Was ist Christen noch heilig? — Titanic und der Verlust des Heiligen

von Giu­sep­pe Nar­di

Die deut­sche Sati­re­zeit­schrift Tita­nic sorg­te mit der Titel­sei­te ihrer Juli-Aus­ga­be für inter­na­tio­na­les Auf­se­hen. Eine Foto­mon­ta­ge über Papst Bene­dikt XVI. sorg­te für Empö­rung. Der Hei­li­ge Stuhl erwirk­te umge­hend eine einst­wei­li­ge Ver­fü­gung wegen Ver­let­zung der Per­sön­lich­keits­rech­te. Die Zeit­schrift leg­te nun in der August-Aus­ga­be nach, deut­lich sub­ti­ler, deut­lich ambi­va­lent. Das Sati­re­zeit­blatt gibt sich begei­stert über das gro­ße Inter­es­se, das der Skan­dal für das Blatt aus­lö­ste. Der Chef­re­dak­teur Leo Fischer freut sich über eine angeb­li­che Ver­kaufs­stei­ge­rung von 70 Pro­zent und erhofft sich iro­nisch vom Papst wei­te­ren „Segen“, wie ihn die Süd­deut­sche Zei­tung zitiert.

Bei aller Empö­rung fehlt es nicht an Stim­men, die den vom Vati­kan ein­ge­schla­ge­nen Rechts­weg für unge­eig­net hal­ten. Man sol­le „so etwas“ igno­rie­ren. Man wür­de „erst recht“ für Auf­merk­sam­keit sor­gen. Es „hel­fe“ ja nur den Ver­kaufs­stra­te­gen der Zeit­schrift, die von Pro­vo­ka­tio­nen lebt. Die­se Mei­nun­gen geben sich durch­aus wohl­mei­nend und haben sogar etwas Plau­si­bles an sich. Tref­fen sie aber den Kern des Pro­blems? Von den katho­li­schen „Ver­ste­hern“ blas­phe­mi­scher Angrif­fe egal in wel­cher Form und von wel­cher Sei­te, ganz zu schwei­gen.

Die Tita­nic-Titel­bil­der sind nur die Spit­ze eines Eis­ber­ges. Das Chri­sten­tum und die katho­li­sche Kir­che wer­den lau­fend auf viel­fäl­tig­ste und übel­ste Wei­se her­ab­ge­setzt. Das gab es in ver­schie­de­nen Jahr­hun­der­ten. Der Unter­schied liegt jedoch dar­in, daß man sich heu­te nicht mehr dage­gen wehrt. Die Tita­nic-Foto­mon­ta­gen erre­gen Auf­se­hen, viel­leicht weil sie Extrem­bei­spie­le sind, viel­leicht auch nur, weil der Hei­li­ge Stuhl es sich nicht mehr gefal­len hat las­sen. Tat­säch­lich ist die Reak­ti­on des Vati­kans etwas Neu­es. „Extrem“ sind sie, weil sich die Men­schen, weil die Chri­sten längst zuviel ertra­gen und sich gar nicht mehr empö­ren über die „all­täg­li­chen“ Ver­un­glimp­fun­gen ihrer Reli­gi­on.

Haben sich die Chri­sten nicht zu sehr von der Entsa­kra­li­sie­rung in ihrer Umwelt anstecken las­sen? Das Hei­li­ge ist auch vie­len Chri­sten nicht mehr wirk­lich hei­lig. Reli­gi­on gilt als „Pri­vat­sa­che“, wes­halb sich selbst Katho­li­ken den ver­meint­lich norm­prä­gen­den Ver­hal­tens­wei­sen und vor­herr­schen­den Reak­ti­ons­mu­stern ange­paßt haben und sich unbe­rührt bis distan­ziert abge­klärt geben. Selbst dort, wo die Men­schen­wür­de mit Füßen getre­ten wird, wie im Fal­le der Tita­nic-Foto­mon­ta­ge von Juli. Der Fall Tita­nic betrifft die Men­schen­wür­de und die Ver­let­zung der Per­sön­lich­keits­rech­te.  Dage­gen kann sich der Betrof­fe­ne zumin­dest teil­wei­se zur Wehr set­zen, wie dies Papst Bene­dikt XVI. mit gutem Grund getan hat.

Neben der Unver­letz­lich­keit der Men­schen­wür­de gibt es aber noch die Dimen­si­on des Sakra­len. Wer ver­tei­digt die­se? Wer tritt auf gegen die Ver­höh­nung Got­tes, die Ver­un­glimp­fung von Jesus Chri­stus, die Ver­spot­tung des Hei­li­gen Gei­stes, der hei­lig­sten Hand­lun­gen, der Hei­li­gen? Treibt die Her­ab­wür­di­gung Got­tes die Chri­sten auf die Bar­ri­ka­den? Man­che ent­schul­di­gen sich mit dem abschrecken­den Bei­spiel fana­ti­scher Mos­lems. Kann der Ver­weis auf ein frem­des Extrem jedoch die eige­ne Gleich­gül­tig­keit oder zumin­dest Untä­tig­keit ent­schul­di­gen?

Das Tita­nic-Cover­bild mit dem Papst wäre in Deutsch­land nie mög­lich gewor­den, wenn die Chri­sten, die Bischö­fe, die Ordi­na­ria­te, Ver­bän­de und Pfar­rei­en letzt­lich auch der ein­zel­ne Gläu­bi­ge die Ent­hei­li­gung des Hei­li­gen nicht weit­ge­hend wider­spruchs­los hin­neh­men wür­den. Die Ent­wei­hung des Hei­li­gen ver­langt für Pro­vo­ka­teu­re, wie es die Berufs­sa­ti­ri­ker des Münch­ner Blat­tes sind, immer extre­me­re For­men, um den gewünsch­ten Auf­schrei zu pro­vo­zie­ren.

