Der Papst lebt im Hotel? – Der Papst und die päpstliche Wohnung

Päpstliche Wohnung im Apostolischen Palast Warum wohnt der Papst im Hotel?von Clau­dia Jakober

(Vati­kan) Den Men­schen gefällt Papst Fran­zis­kus. Das ist eine Gna­de für die Kir­che. Die sicht­bar zur Schau gestell­te Demut und Beschei­den­heit des neu­en Pap­stes fin­den hin­ge­gen nicht unge­teil­te Zustim­mung. Sie kon­stru­ie­ren einen unan­ge­mes­se­nen Gegen­satz, als wären die Päp­ste zuvor nicht demü­tig gewe­sen. Man lese die Testa­men­te der ver­stor­be­nen Päp­ste nach und beach­te noch ein­mal die Demut und Spar­sam­keit Bene­dikts XVI., der die vor­han­de­nen Gewän­der nütz­te, wie durch die dar­auf abge­bil­de­ten Papst­wap­pen unschwer erkenn­bar ist.

Ent­schei­den­der als der schnel­le und ein­fa­che Bei­fall man­cher für die Beschei­den­heit ist, daß der Papst mehr Gehör fin­det und sich Ver­stand und Herz der Men­schen umfas­sen­der für die christ­li­che Bot­schaft öff­nen. Dann wäre auch sei­ner jüng­sten Ent­schei­dung Applaus zu zol­len, nicht in den Apo­sto­li­schen Palast oder bes­ser gesagt, die päpst­li­che Woh­nung ein­zu­zie­hen. Die Fra­ge nach der Sinn­haf­tig­keit sol­cher demon­stra­ti­ver Akte bleibt im Raum stehen.

Stimmt es, daß der neue Papst im Hotel wohnt?

Das wur­de ich unlängst gefragt. Die Fra­ge kam so über­ra­schend, daß ich drauf und dran war, sofort mit einem empör­ten Nein zu ant­wor­ten. Ich habe aber geschwie­gen und das war bes­ser so. Er wohnt näm­lich wirk­lich im Hotel.

Ist es aber „bes­ser“ wenn ein Papst in einem Hotel wohnt, statt in sei­nem eige­nen Haus? Der Papst bewohnt nach wie vor die Suite im Domus Sanc­tঠMar­tà¦, die er als Kar­di­nal am Beginn des Kon­kla­ve bezo­gen hat­te. Es han­delt sich um das unter Johan­nes Paul II. erbau­te Gäste­haus des Vati­kans und damit gewis­ser­ma­ßen das Hotel des Zwerg­staa­tes. Rich­tig bewußt wur­de das, als nach der Papst­wahl einer stau­nen­den Öffent­lich­keit berich­tet wur­de, der neue Papst habe zunächst ein­mal die offe­ne Rech­nung im Gäste­haus bezahlt. Die Kar­di­nä­le müs­sen für ihre Unter­brin­gung wäh­rend des Kon­kla­ves im Vati­kan bezahlen?

Apostolischer Palast großteils für Allgemeinheit zugänglich

Arbeitszimmer von Papst Benedikt XVI.Der Apo­sto­li­sche Palast geht bereits auf die Spät­an­ti­ke zurück. Die älte­sten heu­te sicht­ba­ren Tei­le ent­stan­den im Hoch­mit­tel­al­ter. In sei­ne welt­weit bekann­te Gestalt wur­de er zwi­schen 1508 und  1519 durch Anto­nio da San­gal­lo gebracht. Die aus­ge­dehn­te Anla­ge zählt 1400 Räu­me und Säle, die im Lau­fe der Jahr­hun­der­te durch die größ­ten Künst­ler der Welt von Raf­fa­el über Michel­an­ge­lo bis Bra­man­te und unzäh­li­ge ande­re aus­ge­stal­tet wurden.

