Liturgically Incorrect – Ein Buch über das kirchentreue Priestertum

Liturgicall Incorrect - Spiritualität für ein kirchentreues Priestertun(Rom) Das Buch In Memo­ria di Me (Zu Mei­nem Gedächt­nis) des Prie­ster Mau­ro Gagli­ar­di ((Don Mau­ro Gagli­ar­di gebo­ren 1975 in Saler­no, Prie­ster­wei­he 1999, Diö­ze­san­prie­ster des Bis­tums Saler­no-Cam­pa­gna-Acer­no, Dok­to­rat in Theo­lo­gie an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na 2002, o. Pro­fes­sor an der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät des Päpst­li­chen Athe­nä­ums Regi­na Apo­sto­lo­rum in Rom und Lehr­auf­trä­ge an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät in Rom, seit 2008 Con­sul­tor des Amtes für die päpst­li­chen Lit­ur­gie­fei­ern und seit 2010 der Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on.)) ist im Früh­jahr 2012 erschie­nen. Sei­ner Bedeu­tung wegen ver­öf­fent­li­chen wir eine Buch­be­spre­chung des Prie­sters Don Mas­si­mo Vac­chet­ti (41), Pfar­rer in Bolo­gna.

von Don Mas­si­mo Vac­chet­ti

(Rom) Der Bischof frag­te mich ein­mal mit einem gewis­sen Ernst: „Zele­brierst Du die Mes­se täg­lich?“ Erstaunt über die­se Fra­ge ant­wor­te­te ich ihm: „Wenn ich sie nicht jeden Tag zele­brie­ren wür­de, wäre ich nicht Prie­ster gewor­den.“

Die­se kurio­se Epi­so­de erzäh­le ich aus zwei Grün­den. Erstens, weil man­cher Prie­ster offen­sicht­lich nicht jeden Tag die Hei­li­ge Mes­se zele­briert. Die Fra­ge des Bischofs ent­hielt offen­sicht­lich die­se Sor­ge. Zwei­tens, weil ich das prie­ster­li­che Amt mit der Hei­li­gen Mes­se iden­ti­fi­zie­re. „Die prie­ster­li­che Spi­ri­tua­li­tät ist von ihrem inne­ren Wesen her eucha­ri­stisch“, sagt das Apo­sto­li­sche Schrei­ben Sacra­men­tum Cari­ta­tis von Papst Bene­dikt XVI. Und jede pasto­ra­le Tätig­keit des Prie­sters, sei­ne gan­ze Seel­sor­ge und jede evan­ge­li­sa­to­ri­sche Akti­on hat ihren Aus­gangs­punkt und ihren Ursprung in der lit­ur­gi­schen Hand­lung des Meß­op­fers, in dem sich Chri­stus durch den Prie­ster für die Ret­tung der Welt dar­bringt.

Es gibt keine Messe ohne Priester, aber auch keinen Priester ohne Messe

Die Hei­li­ge Mes­se ist daher für den Prie­ster nicht nur ein Akt der Anbe­tung, nicht nur eine Geste des Soh­nes an den Vater, nicht nur das Altar­op­fer, nicht nur eine Dank­sa­gung, viel­mehr ist in ihr wie in einem uner­gründ­li­chen Geheim­nis, das gan­ze Erlö­sungs­werk gegen­wär­tig und daher die gan­ze prie­ster­li­che Mis­si­on. Es gibt kei­ne Mes­se ohne Prie­ster, aber auch kei­nen Prie­ster ohne Mes­se. Es ist daher nicht mög­lich, die sakra­men­ta­le Natur des Prie­ster­tums vom eucha­ri­sti­schen Gestus zu tren­nen, ohne ernst­haft das eige­ne Amt eines guten Hir­ten zu gefähr­den, der sein Leben für sei­ne Her­de hin­gibt. Es geht nicht nur um eine hei­li­ge Pflicht (die das Kir­chen­recht nicht ver­pflich­tend vor­sieht), son­dern um eine Not­wen­dig­keit für die eige­ne See­le und ein Bedürf­nis für das „Leben der Welt“.