Ver­langt aber die Belei­di­gung Got­tes, etwa im Aller­hei­lig­sten Altarsa­kra­ment nicht objek­tiv einen Auf­schrei? For­dert sie nicht eine Form der Süh­nelei­stung? Bereits 1988 sprach Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger als Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on von der Not­wen­dig­keit, die Dimen­si­on des Hei­li­gen „zurück­zu­er­obern“. Er fand dar­in zwar Gehör, aber kaum auf jener insti­tu­tio­nel­len Ebe­ne, die als Erste in der öffent­li­chen, not­falls auch gericht­li­chen Ver­tei­di­gung des Hei­li­gen gefor­dert ist. Wie sonst hät­te es sein kön­nen, daß — um nur ein Bei­spiel zu nen­nen — im Okto­ber 2011 in Paris die Pius­bru­der­schaft gegen das blas­phe­mi­sche Thea­ter­stück On the Con­cept of the Face of God von Romeo Castel­luc­ci zum Gebets­pro­test mobi­li­sier­te, die fran­zö­si­sche Bischofs­kon­fe­renz sich aber nicht vom Stück distan­zier­te, son­dern von den jun­gen Betern vor dem Thea­ter, und beton­te, am „Dia­log zwi­schen Kul­tur und Glau­ben“ fest­zu­hal­ten?

Die Tita­nic hat vor allem den Ver­lust des Sakra­len im Volk und in der Gesell­schaft offen­kun­dig gemacht. Gegen die­sen Ver­lust haben der Schrift­stel­ler Mar­tin Mose­bach und der Phi­lo­soph Robert Spa­e­mann bereits in der Ver­gan­gen­heit die Wie­der­ein­füh­rung der „Blas­phe­mie“ als Straf­tat­be­stand emp­foh­len. Eine Emp­feh­lung, die von allen Chri­sten auf­ge­grif­fen und zur For­de­rung erho­ben wer­den soll­te.

Das ist nur ein Aspekt bei der schritt­wei­sen „Rück­erobe­rung“ der Dimen­si­on des Hei­li­gen, aber ein nicht unwe­sent­li­cher, der nicht wei­ter ver­nach­läs­sigt wer­den darf.

Bild: Wiki­com­mons

3 Kommentare

  1. Wenn die Lit­ur­gie, die hl.Messe, entsa­kra­li­siert wird, der Mensch, die mensch­li­che Gemein­schaft im Mit­tel­punkt steht, muss man sich über nichts mehr wun­dern.
    Wir haben die „anthro­po­lo­gi­sche Wen­de“ in der Lit­ur­gie, in der Theo­lo­gie bekom­men. Und die Ergeb­nis­se.
    Glo­ria tv wen­det sich seit über einem Jahr wegen eines schwe­ren lit­ur­gi­schen Miss­brauchs an den Vati­kan. Es gibt kei­ne Ant­wort. Nie­mand ist zustän­dig.
    Kar­di­nal Koch und Erz­bi­schof Mül­ler geben sich nicht die gering­ste Mühe, zu ver­ber­gen, wie gern sie die Pius­bru­der­schaft end­gül­tig aus der Kir­che raus­wer­fen möch­ten. Denn sie erhe­ben das II.Vatikanum zum Super­dog­ma und for­dern die voll­stän­di­ge Aner­ken­nung jedes Sat­zes. Und damit die Selbst­auf­ga­be, die Tren­nung vom Grün­der.
    Erz­bi­schof Lef­eb­v­re war das Mess­op­fer hei­lig. Sei­nen „geist­li­chen Söh­nen“ ist es hei­lig. Die „geist­li­che Dimen­si­on“ muss hier nicht zurück­er­obert wer­den.
    Der deutsch-katho­li­schen Kir­che scheint vor allem das Geld hei­lig. Sie­he die Schan­de WELTBILD-VERLAG!

  2. Die Sache ist ambi­va­lent: igno­rie­ren oder ein­schrei­ten und damit auf­bau­schen? Die libe­ra­le Neue Zür­cher Zei­tung, die nicht gera­de als Kuri­en­blatt bekannt ist, brach­te es auf den Punkt: In die­sem Fall muss­te der Vati­kan ein­schrei­ten, denn es Bestand kein inhalt­li­cher Zusam­men­hang zwi­schen dem ein­ge­näss­ten Kleid und dem The­ma, über das sich das Blatt lustig machen woll­te; Sati­re hin­ge­gen ver­lan­ge nach dem Zusam­men­hang.

  3. Katho­lisch 1933 und 2012, da lie­gen Wel­ten dazwi­schen.
    Wäh­rend 1933 nur die Kom­mu­ni­sten und die Katho­li­ken kei­ne Stim­men ver­lo­ren haben, wäh­len heu­te „Katho­li­ken“ Grü­ne und SPD, obwohl die­se alles ande­re als Katho­li­sches im Sinn haben.

    Wenn ich im Sep­tem­ber aus dem Raum Augs­burg nach Ber­lin fah­re, um am „Marsch für das Leben“ teil­zu­neh­men, damit auch heu­er wie­der wenig­stens 2200 Teil­neh­mer zusam­men­kom­men, um sich vom rot­fach­i­sti­schen Pöbel beschimp­fen zu las­sen.

    Vor allem jun­ge und jün­ge­re Frau­en.

Kommentare sind deaktiviert.