Sen­si­bi­li­tät haben“. Dabei hat­te Bene­dikt XVI. sei­ne Absicht in einem Brief an alle Bischö­fe, auch an Ber­go­glio, ein­deu­tig kund­ge­tan, auf daß sich „die bei­den For­men des Römi­schen Ritus sich gegen­sei­tig berei­chern können“.

Alle liturgischen Consultoren Benedikts XVI. en bloc entlassen, auch Pater Lang und Don Bux

Im sel­ben Inter­view bezeich­ne­te Papst Fran­zis­kus die nach­kon­zi­lia­re Lit­ur­gie­re­form „als ein Dienst am Volk um das Evan­ge­li­um neu zu lesen ange­fan­gen bei einer kon­kre­ten histo­ri­schen Situa­ti­on“. Eine Defi­ni­ti­on, die, so Magi­ster“, „stark reduk­tiv ist im Ver­gleich zur lit­ur­gi­schen Sicht, die dem Theo­lo­gen und Papst Bene­dikt XVI. zu eigen war“.

Zudem ersetz­te Fran­zis­kus am 26. Sep­tem­ber immer in die­sem Bereich en bloc die fünf Con­sul­to­ren des Amtes für die lit­ur­gi­schen Fei­ern des Pap­stes. Zu den Ent­las­se­nen gehört zum Bei­spiel der deut­sche Ora­to­ria­ner Pater Uwe Micha­el Lang, zu des­sen wich­tig­stem Buch, das der Zele­bra­ti­ons­rich­tung ad Domi­num gewid­met ist, Papst Bene­dikt XVI. das Vor­wort ver­faßt hat­te. Zu den Ent­las­se­nen gehört eben­falls der bekann­te, eben­falls tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Lit­ur­gi­ker Don Nico­la Bux.

Unter den Neu­ernann­ten fin­den sich hin­ge­gen Lit­ur­gi­ker, die dem Zele­bra­ti­ons­stil von Papst Fran­zis­kus nahe­ste­hen, der sich deut­lich von der ars cele­b­ran­di von Bene­dikt XVI. unterscheidet.

Text: Set­ti­mo Cielo/​Giuseppe Nardi
Bild: Set­ti­mo Cielo

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