Rehabilitiert Kirche die Befreiungstheologie ohne Marxismus?

Kurienerzbischof Müller und Gustavo Gutierrez(Rom) Die Befrei­ungs­theo­lo­gie hat einen schmerz­haf­ten Weg hin­ter sich. Sie hat viel Leid ver­ur­sacht. In ihrem Namen ver­lie­ßen ver­wirr­te Semi­na­ri­sten die Prie­ster­se­mi­na­re und Ordens­leu­te ihre Klö­ster, um mit der Waf­fe in der Hand gegen „Unge­rech­tig­kei­ten“ zu kämp­fen. Das Ziel war die „Befrei­ung des Men­schen“ von „schrei­en­dem Unrecht“. Das Heil soll­te eine „gerech­te­re Welt“ brin­gen, die man sich von der Errich­tung „sozia­li­sti­scher“ Sowjet­re­pu­bli­ken ver­sprach. Die Rich­tun­gen und Schat­tie­run­gen waren man­nig­fal­tig, die Grund­prä­mis­se war jedoch der Mar­xis­mus. Chri­stus wur­de als mar­xi­sti­scher Befrei­er und das frü­he Chri­sten­tum als Ur-Kom­mu­nis­mus einer poli­ti­schen Ideo­lo­gie dienst­bar gemacht. Bald 25 Jah­re nach dem Zusam­men­bruch des Ost­block gibt es Signa­le in Rom, eine vom Mar­xis­mus gerei­nig­te Befrei­ungs­theo­lo­gie aus der Qua­ran­tä­ne zu ent­las­sen.

1984 Verurteilung der marxistischen Befreiungstheologie

Die katho­li­sche Kir­che sah das sozia­le Leid, wuß­te aber um den Irr­tum des Mar­xis­mus, der jeden in die Irre und vom Glau­ben weg­füh­ren muß­te, der sich ihm anschloß. Der Kon­flikt gip­fel­te in der Ver­ur­tei­lung meh­re­rer Befrei­ungs­theo­lo­gen und schließ­lich in den berühm­ten Erklä­run­gen der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on unter dem dama­li­gen Prä­fek­ten Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger, die erste erfolg­te 1984 (Instruk­ti­on über eini­ge Aspek­te der Theo­lo­gie der Befrei­ung), mit denen die Befrei­ungs­theo­lo­gie ver­ur­teilt wur­de.

Die Sache war jedoch schon damals kom­pli­zier­ter. Doch nur weni­ge haben die aus­führ­li­chen Doku­men­te gele­sen. Die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ver­ur­teil­te nicht die Befrei­ungs­theo­lo­gie als Gan­ze. In einem prä­zi­se for­mu­lier­ten Argu­men­ta­ti­ons­strang zeig­te sie die Irr­tü­mer auf, die sich in die­se Theo­lo­gie latein­ame­ri­ka­ni­scher Prä­gung ein­ge­schli­chen hat­ten. Was kate­go­risch ver­wor­fen wur­de, war die mar­xi­sti­sche Rich­tung der Befrei­ungs­theo­lo­gie und damit die wich­tig­ste und laut­stärk­ste Strö­mung, die sich durch mar­xi­stisch gepräg­te Dik­ta­tu­ren in Latein­ame­ri­ka und den kom­mu­ni­sti­schen Staa­ten des Osten gestützt wuß­te. Man könn­te auch sagen, Mar­xi­sten und Kom­mu­ni­sten war die Befrei­ungs­theo­lo­gie ein will­kom­me­ner Bünd­nis­part­ner in vie­len katho­lisch gepräg­ten Län­dern, die man ger­ne heg­te und pfleg­te.

Erlauben veränderte Zeiten Neubewertung?

Die Zei­ten haben sich geän­dert. Das Sowjet­reich ist seit mehr als 20 Jah­ren Ver­gan­gen­heit. Die mar­xi­stisch ori­en­tier­ten Regime Latein­ame­ri­kas kön­nen sich nicht mehr dar­auf stüt­zen. In der katho­li­schen Kir­che gibt es auf höch­ster Ebe­ne Signa­le, daß man der Mei­nung ist, die vom Mar­xis­mus gerei­nig­te Befrei­ungs­theo­lo­gie aus der Qua­ran­tä­ne ent­las­sen zu kön­nen.