Mit dem Buch In memo­ria di Me (Zu Mei­nem Gedächt­nis, Ver­lag Can­tagal­li, 214 Sei­ten) des Prie­sters Mau­ro Gagli­ar­di, eines jun­gen Theo­lo­gen und Con­sul­tors des Amtes für die päpst­li­chen Lit­ur­gie­fei­ern und die Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on, ist eine bemer­kens­wer­te Hil­fe erschie­nen, um die wah­re prie­ster­li­che Spi­ri­tua­li­tät zu leben.

Zwei Punk­te machen das Buch beson­ders kost­bar. Ein­mal als geist­li­che Lek­tü­re, weil es einer Rei­he von Medi­ta­tio­nen für Prie­ster­ex­er­zi­ti­en ent­springt. Aber auch als theo­lo­gisch-lit­ur­gi­sche Über­le­gun­gen über die Art und Wei­se, wie in den Gemein­schaf­ten und Pfar­rei­en die lit­ur­gi­sche Hand­lung inter­pre­tiert wird und wie­viel Miß­brauch sie aus­ge­setzt ist.

Es mag paradox erscheinen, aber der erste Liturgiemißbrauch geschieht in den Priesterseminaren

Es mag selt­sam, ja gera­de­zu para­dox erschei­nen, aber der erste Miß­brauch geschieht viel­fach in den Prie­ster­se­mi­na­ren durch das fast völ­li­ge Feh­len einer lit­ur­gi­schen Erzie­hung. Dadurch wer­den die Semi­na­ri­sten zu Prie­stern und zele­brie­ren, indem sie durch Aus­pro­bie­ren das nach­ah­men, was sie gese­hen haben. Dabei sind die Wor­te des wei­hen­den Bischofs im Wei­he­ri­tus ein­deu­tig. Dar­in wird der Neu­prie­ster ermahnt, nach­zu­ah­men, was er zele­briert. Er wird nicht ermahnt, die Zele­bran­ten nach­zu­ah­men.

Dar­aus folgt, daß der Prie­ster in der eucha­ri­sti­schen Lit­ur­gie sich selbst fin­det. Er ist geru­fen, eine geleb­te Lit­ur­gie zu sein, aber vor­her muß er nicht nur die histo­ri­sche Ent­wick­lung ken­nen, son­dern auch die Spi­ri­tua­li­tät und die Theo­lo­gie, die aus ihr her­vor­geht.

Im ersten Teil des Buches zeigt der Autor auf, wie sich die prie­ster­li­che Spi­ri­tua­li­tät aus dem Ritus der Hei­li­gen Mes­se her­lei­tet. Es ist nicht mög­lich über die Hei­li­ge Mes­se zu spre­chen, ohne damit die lit­ur­gi­sche Dyna­mik zu mei­nen, durch die das Wun­der der eucha­ri­sti­schen Real­prä­senz erfolgt. Die­ses Ereig­nis geschieht durch Chri­stus aber durch den Prie­ster, aber gleich­zei­tig ist es noch mehr, es formt und model­liert auch den Prie­ster selbst. So heißt es auf dem Buch­rücken: „Die Eucha­ri­stie macht den Prie­ster, der Prie­ster macht die Eucha­ri­stie.“ Von den bei­den For­mu­lie­run­gen hat erste­re Vor­rang, denn sie kommt in der Kau­sa­li­täts­ket­te an erster Stel­le, „weil zuerst Chri­stus selbst sich im Kreu­zes­op­fer geschenkt hat“ (Sacra­men­tum Cari­ta­tis, Nr. 14).