Heu­te sind in gro­ßen Tei­len des Pala­stes die Vati­ka­ni­schen Muse­en unter­ge­bracht und für das Publi­kum, also die All­ge­mein­heit geöff­net, so auch die Stan­zen des Raf­fa­el, die Woh­nung Papst Alex­an­ders VI. Bor­gia und die berühm­te Six­ti­ni­sche Kapel­le. Im weit­läu­fi­gen Palast sind zudem eine gan­ze Rei­he vati­ka­ni­scher Behör­den und Tei­le der Römi­schen Kurie unter­ge­bracht, so die Prä­fek­tur des Apo­sto­li­schen Hau­ses, der seit kur­zem Kuri­en­erz­bi­schof Georg Gäns­wein vor­steht, das Amt für die lit­ur­gi­schen Zele­bra­tio­nen des Pap­stes, das Msgr. Gui­do Mari­ni lei­tet, dann auch die groß­ar­ti­ge Apo­sto­li­sche Biblio­thek und vor allem das sagen­um­wo­be­ne Päpst­li­che Geheim­ar­chiv mit sei­nen atom­bom­ben­si­che­ren Tresorräumen.

Der Apo­sto­li­sche Palast des Vati­kans ist seit dem Hoch­mit­tel­al­ter die offi­zi­el­le Resi­denz des Pap­stes in sei­ner Stel­lung als Kir­chen­ober­haupt. Im Gegen­satz dazu war der päpst­li­che Qui­ri­nal­s­pa­last die Resi­denz des Pap­stes als Staats­ober­haupt des Kir­chen­staa­tes. Nach­dem ita­lie­ni­sche Trup­pen gewalt­sam dem Papst die Kir­chen­staa­ten ent­ris­sen hat­ten, resi­dier­ten dort ab 1870 die ita­lie­ni­schen Köni­ge. Seit 1946 bewohnt der ita­lie­ni­sche Staats­prä­si­dent den Palast am Quirinal.

Die von den Päp­sten bewohn­ten Tei­le des vati­ka­ni­schen Pala­stes vari­ier­ten im Lau­fe der Zeit. Man­che kön­nen im Rah­men der Vati­ka­ni­schen Muse­en besich­tigt wer­den. In der jün­ge­ren Neu­zeit bewohn­ten die Päp­ste einen Teil des zwei­ten Stockes, in dem Leo XIII. als letz­ter Papst wohn­te und starb. Die Räu­me sind unver­än­dert geblie­ben, aber nicht zugäng­lich. Der hei­li­ge Papst Pius X. zog 1903 in die genau dar­über gele­ge­nen Räu­me des drit­ten Stockes. Dort leb­ten und star­ben seit­her alle Päp­ste bis zum 28. Febru­ar 2013, dem Rück­tritt von Bene­dikt XVI.

Nur zehn von 1400 Räumen bilden Privatwohnung des Papstes – Die Hälfte ist Kapelle

Das Schlafzimmer des Papstes Benedikt XVIWor­in bestehen die päpst­li­chen Gemä­cher, die der neue Papst so demon­stra­tiv ablehnt? Die Woh­nung des Pap­stes besteht aus zehn Räu­men: einem Vorraum/Gang, einem klei­nen Büro für die päpst­li­chen Sekre­tä­re, einer Bibliothek/Besprechungsraum, einem Arbeits­zim­mer des Pap­stes, einer Pri­vat­ka­pel­le, die den weit­aus größ­ten Platz ein­nimmt, einem Bade­zim­mer, einem Arzt­zim­mer für Not­fäl­le, einem Eßzim­mer, einem klei­nen Wohn­zim­mer und einer Küche (die gra­phi­sche Dar­stel­lung oben zeigt den unge­fäh­ren Zustand der Papst­woh­nung am Ende des Pon­ti­fi­kats von Johan­nes Paul II.).
2006 waren nach Jahr­zehn­ten alle Strom­lei­tun­gen und die Küche erneu­ert wor­den. In den 1930er Jah­ren waren im Anschluß an die päpst­li­chen Räu­me eini­ge Mini-Appar­te­ments für die Mit­glie­der des päpst­li­chen Haus­hal­tes geschaf­fen wor­den. Wäh­rend des Pon­tif­kats von Bene­dikt XVI. stand auch des­sen Bru­der Georg ein sol­ches zur Verfügung.