Der Vati­ka­nist Andrea Tor­ni­el­li sieht im „neu­en Kli­ma“ seit der Wahl des ersten latein­ame­ri­ka­ni­schen Pap­stes den Anstoß dazu. Signa­le sind die Wie­der­auf­nah­me des Selig­spre­chungs­pro­zes­ses für den sal­va­do­ria­ni­schen Erz­bi­schof Oscar Rome­ro, der 1980 wäh­rend der Zele­bra­ti­on einer Hei­li­gen Mes­se am Altar erschos­sen wur­de. Täter waren rech­te Mili­tärs. Seit­her gilt Erz­bi­schof Rome­ro vor allem links­ka­tho­li­schen Krei­sen als Mär­ty­rer. Eine Ver­eh­rung, die oft mehr poli­ti­scher als reli­giö­ser Natur scheint. Rome­ro selbst hat­te drei Mona­te vor sei­nem Tod gesagt, mit sei­ner Ermor­dung zu rech­nen: „Sie wer­den mich töten, ich weiß nicht, ob die Rech­ten oder die Lin­ken“ (sie­he eige­nen Bericht).

Der deutsche Bischof und der peruanische Befreiungstheologe: Das Buch von Müller und Gutierrez

Papst Bene­dikt XVI. ernann­te im Juli 2012 den deut­schen Bischof Ger­hard Lud­wig Mül­ler aus Regens­burg zum neu­en Prä­fek­ten der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. Mül­ler unter­hält seit lan­gem enge Kon­tak­te zu Latein­ame­ri­ka. Mehr­fach rei­ste er dort­hin, um sei­nen Kon­takt mit dem perua­ni­schen Domi­ni­ka­ner und bekann­ten Befrei­ungs­theo­lo­gen Gusta­vo Gut­ier­rez zu ver­tie­fen und das Leben der Cam­pe­si­nos ken­nen­zu­ler­nen.

Mül­ler und Gut­ier­rez ver­öf­fent­lich­ten 2004 das gemein­sa­me Buch: An der Sei­te der Armen. Theo­lo­gie der Befrei­ung im Sankt Ulrich Ver­lag. Die Kom­bi­na­ti­on der bei­den Autoren erschien bereits als Sen­sa­ti­on. Ein „stramm kon­ser­va­ti­ver“ deut­scher Bischof und der „Vater der Befrei­ungs­theo­lo­gie“? Der Prie­ster aus dem Wohl­stand­über­fluß­land Deutsch­land und der Prie­ster aus den perua­ni­schen Slums? Sozi­al­ro­man­ti­kern mag sofort das Herz höher schla­gen. Die Sache geht jedoch tie­fer. Die Neue Zür­cher Zei­tung schrieb damals in ihrer Rezen­si­on , daß sich der Band nicht zufäl­lig durch eine „kon­struk­tiv-ver­söhn­li­che Hal­tung“ aus­zeich­ne. Kir­che und Befrei­ungs­theo­lo­gie näher­ten sich ein­an­der wie­der an. Die Befrei­ungs­theo­lo­gie wer­de als „eine Stim­me im Plu­ra­lis­mus der Theo­lo­gien“ gese­hen.

Es han­delt sich nicht mehr um die Befrei­ungs­theo­lo­gie der 70er Jah­re. Die Zei­ten haben sich geän­dert, die poli­ti­sche Gesamt­kon­stel­la­ti­on. Mül­ler und Gut­ier­rez ver­such­ten dem Rech­nung zu tra­gen und „das Anlie­gen der Theo­lo­gie der Befrei­ung unter den ver­än­der­ten poli­ti­schen Bedin­gun­gen fort­zu­schrei­ben“ mit Stich­wor­ten wie Glo­ba­li­sie­rung, Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gien und ande­re mehr. Was die Stich­hal­tig­keit der Situa­ti­ons­ana­ly­se anbe­langt, konn­te die Neue Zür­cher Zei­tung dem deutsch-perua­ni­schen Opus aller­dings nicht soviel abge­win­nen, aber das steht auf einem ande­ren Blatt geschrie­ben.

