Bischof Huonder — ein katholischer Finsterling

von Giu­sep­pe Gra­cia

Eine Errun­gen­schaft der west­li­chen Welt ist die Reli­gi­ons­frei­heit, die zum libe­ra­len Rechts­staat gehört. Der Libe­ra­lis­mus hat zu einer schier umög­li­chen Lei­stung des Westens geführt: dem fried­li­chen, repres­si­ons­frei­en Zusam­men­le­ben von Mil­lio­nen Men­schen, die unter­schied­li­che Welt­an­schau­un­gen und Lebens­ent­wür­fe neben­ein­an­der leben, ohne den Wahr­heits­an­spruch des eig­ne­nen Glau­bens auf­ge­ben zu müs­sen (nicht zu ver­wech­seln mit Gel­tungs­an­spruch).

Eine Bedin­gung für die­se Frei­heit ist die gegen­sei­ti­ge Tole­ranz. Das ist sehr anspruchs­voll: man muss den unüber­brück­ba­ren welt­an­schau­li­chen Plu­ra­lis­mus der Moder­ne jeden Tag aus­hal­ten, ohne ihn abschaf­fen zu wol­len, ohne sich die Har­mo­nie einer ein­zi­gen, fried­li­chen Welt­theo­rie her­bei­zu­seh­nen. Denn wo Men­schen frei glau­ben dür­fen, was sie wol­len, haben sie auch das Recht, sich Ver­ein­heit­li­chun­gen zu wider­set­zen (Halt macht die­se Frei­heit natür­lich bei der Ver­let­zung von Grund­rech­ten).

Aber wie sieht es eigent­lich aus mit der Reli­gi­ons­frei­heit in der Pra­xis? Wie vie­le ori­en­tie­ren sich wirk­lich am libe­ra­len Ide­al, zum Bei­spiel in aktu­el­len Debat­ten rund um Kir­che und Glau­be? Wie ernst neh­men Schwei­zer Medi­en wie NZZ, Tages-Anzei­ger oder das öffent­lich-recht­li­che Fern­se­hen Reli­gi­ons­frei­heit, wenn über gewis­se Grup­pen berich­tet wird? Wie geht man etwa mit dem Papst um, mit einem rom­treu­en Katho­li­zis­mus?

Der Umgang mit Bischof Huon­der aus Chur bie­tet idea­les Anschau­ungs­ma­te­ri­al. Die­ser Bischof wird regel­mä­ssig als katho­li­scher Fin­ster­ling dar­ge­stellt. Einer, der stur erin­nert an die Leh­re der katho­li­schen Kir­che. Einer, der kürz­lich etwa ver­hin­dern woll­te, dass sei­ne Kir­che in Ver­bin­dung gebracht wird mit einer Orga­ni­sa­ti­on in Grau­bün­den, die Abtrei­bungs­pil­len pro­pa­giert. Einer, der nur Kada­ver­ge­hor­sam zulässt. Kurz­um: der beste Böse­wicht der hie­si­gen Reli­gi­ons­be­richt­erstat­ter.

In der NZZ vom 13.11. steht zu lesen, Huon­der habe sich gar ange­masst, die Kir­chen­steu­er als frei­wil­lig hin­zu­stel­len, nur weil das Kir­chen­recht kei­ne Steu­er­pflicht kennt. Oder er habe sich in sei­nem Hir­ten­brief über die Ehe (letz­ten Früh­ling) sowie im neu­sten Wort zur Hei­li­gen Mes­se vom Novem­ber dar­auf beschränkt, an die immer glei­che katho­li­sche Leh­re zu erin­nern, sonst nichts. Damit sei er nicht „volks­kirch­lich“ ein­ge­stellt, wenn auch unklar blei­be, ob er „bewusst“ auf eine „radi­kal geschrumpf­te rei­ne Kir­che“ hin­ar­bei­te. Nach „dem Mass­stab einer offe­nen und gesell­schaft­lich rele­van­ten Kir­che“ habe die­ser Huon­der jeden­falls etwas Selbst­ze­re­stö­re­ri­sches. Ähn­lich tönt es in ande­ren Medi­en, wenn von „skla­vi­schem Gehor­sam“ gegen­über dem Papst berich­tet wird oder man anmahnt, dass auch die Katho­li­ken als Teil der demo­kra­ti­schen Schweiz Mehr­heits­ent­schei­de zu respek­tie­ren hät­ten.