Die Räu­me sind den Maß­stä­ben des 16. Jahr­hun­derts ent­spre­chend recht geräu­mig, aber aus­ge­spro­chen beschei­den, um nicht zu sagen alt­mo­disch ein­ge­rich­tet, weil Päp­ste nicht mit der Mode gehen. Wem wür­de schon die Schlaf­zim­mer­ein­rich­tung von Bene­dikt XVI. gefal­len? Er nahm sie in Demut an.

Päpstliche Wohnung inzwischen verkleinert – Im Hotel wirkt alles improvisiert und provisorisch

Nach dem Auf­bre­chen der Sie­gel, die beim Tod eines Pap­stes (im kon­kre­ten Fall nach dem nicht wirk­lich nach­voll­zieh­ba­ren Rück­tritt von Bene­dikt XVI.) an der päpst­li­chen Woh­nung ange­bracht wer­den, erklär­te der neue Papst, daß ihm die Papst­ge­mä­cher zu groß sei­en. Er blieb im Gäste­haus und die päpst­li­che Woh­nung wur­de, wohl nach sei­nen Vor­ga­ben umge­baut. Die Effi­zi­enz der vati­ka­ni­schen Hand­wer­ker ist bekannt. Die Umbau­ar­bei­ten sind seit ver­gan­ge­ner Woche abge­schlos­sen. Der neue Haus­herr hat­te es sich inzwi­schen jedoch anders über­legt. Er will auch in die ver­klei­ner­te Woh­nung nicht ein­zie­hen, son­dern im Hotel blei­ben, wo er sei­ne Mit­ar­bei­ter emp­fängt und auch die Staats­gä­ste wie Argen­ti­ni­ens Staats­prä­si­den­tin Kirch­ner oder den Jesuitengeneral.

Ist es bil­li­ger in einem Hotel­zim­mer zu woh­nen als in der eige­nen Woh­nung? Und die Kosten für die Umbau­ar­bei­ten? Für den per­sön­li­chen Sekre­tär, das päpst­li­che Sekre­ta­ri­at, die ande­ren Mit­ar­bei­ter ein­schließ­lich der Sicher­heits­kräf­te muß­ten Räu­me im Domus ein­ge­rich­tet wer­den. Alles wirkt impro­vi­siert, pro­vi­so­risch und damit unstet, so als wäre der neue Papst nur vor­über­ge­hend Ver­tre­ter Chri­sti oder jeden­falls nur vor­über­ge­hend in Rom.

Papsttum braucht Kontinuität nicht Aktionismus

Hin­zu kommt die unwei­ger­li­che Fra­ge, ob es wirk­lich ange­mes­sen ist, daß der Papst in einem Hotel hof­hält, wo andern­orts im Vati­kan alle ent­spre­chen­den Räum­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung, ja inzwi­schen leer ste­hen. Er emp­fängt Ein­zel­per­so­nen und klei­ne­re Grup­pen im Gäste­haus. Man­che Gäste des Vati­kans woh­nen qua­si Suite an Suite mit dem Ober­haupt der katho­li­schen Kir­che, das sie auf­su­chen. Der Papst ver­wen­det all­mor­gend­lich den­sel­ben all­ge­mei­nen Spei­se­saal wie die ande­ren im Haus unter­ge­brach­ten Gäste. Ist die­se fast kum­pel­haf­te Nähe aber ange­bracht? Was soll sie brin­gen, außer den Ein­druck eines exal­tier­te­ren Aktio­nis­mus zu vermitteln?