Von Gestus zu Gestus des Ritus entfaltet der Autor parallel eine Spiritualität des Priestertums

Durch die­ses Ver­wei­len bei der lit­ur­gi­schen Akti­on läßt der Autor eine eben­so dich­te und wesent­li­che Spi­ri­tua­li­tät vor den Augen des Lesers ent­ste­hen. Er zeich­net ein lei­den­schaft­li­ches Prie­ster­bild, ein Bild des­sen, den Chri­stus beru­fen hat, damit er „dies zu Mei­nem Gedächt­nis“ tut. Der Buß­akt zum Bei­spiel am Beginn der Zele­bra­ti­on, mit dem der Prie­ster und alle Gläu­bi­gen sich ihrer Unwür­dig­keit bewußt wer­den, aber auch der ihnen durch die gött­li­che Barm­her­zig­keit gewähr­ten Mög­lich­keit, sich dem „Kal­va­ri­en­berg“ des Altars zu nähern, er wird zur Gele­gen­heit, die Natur des Prie­sters als See­len­arzt zu erken­nen.

Die Lit­ur­gie der Hei­li­gen Mes­se ist im Den­ken des Autors die wah­re See­le jedes Apo­sto­lats. Und so läßt der Autor von Gestus zu Gestus des Ritus par­al­lel zur Zele­bra­ti­on, eine Spi­ri­tua­li­tät des Prie­ster­tums erste­hen, des Prie­sters, der sich Jesus gleich­macht als Arzt, Mitt­ler, Mei­ster, Vater, Büßer, Erbau­er, Anbe­ter, Mis­sio­nar. Eine wür­dig zele­brier­te Lit­ur­gie, so der Autor, durch­dringt und formt das Bild des Prie­sters. Die alte Weis­heit der Kir­che para­phra­sie­rend könn­te man sagen, daß „das Gesetz des Gebets das Gesetz des Glau­bens des Prie­sters ist“.

Buch gegen den Strom: Es folgt ganz dem Lehramt von Papst Benedikt XVI.

Die zwei­te Beson­der­heit die­ses Buches liegt dar­in, daß es ganz dem Lehr­amt von Papst Bene­dikt XVI. folgt. Sicher, der Prie­ster ver­rich­tet sei­nen Dienst im Amt für die päpst­li­chen Zele­bra­tio­nen. Den­noch ist das Buch in Zei­ten wie die­sen kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, son­dern ein wich­ti­ges Werk, mit dem der Autor gegen den star­ken Strom schwimmt. Man muß nicht im offe­nen Wider­spruch zum Papst ste­hen, um heu­te gegen sein Lehr­amt Wider­stand zu lei­sten. Man braucht die lehr­amt­li­chen Aus­sa­gen ein­fach nicht zu lesen, sie nicht zu beach­ten oder sie ein­fach in Gleich­gül­tig­keit miß­ach­ten.

Es steht außer Zwei­fel, daß Papst Bene­dikt XVI. die hei­li­ge Lit­ur­gie am Her­zen liegt. Er ließ wäh­rend sei­nes Pon­ti­fi­kats kaum eine Gele­gen­heit aus, um die­se gro­ße und ent­schei­den­de Fra­ge auf­zu­grei­fen. Der Papst war sich bewußt, daß auf die­sem Ter­rain die ent­schei­den­den Wei­chen­stel­lun­gen erfol­gen müs­sen, damit die Kir­che ihren Auf­trag erfül­len kann. Eine schlam­pi­ge, nach­läs­sig zele­brier­te, ihres Sinn­ge­halts ent­leer­te und in ihrem Anspruch ver­kürz­te Lit­ur­gie hat in den ver­gan­ge­nen 50 Jah­ren seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil in den Augen der Gläu­bi­gen die heils­ge­schicht­li­che und ret­ten­de Trag­wei­te des eucha­ri­sti­schen Gestus ver­dun­kelt. Anders läßt sich nicht erklä­ren, mit wel­cher Insi­stenz die­ser sanft­mü­ti­ge Papst in einer außer­ge­wöhn­li­chen Schlicht­heit fern jeder Selbst­dar­stel­lung mit sol­chem Nach­druck wert auf eine wür­di­ge Zele­bra­ti­on leg­te, das Kreuz in die Alt­ar­mit­te stell­te, um wie­der die Zele­bra­ti­on ad Domi­num in Erin­ne­rung zu rufen, auf den Wunsch, daß die Gläu­bi­gen in Ehr­furcht beim Kom­mu­nion­emp­fang knien und schließ­lich die Zele­bra­ti­on in der über­lie­fer­ten Form des Ritus wie­der­her­stell­te.