Was heisst das für unse­re Reli­gi­ons­frei­heit? Han­delt es sich hier um einen guten, nöti­gen Auf­stand gegen eine sakra­men­tal über­höh­te Papst-Mon­ar­chie? Was bedeu­tet es, wenn inzwi­schen erklär­te libe­ra­le Häu­ser wie die NZZ einen Bischof als Eife­rer hin­stel­len, nur weil er aus­spricht, was jeder in der offi­zi­el­len Glau­bens­zu­sam­men­fas­sung der katho­li­schen Kir­che nach­le­sen kann, im Kate­chis­mus? Was bedeu­tet es, wenn auch in der Kir­che selbst vie­le ins glei­che Horn sto­ssen, um nur ja nicht als vor­mo­dern oder anti­li­be­ral zu gel­ten?

Was sagt es aus, wenn man sich der­art an einem Bischof fest­beisst, der schlicht den Glau­ben sei­ner Kir­che ver­tritt? Eini­ge haben immer­hin das For­mat, auf die irre­füh­ren­de Nega­tiv-Per­so­na­li­sie­rung des Pro­blems zu ver­zich­ten und stel­len sach­lich fest: die katho­li­sche Kir­che als sol­che, also die Kir­che, wie sie sich von der Tra­di­ti­on her sel­ber ver­steht (ohne Demo­kra­tie oder Frau­en­prie­ste­rin, dafür mit Papst und Zöli­bat) ist eigent­lich nicht mehr trag­bar. Akzep­ta­bel erscheint heu­te nur noch, was die Gesell­schaft per Abstim­mung ver­än­dern und sich ver­füg­bar machen kann. Irgend­wann wer­den die Wort­füh­rer die­ser Marsch­rich­tung aufs Gan­ze gehen und sagen: „Jetzt müsst ihr euch ent­schei­den. Ent­we­der ihr seid papst­treu und ver­liert eure Legi­ti­ma­ti­on, oder ihr wer­det gute refor­mier­te Demo­kra­tie-Katho­li­ken.“

Dann wird die Luft kla­rer wer­den, dann wird sich zei­gen: hier geht es ans Ner­ven­sy­stem der Reli­gi­ons­frei­heit. Denn wenn man, wie im erwähn­ten NZZ-Arti­kel, in die Sphä­re des Glau­bens plötz­lich den „Mass­stab einer offe­nen, gesell­schaft­lich rele­van­ten Kir­che“ ein­führt, dann will das wohl hei­ssen, dass man nun unter­schei­den muss zwi­schen offe­nen, rele­van­ten Reli­gio­nen und ver­schlos­se­nen, irrele­van­ten. Offen und rele­vant sind dann die Grup­pen, die im Grun­de nicht mehr glau­ben, was sie (gemäss ihrer Reli­gi­on) glau­ben. Und der näch­ste Schritt ist dann der, dass man sagt: nur noch jene „Glaubens“-Gemeinschaften, die sich ans Pro­gramm der Selbst­re­la­ti­vie­rung hal­ten, haben wei­ter­hin das Recht, sich so zu organ­sie­ren und zu leben, wie sie wün­schen. Die Ver­schlos­se­nen, Irrele­van­ten kön­nen das ver­ges­sen. Dann muss man auch von ortho­do­xen Juden ver­lan­gen, offe­ner und gesell­schaft­lich rele­van­ter zu wer­den, eben­so von Mus­li­men, Bud­dhi­sten, Frei­kirch­lern usw. Damit aber wird der Libe­ra­lis­mus unter­lau­fen, zu dem die Reli­gi­ons­frei­heit unab­ding­bar gehört.