Was die Kir­che braucht, ist eine immer neue Form der Ver­kün­di­gung. Johan­nes Paul II. war ein phi­lo­so­phi­scher Den­ker, Bene­dikt XVI. ein theo­lo­gi­scher Den­ker. Fran­zis­kus könn­te vor allem pasto­ral neue Akzen­te set­zen. Viel wäre schon gewon­nen, wenn er dafür sor­gen wür­de, daß die Doku­men­te der vati­ka­ni­schen Behör­den in eine all­ge­mein zugäng­li­che Spra­che umge­setzt wür­den. Der Papst hat zu bewah­ren und siche­rer Hort der Sta­bi­li­tät und der Kon­ti­nui­tät zu sein, um so mehr in einer unru­hi­gen, kurz­le­bi­gen Zeit, wäh­rend die Kate­che­se eine immer neue Über­set­zung in die Spra­che der Zeit braucht.

Papst Bene­dikt XVI. strahl­te die Wür­de in Per­son aus. Die Kör­per­hal­tung der Men­schen ist ver­schie­den, wie eben die Men­schen ver­schie­den sind. Das sah man auch bei der unge­wöhn­li­chen, ja befremd­li­chen Begeg­nung zwei­er Päp­ste jüngst auf Castel Gan­dol­fo, was kei­ne Wer­tung sein soll.
Papst Johan­nes Paul II. war ein aus­ge­spro­chen popu­lä­rer und zugäng­li­cher Papst, der wie kein Papst zuvor die Nähe zu den Men­schen such­te. Eine Nähe, die Bene­dikt XVI. auf­grund sei­nes Alters in dem Maße nie mög­lich war. Johan­nes Paul II. strahl­te bei die­ser größt­mög­li­chen Nähe immer eine gro­ße inne­re Wür­de aus, die für das Amt des Pap­stes von beson­de­rer Bedeu­tung ist. Nicht der Per­son des jewei­li­gen Amts­in­ha­bers wegen, aber des Amtes wegen, als Vikar Chri­sti. Papst Fran­zis­kus ver­mit­telt noch immer eher den Ein­druck eines sym­pa­thi­schen Dorfpfarrers.

Der Papst ist ein Vater, er ist in Stell­ver­tre­tung Chri­sti der Vater aller Gläu­bi­gen, aller Getauf­ten und der gan­zen Mensch­heit. Er ist der ober­ste Prie­ster, er ver­wal­tet die gna­den­ver­mit­teln­den Sakra­men­te, er steht an der Stel­le des ein­zi­gen Ret­ters und Hei­lands, nach dem die Mensch­heit zu allen Zei­ten sehn­süch­tig dür­stet. Zu ihm wol­len und sol­len die Men­schen auf­schau­en, weil sie etwas von jener anzie­hen­den Wahr­heit spü­ren, die Chri­stus beglei­te­te und die so vie­le Men­schen, wie uns die Hei­li­ge Schrift über­lie­fert, wahr­nah­men, auch die Blin­den, wenn er in ihre Nähe kam.

Domus SanctঠMartঠneuer Apostolischer Palast?

Daß ein Staats­ober­haupt und das Kir­chen­ober­haupt der größ­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaft der Welt in einem Hotel resi­diert, ist für­wahr etwas Neu­es. Der Apo­sto­li­sche Palast ist heu­te gewis­ser­ma­ßen das Gäste­haus des Vati­kans. Denn als Apo­sto­li­scher Palast gilt eigent­lich das Gebäu­de, in dem der Papst wohnt.

Ob es gut oder sogar bes­ser ist, als die bis­he­ri­ge Rege­lung, darf zumin­dest hin­ter­fragt wer­den. Und wen begei­stert es letzt­lich, wenn ich jeman­dem sagen kann, mein Papst, das Ober­haupt der Kir­che, dem Chri­stus die Schlüs­sel zum Him­mel­reich für mein und dein dra­ma­ti­sches Lebens mit allen Höhen und Tie­fen anver­traut hat, wohnt nun „aus Demut“ in einem Hotel.

Ja, etwas Neu­es ist das schon. Ein Aha-Erleb­nis ist es nicht. Ist es nicht viel­mehr kurz­le­bi­ger Aktio­nis­mus in einer noch kurz­le­bi­ge­ren Zeit, die schnell applau­diert und eben­so schnell ver­gißt? Das Papst­tum aber ist zeit­los, ewig, bis zum Ende der Zeiten.

Bild: Gen­te v. 5/5/2005

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