Mehrzahl der Bischöfe und Kardinäle haben päpstliche Bemühungen mit Gleichgültigkeit quittiert

Die Mehr­zahl, dar­un­ter auch bedeu­ten­de und geschätz­te Prie­ster, Bischö­fe, Kar­di­nä­le an der Römi­schen Kurie und in den Diö­ze­sen haben die­se päpst­li­chen Bemü­hun­gen mit völ­li­ger oder weit­ge­hen­der Gleich­gül­tig­keit quit­tiert. Viel­mehr ver­su­chen man­che sogar zu behaup­ten, daß sei­ne Gesten und Ent­schei­dun­gen gar nicht das aus­sa­gen und bedeu­ten wür­den, was sie in Wirk­lich­keit aus­sa­gen und bedeu­ten.

Papst Bene­dikt erkann­te die Not­wen­dig­keit, daß die kirch­li­che Erneue­rung bei der Lit­ur­gie, dem Opfer des Altars, der eucha­ri­sti­schen Anbe­tung und bei der Wie­der­ge­win­nung des Ver­ständ­nis­ses für das Hei­li­ge begin­nen muß, um einer Welt, die ohne Gott lebt, die Freu­de des Glau­bens zurück­zu­ge­ben. Das vor­lie­gen­de neue Buch folgt die­ser Vor­ga­be.

Alter Ritus kein Zugeständnis an Nostaliker — Leteinischer Ritus besteht aus zwei Formen: Verpflichtung für ganze Kirche

Die Annah­me, die Wie­der­her­stel­lung des Alten Ritus sei nur ein Zuge­ständ­nis an Nost­al­gi­ker, ein Ent­ge­gen­kom­men an Rück­wärts­ge­wand­te, geht an der päpst­li­chen Ent­schei­dung völ­lig vor­bei. Es genügt Summorum Pon­ti­fi­cum zu lesen (wie­vie­le auch hohe Kir­chen­ver­tre­ter wer­den das noch nicht getan haben?), um das genaue Gegen­teil fest­zu­stel­len und eine erstaun­li­che Ent­deckung zu machen, denn dar­in heißt es, daß es sich nicht um Son­der­re­ge­lun­gen und Abwei­chun­gen han­delt, son­dern, daß der eine latei­ni­sche Ritus aus zwei For­men besteht, jener von Paul VI. und jener von Pius V. in der Fest­le­gung von Johan­nes XXIII. Daher ist die Alte Mes­se kein Zuge­ständ­nis an soge­nann­te „Tra­di­tio­na­li­sten“: Von Summorum Pon­ti­fi­cum geht viel­mehr eine Pflicht für die gan­ze Kir­che aus. Die Pflicht, die hei­li­ge Lit­ur­gie auch in der soge­nann­ten außer­or­dent­li­chen Form des Römi­schen Ritus zu ken­nen und durch sie sakra­men­tal unse­ren Herrn Jesus Chri­stus und sei­ne Heils­gna­de sicht­bar zu machen. Vie­le in der Kir­che tun nur so, als wür­den sie davon nichts wis­sen.

Das Buch von Gagli­ar­di ist mutig und unbe­quem. Dem Autor kommt das Ver­dienst zu, auf eine natür­li­che, unge­zwun­ge­ne Art und mit einer sehr ein­fa­chen, all­ge­mein ver­ständ­li­chen Spra­che eine prie­ster­li­che Spi­ri­tua­li­tät im Licht des Alten Ritus ent­wickelt zu haben. Eben­so das Ver­dienst, dem lit­ur­gisch-spi­ri­tu­el­len Reich­tum bei­der For­men des Römi­schen Ritus nach­zu­spü­ren und die­sen auf­zu­zei­gen. Auch dar­in folg­te er einem Wunsch Bene­dikts XVI.

Text: Liber­tà  e Per­so­na
Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di

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