Italienische Ausgabe erschienen: Kein Zufall sondern Signale einer Richtungsänderung

Das Buch signa­li­siert vor allem eine neue Ent­span­nung. Das bestä­tigt die soeben erschie­ne­ne ita­lie­ni­sche Aus­ga­be, die am 9. Sep­tem­ber in die Buch­hand­lun­gen kommt. Der Unter­ti­tel wur­de noch um „Theo­lo­gie der Kir­che“ ergänzt. Weder der Sankt Ulrich Ver­lag in Augs­burg noch die Edi­zio­ni Mess­ag­ge­ro di Sant’Antonio in Padua sind links­ka­tho­li­sche Kampf­ver­la­ge, son­dern Aus­druck des offi­zi­el­len kirch­li­chen Lebens. Am kom­men­den Sonn­tag wer­den Gut­ier­rez und Kuri­en­erz­bi­schof Mül­ler die Aus­ga­be beim Lite­ra­tur­fe­sti­val in Man­tua vor­stel­len. Nun aber ist es nicht mehr ein deut­scher Bischof, son­dern der Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, der an der Sei­te Gut­ier­rez auf­tritt und spricht. Der Prä­fekt jener Kon­gre­ga­ti­on, die vor 30 Jah­ren die Ver­ur­tei­lung aus­sprach.

Die Schrit­te sind nicht als Zufalls­pro­dukt zu wer­ten, son­dern als Ver­such, eine vom Mar­xis­mus gerei­nig­te und zahn­los gewor­de­ne Befrei­ungs­theo­lo­gie zu inte­grie­ren. Gut­ier­rez Schrif­ten waren unter Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger von der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ein­ge­hen­den Prü­fun­gen unter­zo­gen wor­den. Eine Ver­ur­tei­lung wur­de gegen ihn nie aus­ge­spro­chen, wäh­rend gegen ande­re Befrei­ungs­theo­lo­gen, die Jesus mit Marx ein­tausch­ten, Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men ver­hängt wur­den. Einer von ihnen, der aus­ge­sprun­ge­ne Fran­zis­ka­ner Leo­nar­do Boff ist beson­ders lästig. Stets auf der Suche nach Medi­en­öf­fent­lich­keit ver­sucht er aus der Fer­ne „Rat­schlä­ge“ zu ertei­len. Vor dem Kon­kla­ve for­der­te er noch, daß „so einer wie“ Kar­di­nal Ber­go­glio gar nicht an der Wahl eines Pap­stes teil­neh­men soll­te dür­fen. Seit des­sen Wahl lob­hu­delt er um das neue Kir­chen­ober­haupt her­um. In bei­den Fäl­len geht es aber immer nur dar­um, daß Leo­nar­do Boff sei­ne eige­ne „Bot­schaft“ an den Mann brin­gen kann, nie die Leh­re der katho­li­schen Kir­che.

Historisierung einer vom Marxismus befreiten und zahnlos gewordenen Befreiungstheologie?

Die Zeit ist reif, scheint man in Rom zu den­ken, die Befrei­ungs­theo­lo­gie ihrem histo­ri­schen Kon­text zu über­las­sen. Mit ande­ren Wor­ten, der Kon­flikt mit die­ser Theo­lo­gie gehört der Ver­gan­gen­heit an, weil es die aggres­siv-mar­xi­sti­sche Befrei­ungs­theo­lo­gie in ihrer dama­li­gen Form als Teil einer mar­xi­sti­schen Welt­re­vo­lu­ti­on nicht mehr gibt. Es sei nun Auf­ga­be der Histo­ri­ker, sich mit den Ursa­chen zu befas­sen, die zu ihrer Ent­ste­hung führ­ten, mit ihren Ideen und Aus­wir­kun­gen ein­schließ­lich des von Bischof Mül­ler im gemein­sa­men Buch von 2004 zitier­ten Geheim­do­ku­ments von 1980 der „Grup­pe von San­ta Fe“ an den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Ronald Rea­gan über die Bedro­hung durch die Befrei­ungs­theo­lo­gie, die die katho­li­sche Kir­che „in eine poli­ti­sche Waf­fe gegen den Pri­vat­be­sitz“ ver­wan­delt habe.

Macht Papst Franziskus, der Gegner der marxistischen Theologie eine Versöhnung möglich?