So ent­pup­pen sich die Kri­ti­ker eines rom­treu­en Katho­li­zis­mus am Ende als Geg­ner des welt­an­schau­li­chen Plu­ra­lisms, als Weich­lin­ge im Aus­hal­ten das fun­da­men­tal Wider­spre­chen­den, das nur noch als Fun­da­men­ta­lis­mus wahr­ge­nom­men wird. Und es gibt kei­nen Grund anzu­neh­men, dass man mit Juden, Mus­li­men oder Frei­kirch­lern anders ver­keh­ren wird. Das Selbst­be­stim­mungs­recht eini­ger Grup­pen steht auf dem Spiel, sofern sie sich wei­gern, die Stan­dards des Main­streams in ihre Welt­an­schau­ung zu inter­grie­ren.

Noch ist das alles nicht deut­lich. Liest man aber zwi­schen den Zei­len, ist es im Ansatz schon da: das Zeit­al­ter der besorg­ten Feuil­le­ton-Abso­lu­ti­sten, die uns ihre Welt­an­schau­ung als ein­zig zeit­ge­mä­sses Lehr­amt ver­kau­fen. Zu erken­nen ist es auch, wenn man fragt, wie oft denn gewis­se Kri­ti­ker bei sich sel­ber die Grund­re­geln des Libe­ra­lis­mus anwen­den. Wie sie sel­ber Tole­ranz üben. Das heisst: ob in Forums­me­di­en wie NZZ oder beim Schwei­zer Fern­se­hen der unüber­wind­li­che, dis­har­mo­ni­sche Welt­an­schau­ungs-Plu­ra­lis­mus der Moder­ne tat­säch­lich aus­ge­hal­ten wird, ohne dass man ihn abschaf­fen will.

Giu­sep­pe Gra­cia ist Schrift­stel­ler und in einem Teil­zeit­pen­sum Medi­en­be­auf­trag­ter von Bischof Vitus Huon­der in Chur
Bild: Bis­tum Chur

2 Kommentare

  1. Ein sehr guter Arti­kel, der die gei­sti­gen Hin­ter­grün­de der Debat­te auf­zeigt. Am Umgang mit Bischof Huon­der oder am Urteil zur Beschnei­dung erkennt man exem­pla­risch, dass unse­re Demo­kra­tie ernst­haft in Gefahr ist, sich in ihr Gegen­teil zu ver­keh­ren, denn Miss­ach­tung der Reli­gi­ons­frei­heit im Sin­ne einer Frei­heit für Reli­gi­on (nicht von Reli­gi­on!) ist immer das untrüg­lich­ste Kenn­zei­chen einer her­ein­bre­chen­den Dik­ta­tur!

  2. Rober­to de Mattei hat es in sei­nem grund­le­gen­den Buch „Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil“ gründ­lich doku­men­tiert: Schon damals gin­gen die Lbera­len mit ihren kon­ser­va­ti­ven Gegen­spie­lern nicht gera­de zim­per­lich um: Da wur­den kon­ser­va­ti­ve Kon­zils­vä­ter wäh­rend ihrer Reden in der Aula öffent­lich aus­ge­lacht. Kon­zils­star­theo­lo­ge Yves Con­gar bedach­te sei­ne kon­ser­va­ti­ven Gegen­spie­ler mit Bezeich­nun­gen wie „Faschist, faschi­sto­ider Cha­rak­ter, Kre­tin, hal­be Por­ti­on“ in sei­nem Tage­buch. Dem Glau­bens­prä­fek­ten Otta­via­ni wur­de von Kar­di­nal Alfrink das Mikro­fon abge­schal­tet, nur weil er sei­ne Rede­zeit von 10 Minu­ten über­zog. Die Mas­sen­me­di­en hat­ten ihre Freu­de dar­an und ver­stärk­ten die­sen Ton, so dass Kon­ser­va­ti­ve im Grun­de kei­ne Mög­lich­keit mehr hat­ten, wirk­lich ernst­ge­nom­men zu wer­den.
    Das­sel­be pas­sier­te Paul VI. mit „Huma­nae vitae“ und allen Päp­sten, wenn sie die katho­li­sche Leh­re vor­tru­gen. Oder sie wer­den tot­ge­schwie­gen wie Bene­dikt XVI.
    Der tap­fe­re Bischof Huon­der ist ein Glied in der Ket­te.

Kommentare sind deaktiviert.