Mit der Wahl des latein­ame­ri­ka­ni­schen Pap­stes scheint sich ein Kapi­tel abzu­schlie­ßen. Papst Fran­zis­kus muß­te für sei­nen Wider­stand gegen die mar­xi­sti­schen Befrei­ungs­theo­lo­gen per­sön­li­che Opfer brin­gen. Er wur­de jahr­zehn­te­lang bis zu sei­ner Papst­wahl von Tei­len sei­nes Jesui­ten­or­dens iso­liert und gemie­den. Meh­re­re Jah­re war er vom Orden in die argen­ti­ni­sche Pro­vinz ver­bannt wor­den. Die­se Hal­tung Ber­go­gli­os war mit aus­schlag­ge­bend, daß er 1992 von Johan­nes Paul II. zum Weih­bi­schof von Bue­nos Aires ernannt wur­de. Ber­go­glio selbst wird teil­wei­se als Befrei­ungs­theo­lo­ge bezeich­net, was er aller­dings nie war. Im histo­ri­schen Kon­text der sozia­len Ver­hält­nis­se, der poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen und der har­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit den mar­xi­sti­schen Befrei­ungs­theo­lo­gen und deren Ver­füh­rung jun­ger Semi­na­ri­sten, Prie­ster und Ordens­leu­te, dar­un­ter auch etli­cher Jesui­ten such­te Jor­ge Mario Ber­go­glio sei­ne eige­ne Ant­wort auf den Ruf des Evan­ge­li­ums nach einer Opti­on für die Armen. Sie wur­zelt in der Volks­theo­lo­gie von Lucio Gera und Rafa­el Tel­lo. Ein zen­tra­ler Unter­schied zwi­schen der Volks­theo­lo­gie und Befrei­ungs­theo­lo­gie liegt dar­in, daß der bewaff­ne­te Kampf der durch eine prak­ti­zier­te Armut ersetzt wur­de.

„Die ‚Armen‘ sind dem­zu­fol­ge pri­mär nicht eine hilfs­be­dürf­ti­ge sozio­lo­gi­sche Rea­li­tät, son­dern ein theo­lo­gi­sches Sub­jekt, von dem man ler­nen soll: ‚Die­se päd­ago­gi­sche Hal­tung hat eine reli­giö­se Wur­zel: das Ver­hält­nis des [armen] Vol­kes zu Gott wäre ursprüng­li­cher, weil die mate­ri­el­le Ver­un­rei­ni­gung [in die­sem Ver­hält­nis] fehlt‘“, schrieb der katho­li­sche Histo­ri­ker Rober­to de Mattei zwei Wochen nach der Wahl von Papst Fran­zis­kus in einer ersten Ana­ly­se von des­sen Theo­lo­gie. Als Erz­bi­schof von Bue­nos Aires bedeu­te­te dies für Ber­go­glio, ohne Eskor­te und ohne Beglei­tung die Fave­las auf­zu­su­chen.

Der katho­li­sche Ein­satz für die Armen, kon­sti­tu­ie­ren­des Wesens­merk­mal des Chri­sten­tums seit sei­nen Ursprün­gen, kann als sol­cher gel­tend gemacht wer­den, ohne sich dem Ver­dacht aus­zu­set­zen, der mar­xi­sti­schen Ideo­lo­gie oder einer ande­ren Ideo­lo­gie zu hul­di­gen. Sucht die Kir­che nach neu­en Impul­sen und Ver­bün­de­ten um sich einem hem­mungs­lo­sen Kapi­ta­lis­mus, der Gewinn und Kon­sum zum ein­zi­gen Maß­stab erhebt, ent­ge­gen­zu­stel­len?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Buena Voz

1 Kommentar

  1. Die Über­schrift ist ein biss­chen irre­füh­rend.
    Wie im Arti­kel aber rich­tig aus­ge­führt wird, sind ja nur die mar­xi­sti­schen Aspek­te der Befrei­ungs­theo­lo­gie ver­ur­teilt wor­den, die „Befrei­ungs­theo­lo­gie ohne Mar­xis­mus“ als sol­che aber nicht . Von „Reha­bi­li­ta­ti­on“ kann also kei­ne Rede sein. Denn reha­bi­li­tie­ren kann man eben nur etwas, was vor­her ver­ur­teilt war.

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